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Eine Art von Bleiben

Feine Sahne Fischfilet im Gespräch

Feine Sahne Fischfilet sind in vielen Augen wohl immer noch die Band, die der Verfassungsschutz gepusht hat. Weil dieser zwar auf dem rechten Auge blind ist, aber das andere nervös zuckend auf die »linksextremen« Texte von Sänger Monchi und die Gang richtete. Doch auch jenseits dieses Behörden-Irrsinns haben sie bleibende Aufmerksamkeit verdient: für faustdicke Dellen in den Stammtischen, für direkte Ansagen und für ihr neues Album »Bleiben oder gehen«. Miriam Mentz besuchte die Band für uns im schönen Mecklenburg-Vorpommern.
Geschrieben am

Interview:
Miriam Mentz

Man könnte meinen, schon mit dem Titel dieser »Home Story« wäre der Spoiler gesetzt: Feine Sahne Fischfilet sind geblieben. Nicht unmittelbar in ihren Heimatorten Demmin, Jarmen, Wismar oder Hanshagen, aber in Greifswald und Rostock, also in Mecklenburg-Vorpommern. Genau da treffen wir uns, um über ihr neues Album zu sprechen und uns von ihnen ihre Heimat zeigen zu lassen. 

Um uns nach der Fotosession einen Ausgang vom Grundstück zu verschaffen, fällt an diesem leergeregneten Nachmittag der Bauzaun vor der Frontseite des ehemaligen Kulturhauses Deutsch-Sowjetische-Freundschaft um, nachdem Sänger Monchi ihm kurzerhand einen Stoß versetzt hat. Da das Passanten-Aufkommen heute gen null tendiert, bleibt dieser Moment erwartungsgemäß ungesehen. Aber dennoch ist er symbolisch wundervoll passend: Endlich mal wieder eine Band, die krachend mit Türen in Häuser fällt – oder eben mit Zäunen in Wiesen. Eine Haltung, mit der Feine Sahne Fischfilet sich in den letzten zwei Jahren eine breite Hörerschaft erobern konnten. Die ihnen jedoch bereits zum dritten Mal in Folge auch die unerwünschte Aufmerksamkeit des Verfassungsschutzes eingebracht hat. Egal. Oder vielmehr: gut so. Feine Sahne Fischfilet bleiben der Beweis dafür, dass gelebte Ideale und herzliche Konfrontation auch musikalisch vereint richtig guttun können.
Das Kulturhaus hinter dem gekippten Bauzaun steht in Zinnowitz, einer Gemeinde auf der Insel Usedom. »Wir haben hier vor allem im Sommer immer viel Zeit verbracht, weil das Kulturhaus auf dem Weg zum Strand liegt«, erzählt Sänger Monchi. »Zinnowitz ist ein klassischer Strandort, in dem alles neu renoviert und auf Touristik ausgerichtet wurde. Wenn man an verregneten Tagen wie heute durchfährt, ist kein Mensch auf den Straßen.« Na ja, fast alles wurde renoviert. Das schöne Kulturhaus offensichtlich nicht. Es steht da wie einst zurückgelassen, nach der Wende geplündert und dann dem Verfall überlassen. Umso mehr glänzen die kleinen Verkaufsbuden, die sich auf dem Weg zum Strand aneinanderreihen und wohl eher im Sommer geöffnet sind. Im Kulturhaus passiert derweil nichts mehr, außer gelegentlichen illegalen Partys, für die sich die Kulisse mit dem verlassenen Theatersaal geradezu aufdrängt. Hier findet unser Fotoshooting statt. Jenseits des Abgeranzt-ist-immer-gut-Arguments passt dieser Ort bestens zu ebendieser Band, die nicht bei erster Gelegenheit in eine der großen Städte gezogen ist, sondern lieber vor und im Ort an den Dingen rüttelt.

Das Thema des Weggehens ist dennoch allgegenwärtig. »Du musst nur mal auf uns als Band gucken. Jeder von uns kann dir da ein Dutzend Geschichten erzählen. Gute Freunde gehen, oder jemand aus der Familie. Man kann das verstehen. Viele finden einfach keinen Job. Wie soll man da überleben? Meist hat das Wegziehen gar nichts damit zu tun, dass diese Leute hier nicht mehr wohnen wollen. Im Gegenteil: Es ist schön hier. Du hast den Strand vor der Haustür. Es gibt auf jeden Fall beschissenere Ecken als diese.« 

Dennoch gibt es während der anschließenden Autofahrt viel zu erzählen von Dingen, die hier schieflaufen und eben doch recht beschissen sind. Ein Flüchtlingsheim in der Nachbarschaft, das keiner haben möchte. Die NPD, die oftmals schlichtweg die beste Vernetzungsarbeit in den Orten leistet und omnipräsent ist. Ein neuer Kindergärtner mit Migrationshintergrund im Nachbarort, der lange misstrauisch beäugt wurde. Und dann gibt es da den Ort Demmin, wo der Bürgermeister noch vor wenigen Jahren die Bewohner anhielt, die Fenster zu verschließen, wenn die Nazis an jedem 8. Mai durch die Straßen marschierten – statt sich ihnen in den Weg zu stellen. 

Aber es verändert sich eben auch etwas. So erzählt Monchi: »In Demmin hat sich das Bündnis Demmin-Nazifrei gegründet. Das organisiert jetzt die Proteste. So was kann nur entstehen, wenn es von Leuten kommt, die sich für das Bleiben und das Kämpfen entschieden haben. Du musst Verbindungen haben, die Leute kennen, die du auf deine Seite bringen willst. Es ist eben ein Unterschied%