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Handbuch für die Welt

Fehlfarben

Peter Heins nicht verstummen wollende Stimme ist einsam geworden, und die neue Fehlfarben-Platte bemüht sich als Erste in einer Reihe von halbgaren Spätwerken darum, dass man/frau ihr das auch anhört, jedenfalls in einigen Momenten, meist in den Liedanfängen, bevor die Musik dann doch wieder zuzieht
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Peter Heins nicht verstummen wollende Stimme ist einsam geworden, und die neue Fehlfarben-Platte bemüht sich als Erste in einer Reihe von halbgaren Spätwerken darum, dass man/frau ihr das auch anhört, jedenfalls in einigen Momenten, meist in den Liedanfängen, bevor die Musik dann doch wieder zuzieht (wenngleich über weite Strecken ohne den Hang zu Schnickschnack und Geplauder wie auf „Knietief im Dispo“). Trotz des Bemühens um Gegenwärtigkeit (die in den schlechten Momenten Tagespresse bleibt) ist gerade diese Einsamkeit das Berührende an „Handbuch für die Welt“ und das Handbuch natürlich ein mürrisches Tagebuch, auch wenn es sich darum bemüht, ein Blog sein zu wollen. Entsprechend wimmelt es von textlichen Bildern und musikalischen Schraffuren einer Verlorenheit in der grauschleierhaften Gegenwart, die sich immer noch genauso falsch anfühlt wie vor 27,5 Jahren, der aber kein jugendkultureller Bewegungsdrang mehr entgegengesetzt werden kann. Entsprechend ist die Textarchitektur von „Wir“ und „Ihr“, die Hein einmal so perfekt beherrscht hatte, dass er tatsächlich zur Sprecherfigur der dissidenten Jugend verklärt werden konnte, um sich tastenden und beinahe scheuen Ich-Botschaften gewichen. „Wir“ ist nur noch als Erinnerungsfragment zu haben, und das einzige Pop-Stomper-Wir der Platte – „We do wie du“ – stammt von einer legendären (und übrigens unlängst zwingend wieder veröffentlichten) Sixties-Pop-Anomalie namens The Monks. Die selbstbewussten Programmsätze der ersten Fehlfarben-Single „Ihr kommt nicht mit mit unseren Änd’rungen“ waren als ohrfeigenförmige Behauptungen über die Welt ja aus der Fülle und dem scheinbar unablässigen Strom jener Änderungen seit dem Erscheinen von Punk geschöpft worden, die damals Band-Konstellationen wie die Fehlfarben (um den The-Jam-Fan Peter Hein und den Chic-Fan Thomas Schwebel, um nur einen der vielen bandimmanenten Scheinwidersprüche zu nennen) erst möglich gemacht hatten. Aber was soll eine Band, die die Änderungen von Pop nicht nur im besten Teeniemagazin-Sinne repräsentierte, sondern zugleich kommentierte, parodierte und dabei immer wieder umänderte, in einer Zeit, in der Pop eher das Versprechen zu enthalten scheint, dass sich trotz tagesgeschäftigem Dauerbeschuss’ mit Änderung substanziell nichts mehr ändern wird? – Sie kann zum Beispiel singen: „Beherrscht vom Zwang zur Zukunft / Fehlt nur die Gegenwart / Und die ist voller Menschen / Die man schon vergessen hat.“ Das mag nach folgenlosem Christiansen-Eingangs-Statement klingen, nur meint Hein sich hier eben auch irgendwie selbst (und nicht nur „die Unterschicht“). Denn in all dem Bedeutungszinnober und all dem Würdigungsfirlefanz um die Fehlfarben sind die ja recht eigentlich vergessen (bzw. in die deutsche Popgeschichte entsorgt) worden (vergleiche hierzu auch: Ton Steine Scherben oder diverse Bob-Dylan-Kongresse). Insofern bleibt ihnen nur übrig, sich überhaupt erst mal an sich selbst zu erinnern, also an das, was sie einmal bedeutet hatten – der Britpop-Anfang von „Am Ende ist das Meer“ (Britpop im Sinne von The Wedding Present etc.) aktualisiert zum Beispiel noch einmal, was die Fehlfarben mal wichtig sein ließ: nämlich als deutsche Band undeutsch zu spielen. Und das ist nach dem eher unappetitlichen Deutschpop-Kader-Gang-Bang des Dieter-Gorny-Pornos „26 ½“ doch irgendwie eine sympathische Richtungsänderung.