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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Venice

Fennesz

Vergesst Rondo Veneziano! Erst mit Fennesz hat das ebenso morbide wie schöne Venedig, diese Mischung aus Kloake und Inspiration für homoerotische Dichterträume, seine angemessene Würdigung erhalten. Christian Fennesz ist bei allen kratzigen Sounds doch immer Träumer geblieben, wenn nicht sogar
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Vergesst Rondo Veneziano! Erst mit Fennesz hat das ebenso morbide wie schöne Venedig, diese Mischung aus Kloake und Inspiration für homoerotische Dichterträume, seine angemessene Würdigung erhalten. Christian Fennesz ist bei allen kratzigen Sounds doch immer Träumer geblieben, wenn nicht sogar Romantiker, einer, der nie an der Verteufelung der Gitarre und den neuen Reinheitslehren des Laptop teilgenommen hat, sondern der beides für eine geradezu vernebelt ambienteske Klangsprache nutzte, bei der das Verwischen der Sounds nicht Dekonstruktion sein sollte, sondern der psychedelischen Stimulanz diente. ›Venice‹ kann als musikalischer Tribut an Venedig gelesen werden, wunderbar von Jon Wozencroft mit Fotos im Beiheft illustriert, als Laptop-Musik, die dem Stadtbild folgt, die also nicht mit futuristischem Gestus daherkommt, sondern gemäß der über Jahrhunderte entstandenen und zugleich dem Zerfall ausgesetzten Stadt als akustische Erinnerungsarbeit mit Klangschichtungen arbeitet. Als Gast war ihm Gitarrist Burkhard Stangl ebenso bei der Hand wie David Sylvian, der auf einer Nummer mit seinem unverkennbaren Gesang vertreten ist. Nun scheiden sich ja die Geister, ob der ehemalige Japan-Sänger nicht seit den Mittachtzigern allzu platt ins Ambient-, wenn nicht sogar New-Age-Terrain gedriftet ist. Das fällt auf seinem Beitrag für ›Venice‹ jedoch nicht störend auf, er wirkt so entrückt wie die von Fennesz eingespielten strudelnden Sounds, die geradezu auratisch mit einer Stimmung von Erhabenheit spielen – wohl wissend, dass dieses Erhabene nur im Flüchtigen zu finden ist. ›Venice‹ wirkt wie mit dem Weichzeichner komponiert, warm, aber keineswegs kitschig, manchmal sogar fast bedrohlich durch jenen Schleier eingespielt, der uns die Dinge nicht mehr greifen lässt und so von ihrem Verschwinden kündet. Fennesz ist damit nicht nur Träumer, sondern Melancholiker, dessen Musik einen morbiden Charme entwickelt, wie ihn die ganze todestrunkene Gothic-Fraktion Material-ästhetisch nie hinbekommen hat. ›Venice‹ klingt ganz ohne Attitüde geradezu gänsehäutig dark.