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"SCHULD & SÜHNE" REVISED!

FILM

Seit mittlerweile 18 Jahren verfolgt der in der South Bronx geborene Filmemacher halb italienischer, halb irischer Abstammung sein zentrales Thema: die Großstadt als Hexenkessel der Welt. Zu Beginn vor allem im Spannungsfeld zwischen damals angesagten Selbstjustizstreifen und Splatterfilmen. Dabei r
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Autor: intro.de

Seit mittlerweile 18 Jahren verfolgt der in der South Bronx geborene Filmemacher halb italienischer, halb irischer Abstammung sein zentrales Thema: die Großstadt als Hexenkessel der Welt. Zu Beginn vor allem im Spannungsfeld zwischen damals angesagten Selbstjustizstreifen und Splatterfilmen. Dabei regelmäßig als Drehbuchautor an seiner Seite: Jugendfreund Nicholas St. John, mit dem er schon als 15jähriger auf der Highschool zusammen 8mm-Filme drehte.
Bereits "Driller Killer", Ferraras für 100.000 Dollar entstandene erste Regiearbeit von '79, wurde, obwohl eigentlich nur eine undergroundigere und wesentlich zynischere Version von Scorseses "Taxi Driver", in England als eines der ersten sogenannten "video nasties" verboten. In dem Film durchlebt der von dem Regisseur selbst gespielte Maler Jimmy Laine, der, bedingt durch eine Schaffenskrise und eine im Apartment nebenan probende Punk-Band, langsam, aber sicher den Verstand verliert und in Folge, bewaffnet mit seinem Akku-Bohrer, New York unsicher macht, eine üble Drogen- und Gewalthölle.
Zwei Jahre später erscheint mit "MS. 45" Ferraras "feministische" Variante von "Death Wish" (dt.: "Ein Mann sieht Rot"), in der sich eine stumme, schüchterne Schneiderin nach zwei Vergewaltigungen zum männermordenden Racheengel entwickelt. Die darauffolgende, recht platte Serienkillergeschichte "Fear City" (1984) mit Tom Berenger und Melanie Griffith litt unter den ständigen Querelen mit den involvierten Produzenten und fristet deshalb zu Recht ein Dasein als überflüssiges Videoprodukt.
Nach zwei "Miami Vice"-Folgen kommt '87 "China Girl", eine in Chinatown bzw. Little Italy angesiedelte "Romeo und Julia"-Geschichte mit leichten "West Side Story"-Parallelen. Die Elmore Leonard-Verfilmung "Cat Chaser" dann mit Peter Weller kann man - ebenso wie zuvor "Fear City" - getrost vergessen, dafür gelingt Ferrara mit "King of New York" 1990 endlich sein erstes richtiges Meisterwerk. Christopher Walken spielt darin Frank White, einen Gangster, der mit seinem schmutzig verdienten Drogen-Geld versucht, eine Art moderner Robin Hood zu werden, was ihm nicht nur Dank einbringt. Er endet ebenso jämmerlich wie Harvey Keitel als moralisch verkommener Cop im zwei Jahre später entstandenen "Bad Lieutenant" in den Straßen von New York.
In den 90ern wird diese fast schon penetrant mit religiösem Schnickschnack verdeutlichte "Schuld & Sühne"-Thematik zum bestimmenden Element in Ferraras Filmen - wobei das bei ihm nie unreflektiert und immer mit der nötigen kritischen Distanz geschieht. Beste Beispiele hierfür: "Dangerous Game", wo Pop-Ikone MADONNA vor der Kamera völlig demontiert wird, und "The Funeral", die Story über eine innerlich zerrüttete, bemitleidenswerte Mafia-Familie.
Und selbiges gilt nun auch für "The Addiction" (Incredibly Strange Video), einen Film, der eigentlich vor "The Funeral" entstand, '96 in Cannes aber für so viel Aufregung sorgte, daß sich hierzulande zunächst mal kein Verleiher traute, ihn ins Kino zu bringen oder auch nur auf Video zu veröffentlichen. Was wohl vorwiegend darauf zurückzuführen ist, daß Ferrara für diese Geschichte Vampirismus und Bilder des Holocaust nutzte, um die moralischen Konflikte seiner Protagonisten - in diesem Falle der Psychologiestudentin Kathleen (Lily Taylor, in einer weiteren Rolle wiederum Christopher Walken, diesmal als asketisch lebender Vampir) - transparenter zu machen: Nach der Konfrontation mit dem Mord an den europäischen Juden in einer Vorlesung wird Kathleen eines Abends von einer mondänen Frau überfallen, die ihr Blut trinkt. Nach diesem Vorfall durchläuft der Körper der Studentin seltsame Veränderungen, die auch auf mentaler Ebene zu völlig neuen Erkenntnissen führen und Kathleens bisheriges Weltbild ziemlich ins Wanken bringen.
Die Annahme, Ferrara habe mit "The Addiction" einen ernsthaften Vampirfilm (oder gar eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust) drehen wollen, ist natürlich albern. Dafür erinnern die psychische und physische Verwandlung der jungen Frau und ihre daraus resultierende Sucht viel zu sehr an die eines durchschnittlichen Junkies. Mal davon abgesehen, daß die hier enthaltenen philosophischen Fragen zur allgemeinen moralischen Beschaffenheit des Menschen, bzw. darüber, ob der Mensch grundsätzlich gut oder schlecht ist, viel zu offensichtlich sind. Deshalb ist "The Addiction" hauptsächlich als abstraktere Fortführung der Gedanken von "Bad Lieutenant" anzusehen: Normale Menschen können, in Versuchung gebracht, der Sünde nicht widerstehen, weshalb es letztendlich nur darum geht, für welchen Grad von Schuld es noch eine Wiedergutmachung gibt - und sei es durch den eigenen Tod.
Daß auch in Deutschland Filme entstehen können, die sich auf provokante, aber nicht humorlose Weise mit menschlichen Defekten auseinandersetzen, das hat vor allem Matthias Glasners zweite Arbeit "Sexy Sadie" (451 Video) bewiesen. Auch wenn schon sein Debüt "Die Mediocren" mit Jürgen Vogel und Jasmin Tabatabai - obwohl eher noch der Tradition neuerer deutscher Komödien verhaftet, die mir mittlerweile so ans Herz gewachsen sind (würg!) - ausgesprochen witzig und eigentlich gar nicht mittelmäßig gewesen war, wie es ganz normale Neurosen und Liebesbeziehungen von Männern und Frauen zwischen 20 und 30 inkl. der Stasi-Vergangenheit einer der Hauptpersonen behandelte, entpuppte sich "Sexy Sadie" ein Jahr später dennoch als echte Überraschung: Jürgen Vogel ist der unmoralische Psychopath Edgar, der Taten begangen hat, für die es noch keine richtige Bestrafung gibt. Das zu glauben, fällt dem Zuschauer zunächst schwer, fehlt dem tranigen Edgar doch jedwede diabolische Boshaftigkeit eines Dr. Lecter. Zwar hat er den Wächter ausgeschaltet und die Anstaltsärztin bei seinem Ausbruch als Geisel genommen, doch gibt es dafür auch einen triftigen Grund: Der Häftling hat aufgrund eines Gehirntumors nicht mehr lange zu leben.
Der Ausbruch spricht sich schnell herum - nur hat Edgar nicht die Polizei, sondern einen Haufen anderer Leute auf den Fersen, die aus den unterschiedlichsten Gründen mit ihm abrechnen wollen. Stück für Stück fügt sich das Bild eines Mannes zusammen, der seine Familie auf dem Gewissen und eine beinahe schon angenehm pragmatische Attitüde beim Morden entwickelt hat, wobei er meist wesentlich sympathischer wirkt als diejenigen, die es eigentlich zu Recht auf ihn abgesehen haben. Gerade deshalb ist das wirklich Schöne an "Sexy Sadie" nicht der zeitweise an Tarantino erinnernde zynische Umgang mit Gewalt, sondern das doppelbödige Spiel mit moralischen Standards, die ständig auf den Kopf gestellt werden.
Zwar verbleibt "Sexy Sadie" im Fahrwasser netter schwarzhumoriger Komödien, das aber in - für einen deutschen Film - z. T. ungewöhnlich aggressiver und kompromißloser Form. Letzteres könnte daran liegen, daß Glasners Film mit einem Budget von "nur" 300.000 Mark unbelastet von nervigen Produzenten-Eingriffen entstand.

  • INCREDIBLY STRANGE VIDEO, Eisenacherstr. 115, 10777 Berlin, Tel. 030 / 2640673
  • TRAUMATHEK, Jülicher Str. 10, 50647 Köln, Tel. 0221 / 2404795
  • 451 VIDEO, Gymnasiumstr. 52, 70174 Stuttgart, Tel. 0711 / 296635