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»Ruins«

First Aid Kit

Das vergleichsweise kleine Schweden haben First Aid Kit für ihr neues Album weitgehend hinter sich gelassen. Es ging hinaus in die internationale Welt der Americana-Szene. Aber hat das der Entwicklung ihres Sounds gutgetan, oder nicht?
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Ein verträumtes Fleet-Foxes-Cover war 2008 der schüchterne Auftakt ihrer steilen Karriere. Mittlerweile sind First Aid Kit längst selbst zur Referenz im Folk-Pop geworden. Kein Wunder, denn dem herzerweichenden Harmoniegesang der Söderberg-Schwestern kann keine Tränendrüse auf Dauer widerstehen. Auch »Ruins« holt seine Hörer schnell mit altbekannten Tugenden ab: Sie spielen himmlische Akustik-Folk-Melodien, untermalt von dem Instrumentarium, das der Americana-Kontext eben hergibt. Gram Parsons, Emmylou Harris, Dylan – die musikalischen Vorbilder liegen einmal mehr auf der Hand. Im Gegensatz zum Vorgänger »Stay Gold« verzichten die jungen Damen dabei meist auf zu opulente Arrangements, besinnen sich wie in »To Live A Life« eher auf ihre Folk-Roots. Die Liste der prominenten Unterstützer reicht von Tucker Martine (My Morning Jacket) über Peter Buck (R.E.M.) und Glenn Kotche (Wilco) bis hin zu McKenzie Smith (Midlake) und liest sich wie das Who’s who der Szene. Das unterstreicht noch einmal den Status, den sich die Band in den letzten Jahren erarbeitet hat. Inhaltlich werden die Ruinen verflossener Liebschaften ausgeforscht: Das optimistische »It’s A Shame« thematisiert die widersprüchlichen, sehnsüchtigen Gefühle nach einer notwendigen Trennung, »Postcard« handelt davon, einen ehemaligen Geliebten in liebevoller Erinnerung zu behalten. Im Kern bleiben First Aid Kit die ewigen Romantikerinnen, die sich ihr »Rebel Heart« nicht brechen lassen wollen. Das Album endet schließlich in majestätischem Feedback-Brummen und zeigt: Am Horizont ist für diese Band in ihrem Metier auf absehbare Zeit keine Konkurrenz zu sehen.
Thorsten Streck

Wahrscheinlich hätten First Aid Kit gut daran getan, ihrer eigenen künstlerischen Intuition mehr zu vertrauen. Die Aufnahmen im fernen Portland, die vielen Gäste – angesichts der Klasse der frühen Werke der Schwestern hätte das alles nicht unbedingt sein müssen. Sicher ist es nachvollziehbar, dass die Söderbergs den Anspruch haben, sich weiterzuentwickeln – ihr viertes Album »Ruins« zeigt aber auch, dass sie dabei ein Stück weit in Richtung Beliebigkeit abgerutscht sind. Songs wie das vorab bereits veröffentlichte »Postcard« tragen zwar viele gutklassige Elemente in sich, sie sind mit ihrem abgeschmackten Country-Vibe aber eben auch professionalisiertes Kunsthandwerk ohne hörbare Kante. Glücklicherweise trifft diese Kategorisierung nicht auf alle zehn Stücke des Albums zu, schlank arrangierte Folk-Songs wie »To Live A Life« bilden wohltuende Ausnahmen. Trotzdem klingt »Ruins« zu oft arg routiniert, manchmal auch schlicht zu poppig, man vermisst den unmittelbaren Ausdruck der Anfangsjahre des Duos. So haben First Aid Kit sich trotz all ihrer unbestrittenen Qualitäten auf diesem Album ein bisschen selbst verloren. »Ruins« ist aber gut genug, um zu ahnen, dass das in der Zukunft nicht so bleiben muss. Vielleicht würde es tatsächlich schon reichen, wieder mehr auf die eigene Intuition zu vertrauen.
Henrik Hamelmann

First Aid Kit

Ruins

Release: 19.01.2018

℗ 2017, 2018 Columbia Records, a Division of Sony Music Entertainment