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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Ich kann eure Ohren sehen

Feist

Keine Bange: Dazu, unsere Ohren zu sehen, ist selbst Leslie Feist nur in der Lage, wenn wir zu ihren Konzerten kommen. Und das will sie mehr als andere. Denn in unheiliger Koalition mit unseren Stereoanlagen machen unsere Gehörorgane mit ihrer Musik unkontrolliert den krassesten Unfug – wie z. B. No
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Keine Bange: Dazu, unsere Ohren zu sehen, ist selbst Leslie Feist nur in der Lage, wenn wir zu ihren Konzerten kommen. Und das will sie mehr als andere. Denn in unheiliger Koalition mit unseren Stereoanlagen machen unsere Gehörorgane mit ihrer Musik unkontrolliert den krassesten Unfug – wie z. B. Norah-Jones-Vergleiche oder sonst was. CDs sind für die Kanadierin deshalb kaum mehr als Promo-Material, um die Hallen vollzukriegen. Die Deutschen machen Druck. Bis einen Tag vor der Promotionreise war Leslie Feist noch feste am Mastern, der Albumtitel kam ihr eine Woche zuvor erst in den Sinn, und vor und nach den Interviews zimmert sie in ihrem Hotelzimmer am Laptop das Artwork zusammen.



Warum alles so auf den letzten Drücker? Ist das deine Arbeitsweise?
Daran sind die Deutschen schuld! Das Label hier ist ganz heiß auf das Album. Und weil sie eben so gut organisiert sind, waren in dieser Woche bereits die ersten Interviews für die “Longlead”-Presse – übrigens die ersten weltweit, die ich zu dem neuen Album gebe.
Aber du hattest immerhin drei Jahre Zeit. Dein letztes Album “Let It Die” erschien 2004.
Moment mal – ich war in der Zwischenzeit rund 33 Monate auf Tour! Und ich finde es ja auch klasse, dass meine Plattenfirma hinterher ist, mein Album vernünftig an den Start zu bringen. Gerade, weil Deutschland bislang nicht mein größter Markt ist. Ich habe großen Respekt vor der harten Arbeit, die da reingesteckt wird. Ich hatte schließlich zwölf Jahre überhaupt kein Label. Ich habe meine Gigs selbst gebucht und gekellnert, um meinen Schlagzeuger zu bezahlen, damit er mich in meinem Auto, das ich mit meinen letzten 600 Dollar gekauft hatte, zu einer Show nach New York fahren konnte. Ich habe ein Soloalbum vor “Let It Die” mit dem Titel “Monarch (Lay Down Your Jeweled Head)” gemacht, davon habe ich in zwei Jahren 3000 Stück verkauft, quasi von der Bühne runter.
Dein neues Album ist wesentlich weniger elektronisch als “Let It Die”. Absicht?
Das kam alleine dadurch, weil diesmal viel mehr Musiker mitspielen. “Let It Die” war ein Experiment, und außer mir waren nur Gonzales und der Produzent Renaud Letang an den Aufnahmen beteiligt. Gonzo spielte so ziemlich alle Instrumente. Damals war er gerade in seiner Vaudeville/Rap/Beatmaking-Phase, ich war Gitarristin und produzierte meine Sachen so Guided-By-Voices-mäßig Lo-Fi selbst. Für das Album trafen wir aber eine Abmachung: Wir machen beide keines der Dinge, die wir sonst machen. Ich spielte also nicht Gitarre, und er verwendete keinen Sampler und keinen Sequencer.
“Let It Die” entstand ohne Sampler und Sequencer?
Auch keine programmierten Beats, alles wurde live gespielt. Nicht unbedingt zwingend auf organischen Instrumenten. Wenn er Drum-Machine-Sounds verwendete, dann spielte er den Beat von der ersten bis zur letzten Sekunde ein. Zu einem Klick natürlich – aber das macht ja jeder “normale” Drummer auch.
Wie verliefen im Unterschied dazu die Aufnahmen zum neuen Album?
Wir mieteten ein Studio in einem alten Gutshaus, etwa eine Stunde außerhalb von Paris. Dort füllten wir einen Raum mit allem, was wir auf Tour mithatten, und dazu noch ein paar Instrumenten, die man normalerweise nicht mitnimmt, wie z. B. ein Vibrafon oder einige alte Farfisa- und Acetone-Orgeln. Es war also keine bewusste Entscheidung, kaum elektronische Instrumente einzusetzen, ich finde sie einfach derzeit nicht so interessant.
Viele deiner Songs, z. B. “Mushaboom” (aktuell im Lacoste-Spot) oder auch die Mocky-Kollabo “Fighting Away The Tears”, haben zweifellos das Zeug zu Klassikern. Trotzdem bist du noch weit davon entfernt, ein weltweiter Millionseller zu sein. Wurmt dich das?
Ich bin sehr glücklich mit der Art und Weise, wie die Dinge aktuell sind. Die Leute kommen zu meinen Konzerten – und das ist letzten Endes der “Lackmustest” für die Songs. Ich kann die Ohren der Menschen sehen, wie sie zuhören. Plattenverkäufe sind nur ein Grund, warum Leute zu Konzerten gehen. Oft sind es aber auch Empfehlungen von Freunden oder ein Artikel in einer Zeitschrift oder einfach generelle Neugier, die einen dazu bringt, ein MP3 einer meiner Songs runterzuladen. Es gibt viele Gründe, warum Leute zu meinen Shows kommen, dafür muss ich nicht monatelang in den Charts sein oder Radio-Hits haben.
Hast du trotzdem irgendwelche kommerziellen Erwartungen bezüglich des neuen Albums?
“Let It Die” hat uns damals alle überrascht, denn es wurde in Kanada mit Platin ausgezeichnet, in Frankreich mit Gold, auch in den USA ging es ganz gut. In Deutschland und UK lief es eher schleppend. Und dennoch kommen auch hier die Menschen, um mich live zu sehen. Die Hallen, in denen wir in z. B. Berlin spielen, haben die gleiche Kapazität wie in Brüssel oder Barcelona. Mir ist das ein Rätsel, vielleicht liegt es an der Download-Kultur hier.
Viele sehen dich – was die Albumverkäufe angeht – potenziell in einer Liga mit Norah Jones oder Katie Melua. Wie empfindest du derartige Vergleiche?
Ich habe schon so viele Vergleiche gehört, quasi jede Sängerin, die du dir vorstellen kannst. Nenn mir einen Namen – er war darunter. Sogar Norah Jones.
Welcher nervt dich am meisten?
Keiner davon. Ich respektiere jeden. Aber es ist einfach unglaublich beliebig. Ein Vergleich sagt doch wesentlich mehr über denjenigen aus, der ihn ausspricht, als über meine Musik. Die Ohren des Hörers verändern einen Song drastischer als jede Modifikation des Arrangements, die ich vornehmen könnte. Aus diesem Grund fühle ich mich befreit von der Sorge, wie mein Album ankommt. Wenn ich glücklich mit einer Rezension bin, fein. Aber nichts davon macht mir gute oder schlechte Laune. Stell dir vor, du hättest dein ganzes Leben nur Kraftwerk gehört. Dann wäre mein Album für dich einfach nur bizarr, und du könntest dir beim besten Willen nicht vorstellen, wie diese Musik zustande gekommen ist.
Was passiert in deinen Ohren, wenn du Musik von anderen hörst?
Spätestens nach zehn Sekunden muss ich die Equalizer-Einstellung ändern, um sie für meine Ohren angenehm zu machen. Ich liebe hohe Mitten. Und Bass mag ich überhaupt nicht. Mich bringt Bass völlig aus dem Konzept. Natürlich nicht bei einer Party oder so. Aber wenn ich mir ein neues Bonnie-Prince-Billy-Album kaufe und ich lege es zu Hause auf, dann vertraue ich der Neutral-Einstellung meiner Anlage nicht, denn die klingt bei jeder Anlage anders. Ich kann also gar nicht wissen, was er sich bei den Aufnahmen vorgestellt hat. Also stell ich es mir so ein, dass ich es am besten genießen kann.
Was bedeutet das für deine eigenen Veröffentlichungen?
Ich wollte beim Mastern unbedingt mehr hohe Mitten haben. Und alle, mit denen ich arbeitete, sagten: “Du musst eine neutralere Einstellung wählen, du kannst den Sound nicht so einschränken.” Das bedeutet: Wenn also jemand sehr viel Bass mag, dann dreht er die Bässe voll rein und hat dann eine ganz andere Interpretation meiner Musik als die, die ich beabsichtigt hatte. Fazit: Die Absicht, mit der ich ein Album aufnehme, ist völlig irrelevant.