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Christmas On Mars

Flaming Lips und Midlake live

06.06.06, Live Music Hall, Köln. Links tanzende Aliens, rechts feiernde Weihnachtsmänner. Dass diese beiden Protagonistentypen an den Rändern der Bühne nur allzu gut Wayne Coynes' (noch nicht fertiggestelltem) Film "Christmas On Mars" entliehen sein könnten, schließe ich erst später. Was mir mei
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06.06.06, Live Music Hall, Köln. Links tanzende Aliens, rechts feiernde Weihnachtsmänner. Dass diese beiden Protagonistentypen an den Rändern der Bühne nur allzu gut Wayne Coynes' (noch nicht fertiggestelltem) Film "Christmas On Mars" entliehen sein könnten, schließe ich erst später. Was mir meine Begleitung noch am selben Abend verrät, ist der kuriose Umstand dieser Sidecrew. Diese nämlich ist Bedingung und wird aus Leuten des jeweiligen Auftrittsort rekrutiert. Wer die Flaming Lips bucht, braucht Kostümierungswillige im Um- oder Freundeskreis.

Die Band aus Oklahoma, mittlerweile ein Trio, hat einiges zu verschenken, zu verschießen und verpulvern, aus 25 Jahren Bandsein. Und das tun sie auch. Nichts von wegen verhalten anfangen und die sicheren Hits am Schluss. Bekannt für ihre furiosen Liveshows starten sie auch heute Abend in einer angenehm 3/4 vollen Live Music Hall mit einer raketengleichen Ouvertüre. Ihre wunderschöne euphorische Pophymne "Race For The Prize", begleitet vom Verpulvern großer roter Luftballons, Konfetti, Luftschlangen und bunten Visuals, eröffnet das ca. 95minütige Set. Auch weiter wird nichts nicht geschenkt. "Yoshimi", "She Don't Use Jelly", auch "Yeah Yeah Yeah Song", die Single des neuen Albums "At War With The Mystics", lassen sich als Flaming Hits verorten. Performt von einem alles umarmenden Frontmann, Wayne Coyne, der mit Mitte 40 verdammt gut aussieht. Tiefe Themen mit Entertainment verknüpft. Und plaudert. Die Weihnachstmänner stünden für das Christentum, die Aliens für Scientology, ja "fuck Scientology, aber Aliens sind eine gute Sache".

Die Flaming Lips sind eine Band für den Augenblick und eine, in der man wie in einer Schatzkiste wühlen und sich abarbeiten kann. Man taucht immer mit vollen Händen auf. Ihr Ziel ist die Darbietung und Entlarvung von Rockshow im selben Atemzug. Das wurde an diesem Abend wieder deutlich. Jedes ihrer Hilfsmittel war so schön anzusehen wie albern. Das Live-Erlebnis Lips ist toll und berauschend und so, wie man es überall lesen kann: ein Fest, ein Kindergeburtstag, ein Sylvester, das endlich mal gelingt, ein Verschwenderischsein. Der einzige Wermutstropfen bleiben die am heutigen Abend fehlenden riesigen Plüschtiere.

Ganz entlassen wollen sie uns am Ende aber nicht mit dieser überschäumenden Euphorie und Überdrehtheit. Wenn sich Lips' Songs mit allem lustvollen Trash zwar sowieso immer den vollmundigen Themen wie Tod und Sinn, neben Aliens und Vaseline, annehmen, werden sie nun zudem auf allen Ebenen explizit. Der letzte Song wird Black Sabbath' "War Pigs", zu dem sich passend auch die Visuals drastisch verändern und blitzgewittrig Kriegszenen zeigen.

Von diesen als Statement zu lesenden abgesehen, sind die Visuals überhaupt erwähnenswert. Selten habe ich bewegte Bilder bei einem Konzert so als Mehrwert empfunden. So auch bei der Vorband: Midlake, fünfköpfig, texanisch, bei deren vornehmen, zarten, Monthy Pythonesken Kurzfilmen man die Bandmitglieder entdecken konnte und tatsächlich wissen wollte, wie es weitergeht.

Midlake, deren Mitglieder ausgebildete Musiker sind und sich eigentlich mit dem Ziel trafen, gemeinsam eine Jazzband zu sein, haben sehr eindeutige musikalische Referenzen, mit denen sie oft zitiert werden: Fleetwood Mac, Crosby, Stills, Nash & Young. Ihre Musik ist erzählerisch und vielschichtig. Ihre Darbietung dezent und konzentriert. Die Stimmung sinnlich, ist man sich mit seiner Begleitung einig. Die Single "Roscoe" des neuen, zweiten Albums "The Trails of Van Occupanther" sorgte schon vorab für Aufsehen. Die trockenen Bass- und Gitarrenparts, die Melodiösität, Sorgfältigkeit und Harmonie erinnern neben den eben erwähnten auch an Bands wie Wolf Parade und Decemberists, bei den klassischeren Arrangements mit Akustikgitarre und Piano an Travis oder Coldplay. Allemal mehr als nur die Vorband.

Ein Konzert mit zwei absolut sehenswerten Bands, Attraktionen und Sensationen im Beutel, verlassen wir die Live Music Hall. Die Leute vor uns mit Konfetti im Haar.