×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Festivalkatastrophen mit Der Tante Renate

Und dann kam keiner

Festivals sind eine tolle Sache - wenn sie bei Sonnenschein stattfinden und sich Zigtausende in den Armen liegen. Aber was, wenn genau das Gegenteil eintritt?
Geschrieben am
Festivals sind eine tolle Sache - wenn sie bei Sonnenschein stattfinden und sich Zigtausende in den Armen liegen. Aber was, wenn genau das Gegenteil eintritt? Norman von Der Tante Renate war nur einer von über 200 Künstlern, die Anfang Juni beim Sommerstartfestival im thüringischen Gotha auf der Bühne stehen sollten. Der Veranstalter rechnete mit über 10.000 Zuschauern. Womit niemand rechnete: Es kam praktisch keiner.

Norman, was waren Deine ersten Gedanken bei der Ankunft auf dem Festivalgelände?
Bei meiner Ankunft am Freitag habe ich mir noch nichts weiter gedacht. Ich war ein bisschen verwundert, weil das Festival bereits einen Tag vorher begonnen hatte und ich damit gerechnet habe, zumindest einige Besucher zu sehen. Ich hab mir dann eingeredet, dass die Besucher bestimmt noch mit Pillenkater in den Zelten liegen und erst gegen Abend aus den Höhlen kommen…

Was hat der Veranstalter Dir kommuniziert? Und welche Erwartungshaltung gab es im Vorfeld?
Den Veranstalter kannte ich noch von einem Konzert, das er in der Nähe mal organisiert hat und die Begrüßung war dann dementsprechend freundlich. Er hat mir dann versichert, dass das ein Riesending wird und dass sie sich schon sehr auf das Konzert freuen würden. Der Donnerstag wäre nur zum Soundcheck gewesen und um zu sehen ob die Technik läuft. Ich war dann erst mal beruhigt und habe mich auf dem Festivalgelände umgesehen und die Lage zu checken: Alle 6 Zelte komplett leer bis auf die DJs. Na gut, es war erst gegen 18:00 und ich hab mich dann erstmal in mein Auto verzogen und den Eingang beobachtet. So langsam sollten die Gäste dann ja mal eintrudeln. Die kamen dann auch. Mal eine(r), mal zwei. Immer schön tröpfchenweise durch eine der acht Schleusen, die eigentlich für die Mengen an Besuchern eingerichtet wurden. Da dachte ich dann: "Ach du Scheiße! Was wird das denn??"

Hast Du Deine Show einfach durchgezogen? Wie lief Dein Set genau ab?
Beim ersten Lied habe ich noch alles gemacht wie gewohnt, weil ich gehofft habe, dass vielleicht noch irgendwoher Leute kommen könnten, die sich das vielleicht angucken wollen, aber nix da. Beim zweiten Lied hab ich nur noch die Beats abgefeuert und Blödsinn durchs Mikro gerufen. Bei einem Song bin ich nochmal kurz durch die Zelte gelaufen, um zu sehen ob da was los ist. War aber auch nichts. Dann plötzlich kommt ein Gast ins Zelt!! Der war allerdings so besoffen, dass er von einem der beiden Techniker nach draußen gebracht werden mußte, weil er den Ausgang nicht mehr gefunden hat. Offensichtlich hatte er sich sein Gehirn unter das Niveau einer Motte gesoffen. Nach der "Show" hab ich dann schnellstmöglich meine Sachen gepackt und die Abrechnung gemacht. Einmal noch übers Gelände. Höchstens 30 Leute da. Auf dem ganzen Gelände. Einmal noch Kopfschütteln und dann schnell ins Hotel.

Wie haben die anderen anwesenden Künstler reagiert? Gab es da einen Austausch?
Da ich nicht so in der Technoszene verwurzelt bin, kannte ich fast niemanden auf dem Gelände. Ich hab mich aber längere Zeit mit den sehr freundlichen Technikern über die Kosten spekuliert, die so ein Desaster verursacht und wir sind zu dem Schluß gekommen, dass, egal wie viel das ist, wir auf keinen Fall in der Haut des Veranstalters stecken möchten. Was mich auch sehr gewundert hat, ist dass bei meiner Auszahlung alle noch so ruhig waren, obwohl wirklich anzusehen war, dass das Ding richtig schnell den Bach runtergeht.

Weitere Eindrücke von Der Tante Renate könnt ihr in Normans Blog nachlesen.

Die Künstler sind eine Sache bei einem deratigen Festival. Aber was sagt der Veranstalter selbst? Wir sprachen mit Stefan Ullrich vom Veranstalter TimeJump. Mehr dazu auf der nächsten Seite.

Die Künstler sind eine Sache bei einem deratigen Festival. Aber was sagt der Veranstalter selbst? Wir sprachen mit Stefan Ullrich vom Veranstalter TimeJump.

Stefan, wann habt ihr gemerkt, dass das Sommerstartfestival den hohen Erwartungen niemals gerecht werden würde?
Es war Samstag. Es ging ganz gut los, aber als wir Richtung Hauptzeit kamen merkte ich, dass die hohen Erwartungen nicht gehalten werden konnten. Da blieb dann nur noch, die Notbremse zu ziehen, was als Veranstalter nicht einfach ist. Es steckte immerhin über ein Jahr Arbeit darin.

Wo sind Deiner Meinung nach die Gründe für den geringen Zuschauerzuspruch zu suchen?
Das ist eine sehr gute Frage und es gibt unterschiedliche Meinungen. Zum einen mit Sicherheit das Wetter. Donnerstag Regen, Freitag Regen und teilweise Sturm, der sogar die Zelte los riss so dass die Zeltbauer noch mal nacharbeiten mussten. Dann waren die Nächte sehr kalt, 5 Grad. Eigentlich das Ende für den Zeltplatz und für weiter angereiste Personen. Was die Werbung angeht - da ist man hier geteilter Meinung. Im Internet waren wir fast auf jeder bekannteren Community-Seite, 17 Onlineradiosender unterstützten uns per Jingle. Plakate und Flyer wurden im Vorfeld in ganz Deutschland verteilt, da sagen aber viele, man habe kaum etwas davon gesehen, was ich nicht so richtig nach vollziehen kann. Es wurden Firmen diesbezüglich beauftragt. Wir werden die genauen organisatorischen Fehler aber nie heraus bekommen, leider.

Welche Fehler müsst ihr euch als Veranstalter denn konkret eingestehen?
Das 5-Tageskonzept war falsch. Es hätten auch 2 oder 3 Tage gereicht. Das war dann eventuell doch etwas zu groß für den Anfang. Diese Fehler macht man nur einmal!

Warum habt ihr erst so spät die Reißleine gezogen, obwohl der Verlauf doch offensichtlich war?
Durch den Regen am Donnerstag und da Freitag kein Feiertag war, war der Donnerstag okay, so wie er lief. Den Verlauf am Freitag konnte man zunächst auch nicht recht einschätzen, durch das Scheiß-Wetter und da viele hier erst samstags auf Partys gehen. Was uns so auch mehrfach vor Ort gesagt wurde. In der Nacht von Samstag auf Sonntag um ca. 4.00 Uhr haben wir beschlossen, dass wir es beenden.

Wie haben die Künstler vor Ort reagiert?
Glücklich waren die nicht gerade, ist ja verständlich. Auf so etwas ist man auch nicht wirklich vorbereitet. Ich war etwas erstaunt, dass die meisten sagten: "War ein guter Versuch, schade dass es so lief ".

Hat man nach so einem Erlebnis überhaupt noch Lust, nochmal etwas deratiges auf die Beine zu stellen?
Im Moment nicht. Da vergeht einem die Lust.

Was nehmt ihr (oder Du) aus dem Verlauf des Sommerstartfestivals mit für die Zukunft?
Das wird die Zukunft zeigen. In irgendeiner Weise geht es weiter. Und die Fehler die man gemacht hat, verschwinden im Reißwolf. Vielleicht lebt ja auch das Sommerstartfestival irgendwie weiter. Es gibt einige Veranstalter, die sich bei mir gemeldet haben, die das Konzept aufgreifen wollen und um Unterstützung gebeten haben...