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Festival im serbischen Novi Sad

So war das Exit 2011

Im serbischen Novi Sad fand an diesem Wochenende zum zwölften Mal das Exit Festival statt. Sebastian Ingenhoff war für intro vor Ort.
Geschrieben am

Die Petrovaradin Festung im serbischen Novi Sad war 1716 Schauplatz einer der größten Schlachten des venezianisch-österreichischen Türkenkrieges. Der Versuch des osmanischen Heeres, nach Wien zu gelangen, scheiterte diesmal an Prinz Eugen, dem Chef der Kaiserlich-Österreichischen Armee.

Schon nach vierundzwanzig Stunden haben sich die Türken wieder gen Belgrad zurückgezogen. So steht es zumindest in den Geschichtsbüchern. Die im späten siebzehnten Jahrhundert erbaute Festung gilt nicht nur des 16 Kilometer langen unterirdischen Tunnelsystems, in dem man wunderbar dem Gegner auflauern kann, als quasi uneinnehmbar. Dreihundert Jahre später sind es allenfalls noch torkelnde Raver, die sich in den finsteren Gängen die Füße brechen.

Die Petrovaradin Festung ist nämlich Schauplatz des Exit-Festivals und damit eine der spektakulärsten Konzert-Locations weltweit. Der Blick von der Zitadelle auf die Donau, die Stadt und die Varadin-Brücke, die 1999 dem NATO-Bombenkrieg zum Opfer fiel und später wieder aufgebaut wurde, ist sensationell. Zu jener Zeit beginnt auch die Geschichte des Festivals. Exit wurde zur Jahrtausendwende von ein paar Studenten der lokalen Universität aus der Taufe gehoben und war Teil einer umfassenden Protestaktion gegen Slobodan Milošević, die einen Sommer lang andauerte und im Oktober 2000 zum Sturz des Präsidenten führte. Das erste Exit-Festival dauerte hundert Tage und fand an spontan errichteten und ständig wechselnden Bühnen statt, die meisten davon am Flussufer oder dem Campus gelegen. 2001 folgte der Umzug in die Festung.

Die meisten Künstler sind Exit über die Jahre hinweg verbunden geblieben, lokale Bands wie Atheist Rap oder Darkwood Dub sind regelmäßig dabei und bespielen zwischen internationalen Headlinern wie Arcade Fire oder Pulp wie selbstverständlich die Hauptbühne. Natürlich auch als Zeichen der Dankbarkeit für die Treue, sagt Bojan Bošković, einer der Festivalgründer. Neben dem Exit organisieren die Macher noch weitere politische Veranstaltungen wie den serbischen Gay Pride, der regelmäßig von Nationalisten und anderen homophoben Spinnern gestört werde. Als Trotzreaktion auf die regelmäßigen Angriffe gibt es mit der Loud & Queer-Stage seit 2004 eine Festivalbühne, die ausschließlich von Bands und Künstlern aus der queeren Community bespielt wird. Man müsse die Leute halt erziehen. Denn während der Milošević-Jahre habe der mit nationalistischen Parolen angereicherte »Turbo-Folk« die Leute ziemlich verblöden lassen, sagt Bojan. Dabei hätte Jugoslawien in den Achtzigern und Neunzigern eine der progressivsten Musikszenen Europas gehabt. Ein vielfältiges Programm mit vielen internationalen Künstlern aus allen Genres sollte also möglichst schnell etabliert werden.

Mittlerweile ist Exit das größte Musikfestival Südosteuropas und findet jährlich an vier Tagen im Hochsommer statt. Täglich sind zwischen 45.000 und 50.000 Besucher auf dem riesigen Gelände unterwegs, das einer mittelalterlichen Stadt gleicht und Platz für mehr als zwanzig Bühnen bietet, auf denen über 600 Bands, Künstler und DJs zu sehen sind.

Der brüllenden Hitze wegen startet das Programm erst abends. Tagsüber kann man eh nichts anderes machen als den Kopf in die Donau zu halten und im Stundentakt das T-Shirt zu wechseln. Betrinken kann man sich quasi in Rekordzeit, schon für ein paar Euro kriegt man einen Litereimer Jack Daniels-Cola in die Hand gedrückt, nach dem man selbst Bad Religion lustig findet. Die machen am Donnerstag den Auftakt und spielen sich einmal quer durch die Diskografie. Vermutlich eine der wenigen Bands, die es schafft, immer noch exakt so zu klingen wie vor zwanzig Jahren, und zwar Song auf Song.

Arcade Fire, die ersten Headliner des Abends, haben sich mit dem Adoleszenzalbum »The Suburbs« zwar auch nicht gerade neu erfunden, es aber trotzdem irgendwie geschafft, in die Major League aufzusteigen. Das kanadische Kollektiv um Régine Chassenge und Win Butler füllt problemlos das Areal um die Hauptbühne.

Im Anschluss betritt mit Jarvis Cocker einer der prominentesten Arcade Fire-Fans die Mainstage. Wenn »The Suburbs« ein Album über die Rückkehr in die Kleinstadt und Jugend ist, dann ist der Auftritt von Pulp gewissermaßendie fleischgewordene Rückkehr in die Jahre der eigenen Adoleszenz. »Do you remember the first time?«, fragt Jarvis, und natürlich ist das Gekreische vor der Bühne groß, wenn die ersten Takte des „His n’ Hers“-Klassikers eine anderthalbstündige Zeitreise einläuten. Die komplette »Different Class« und die halbe »His n’ hers« werden durchgespielt, dazu gibt ein, zwei Stücke aus dem Spätwerk. Vor dem letzten Song betreten noch einmal Régine Chassenge und Win Butler von Arcade Fire die Bühne, kündigen die »Common People« an und läuten ein furioses Finale ein.




Höhepunkt des Freitags ist die Show von M.I.A, die effekthascherisch mit den drei Hits des Debütalbums loslegt - »Galang«, »Sunshowers« und »Bucky Done Gone« in a row. Am Ende holt sie noch gut drei dutzend Mädchen auf die Bühne, die ihr Glück kaum fassen können und alles bis ins Detail mit ihren Handycams dokumentieren.

Die Show von Portishead sorge am letzten Abend dann noch einmal für Gänsehaut. Waren früher Wunderkerzen für den Leuchteffekt zuständig, so sind es nunmehr die Handycams, die das Areal vor der Hauptbühne zum Strahlen bringen. Währenddessen ertönt »Glory Box« und selbst kleine Teenager, die zu Zeiten von »Dummy« vermutlich nicht mal geboren waren, singen ergriffen mit.

Als Höhepunkt des Abends und vielleicht des ganzen Festivals erweisen sich jedoch Grinderman. Wer bisher um die Platten des bärtigen Altmännerbundes aus welchen Gründen auch immer einen Bogen gemacht hat, sieht sich plötzlich umgehauen, was natürlich auch an der brüllenden Lautstärke liegen mag. Doch Nick Cave dabei zuzusehen, wie er im Glitzeranzug mit geisteskrankem Blick seinen Gitarristen ins Kreuz tritt, spuckt, über die Bühne tobt und noch die albernsten Rockerposen zu rehabilitieren weiß, ist einfach großartig. Beim zweiten Song springt er ins Publikum und fordert selbiges mit den Worten „Give me your money“ auf, sich seiner Geldbeutel zu entledigen. Am Ende ist er es jedoch, der seinen Gürtel und einige andere Kleidungsstücke eingebüßt hat, was ihn augenscheinlich nur noch wütender macht. Er gibt dem Tontechniker Anweisungen, die Regler weiter nach oben zu fahren. Dem Zuschauer bluten derweil die Ohren.

Die zweitgrößte Bühne des Festivalgeländes ist die Dance Arena. Tanzen lässt sich zu unter anderem Underworld, Chicago-House Legende DJ Sneak, Tiga, Paul Kalkbrenner oder dem Detroiter Technopionier Carl Craig, dessen Label Planet E in diesem Jahr den zwanzigsten Geburtstag begeht. Nur die Idee, Carl Craigs Set in Ibiza-Manier von halbnackten Zirkusartistinnen und Tänzerinnen in „Der elektrische Reiter“-Leuchtanzügen begleiten zu lassen, mag sich jedoch nicht so ganz erschließen.

Auch auf den kleineren Bühnen gibt es tolle Sets von Kink, Alexander Robotnick und The Hacker zu hören. Femi Kuti, der Sohn von Afrobeat-König Fela Kuti, betritt mit gefühlt dreißigköpfiger Band die Bühne, deren Mitglieder im identischen gelb-roten Outfit einlaufen. Doch irgendwann hat man sich die Füße wund gelaufen und nach vier Tagen ist schließlich alles vorbei.

Ein Taxifahrer, der in den Achtzigern angeblich mal eine Saison für Fortuna Düsseldorf als Fußballprofi gekickt hat (aber leider nicht zu googlen war), kutschiert die Reisegruppe im Lada noch ein letztes Mal durch das malerisch kaputte Novi Sad. In der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt endet die Reise schließlich am Flughafen. Mit an Board: die Truppe von Kreator. Und so beschließt man dieses Wochenende am Gepäckausgabeband mit Mille Petrozza, den man in der Nacht zuvor noch feuchtfröhlich interviewt hat und der nun nüchtern Anweisungen erteilt. »Vorsicht, das Teil ist 50 Kilo schwer. Du musst das mit beiden Händen anheben.« Wenn es weiter nichts ist.