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Die Großartigkeit der Idiotie

Flaming Lips Live in London

Bei ihrem Konzert in London nehmen die Flaming Lips ihr Publikum mit auf einen knallbunten Drogentrip. Die Musik gerät dabei etwas in den Hintergrund.
Geschrieben am
23.01.2017, London, O2 Academy Brixton

Wenn Wanye Coyne eine Show macht, dann macht er eine Show. Mit seiner Band The Flaming Lips weiß er seinen Hang zu Exzentrik auf unnachahmliche Art unter Beweis zu stellen. Was er hierfür braucht? Ein leuchtendes Einhorn, 50 übergroße Luftballons, tonnenwiese Konfetti und einen Regenbogen auf der Bühne. Coyne nimmt Drogenfantasien und stellt sie auf die Bühne. So manches Mal überstrahlt die überbordende Bühnenshow die komplexe und musikalische Qualität der Flaming Lips.
Auch der Ort scheint perfekt zum Geschehen zu passen. Die O2 Academy im Londoner Stadtteil Brixton ist ein altes umgebautes viktorianisches Theater. Obwohl hier 5000 Leute reinpassen, herrscht eine innige Club-Atmosphäre. Der kompromisslos ungeschliffene Charakter des Stadtteils ist eher bodenständig als posh. Außerdem wurde hier schon ein anderer Pop-Exzentriker geboren, nämlich David Bowie. Coyne ist an diesem Abend bester Laune und das zeigt er auch. Noch beim Intro schmeißt und kickt er unaufhörlich riesige Luftballons in die Menge, dazu ein Inferno aus Konfettiregen, Feuer und LED-Overkill. Kein schlechter Auftakt. Es ist gar nicht leicht, sich zu konzentrieren, aber das ist heute Abend auch egal. Es geht ums Loslassen, um Liebe und um einen anderen Lebensentwurf. Die Setliste gleicht einer Art Best-Of der vergangenen Jahre. Aus dem aktuellen Album »Oczy Mlody« spielen sie nur drei Songs. 


Nach dem Opener »Race Fort He Price« gehen sie es eher langsam an mit dem »Pompeii am Götterdämmerung« ein psychedelisches Schlachtschiff, wie zu Zeiten von Pink Floyd. Für so ziemlich jede Nummer zieht Coyne jetzt ein Kaninchen aus dem Hut: Egal ob er auf einem blinkenden Einhorn eingeritten kommt oder zwei überdimensionale Aliens sich auf der Bühne im Tanz vereinen vor einer gigantischen Sonne: Die aufwendige LED-Rückwand raubt einem die letzten Synapsen. 

Doch es gibt auch herzergreifende zurückgenommene Momente. Etwa als die Band dem verstorbenen David Bowie Tribut zollt. Zu den Akkorden von »Space Oddity« erscheint Coyne in einem Plastikball und wandert im Refrain schwerelos durchs Publikum. Ergreifend ist jedoch seine Ansprache zuvor. Erst durch jemanden wie Bowie hat er, der weirde Typ aus Oklahoma sich getraut, er selbst zu sein, erst dadurch hatte er den Mut zu tun, was er tut. Bowie sei für ihn und alle anderen verwirrten Typen wichtig. Ein herzergreifender Moment, der das Publikum kurz aus der alkoholgetriebenen Drogeneuphorie reißt. 
Dass die Flaming Lips auch mal die Schlagzahl erhöhen können, zeigen sie bei »The W.A.N.D.«, das von einem hyperaktiven  Strobo-Gewitter begleitet wird. Weil Coyne nie genug kriegt, hängt er sich seinen eigenen Strobo um. Für den gekonnten Abgang haben sie sich ihren Heartbreaker »Do You Realize« aufgehoben. Mit einer blinken LED-Wand die »Love« ins Publikum schreit, verlassen sie die Bühne, doch das Feuer brennt nach, nicht nur auf den Lippen auch im Herzen! 

The Flaming Lips

Oczy Mlody

Release: 13.01.2017

℗ 2017 Bella Union