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Ocean am Meer

Flow Festival 2017

Das Festival in Helsinki war auch in diesem Jahr ein großes musikalisches Abenteuer. Frank Oceans Performance und ein kurzes Unwetter, das die Veranstaltung im am Meer gelegenen Industriegebiet dank hervorragender Organisation unbeschadet überstand, sorgten für die Highlights.  
Geschrieben am
Das Flow Festival in Helsinki arbeitet eng mit den Schwester-Events Øya in Oslo und Way Out West in Göteborg zusammen. Neben Finnland ist Russland das Haupteinzugsgebiet für Helsinki, Publikum aus skandinavischen Ländern ist auf Grund der ähnlichen Line-ups in den beiden anderen nordischen Metropolen in der Regel weniger zahlreich vertreten.

In diesem Jahr aber dürften sich auch einige Norweger und Schweden – neben einer allmählich wachsenden Anzahl von Westeuropäern – unters Flow-Volk gemischt haben. Schließlich hatten die Veranstalter ein ganz besonderes Sahnehäubchen zu bieten. Einen Act, den Europäer bislang so selten zu sehen bekamen wie Australier ein Schnabeltier. Für Sonntag war der Auftritt von Frank Ocean angekündigt. Und es war bei seiner Geschichte des Cancelns und Zauderns kein Wunder, dass kaum jemand so recht daran glauben mochte, dass er tatsächlich spielen würde. Die Hoffnung auf eine Killer-Show von ihm war allerdings von Beginn an spürbar. 
Das Festivalgelände am Meer – eine phantasie- und geschmackvoll hergerichtete Industriebrache im Schatten eines alten Kraftwerks – bietet den Gästen seit Jahren verlässlich dasselbe Maß an Spaß und Komfort. Um eine große Hauptbühne und einen pittoresken Gasometer herum erstreckt sich eine Festivalwelt aus zwei größeren Zelten, kleineren In- und Outdoor-Bühnen sowie einem Art fancy designten Amphitheater, der so genannten 360°-Ballon-Bühne. Wer dem Musiktrubel eine Weile entfliehen möchte, kann sich in ein Kino mit passend kuratiertem Programm oder in den Schatten der kulinarisch äußerst anspruchsvollen Fressmeile zurückziehen. Einziger Wermutstropfen für Klein- bis Okayverdiener: Die gesalzenen Preise der fein abgeschmeckten Street-Food-Delikatessen. Aber Suomi ist halt teuer. Punkt.

Am Freitag strahlte die Sonne auf das Areal, während es Aphex Twin vorbehalten war, die Atmosphäre in einem der Zelte aufzuheizen. Dort hatte sich eine vielköpfige Menge versammelt, um dem Veteranen der goldenen Techno-Ära ihre Aufwartung zu machen. Der bald 46-jährige Brite enttäuschte die Fans nicht. Einst hatte Richard D. James, so sein bürgerlicher Name, der Pop-Welt mit den Selcted Ambient Works Vol.1 und Vol.2 das Fürchten gelehrt. Mit Tracks, die nicht nur unter die Haut gingen, sondern unter der eigenen Haut hervorzukriechen schienen. Das Unbewusste war wundervolle Musik geworden, die Aphex Twin oftmals im Traum einfiel, wie er erzählte. In späteren Werken kehrte er den fordernden Charakter und die brachialen Aspekte seines Sounds stärker heraus, bei Live-Sets und Performances gerne mit einer Hand am Lautstärkeregler, um im Publikum bloß keine Gelassenheit aufkommen zu lassen. So gesehen war der Helsinki-Auftritt geradezu Trommelfell-freundlich. Leicht konnte man sich in die wilden Grooves fallen und auf melancholischen Melodien durch die Choreografie der tollen Lightshow treiben lassen. Mit seinem typischen Humor nahm Aphex das eigene Image und Selbstbeschätigungs-Apps wie Snapchat aufs Korn. Besucher wurden gefilmt und mit Aphex-Visage auf die Leinwand projiziert. Besonderen Applaus gab es für eine Galerie prominenter Finnen, die Mumin-Trolle inklusive.

Die Finnen haben ein Herz für Trolle und Design. Sie verständigen sich über eine Sprache, deren Wörter entweder so aussehen, als habe man beim Schreiben mit der Faust auf die Tastatur geschlagen, zum Beispiel yliopistonkatu, oder sie klingen wie andere europäische Wörter, an die man ein i gehängt hat, etwa kioski. Außerdem feiern die Finnen gerade hundertjährige Unabhängigkeit und betreiben den Kulturexport sehr ehrgeizig. So treten auf dem Flow viele einheimische Acts auf – und der gute Ruf als familiäres Festival von internationalem Rang ist den Gastgebern wichtig. 
Umso schwerer dürfte der einzige echte Makel der diesjährigen Veranstaltung wiegen. So wurde die russische DJ Inga Mauer nach einer kurzen verbalen Auseinandersetzung von drei männlichen Mitarbeitern der Security festgehalten und auf den Boden gedrückt. Zudem wurde Mauer, wie ihre Freundin Marie Davidson auf Facebook erklärte, von der Polizei abgeführt und eingesperrt. Die Künstlerinnen zeigten sich geschockt von dem unangemessenen Vorgehen der so genannten Sicherheitskräfte. Marie Davidson nahm bei ihrem eigenen Set kein Blatt vor den Mund, und die Sache dürfte ein juristisches Nachspiel haben, auch wenn das Flow Festival sich öffentlich entschuldigte.   

Eine andere Art der Gewalt, nämlich die höhere Gewalt der Natur, machte den Gigs von Sampha und Danny Brown einen Strich durch die Rechnung. Gerade noch hatten Sparks mit einer energetischen Revue ihrer Klassiker wie »Propaganda«, »This Town Ain`t Big Enough For Both Of Us« oder »When Do I Get To Sing My Way« der Crowd mit dem wohl höchsten Altersdurchschnitt aller Crowds des gesamten Flow-Wochenendes eine temporäre Frischzellenkur verpasst und schlussendlich noch Ron Maels 72. Geburtstag zelebriert, da zeichneten Blitz und Donner ein düsteres Bild der nahen Zukunft in den Samastagabend-Himmel über der finnischen Küste. Doch nach einem außerordentlichen nassforschen Platzregen entspannten sich sowohl die Wetterlage als auch die Atmosphäre des Flow Festivals schnell wieder – und das Publikum durfte sich an einem Kuschel-Auftritt von The xx laben, der auch den guten alten Petrus milde stimmte.  

Dennoch sollte auch der Sonntag nicht vollkommen trocken bleiben. Nachdem vor der Hauptbühne ein Steg aufgebaut worden war, der ins Publikum hineinreichte, hatten die Warterei und die Spekulationen ein Ende. Frank Ocean betrat diesen Steg – und das Flow lag ihm zu Füßen. Nicht wenige Fans vergossen vor lauter Aufregung süße Tränen.  Er selbst wirkte ziemlich lässig, wenn auch linkisch im Umgang mit der Technik. Die ersten beiden Songs musste er noch mal von vorne singen, weil er das Kunststück vollbrachte, sich den Saft abzudrehen. Währenddessen war aus dem Publikum kaum ein Mucks zu hören, es herrschte eine andächtige und hingebungsvolle Stimmung. Frank Ocean begegnete den hohen Erwartungen sehr sympathisch. Ein falscher Ton beim Singen rang ihm ein kurzes sympathisches Glucksen ab, und die Musiker, die nach und nach auf die Bühne kamen, schienen ihm dann den nötigen Halt zu geben. Oceans sanfte Show fand in Helsinki einen würdigen Rahmen und ein dankbares Publikum. Wer noch nicht genug hatte, konnte sich von Moderat nach Hause katapultieren lassen.