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Kitsch ist nicht gleich Kitsch

Feu Thérèse

Die neue Band von Jonathan Parant missachtet bewusst alte Indierock-Hörgewohnheiten und entdeckt frankofonen Synthiepop neu.
Geschrieben am
Feu Thérèse, die neue Band des Ex-Fly-Pan-Am-Gitarristen Jonathan Parant, missachtet bewusst alte Indierock-Hörgewohnheiten und entdeckt stattdessen frankofonen Synthiepop der 70er und 80er neu. Keyboarder Stephen De Oliveira überzeugt Christoph Büscher, dass Kitsch nicht gleich Kitsch ist.

Wenn man um die Jahrtausendwende über Musik aus Montreal berichtete, kam man nicht um Constellation Records herum, das Label, das den Stadtteil Mile End und vor allem den Boulevard Saint-Laurent zum Zentrum der alternativen Musikszene machte. Durch die starke Unterstützung lokaler Künstler regte Constellation nachhaltig musikalische Experimente und politisches Engagement an und war als Label u. a. für seine globalisierungskritischen Ansätze bekannt. Der Sound von Bands wie Fly Pan Am, aus denen Feu Thérèse hervorgegangen sind, wird dabei vor allem mit langen Instrumental-Stücken, Klang-Collagen und sperrigen Noise-Elementen assoziiert. Umso überraschender klingt da jetzt das zweite Album von Feu Thérèse, auf dem die vier Kanadier die Synthiepop-Ästhetik der frühen 80er auf ihre eigene skurrile Art und Weise fortführen.

Alle Mitglieder der Band kommen aus der Montrealer Kunstszene, was ihrer Musik eine gewisse Konzepthaftigkeit verleiht. Bierernst ist dabei jedoch nichts, eher das Gegenteil ist der Fall. Für Stephen, der seit über fünf Jahre mit Bassist und Sound-Künstler Alexandre St-Onge im Bereich Performance-Kunst zusammenarbeitet, war die Band eine willkommene Gelegenheit, mal etwas außerhalb des Kunst-Kontexts zu machen. Als Gitarrist Jonathan Parant vor zwei Jahren, kurz nach der Auflösung von Fly Pan Am, vorschlug, Feu Thérèse zu gründen, nahmen sie zusammen mit Drummer Luc Paradis in kurzer Zeit das selbst betitelte Debüt auf. Mit langen Instrumentals und krachigem Noise klang jenes jedoch streckenweise mehr nach Sonic Youth als nach Vangelis: "Das erste Album entstand sehr schnell, nach nur wenigen Live-Shows, klingt roher und besteht im Wesentlichen aus einfachen Rhythmen mit Elektronik obendrauf. Auf dem zweiten Album haben wir viel mehr Wert auf Songstrukturen gelegt, dabei aber einfachere Sounds, weniger Verzerrung und zusätzliche Elektronik verwendet."

Auf "Ça Va Cogner" treten nun mit Flanger und Chorus atmosphärisch aufgepeppte Tremolo-Gitarren an die Stelle von krachigem Feedback. Überraschend auch die zunächst kitschig anmutenden FM-Syntheziser-Sounds und die weit ausladenden melodischen Bögen, die manchmal wie Soundtracks für den Discovery Channel klingen: "Als wir anfingen, uns mehr für Songs zu interessieren, ist uns aufgefallen, dass es viel Snobismus und Vorurteile gegenüber bestimmten Sounds gibt. Wir mögen Vangelis und Jean Michel Jarre wirklich und haben auf der anderen Seite versucht, sehr trendige Indierock-Sounds zu vermeiden. Ein anderer Einfluss war Robert Ashley, ein amerikanischer Komponist, der in den 80ern schräge Fernseh-Opern geschrieben hat und dabei viel mit MIDI experimentierte. Das sind alles Elemente, die wir schön verdrehen und in einen anderen Kontext setzen."

Lässt man sich auf dieses Experiment ein, so beginnt die zunächst eher befremdlich klingende Überbeanspruchung der Synthesizer nach einiger Zeit, ihre Wirkung zu entfalten. Die Songs wirken zwar fremdartig, exotisch und bizarr, werden auf ihre eigene Art aber immer vertrauter. Die Verschiebung vom Kitsch zur Kunst funktioniert deshalb, weil Feu Thérèse zwar zurück in die Vergangenheit gehen und dort unterbewertete Art-Rock-Ästhetik ausgraben, sich dieser aber nicht nur ironisch bedienen, sondern mit einer guten Portion Humor zu einem vielschichtigen, dunklen Pop-Album weiterentwickeln. Stücke wie "Les Déserts Des Azurs" und "Laisse Briller Tes Yeux Dans Le Soleil" klingen so frisch, weil sie kein bloßer Retro-Kitsch sind, sondern reife, gut arrangierte Songs mit vielen Facetten.

Seltsam bleibt am Ende nur, dass sich Feu Thérèse direkt nach der Aufnahme des Albums aufgelöst zu haben scheinen. Im Info jedenfalls wird bereits von ihrem "zweiten und letzten Album" gesprochen. Stephen schwächt diesen Eindruck jedoch etwas ab: "Wir haben entschieden, erst mal eine Pause zu machen. Jeder von uns hat noch andere Projekte, wir sehen uns aber noch viel, und wenn sich neue Möglichkeiten ergeben, werden wir sehen, wie es weitergeht." Also: Daumen drücken, dass man diese Band irgendwann mal live erleben kann.