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Laberflash um Mitternacht

Flow Festival 2008

Der Finne – das wissen wir aus dem Kino – trinkt viel und redet wenig. Wer sich angelegentlich des Flow-Festivals am vergangenen Wochenende nach Helsinki gewagt hat, weiß es besser.
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Der Finne – das wissen wir aus dem Kino – trinkt viel und redet wenig. Wer sich angelegentlich des Flow-Festivals am vergangenen Wochenende nach Helsinki gewagt hat, weiß es besser: Die Finnen verkürzen sich die Wartezeit am Flughafen durch ausgedehnte Laberflashs und sind auch gegen Mitternacht beim Set von Crystal Castles durchaus noch aufnahmefähig: Ein kleines Dosenbier passt noch rein.

15.08 - 17.08.08, FI-Helsinki.

Das bei strahlendem Sonnenschein eröffnete Flow Festival ist ein schönes Beispiel dafür, wie fortschrittlich sich Finnland gegenüber dem Land der schlechten Ideen ausnimmt: "Aus Gründen des Umweltschutzes", so ist dem Programmheft zu entnehmen, wird konsequent nur Bier in Dosen ausgeschenkt. Der Grund ist so einfach, dass man sich wünschte, man wäre auch hierzulande drauf gekommen: Man benötigt keine Plastikbecher, die unter Verwendung von Tensiden abgewaschen werden müssten.

Möglicherweise sind die Finnen das fortschrittlichste Volk in ganz Europa. Im Unterschied zu einem Land, das von Pizza Mario regiert wird, weiß man dort, dass ein Festival mehr Spaß macht, wenn es Sushi zu essen gibt (Foto) und man den Parmesan frisch über die Pasta hobelt. Natürlich aber ist man außerhalb des schmucken Festivalgeländes bereit, ausländischen Städtetouristen für teuer Geld die Verarsche zu verkaufen, die sie von daheim kennen und lieben.

Kurz und gut: Todessehnsüchtig betrunkene Hinterwäldler, die hakenbekreuzt dem Wahnsinnsmetal frönen, sind beim Flow-Festival nicht aufzufinden. Stattdessen auf der etwas unterdimensionierten Zeltbühne beispielsweise drei grafikdesignstudentisch aussehende junge Damen, die mit Gitarre und FoH-Zuspielung lustigen Elektropop machen, wie er hierzulande vor Einführung des Dosenpfands als Berliner Niedlichkeit bekannt war (nur mit besseren Visuals). Sie heißen Le Corps Mince De Francoise und gelten dort als das nächste große Ding.

Große Dinge lässt Jamie Lidell (am Morgen noch schweigsam, da Zahnbürste im Mund, am Check-in gesichtet) auf der Hauptbühne geschehen. Die Kings Of Convenience im Anschluss wirken an diesem Abend dudelig wie Fahrstuhl-Muzak, sind aber immer noch besser als das, was das Land der verbotenen Bierdosen zu entsenden meinte: Christian Prommer’s Drumlesson verursacht das drögeste Geklöppel, das je außerhalb von Worpswede zu hören war.

Das Line-up verkraftet auch solche Tiefschläge: Mit Sébastien Tellier, The Roots und CSS hat man ein buntes Allerlei gebucht, das gar nicht dazu verpflichtet, finnische Acts nach ihrer Absonderlichkeit auszusuchen. Und so lässt sich der leider verregnete Samstag in hoher Qualität durchleben: Regenponchos werden ausgeteilt, und das ehemalige Industriegelände, das dem Flow als Location dient (bis es demnächst weggentrifiziert wird), weicht dank Asphalt nicht so schnell durch. So ist das Gelände auch am wettermäßig etwas besser gestellten Sonntag noch intakt, um einen musikpädagogischen Höhepunkt zu voller Geltung kommen zu lassen: Martha Reeves & The Vendellas waren aus Detroit sowie aus vergangenen Jahrzehnten angereist, um sich in Erinnerung zu bringen ('Dacing In The Streets'). Lernerfolg: Sie haben sich offenbar gar nicht aufgelöst und spielen dank Kenntnis des Quintenzirkels ungebildete Indie-Combos locker an die Wand.

Überhaupt geht es in Helsinki ausgesprochen eduziert zu: Jeder Coffee-to-go-Verkäufer spricht ein elaboriertes Englisch, weiß über die besten Clubs in nahegelegenen Städten wie Berlin bestens Bescheid und kennt alle Bands der Welt. Niveauvollerweise ist er aber nicht dem bedingungslosen Gutgefinde anheimgefallen, sondern hat auch eine begründete Meinung zu dem, was Unfug ist (das Moritz-von-Oswald-Trio). Insgeheim übrigens spricht der Finne außerdem hervorragend Deutsch. Er sagt dann Dinge wie "Schätzchen, jetzt will es anal." Das hat ihm nämlich Beate Uhse über uns beigebracht.