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Das Dutzend voll gemacht

Festival Internacional de Benicàssim

20.-24.08. – E-Benicàssim. Primavera, Sonar, FIB – kein Monat, in dem wir nicht über ein Festival aus Spanien berichten. Und das ist nur die Spitze der Festival-Aktivitäten; in keinem anderen europäischen Land, abseits der Festivalhochburg Deutschland, scheint es so viele zu geben. Das FIB fand dies
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20.-24.08. – E-Benicàssim. Primavera, Sonar, FIB – kein Monat, in dem wir nicht über ein Festival aus Spanien berichten. Und das ist nur die Spitze der Festival-Aktivitäten; in keinem anderen europäischen Land, abseits der Festivalhochburg Deutschland, scheint es so viele zu geben. Das FIB fand dieses Jahr bereits zum zwölften Mal statt und ist dementsprechend groß geworden über die Jahre, wovon auch die zahlreichen, parallel dazu stattfindenden Partys am Strand zeugten. Neben den obligatorischen Raves spielten diesmal übrigens an einer Strandbar auch die HC-Helden Spermbirds grandios auf. Aber zurück zum FIB. Von 35.000 Besuchern pro Tag war die Rede. Und das will man sofort unterschreiben, wirkte doch alles noch eine Spur belebter als in den Vorjahren, vor allem vor der Hauptbühne, auf der während der vier Tage (am letzten Abend fand am Strand noch die alljährliche Abschlussparty statt, diesmal mit Queens Of Noize, Miss Kittin und Chloé) in einem fort große Namen präsentierten wurden. Vier weitere Bühnen sorgten dafür, dass die Varianz nicht auf der Strecke blieb, wobei man aber schon festhalten muss, dass auf Nummer sicher gebucht wurde und es abseits einiger spanischer Acts kein wirklich unbekannter ins Line-up geschafft hat.

So, und jetzt hinein in das beliebte Stakkato aus Bandnamen und Erinnerungen: Tom Verlaine with Jimmy Rip – Die Television-Fans aller Länder vereinigten sich vor der Bühne – doch so recht überzeugen wollte einen dieses Akustikgitarrenset nicht. Warum kann das Alterswerk nicht mal Noise statt Singer/Songwriter meinen? Langweilig. Howie Gelb + Sno Angel – Könnte ich glatt das Gleiche schreiben wie bei Verlaine. Nur dass der Sound von Gelb doch voller, farbenreicher (ja, ja, welch Wortspiel) ist. In Spanien scheint er eine Legende zu sein – wir zogen es vor, einen Drink am Pool zu nehmen. Scissor Sisters – Die Federführer des New Yorker Disco-Revivals kamen mit dem neuen Album im Gepäck zum FIB. Dementsprechend groß waren die Erwartungen – und man muss es ihnen wirklich lassen, auf ihrem Terrain sind sie eine echte Nummer, auch wenn man mich persönlich damit zurück zum Pool jagen kann. Schrecklich. Pixies – Da ich bislang leider keines der Comeback-Konzerte sehen konnte, war die Vorfreude sehr groß. Das nennt man wohl Verdrängung. Denn wenn man erst mal die in die Jahre gekommene Version von alten Lieblingen Face to Face serviert bekommt, wünscht man sich die Reduzierung der Performance auf Musik. Der Begeisterung tat es aber keinen Abbruch: Der Mob tobte gar so wild, dass die Band inmitten des Über-Hits “Monkey Gone To Heaven” abbrechen musste (Kollege Hörstmann schwört übrigens darauf, dass es just in dem Moment passierte, als er das Melt!-Shirt mit der Nummer 7, passend der Aufzählung im Song geschuldet, hochhielt), da es zu Einquetschungen im Publikum kam. Nach ewiger Unterbrechung ging es weiter. Und am Ende schwelgten auch wir in Erinnerungen an die erste Pixies-Tour in den 90ern und ihre wegweisenden Platten. James Holden – Gerade noch auf dem Melt!, jetzt ein paar Meilen südlicher. Und wie immer mit einem wunderschönen, gefühlvollen Set: Die romantische Seite von Techno. The Strokes – Die coole Seite des Rock. Die Jungs sind ja sooooo cool, dass sie sich auf der Bühne praktisch nicht bewegen. Da gab es auch fürs FIB keine Ausnahme. Tolle Songs, durchschnittliche Liveband. Muss man doch mal sagen. Morrissey – Mann, wenn er sich doch nur die ausländerfeindlichen Sprüche verkneifen könnte. In einem fort disste Morrissey die Spanier, titulierte sie alle abwertend als Juan und lachte sich selbst laut darüber tot. Dafür kein Wort zu seiner unrühmlichen Last-Minute-Absage vor zwei Jahren, wo schon die gesamte Bühne aufgebaut war, er es aber vorzog, in England zu bleiben. Anyway: Musikalisch war es trotzdem toll. Einige alte Smiths-Klassiker, die Hits der beiden letzten Alben – was will man mehr? Der ideale Soundtrack zum Sonnenuntergang. Mojave 3 – Komisch, an mir ist das Slowdive-Nachfolgeprojekt ja immer vorbeigegangen, an Spanien aber offensichtlich nicht. Vor der Hauptbühne drängelten sich die Massen, um eines der stimmungsvollsten Konzerte des Festivals zu erleben. The Kooks – Deren Booker muss echt Einfluss haben. Anders ist es nicht zu erklären, warum die Newcomer schon die ganz große Bühne bespielen durften. Und so sehr ich sie schätze – das war ‘ne Nummer zu groß für die Youngster. Man hätte sich ihre Songs in intimerem Rahmen gewünscht, denn dass da einige Gassenhauer dabei sind, ist unbestritten. An diesem Abend wurden sie aber mit dem Wind weggeweht. Rufus Wainwright – Rufus hatte Geburtstag, und da ließen sich die Veranstalter nicht lumpen und schickten einen süßen Spanier auf die Bühne, um ihm eine Torte zu überreichen. Danach sang er mit seiner Schwester Martha einen Song über seinen Vater. Wie passend. Im Kontrast zur letzten Tour, die er mit Band absolvierte, trat er diesmal (bis auf familiäre Unterstützung) allein an Piano und Gitarre an, was der Wirkung nicht abträglich war. Eher das Gegenteil war der Fall: Diese Songs sind so gut, die können ruhig nackt vor einem liegen. Franz Ferdinand – Unsere zweimaligen Coverjungs werden immer routinierter und verlieren dabei glücklicherweise nichts von ihrem Charme. Passend dazu auch, dass sie sich nicht wie alle anderen großen Acts in der Umkleidekabine versteckten, sondern über das Gelände bummelten und hier und da ein Pläuschchen hielten. Depeche Mode – Wie schaffen die das bloß? Schon wieder seit Monaten auf der Straße und trotzdem voller Elan. Gab’s nichts zu meckern an der Songauswahl. Und ansonsten stehen sie ja eh über aller Kritik. Art Brut – Ich kann die Aufregung über diese Band einfach nicht verstehen. Das klingt doch, als ob im Pub einer über einen der schlechteren Pulp-Songs mitgrölt. Okay, okay, “My Little Brother” ist ein Hit, und live rollen sie über einen weg, dass es dann doch Spaß macht – aber die Songs sind leider nur dritte Klasse. Herbert – Das hatte er sich anders erhofft. Matthew Herbert hatte extra gewartet, bis Depeche Mode fertig waren (und so für die einzige Verspätung des extrem tighten Festivals gesorgt), aber kommen wollte trotzdem niemand. Sein aktuelles Programm scheint den Leuten zu prätentiös zu sein. Und irgendwie ist das verständlich, so toll das Album auch ist; live auf einem Festival kommt der Mehrwert einer zehnköpfigen Band einfach nicht rüber. Die Leute wollen um zwei Uhr sowieso nur eins: feiern. Rework – Auch bei ihnen war es am Anfang geradezu gespenstisch leer, dann füllte sich das Zelt aber Gott sei Dank nach und nach. Es wäre auch zu schade gewesen, wenn die Leute die Präsentation des im Herbst auf Playhouse erscheinenden neuen Albums verpasst hätten. Mehr Schmackes hat das neue Material, was sich auch am Gesang zeigt: Statt geschmeidiger Houselinien regieren derzeit dunkle Technovocals. Und damit genug erinnert. Kommt 2007 einfach selbst. Es lohnt sich.