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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Fertich

Ferris MC

Lieber Ferris, ich mochte deine letzte CD von Anfang an. Sie knallte, sie war geil und dunkel. Sie hatte gute künstlerische Ideen, gute Reime. Sie war der heiße Soundtrack deines bisherigen Lebens, und wir konnten mitleiden und mit dir die Wut auf dich und deine unsexy surroundings von früher spüre
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Lieber Ferris, ich mochte deine letzte CD von Anfang an. Sie knallte, sie war geil und dunkel. Sie hatte gute künstlerische Ideen, gute Reime. Sie war der heiße Soundtrack deines bisherigen Lebens, und wir konnten mitleiden und mit dir die Wut auf dich und deine unsexy surroundings von früher spüren. Sie sprach das aus, was wir vielleicht im guten Freundeskreis uns trauen zu sagen, wenn man weiß, dass es diesen nicht verlässt. “Dem Typen muss mal eine abgebrochene Bierflasche durch den Magen gezogen werden. Ich habe echt Lust, mal bei dem den Ölstand zu prüfen.” Aber es war meine Band, die auf ihrer letzten Platte, die kurz nach dem Summer erschien, in dem deutscher HipHop broke, als Hidden-Track einen Hass-Song über diese verklemmte homophobe Grundstimmung in eurer Szene hatte. Wir wollten es machen, wie Atari Teenage Riot uns lehrten. Sinngemäß: “Als andere noch über euch und euer Phänomen diskutierten, hatten wir schon eine Antwort auf Tonträger geliefert.” Rock musste antworten und einen Gegenentwurf zumindest bereithalten. Die Abscheu darüber, dass das Wort “schwul” bzw. “Schwuchtel” wieder in den täglichen Slang zurückkehrte, war einfach zu groß. Weder gefiel mir das Argument “die sind so aufgewachsen”, noch schien es mir schlüssig. Ich weiß natürlich selbst, dass durch die Vermeidung dieser Worte der Anerkennung gleichgeschlechtlicher Liebe im allgemeinen in der Gesellschaft nicht wirklich geholfen wird, aber es geht um den einen Typen, der in der Berufsschule sitzt, merkt, dass er schwul ist, und dessen Mitkumpel seine bevorzugte sexuelle Orientierung als Schimpfwort benutzen. Dieses führt zu Wut und Depressionen. Dieser Typ ist es wert, darauf zu verzichten. Verstehst du? Und wie ich mit großer Freude festgestellt habe, vermeidest du diese Art des Dissens auf deiner neuen Platte “Fertich”. Sie hat eine sehr schöne Pathos-Production bekommen. Die Zusammenarbeit mit Tobi Tobsen hat sich voll ausgezahlt. Ein bisschen Sorgen macht man sich natürlich schon, wenn man sich deine Geschichten anhört, aber als zu starker Trinker kann ich natürlich die Abscheu und die Angst über und um sich selbst nachvollziehen. Wohin gehst du, Ferris? Ich glaube dahin: Du hast alles, was es braucht zu bleiben, deine Songs sind mehr “Ferris” als HipHop. Sie haben nichts mehr von diesem Szene-Eiergekraule. Du bist zu groß, um nur eine Szene zu dissen. Du disst gleich ein ganzes Land. “Wohl auf” und “word up”! “You will survive”, möchte man dir zurufen - “dich selbst und den Hype” anfügen. Deine Platte ist am besten, wenn sie ernst wird. Du musst dich damit abfinden, dass du die Stimme von Menschen bist, und ich glaube, es ist besser, wenn man damit arbeitet und es anerkennt, als dass man dagegen kämpft. Andere wünschen sich so etwas ein Leben lang. Ich wünsche dir das Beste. Mit extremen Grüßen,