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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

19 Dinge, die wir gelernt haben

Flow Festival 2016

Das Flow Festival in Helsinki gilt mit seinem hochkarätigen Line-Up und der ausgeprägten Liebe zur bildenden Kunst als eines der ungewöhnlicheren Festivals in Europa. Diese 19 Dinge haben wir vor Ort gelernt.
Geschrieben am
01 Finn Fact: In Finnland kommen auf knapp über fünf Millionen Bewohner gut zwei Millionen Saunen – selbst in der kleinsten Wohnung findet sich oft Platz für die eigene Sweat Lodge. Sogar im »Skywheel«, dem Riesenrad am Südhafen von Helsinki muss man nicht darauf verzichten: es gibt eine Sauna-Gondel. Auch Clubben und Schwitzen geht hier anders: das »Löyly« verbindet Restaurant, Bar, Club und Sauna in angenehm unprätentiöser Atmosphäre.
02 Musikförderung zahlt sich aus: im Line-Up des Flow findet sich eine überdurchschnittliche Anzahl finnischer Acts. Ganze 60 finnische Künstler treten auf – das entspricht fast 50% des Musikprogramms. Heimische Künstler werden zudem oft gleichberechtigt auf Headliner-Slots, oder gar auf die Hauptbühne gebucht, gleichauf mit internationalen Acts wie Morrissey oder New Order, die parallel die etwas kleinere Zeltbühne bespielen. 
03 Essen spielt auf dem Festival eine ähnlich große Rolle wie die Musik – und wird darum im Line-Up wie eine eigene Bühne behandelt. Während hierzulande bei Festivalessen der Wechsel von Döner und Pommes Schranke hin zu Street Foot und Veganem nur langsam, aber immerhin spürbar verläuft, tut man sich beim Flow wirklich schwer, Trash zu futtern. Das Angebot könnte internationaler nicht sein: Ceviche, Currys, Kimchi, Falafel – und möglicherweise die beste Pizza, die wir je auf einem Festival gegessen haben.

04 Auch wenn das Flow nicht ganz fleischfrei ist: veganes Essen und nachhaltige Konzepte stehen ganz im Vordergrund. Und die Auswahl ist so umfassend, das das Festival mindestens zwei Wochen dauern müsste um alles zu probieren.
05 Auch interessant: statt Häppchen und »Convenience« wird hier überwiegend auf Tellergerichte gesetzt – die bevorzugt im Sitzen gegessen werden und dank reichhaltiger Salat- und Dip-Beilagen wirklich nicht zum schnellen Runterschlingen im Moshpit geeignet sind. Essen entschleunigt. Die reichhaltigen Portionen relativeren allerdings auch ein wenig die Preise, die überwiegend oberhalb von 10 EUR pro Portion liegen.

06 Besonders nachgefragt: »Pulled Oats«, ein Hafer-basierter, proteinreicher, veganer Snack, der von der Konsistenz her aussieht wie Pulled Pork, und hervorragend schmeckt. Hergestellt von einem Start-Up aus Helsinki ist der Stoff dermaßen beliebt, dass zur Zeit Supermärkte, die noch Vorräte haben, in Finnland ähnliche Beliebtheit genießen wie Pokéstops. So zumindest die Legende.

07 Auch die Getränkeauswahl muss sich nicht verstecken. Neben Bier gibt es überall Wein und Longdrinks. Und der bei einem innerstädtischen Festival unvermeidbare Anteil von Besuchern, die mehr Event- als Musik-Fans sind, werden praktischerweise in einem umzäunten Bereich namens »Champagner Bar« getrennt aufbewahrt und müssen somit nur für Bands wie Sia und Massive Attack ihren natürlichen Lebensraum verlassen. Löblich aber, dass die Veranstalter auch hier auf integrative Maßnahmen setzen!
08 Appetit bekommen? Der konnte einem – aber das ist ja auch so gewollt – beim Auftritt von Morrissey durchaus vergehen. Neben sehr expliziten Videos von Polizeigewalt zu »Ganglord« wird der (an diesem Abend einzige) Smiths-Klassiker »Meat Is Murder« mit schonungslos drastischen Bildern aus dem Schlachthaus unter-, äh, -malt. Zweideutigkeiten waren nie Morrisseys Sache. Dazu passt, dass er den Abend mit einer (umwerfenden) Version von »Suedehead«, seinem einstigen Solo-Debut, eröffnet – das passenderweise mit der Textzeile »Why do you come here?« beginnt. Nicht nur deswegen bleibt von dem vor Grandezza nur so sträubenden, stimmlich überragenden Auftritt ein mulmiges Gefühl, die Krebserkrankung läßt Morrissey doch sehr angeschlagen wirken.

09 Schwer beindruckt waren wir auch vom Auftritt von New Order. Während sich die Band in der ersten Hälfte des Sets noch auf das rockigere Repertoire konzentriert und mit etwas matschigem Sound kämpft, wird ab »Plastic« vom letzten Album in den elektronischen Hits-Topf gegriffen. Und auf einmal wirken New Order wieder wie New Order: mit ausufernden Versionen von u.a. »The Perfect Kiss«, »Temptation« und »True Faith« liefern sie den mitreißendsten Gig seit langem. Und schaffen es, mit den Zugaben (neben dem obligatorischen »Love Will Tear Us Apart« am Ende) auch noch die alten Joy Division Fans mit offenen Mund dastehen zu lassen: »Decades«, der letzte Song auf dem »Closer«-Album bildet die erste Zugabe. Fun Fact: das gab es seit 1984 erst zwei Mal.
10 Überhaupt bietet das mit gut 25.000 Besuchern ausverkaufte Festival mit 123 Acts und 11 Bühnen eine höchst eklektische Auswahl an Acts – und eine für die Festivalgröße erstaunliche Dichte an Headlinern: The Last Shadow Puppets, Sia, FKA Twix, Anohni, Massive Attack & Young Fathers, Iggy Pop, Chvrches, Morrissey, Anderson.Paak und New Order. Und auch die »mittleren« Ränge sind durchaus prominent besetzt: auf der gitarrenlastigeren Seite finden sich u.a. Daughter, Savages, Thee Oh Sees und die Descendants, für Elektronisches sorgen u.a. Jamie XX, Four Tet, John Talabot, Red Axes, The Black Madonna, Jeff Mills, Hercules & Love Affair, Sleaford Mods, Helena Hauff und mehr. Kann man machen. Was wir eigentlich damit meinen: Hut ab für dieses Line-Up!
11 Lieblingsbühne I: »The Other Sound«. Ein Raum von Clubgröße, ausgelegt mit Holzpaletten und Teppichen, die Bühne nur spärlich mit Glühbirnen ausgeleuchtet, lädt zu Experimentellem ein. Hier kann man sich zum Beispiel von den synchron erzeugten Audio- und Video Feedback-Noise-Loops des finnischen Duos Destroyer2048, das die Bühne konsequenterweise mit einer Leinwand abhängt, in Trance ballern lassen. Oder Läjä Äijälä und seiner Band The Sultans dabei zuhören, wie sie in Drei-Mann Besetzung repetitive Blues-Riffs zu einer Art elektronischem Groove runterreduzieren. Und sich auch nicht davon stören lassen, wenn einer der Zuschauer die Bühne stürmt und mit engelsgleicher Stimme einen der Songs ungefragt intoniert. Ein schöner Moment, in dem lange unklar war: echte Improvisation oder Teil der Performance?

12 Lieblingsbühne II: die »Bright Ballon 360° Stage«, eine kreisrund um die Bühne angeordnete, von einem riesigen illuminierten Ball überthronte Arena sorgt mit ihrem spektakulären Aufbau nicht nur bei internationalen Acts wie Dungen, Thundercat, oder Kamasi Washington für Schlangen am Eingang, genauso ergeht es finnischen Künstlern wie Irina Björklund oder dem Kalevi Louhivuori Quintet.

13 Die längste Schlange: für die sorgte, zumindest im Verhältnis, Mura Masa. Den britischen Producer hatte man in die recht kleine »Factory«-Halle gesteckt, die schon vor Beginn so aus allen Nähten platzte, so dass sich die Party notgedrungen nach draußen verlagerte. Was der Stimmung aber keinen Abbruch tat.

14 Überhaupt ist das Festivalgelände ein Star für sich selbst: in gut 30 Minuten fußläufig vom Hauptbahnhof erreichbar, findet das Flow inmitten eines kleinen Industrieparks statt, zwischen den überwiegend von der Kreativbranche genutzten Gebäuden lässt es sich wie in einem kleinen Dorf herumspazieren. Und einen Skate Park gibt es auch.
15 Für Ambiente sorgen Kollaborationen mit der örtlichen Kunsthochschule, auch eine Kunstausstellung und ein Kino mit von Trash bis Arthaus reichenden Programm finden sich auf dem Gelände. Angeblich wird sich das Festival in den kommenden Jahren einen neuen Austragungsort suchen müssen: auf dem aktuellen Gelände soll demnächst eine Shopping Mall entstehen...
16 When in Helsinki... - was man sonst noch so machen sollte in der finnischen Hauptstadt: eine Schiffstour ist Pflicht, sei es zu einer der über 300 vorgelagerten kleinen Felseninseln, auf denen sich wahlweise Naturschutzgebiete, alte Festungsanlagen, Wohnhäuser oder auch der lokale Zoo finden, oder gleich als Tagesausflug mit Überfahrt ins estnische Tallinn – was auch den Vorteil günstiger Alkoholeinkäufe mit sich bringt. Über die Bierpreise auf dem Gelände und unseren Kontostand heute breiten wir an dieser Stelle den Mantel des Schweigens. (PS: hat mal jemand ne Mark?)

17 Statt Shopping in Helsinki empfiehlt sich ein Rundgang durch den »Design District« voller kleiner Galerien und dem Designmuseo (www.designmuseum.fi), dass aktuell eine Werkschau der finnischen Möbeldesignlegende Eero Arnio zeigt, dessen bekanntestes Werk wohl der »Bubble Chair« ist. 
18 Die »Temppeliaukion Kirkko« wiederum ist eine mitten in der Stadt in einen Felsen hineingebaute Kirche. Auf dem Dach des quasi unterirdischen Rundbaus kann man herumklettern, im Inneren finden regelmäßig Konzerte statt. Auch als Club wäre die Location sehr geeignet. Enttäuschend nur, dass wir weder im Museum noch in der Kirche eine Sauna finden konnten... 

19 ...Sonnenstunden pro Tag hat der Juni in Helsinki. Neunzehn!!! Trotzdem würden wir als beste Reisezeit weiterhin den August empfehlen – zumindest so lang, wie das Flow zu diesem Zeitpunkt stattfindet.
Bonus: Eine Reihe schöner Bandwurm-Worte.