×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Tourtagebuch von Smudo

Fear And Loathing In Las Vegas

"Fear And Loathing In Las Vegas", geschrieben von Hunter S. Thompson, dürfte jedem bekannt sein. Erst kürzlich wurde das Werk in die Bibliothek der Weltklassiker aufgenommen. Smudo (Four Music / Die Fantastischen Vier), Martin Semmelrogge (zwielichtiger Schauspieler: u. a. Das Boot, Der Alte, Derric
Geschrieben am

Autor: Smudo

"Fear And Loathing In Las Vegas", geschrieben von Hunter S. Thompson, dürfte jedem bekannt sein. Erst kürzlich wurde das Werk in die Bibliothek der Weltklassiker aufgenommen. Smudo (Four Music / Die Fantastischen Vier), Martin Semmelrogge (zwielichtiger Schauspieler: u. a. Das Boot, Der Alte, Derrick) und Günter Amendt (Spezialist für Sex, Drugs & Rock'n'Roll, u.a. Sexfront-Das Sex Buch, Ecstasy und Co-Alles über Partydrogen, Reunion Sundown-Bob Dylan in Europa) haben sich zusammengetan und das Werk als Hörbuch aufgenommen. Aber nicht nur das: zur Zeit befindet sich das Trio auf Lesereise, um den Tonträger auch live zu präsentieren. Inwiefern Smudo, Semmelrogge und Amendt sich vom Lesestoff inspirieren lassen - wir werden es als erste erfahren, denn Smudo wird täglich neue Seiten des Tourtagebuchs verfassen. Books & Drugs & Rock'n'Roll.

Donnerstag 13.12.2001

Nach elf Stunden durchschlafen wache ich auf und spüre Halsschmerzen. Hab ich die Tourgrippe jetzt durch Schlafentzug verdrängt oder was ? Ist die jetzt erst im Anmarsch weil ich lange genug gelegen habe ? Mist. Mein starker Wille wird sie abwenden. Ich bin gesund, ich bin gesund, ich bin gesund, ich bin gesund.

Am Bahnsteig finde ich Bernd Riebutsch, Geschäftsführer von Crossfade; das ist die Firma die unsere MTV Unplugged DVD zu Wege brachte, Fachjargon: ge-"authored" haben. Bernd und ich müssen uns so italienisch im Zug treffen weil er von der kurzentschlossenen Warner Bros unsere "Was Geht"-Doku zur DVD-Umsetzung zugeschanzt bekam, und da ich in solchen Sachen für die Fantas tätig, aber auch chronisch vielbeschäftigt bin, finden wir im Zug drei Stunden Zeit die Details zu bequatschen.






Zürich empfängt uns mit extremen Alpenwetter. Weit unter null, eisiger Wind, dichtes Schneegestöber. Nach Check-In im Hotel verabreden wir uns für die spätere gemeinsame Abfahrt mit Tourbegleiter Enzo zur Roten Fabrik, traditionelle HipHop-Location, wo wir heute abend lesen sollen.









Zeit genug durch die Stadt zu bibbern und mir den grandiosen Morand-Williams-Schnaps zu besorgen, der bei uns urst-teuer, in Zürich aber an jeder Spirituosen-Ecke zu bekommen ist. Dann hau ich mir den US-Flash rein: Café Caramel Macciato Grandé plus laue Zimtrolle im Starbucks. Anschließend habe ich um die Ecke noch einen exzellenten Videospielimporteuer aufgetan der mir tatsächlich günstig eine NTSC-Version des preisgekrönten N64-Paper-Mario besorgen wird. Die Kollegen in Hamburg drücken sich vor solchen Jobs. Bin schwer in Urlaubsstimmung.




Abfahrt vom Hotel. Ich bin immer gern in Zürich. Die Leute sind nett und hilfsbereit, die Gage stimmt, das Essen ist lecker, die Stadt ist schön, aber heute wurde mein Verhältnis zu den Helveten stark erschüttert. Vor allem was die Flexibilität im Umgang mit ihrer alpinen Umgebung angeht. Da erlahmt doch tatsächlich der gesamte Innenstadtverkehr nur wegen eines kleinen Wetterstürzchens. Die Züricher benehmen sich wie ein wirres tropisches Inselvolk welches nach hunderten von Jahren zum ersten Mal Schnee sieht und verlieren jede Fähigkeit ein Auto zu fahren. Ampeln fallen aus, Autos rutschen auf den Bürgersteig bzw ineinander, Kupplungen und Automatikgetriebe schlagen Flammen, Chaos, Panik, Wahnsinn. Wir brauchen für die auf fünf Minuten geschätzte Fahrt zur Fabrik satte anderthalb Stunden und schaffen es gerade rechtzeitig zum Soundcheck. Der geschätzte Kollege Semmelrogge ist so Autojeck, dass er unbedingt mit dem Mietwagen kommen wollte (aus bundesdeutsch-verkehrserzieherischen Gründen ist es ihm in Deutschland nicht, in der Schweiz aber sehr wohl gestattet ein Automobil zu bewegen). Er grinst nicht schlecht, als wir sprachlos feststellen dürfen, daß er für die gleiche Strecke fünfzehn Minuten brauchte, weil er auf die eine oder andere verkehrsführende Regel wie Einbahnstraße oder Gehwegbegrenzung verzichtete. Nach der Lesung genau das gleiche mit der Fahrt zum Restaurant in daß wir vom ortsansässigem Verlag der unser Hörbuch veröffentlicht (www.keinundaber.ch) eingeladen wurden. Wir erreichen zwei Minuten vor Küchenschließung den Laden und Semmelrogges wischen sich den Mund nach dem Dessert. Ich bin milde gestimmt, habe ich mir doch den Bauch schon beim örtlichen Catering vollgeschlagen. Die Stimmung ist trotzdem überschwenglich. Die Tour ist zuende. Alle sind glücklich und sogar meine Grippendrohung ist verschwunden. Wir fassen gemeinsam ins Auge u.u. eine Nachfolgetour zu machen. Mal schauen wies wird. Ich muß morgen noch kurz nach Hamburg und dann nach Köln und lese auf EinsLive noch ein paar Kapitel, dann ist aber endgültig Feierabend für dieses Jahr.

Mittwoch 12.12.2001

Nachdem ich gestern nicht mehr um eine Ecke denken konnte, schloss ich mich einer Freundin an, um bei ihr zu übernachten. Da sie allerdings seit meinem letzten Besuch umgezogen ist und ich mich nicht mehr erinnern kann wo es da gestern von der Bar aus noch langging und sie schon Stunden vor mir zur Arbeit mußte, wache ich also in einer mir unbekannten Wohnung auf und fühle mich wie Raoul Duke als er von Vegas nach Denver fliegt und dort bei Landung aufwacht. Günter liest dann immer "ich schaute aus dem Fenster und sah die Rocky Mountains. Was mache ich hier ? Ich verstand es nicht". Planlos und mit heftigem Kopfschmerz taste ich mich aus dem Haus auf die Straße und weiß nicht wohin. In Kesselstuttgart ist talwärts eigentlich immer eine gute Idee und nach ein paar Strassen weiß ich Bescheid.

Ich nehm ein Taxi und fahr raus nach Gerlingen zu meiner Familie und lasse mich von meinem Bruder zum SmartCenter Leonberg fahren um mein Four-Geschäftsauto fürs kommende Jahr abzuholen. Dafür dass ich eigentlich noch besoffen bin, mache ich glaube ich eine ganz gute Figur. Dann zurück nach Hause und noch ein bißchen Familienkaffee trinken und Kater Paule liebkosen.






Der Interregio ist in lauschigen dreißig Minuten in Karlsruhe wo mich mein Lieblingsschild am Eingang empfängt: Ausverkauft. Gegen Ende der Tour klappt das immer besser mit der Auslastung. Schön.










Ich reserviere eine Reihe Plätze für meine Labelkumpels und den beiden Bankkollegen Michi und Andy.


Die Karlsruher empfangen uns derart euphorisch, daß sich Martin vor lauter Mitlachen heillos im ersten Absatz verheddert. Die Stimmung ist exzellent, die Kollegen schütteln begeistert unsere Hände. Den Abend haben wir als Erinnerung auf Minidisc mitlaufen lassen. Anschließend gehe ich auf der Stelle ins Bett und schlafe durch. Satte elf Stunden. Toll.



Dienstag 11.12.2001

Raus aus dem Hotelzimmer und zu Fuß zum Bahnhof. Durch den Schnee. Ich muß Mittags in Stuttgart sein, weil ich in unserem Hauptquartier - dem Medienhaus in Heßlach - eine Menge Meetings habe.











Überraschung: Mein Bruder und meine Mutter holen mich vom Bahnhof ab, obwohl das gar nicht nötig war. Mutter möchte gleich Schmutzwäsche mitnehmen und waschen, wofür ich ihr sehr dankbar bin. Die Wäschelogistik auf so einer Tour ist nie einfach. Wir gehen gemeinsam ins Medienhaus und trinken erstmal ein Käffchen zusammen.










Dann ausführliches Treffen mit unserem Anwalt und Vermögensverwalter auf der Etage unseres Labels, welches selbstverständlich die Vierte ist. Er verschafft uns einen Überblick über das letzte Jahr und einen Ausblick auf das kommende. Die Stimmung ist ausgelassen. wir haben uns alle länger nicht mehr gesehen und freuen uns aneinander. Danach stundenlanges Diskutieren und natürlich auch Streiten über die Philosophie, den technischen logistischen Ablauf und den musikalischen Arbeitsweisen des kommenden Fanta-Albums, welches wir nächstes Jahr machen wollen. Wir hoffen, daß wir 2003 damit rauskommen. An alle die sich das jetzt fragen: Der Albumtitel ist das allerletze über das man sich zu diesem Zeitpunkt Gedanken macht. Vielmehr tauschen wir uns aus, über die Themen die wir so im Kopf haben, was unsere Erwartung voneinander ist und welche persönlichen Ängste und Hoffnungen und Pläne jeder einzelne von der gemeinsamen kreativen Arbeit erwartet. Und danach Treffen mit unseren Stammmusikern, die natürlich auch Bescheid wissen müssen damit sie nicht zufällig wieder mit anderen Nieten auf Tour gehen, wenn sie eigentlich bei den Genies zu zupfen haben. Höhöhö.

Direkt vom Medienhaus zum Soundcheck. Bevor ich gehe, fotografiere ich noch das behämmerteste Schreiben welches unser Label jemals erreichte. Natürlich kommen neben den üblichen Demo-CD-Bewerbungen junger Bands auch ganz andere Sachen rein. Weil der vorliegende Brief so irre ist, wurde er eingerahmt und in den Flur gehängt. Zur Erklärung: in dem Brief wird von "Nas" gesprochen und ein Herr Herre wird erwähnt. Wir hatten mal einen Fanta-4-Remix von einem Nas-Titel gehabt und Herr Herre ist Max, Frontmann des Four-Acts "Freundeskreis". Beide Begriffe werden in dem Brief vollkommen zusammenhangslos verwendet:



"Ich will bezahlt werden und da ich jetzt nicht zu Four Music gehöre sind daß 200.000 DM.
35.000 Nas
150.000,- Hilfe für den Aufbau des Labels
75.000,- für weitere Texte.
------------
200.000,- DM

Sie können das Geld bis zum 15.12.99 auf mein Konto überweisen. Der Herr Herre schuldet mir 80.000 DM die bis zum oben genannten Termin auf mein Konto überwiesen worden für weitere zusammenarbeiten können Sie in mein Zuhause. Sollte der Termin nicht eingehalten werden, werde ich meine Faust einschalten und beauftragen Sie zur Bezahlung meiner Gage zu bewegen.
Mit freundlichen Grüßen
Euer Nick
als Verwendungszweck nehmt euren Namen"
Unnötig zu erwähnen daß die genannten Summen falsch zusammengerechnet sind und daß der Absender natürlich auch keine Texte für Four-Künstler schreibt. Wahnsinn.

Das Theaterhaus ist ein großer Stuttgarter Klassiker. Wir lesen noch im alten Gebäude. Der Laden ist nämlich im Begriff umzuziehen. Anschließend findet die Four-Music Weihnachtsfeier statt; unser bandeigenes Label läßt bitten. Wie charmant: fast alle unsere Signings sind da. Die frischgebackenen Silly Walks aus Hamburg, Clueso aus Köln, Blumentopf aus München, Gentleman, Freundeskreis, uswusw. Ein Riesenhallo. Selbst der partyscheue Semmelrogge hält lange durch. Ich wollte ja zuerst auch nur kurz treten, aber die Vibes packen mich und ich tanze und trinke Bier und Sambuca abwechselnd. Hurra. Torkel als vorletzter aus dem Laden.



Montag 10.12.2001

Sechs Stunden Bahnfahrt nach München. Ich schaue mit wehem Herzen und Curtis Mayfield auf den Ohren über den Rhein und werde von heftigem Heimweh geplagt. Nuntja, was will man machen. Es findet sich wenigstens Zeit die in Verzug geratenen Tagebücher der letzten drei Tage niederzuschreiben und eine Mütze Schlaf nachzuholen.







Der Trödelzug hat an der Rheinlinie derartig viel Zeit liegengelassen, daß wir einen späten Umsteigezug aus Mannheim nehmen müssen um fünf Minuten vor Einlaß noch zu einem Blitzsoundcheck kommen. Medientermine und Meet´n´Greet mit div. Gästen und schon gehts auch los mit Lesen.










Wir fanden im Rahmen des sog. Tollwood-Festivals statt. Eine Art herbstlicher Intelligenzija-Rummel mit Koscher-Fallafel- und Kristall-Ständen, natürlich bajuwarisch durchsetzt mit Bier und Leberkäse, und eben vielen kleinen Veranstaltungszeltchen in denen u.a. Lesungen stattfinden. Auf heiligem Boden Flachländer: Der Theresienwiese.

So furztrocken wie das Publikum hier war, hätte ich mir gerne den einen oder anderen der schlechten Backstagerotweine gewünscht. Woran liegt das bloß? München ist ja bekannt, schrecklich poppermäßig drauf zu sein, womöglich macht man hier keinen auf Partylaune wenn man auf eine Lesung geht, sondern benimmt sich eben entsprechend hochgeschlossen. Vielleicht versteht man die in Fear-And-Loathing geschilderten Flashes auch nicht, weil man ja schon für den Gedanken an Marihuana nach Dachau kommt....hab ich gehört.

Als ich von allen meinen Bekannten des Abends im Stich gelassen wurde, bin ich unrasiert und fern der Heimat alleine die Leopoldsstraße langgetorkelt auf der Suche nach einer Bar zum Gedanken treiben lassen. Dabei fand ich neben den Handarbeitsladen von Sarah Conner (siehe Paderborn) - "Kunst und Spiele". In der ausladenden Auslage liegen die gruseligsten Sachen: Porzellanpuppen, kreatives mit Krepppapier, Mobiles, Windspiele. Ich erschaudere.

Das Bargesuch war erwartet schwierig. Entweder kommt man mit Turnschuhen nicht rein oder der Laden sieht aus wie eine Pinte auf Mallorca oder ein Puff mit Thai-Ambiente, d.h. Schirmchen im Cocktail, Bambusinterieur und Schnauzbarträger. Finde einen Laden der so mittelmäßig ist, leer genug, um nicht zugeschwallert zu werden von Leuten die einen erkennen und voll genug, nicht total einsam auf Melancholie-Horror zu kommen. Und wahrhaftig. Der Margeritha ist exzellent. Als ich letztes Jahr tatsächlich in Vegas war, habe ich mich von Margerithas ernährt, und wie so mein Blick durch die seltsame Bar schweift und die hochgeschlagenen Polohemdkragen an den Poppern und schickgemachten Teeniepärchen entlanggleitet und die Plastikpalmen in der Ecke sieht, da wird mir urplötzlich klar, warum das Publikum auf der Lesung so verschnupft war: wir haben Eulen nach Athen getragen. Eine USA-Lesung würde natürlich nicht nach Vegas kommen. Das Buch findet in einem Kunst-Plastik-Setting statt, der Rausch ist überzogen und die textliche Darstellung sachlich. Das macht das Buch lustig. Wenn man aber in einer solchen Poser-Umgebung lebt, dann ist das vermutlich nur halb so witzig. Armes Monaco. Mir geht es wie Dr.Gonzo auf dem Drogenkongress. Der brüllte "Ich muß hier RAUS - ich gehör hier NICHT HIN".

Sonntag 9.12.2001

Aufgewacht im eigenen Bett. Den Wecker auf halb Zehn. Übermüdet, aber gespannt, weil ich ins Theater eingeladen bin, um 11:00 Uhr morgens! Butzko spielt im Rahmen der sog. Brettlspitzen im Kölner Theater am Dom. Auf dem Weg dorthin mache ich Halt in einer der miserablen Merzenich-Bäckereien. Die Kölner sind mir ja sympathisch, aber nirgendwo sind die Bäckereien so trostlos wie hier und eine liebe Oma-Klause wo es alles gibt ist mir in meiner Nachbarschaft nicht bekannt. Nur trockene Brötchen und Salamisemmeln. Kaum Süßkram und erst recht nix Überbackenes oder anderer Warm-Macher- Schnickschnack. Also nehme ich Zimtsterne, Martinsmännchen und sehr mäßigen Milchkaffee zu mir.


Im Theater geniert sich Butzko, dass soviele Alte da sind. Die Brettlspitzen haben jahrzehntelange Tradition und der Laden ist zu zwei Dritteln mit Stammpublikum gefüllt. Der Conferencier entschuldigt das auf der Bühne aufgebaute Krankenzimmer mit den Worten, dass hier zur Zeit ein Stück im Hospital-Mileu aufgeführt würde. Mir gefällt der bessere Gedanke; dass das Bett zur Schaffung einer heimeligen Atmosphäre für die Achtzigjährigen herhalten muss. Das Programm ist leider sehr mäßig, allerdings ist Butzko wirklich großartig. Von harmlosen Kindheitsgeschichten geht er schon nach dem ersten Drittel seines Stand-Ups komplett auf Hardcore-Altenwitze. Das weißhaarige Publikum, laut Butzko der "Silbersee", lacht sich scheckig. Die Leute haben also mit den Jahren auch einen sehr guten Humor angesammelt. Das versöhnt mich mit der Restaufführung und der öden rheinischen Bäckereilandschaft.


Anschließend gehen wir ins Früh und hauen uns Brauhausfood rein. Butzko muß dringend auf den Zug zum Schalke-Spiel und mahnt den Ober zur Eile, der beflissen versichert, dass das schon hinhauen werde. Resultat: Alle sind schon fast fertig mit Spachteln während der Comedymeister noch immer auf seine Speisung wartet. Zug verpaßt. Ich schieße ein Bild von seinem Gesicht in dem sich, Enttäuschung, Hoffnung, Hunger, Futterneid und Humor vermählt.






Im nahen Wuppertal sind wir zum ersten Mal ausverkauft. Die Lesung findet in einem Kino statt, was viele Vorteile mit sich bringt. Die Sessel sind bequem, die Sicht ist gut und die Klimatisierung stimmt auch. Außerdem hat der lokale Veranstalter sich noch den Kinofilm besorgt und führt ihn im Anschluß vor, was sehr gemütlich rüberkommt. So im direkten Vergleich merkt man deutlich, dass der Film starke Schwächen gegenüber dem Buch hat.

Außnahmsweise ziehe ich mal an der Lulle und bin sofort breit wie eine Haubitze. Kurzes Bierchen, super. Film ansehen, hahaha. Nochn Bier, mmmh lecker. Noch vor Ende des Streifens raus aus dem Kino. Schock: durch die Kinopassage zieht sich eine frische, unübersehbare Blutspur. Ich bin völlig aus dem Häuschen und folge der Spur, male mir aus, wie ein Angestochener um die Ecke in seinem Blut liegt und gehe im Geiste die Sofortmaßnahmen durch. Habe ich was zum Blutstillen dabei? Hm, mein Autoren-Rolli im Rucksack würde gehen. Telefon dabei wegen Notruf? Mir stehen die Haare zu Berge ob meiner stark erhöhten Vorstellungskraft. Die Spur wird immer frischer, schlängelt sich durch die Passage um zwei Ecken und endet an der Tür einer mittlerweile geschlossenen Polizeiwache. Entwarnung. Ich kann wieder runterkommen. Der ist an die richtige Adresse gekommen.

Auf der Stelle zum BurgerKing gegangen und genau das richtige Essen zur Rauchware eingeworfen. Hühnerflügelchen mit Senfsauce und ColaLight. Man kann es nicht anders beschreiben: ein Gedicht. Dann noch mit Freunden zwei Schlummerbierchen und zack ins Bett. Morgen gehts auf Sechs-Stunden-Bahnfahrt nach München.







Samstag 8.12.2001

Am Bahnsteig in Köln gehe ich mit einer Gruppe sechzehnjähriger Dortmund-Fans, jeder mit einer Palette Bier auf dem Arm aufs Gleis, wo wir sogleich mit HSV-Gesang empfangen werden. Nach der populären Melodie "Von den blauen Bergen kommen wir" schallt es "Viele Fans keine Stimmung BvB" über die Gleise. Die Dortmunder kontern mit "HIV, HIV...". Ich lache, weil ich mir vorstelle wie bei den kommenden Fanta-Konzerten die Zuschauer sich per Schlachtengesang zu ihrem jeweiligen Lieblings-Fantie bekennen. "Viele Fans, keine Stimmung Thomas Deeeee" - hahahaha.

Auf dem Rest der Bahnfahrt gibts allerdings nichts mehr zu lachen. Der Interregio nach Dortmund ist natürlich anläßlich des Spieles überfüllt mit gröhlenden, trinkenden und scharf riechenden Fußballfans und genervten Ostwestfalen. Wenns nicht gerade "Ole. Oleeeee" ruft, dann murmelt es ständig "so eine Unverschämtheit, Mistbahn usw". Ich stehe geschlagene anderthalb Stunden neben einer sitzenden Reisegruppe aus zwei Pärchen von jeweils Anfang zwanzig, die sich ununterbrochen vollkommen enervierend über belanglosen Scheiß unterhalten. Eine Nichtigkeit jagt die andere. "Also ich hab Kontaktlinsen ja lieber als ne Brille", "also ich ich hab da immer Schwierigkeiten mit", "echt", "ja", "ist ja auch Geschmacksache", "jaja, die Geschmäcker sind nun mal verschieden", "ja, Gottseidank". Die Beine schmerzen unerträglich wegen des gestrigen Laufprogramms, der Kopf pulsiert wegen des verdammten Sambucas vom Vorabend, und dann muß ich mir noch diesen Mist anhören. Ein seltsamer eiskalter Stoizismus macht sich in mir breit und erfüllt mich. Ich stehe reglos die Zeit ab bis ich endlich in Dortmund in den Zug nach Köln umsteige.

Dort lenken mich meine Schritte nach Ehrenfeld wo ich eine Zweit- wohnung habe, allerdings nur noch für zwei Wochen. Ich brauche Licht und möchte ins Sonnenstudio "Bratpfanne" gehen. Muss ein Hannoveraner sein, der sich diesen Namen ausgedacht hat. Klingt wie eine Kneipe namens "zur schrumpfenden Leber" oder "Tabakwaren Lungenkrebs". Ich staune, als ich wegen Überfüllung nicht sofort sonnenbaden kann. Der Name scheint alles andere als abstoßend zu sein.




Dann in die Wohnung und ein Blitzschläfchen einlegen. Der gestrige Nachmittag, der Abend und die Horrorbahnfahrt haben mich in der Summe schwer angeschlagen. Aahhh. Es geht nichts über das eigene Bett. Ich schlafe wie ein Stein bis kurz vor Einlaß in der Live Music Hall.








Weil meine Bude nur wenige hundert Meter von der Location entfernt ist, gehe ich direkt aus dem Bett dorthin und bin überpünktlich und bestens gelaunt. Die Stimmung steigt noch mehr als mir Frank Barlage seine Facharbeit über das Thema "Die Fantastischen Vier Unplugged" überreicht. Ich traf ihn vor einem Jahr und er studiert irgendwas mit Studiotechnik oder so. Es schmeichelt mir, dass er in unserem technisch-kreativen Aufwand des damaligen Konzertabends das Potenzial für eine wissentschaftliche Arbeit sieht.




Martin hat heute außerdem Geburtstag. Sein Sohn Dustin kommt vorbei und schenkt ihm ein grünes Herz, daß aus gepreßtem Gras besteht. Wie süß. Passend zum Kraut trinkt er grünen Tee vor der Show. Ich fotografiere den glücklichen Vater in unserem Backstageraum nachdem auch ich herzlich gratulierte.

Nach der Lesung bin ich sofort wieder nach Hause um zu schlafen, bleibe aber doch am Dreamcast-Headhunter hängen bis halb drei.




Freitag 7.12.2001

Paderborn. Bischofsstadt. Das merke ich sofort am "Rheinischen Merkur" auf dem Hotelzimmertisch. Aber das weiß ich auch noch weil ich hier zur Schule ging. Erste bis dritte Klasse. Jeden Morgen beten, Mittags beten, ausführlichster Kommunionsunterricht und gefühlten fünf Wochenstunden Religion.

Ich entscheide mich für ein Wellnessprogramm und werfe mich in den Jogging-Anzug während auf Viva dieses ziemlich beschissene "from Sarah with love" läuft. Ich finde nichts gruseliger als englischsprachige Popsongs von Leuten die nicht richtig englisch können. Ob das Dictionary-Englisch- Songs sind wie von "Fury In The Slaughterhouse" oder so Ultraschrott wie "Liquido". Fräulein Connor möchte singen, dass sie ihrem Verflossenem einen Brief zukommen läßt um sein verlorenes Herz wieder zu gewinnen, betont das aber so dermaßen ich-kann-kein-englisch-muss- aber-so-overacten-dass-es-klingt-als-könne-ich-es-mäßig, dass sie tatsächlich eine Leiter versendet. Hoffentlich eine 20 Meter lange ausziehbare Aluleiter. Doofe Kuh. Sicher Handarbeitsfan, die gerne mit Holz arbeitet und in die Erde menstruiert.

Ich jogge auf der sog. Kaiser-Route von Paderborn ins fünf Kilometer entfernte Schloß Neuhaus, wo ich als Kind einige Jahre verbrachte. Leider mit dem schlimmen Leiter-Lied als Ohrwurm. Dabei laufe ich an einem Spielplatz vorbei, wo ich eine wundervolle Entdeckung machte. Hier hat ein Streetkid mit goldener Farbe "Suck My Dig" hingesprüht. Ich schieße ein HipHop-Bild mit dem "Westside"-Zeichen, was in diesem Fall natürlich für Westfalen steht. Wollte er "Suck My Dick", also "saug..." oder freier übersetzt "lutsch mein Gemächt" schreiben? Oder hat die britische Besatzung ausreichend Englisch ins ostwestfälische Volk gebracht, dass es womöglich Absicht ist, "lutsch meine Ausgrabung" zu schreiben. Ausgrabung vielleicht im Sinne von Schatz, also liebenswertes Stück. Eine wie ich finde nicht uncharmante Aufforderung zum Fellatio. Die Welt ist voller Poesie.

In Neuhaus angekommen fotografiere ich mich vor meinem alten Elternhaus. Dabei werde ich natürlich krumm von Mittelstandsspießern geduzt und nach dem Namen gefragt, weil sie wohl vermuten, dass ich ihre Nachbarschaft ausspähe. Ich entgegne, dass ich hier früher mal wohnte, im übrigen gerne gesiezt werden möchte und dass ihn mein Name überhaupt nichts angeht, auf Wiedersehen. Weiterjoggen zur Kommunionskirche, Yps-Kiosk und Grundschule St. Josef. Nach neunzig Minuten bin ich vollkommen hinüber und fahre mit dem Taxi zurück ins Hotel. In einer geraden Linie in die Sauna und dort komplett fertiggemacht.




Nach langem Suchen finde ich in der Innenstadt an der alten Synagoge eine Sushibar. Der ebenso leibes- volle wie sympathische Sushi-Meister Hakan erkennt mich und läßt zu meinen Ehren einen springen. Bastelt ständig exotische Gunko Makis und Sushi-Rollen, die ich alle probiere bis ich nicht mehr kann. Ich werde ihn dem Sushi-Fan Semmelrogge empfehlen und vereinbare einen Liefertermin auf nach die Lesung, den er gerne mit seiner Gattin durchführen wird.

In der Paderborner Uni versammeln sich über fünfhundert Studenten im Audimax, die alle in allerbester Bierlaune sind. Großartiges Publikum. Ständig höre ich während des Lesens wie freundliche junge Herren ihren Zusammenhalt demonstrieren in dem jeder jedem klirrend zuprostet. Ich bin so angetan von der Geselligkeit, daß ich mit der Veranstalterclique anschließend durch die Kneipen ziehe. Bier, Sambuca, Jägermeister. Gute Nacht.

Donnerstag 6.12.2001

Ich habe den Wecker auf zehn gestellt um den 11:35 Zug nach Bochum zu bekommen. Ich erinnere mich dunkel kurz aufgewacht zu sein und durch die zugezogenen Rolladen das helle Sonnenlicht durchsickern gesehen zu haben. Plötzlich schreckt mich das klingelnde Telefon aus dem Tiefschlaf. Günters sonore Stimme: "Morgen, es ist elf." Superhektisches Zusammenwerfen der überall im Raum verteilten Reisegegenstände. Unten in der Lobby lobe ich seinen Instinkt. Martin nimmt noch einen Saunagang - der hat echt die Ruhe weg. Wir schaffen es auf den letzten Drücker. Der altmodische Günter möchte tatsächlich im Reisezentrum Tickets kaufen. Ich nehme ihm die Ressentiments vor dem neuen DB-Ticket- Automaten. Aus Freude dass er gerade selbstständig mit EC-Karte ein Billet gezogen hat macht er eine Bohlenfaust.

Im Zug gehen wir meinen gesamten Text komplett neu durch. Ich muß noch lernen, besser zu betonen und vor allem langsamer zu sprechen. Die Tipps von Günter sind Gold wert. Jeder Satz wird zerlegt auf den Kern seiner Aussage. Welche Begriffe sind die Message und welche Worte sind das verbindende Beiwerk. Auf die wichtigen Aussageworte dann immer mit der Stimme drücken. Sofort ändern sich Ausdruck, Sinn und Bedeutung des Satzes. Faszinierend. Sehr lehrreich.




Auf dem Tisch hat, ich vermute ein Teenager, einen stilisierten Penis mit Hoden gekratzt in dessen Mitte er das Wort "Ficken" platzierte. Der Penis zeigt auf ein Hakenkreuz. Die Welt ist voller Poesie.









In Bochum am Bahnhof gibts nicht viel zu lachen. Die Bahnhofsrenovierungsaktion der DB hat diesen Ort noch nicht erreicht. Der einzige sympathische Stand verkauft Laugenbrötchen, die nachdem sie in der Hand der Verkäuferin waren, nach Mettwurst schmecken. Ich schmeisse sie in den Mülleimer und stelle dabei fest, daß der ausschließlich mit leeren Spirituosenbehältern gefüllt ist.







In der Zeche lache ich lang über die Senfverpackung auf dem Essenstisch unserer Garderobe. Der ist nämlich, laut Packungsaufdruck, mit dem "Bautzner Sicherheitsverschluß" verschlossen. Ist denn aus dem damaligen Stasi-Gefängnis je einer entflohen? Wie soll ich denn da Senf auf die Wurst bekommen ?

Das nochmalige Durcharbeiten des Textes hat sich gelohnt. Das Publikum ist die totale Zuhörerclique. Alle mucksmäuschenstill, aber tosender Applaus am Ende. Schön. Fans drücken mir ein leckeres Feinbier in die Hand. Ich trinke schnell, rufe im Hotel an und lasse die Sauna anschmeißen. Martin und ich schwitzen noch ordentlich einen durch. Martin schmeißt Chinaöl auf die Heizung und uns brennen die Schleimhäute. Wir sind wieder im Text und steigern uns rein, dass wir gerade im Ätherrausch sind. Teufel, eine totale Körperdroge. Die beste Droge für Las Vegas.

Mittwoch 5.12.2001

Großartiger Tag. Bin früh genug los um in Leipzig erstmal ins Hotel zu gehen. Also Zeit für lecker Milchkaffee und ausgiebiges Saunieren. Bei den Fantas hab ich ja wenigstens täglich abends zwei Stunden Hip Hop Aerobic, aber hier sitze ich im Zug, im Auto, im Backstageraum, auf der Bühne und dann in der Kneipe. Immer nur sitzen. Da ist Kreislauf ankurbeln wichtig. Ich werde ab jetzt versuchen das täglich hinzubekommen.

Ich habe mich immer gewundert warum Schauspieler manchmal so krudes Zeug faseln wenn man mit ihnen spricht und jetzt weiß ich endlich warum. Sie haben ständig einen Text vor Augen. Nachdem wir FearAndLoathing jetzt schon fünfmal gelesen habe, fallen im Alltag ständig Stichworte auf die ich dann reagiere. Beim Soundcheck fliegt eine Motte um einen Schein- werfer. Weil Martin Semmelrogge am Mikro beim Sound- checkgelaber nix besseres einfällt sagt er laut "Da! Eine Motte". Sofort fällt mir die entsprechende Stelle im Skript ein und ich brülle reflexartig "Knall sie ab".

Sowas passiert auch im Alltag. Ich fahre im Taxi zur Halle und der Taxifahrer bemerkt die Polizei, die die Kreuzung überquert. Ich sage "Nicht auf die Bremse drücken. Das weckt nur Verachtung im Polypenherz". Der Taxifahrer schweigt. Merkwürdiges Gefühl. Mal beobachten welche Auswüchse das noch hat.

Ich bin außerdem vollkommen blank. Kein Bares mehr. Enzo, unser Tourbegleiter/Manager und sonstiges Mädchen für alles, ist nicht nur ein alter Stammkollege unseres Fanta-4-Trosses, sondern hat auch die Taschen voller Spesengeld. Zug- und Taxiquittungen raus und Kohle her. Ein schönes Bild, der geldzählende Tourneeleiter.









Fürs Studentenradio Mephisto nehme ich mir extrem viel Zeit. Die machen doch tatsächlich ein ausuferndes Porträt von meiner Person. Sind ziemlich gut vorbereitet und kennen nahezu jedes Nebenprojekt von mir. Gute Sache und obendrein sehr schmeichelhaft. Ich laber mich ziemlich ein und rede mal wieder viel zu schnell; das muss ich für die Lesung schleunigst abschütteln. Trotzdem habe ich oft das Gefühl dass ich gääähnend langsam lese, bekomme aber hinterher oft gesagt, dass es ab und an eine Spur zu flott war. Kann ich also noch dran arbeiten.





Während des Auftritts schieße ich das erste und einzige Livebild innerhalb dieses Tagebuches, weil ich glaube das Bilder von der Bühne so ziemlich das langweiligste sind, was man bieten kann. Kann sich ja jeder denken wie das ist und außerdem sitzen wir ja nur rum und lesen. Der Spass der Show läuft im Kopf ab. Viele Leute die bei der Lesung sind schauen gar nicht auf den Vorleser. Sie gucken auf die Schuhe, an die Decke, ins Bierglas oder mit zuen Augen.

Nach der Show sollte ich eine eMail bekommen wo sich eine 20jährige Theaterstudentin tatsächlich beschwert, dass wir nur gelesen hätten und sie sei enttäuscht, wir hätten das sicher nur gemacht um die Leute mit unserer Prominenz anzulocken. Also sowas. Habe total brüsk geantwortet. Ist ja also würde man ein Bier bestellen weil der Typ am Tisch gegenüber der eins vor sich stehen hat einem symphatisch ist, um sich dann beim Kellner zu beschweren, dass das Scheißbier ja nach Bier schmeckt. Wir lesen Hunter S. Thompson. So stehts überall. Wer das Buch nicht mag kann nach Hause gehen oder brauch gar nicht erst kommen. Über soviel Unverstand kann ich mich den ganzen Tag ärgern.

Bin nach der Lesung gleich aufs Hotelzimmer und daddel Grand Theft Auto 3. Bis halb fünf Morgens virtuell Kapitalverbrechen begehen und den ersten guten Backstagerotwein der Tour dazu trinken. Ihr gottverdammten Scheißbullen, ihr miesen Schlappschwänze. Ich fege jeden einzelnen von euch schwachbrüstigen Hundesöhnen von der Straße. Jaaa, das ist es. Alles unter Kontrolle.

Dienstag 4.12.2001

Nachdem ich jetzt ja schon zweimal innerhalb der ersten vier Tage der Lesereise daheim in meiner Hamburger Wohnung war, gehts jetzt rein logistisch erst richtig auf Tour. Gepäck für knapp 14 Tage zusammenstecken. Dazu außerdem gesammelte Verrechnungsschecks diverser Jobs dieses Jahres, weil meine Bank immer noch die ist, die ich zur Kommunion zugewiesen bekam. Die Gerlinger Bank bei Stuttgart in meinem kleinen Heimatörtchen. Und Schecks kann man ja wegen Anthrax-Delay-Gefahr echt nicht mehr verschicken. Und weil das grandiose Feinspiel Grand Theft Auto 3, wo von Yakuzas verbrennen über indisch-bemannte Taxis kapern bis hin zu Gangstarr-Guru als Synchrosprecher wirklich alles geboten wird, geht die Playstation2 mit in die Tasche. Und für den vorletzten aller Dreamcastknaller Headhunter muss die pensionierte Pearl-Harbor-Mopsbacken-Kiste auch noch mit. Es bleibt noch Platz für ein Paar Hosen und Unterwäsche. Reicht doch. Habe mich übrigens entschlossen auf der Bühne ausschliesslich typische Autorenfashion zu tragen: Rollkragen- pullover oder knallschwarze Sweater.

Der Zug nach Hannover ist bumsvoll. Wir sitzen alle über die Abteile verteilt. Beim Aussteigen sehe ich wie Sonja Semmelrogge, die Martin organisiert und außerdem ein ziemlich brauchbarer Coach ist, die Semmelrogge-Töhle "Crazy" in die Tasche gesteckt hat. Sieht total bescheuert aus. Der Schaffner wollte angeblich den vollen Kinderpreis für den halben Hund. Dabei weiß Sonja, dass in den Vorschriften, mit deren Zitierung der Bahnangestellte drohte, steht, daß es eine Ermessenssache sei dem Hund ein Beförderungsentgeld abzuringen. Zum Beweis behandelt sie ihn fortan als Gepäckstück und der Kontrolleur trollte sich. Wir vermuten dass er Besitzer eines Vollhundes ist und oft genug zur Kasse gebeten wurde.





Erste Station in der Perle Niedersachsens ist der örtliche Media Markt. Autogrammstunde. Viele sind nicht gekommen. Eine Handvoll Mitarbeiter holen sich ein paar Autogramme und außerdem Manfred und Sascha, zwei der verstrahlten Sorte die mit dickem Buch und frankierten Rückumschlägen ankommen und auch sonst ein recht verschrobenes Auftreten haben. Diese Sorte Autogrammjäger kannte ich bisher nur aus Berlin wo mir mal ein Sony-Mitarbeiter erklärte daß die zu Zeiten der ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck aus dem legen- dären Studio Eins gezüchtet wurden. In Schläferstadt Hannover sind sie also untergetaucht. Am Abend nach der Lesung war sogar ein halbes Dutzend dieser Kollegen anwesend und löcherte mich nach Autogrammkarten, dabei hab ich solch Schickimickikram gar nicht.

Die Lesung heute war super. Das Publikum hat sogar die Begeisterungsfähigkeit der Bremer übertroffen was ich für schwer vorstellbar hielt. Der Laden, das sog. Faust, eine klassische Rock-Location und exzellent zum Lesen geeignet. Die nochmalige Besinnung nicht zu hektisch zu lesen und div. Trainings- tips von Sonja, Martin und Günter haben einen Knoten bei mir platzen lassen. der mir ja schon komplett bekannte Text ging mir gleitend von den Lippen dass es stellenweise Szenenapplaus gab. Günter meinte anschliessend "you got it" zu mir. Ich bin selig. Anschließend noch mit einer Hannoveraner Bekanntschaft trinken gegangen und mit zwei Uhr mal nicht so spät ins Bett. Ich möchte morgen gerne relativ früh nach Leipzig.

Auf dem Rückweg mit dem Taxi fahre ich an einem Laden namens "Super-Iran" vorbei. Ich lasse die Taxifahrerin umkehren um den Spass zu fotografieren. Kaum im Hotel angekommen fotografiere ich dort die lustigste Einladung zu einer Sylvesterfeier die ich je gesehen habe. Live Musik mit Jochen Brauer Band, The Lady and the Tramp und DJ Franky B. Warum heißt jeder zweite Privatradio- Morgenshowmoderator und Großraumdisko CD-Reinschieber Franky ? Außerdem mit dabei eine Kartenlegerin(!) und natürlich Bleigießen. Das ist nicht die Einladung der Jahreswechselparty im Altenheim Zwickau, sondern jene zur Euro-Sylvester-Gala im Maritim Hannover. Die Werbung verspricht eine rauschende Ballnacht und fragt "wer will da schon woanders feiern ?". Was für ein Gruselschocker. Ich frage mich, warum "Blei gießen" in Anführungszeichen gesetzt wird und vermute, dass es sich um ein Codewort für Gummiteppiche, Natursekt und Ankoten handelt. Zeit ins Bett zu gehen. Morgen fotografiere ich noch eines meiner Lieblingsschilder. Ich sammele sowas. Je beknackter je besser. Der Hot-Dog-Spezi am Hannover Bahnhof wirbt mit umgedrehten Mc-Donalds M, also einem W für McWürstchen. Unterzeile "Es muß nicht immer Kaviar sein". Stimmt. Wer täglich Kaviar ißt, der hat sicher mal Lust auf so einen richtig öligen Knacker mit Senf. Werbetextern mit Schreib- blockade rate ich dringend zu einer Schilderkur nach Hannover. Hier weiß man wie man Kunden gewinnt.

Leider führt unsere Tour nicht durch Kiel. Zu gerne würde ich das Schild eines Döner-Imbisses fotografieren welches in altdeutschen Lettern "Döner Studio Neu-Danzig" rief. Ich glaube aber das gibt es dort leider nicht mehr.

Montag 3.12.2001

Übernachtung im ICE-Hotel am Ostbahnhof Berlin. Ich habe tatsächlich mein warmhaltendes Käppchen verloren. Ich hatte es auf dem Kopf, als ich um halb fünf nachts vor die Rezeption torkelte und nach meinem Zimmerschlüssel verlangte. Dann bin ich ins Bett gefallen. Irgendwo dazwischen kam die Mütze abhanden. Wie konnte das passieren? Gottseidank verschwand mit ihr auch der Whiskyrausch des Vorabends. Die Schlaf- phase war lang genug. Am nächsten Morgen kam das Zimmermädchen alle halbe Stunde rein, um zu sehen, ob ich noch penne; hatte das Nicht-Stören-Schild vergessen raus- zuhängen. Scheißegal. Um 11:00 Uhr aufgestanden und in einer geraden Linie durch die Hose in den Zug. Die Gleise sind quasi fast direkt neben der Hotelrezeption. Dort treffe ich den quietschfidelen Günter mit seiner nagelneuen Gleitbrille, aber ohne Schal. Den hatte er gestern beim Gang von einem Abteil ins andere verloren. Total schrill.

In Hamburg angekommen habe ich zwei Stunden Zeit bis zu den ersten Presseterminen. Ich lege mich bei mir zu Hause in die Badewanne und lese die aktuelle Intro-Ausgabe, wo ich in der Rubrik "Platten vor Gericht" im Rezensenten-Rudel Kurzkritiken über aktuelle Veröffentlichungen anonnciere. Alle CDs die ich scheiße finde, kommen beim hochgeschätzten Kollegen, dem EinsZwo-Plattenleger Rabauke, exzellent weg. Die von mir mit den Worten "langweiliges Zug-Nach-Nirgendwo- Lagerfeuer-Gejammere" aus dem Fenster geschmissene Platte kommt im Gesamtschnitt der Kritiker auf Platz eins. Ich freue mich über meinen extraordinären Musikgeschmack.





In der "Großen Freiheit" angekommen sehe ich einen selig lächelnd auf der Bühne stehenden Günter. Alle seine muskalischen Idole haben hier schon gespielt. Auch Semmelrogge ist begeistert vom Ambiente. Ich finde doch tatsächlich ein schickes schwarzes Mützchen im Backstageraum den eine Band der vergangenen Tage hier liegengelassen hat. Ich staune über die Bestuhlung. Hier haben wir schon ohne Ende Konzerte abgeklopft und da, wo sonst die schweißnasse Partymenge auf- und abhüpft, stehen ganz artig schmucke Holzstühlchen aufgereiht. Es sollte sich später herausstellen, dass sie äußerst unbequem sind. Außnahmslos alle die nach der Lesung mit mir sprachen haben darüber gejammert.
Der Sound bei der Lesung war auch scheiße die ersten drei Kapitel lang. Ich musste den Mischmenschen vor allen Leuten ins Achtung stellen und selber am Monitorpult rumfingern. Trotz Soundcheck war es unmöglich Worte die mit "P" beginnen direkt in das Mikro zu sagen weil das "Plop"-geräusch schon Human-Beat-Box-Qualität hatte, also rede ich leicht am Mikro vorbei, was mir von einigen Kritikern des Abends hinterher vorgehalten wird. Blöde Literaturmuschis. Mikrofonexperten sind sie ganz offensichtlich nicht. Beim Lesen muß die Rock´n´Roll- Location Freiheit unbedingt zulegen.

Am späteren Abend bin ich noch lecker zu CousCous eingeladen und knete, wie es sich gehört, mit der rechten "reinen" Hand in kochendheißem CousCous und hau mir Hähnchen rein während die linke Hand ein Foto schießt, was mich wieder beruhigt. Gute Nacht.











Sonntag 2.12.2001

Schön zu wissen, dass Günter nicht nur wie ich in Hamburg lebt sondern auch der Ansicht ist, dass nicht der frühe Vogel irgendwas fängt, sondern dass die Geliebte des Künstlers natürlich die Nacht ist. Demnach treffen wir uns spätmöglichst am Dammtor Bahnhof und fahren nach Berlin.

Also, der neue ICE ist ja schon dufte mit seinen Laptop- steckern aus denen, vermutlich aus technischen Gründen, kein Strom fließt, wenn der Führer bremst. So kann ich bequem dieses Tagebuch schreiben. Leider schmeckt der Mitropa Kaffee immer noch scheiße. Die Strecke Hamburg-Berlin ist schon lange reif für den sagenhaften Metropolitan mit seinem Super-Milchkaffee-Angebot.






Kaum in der Hauptstadt angekommen, versammeln Martin, Günter und ich mich im Studio der Radio-Fritz-Sendung Ken FM die ich wegen ihrer Hektik und vielen Streßwortbeiträgen schätze. Drei Stunden Hysterie-Talk. Charmanterweise steht die Sendung ganz im Zeichen unserer Lesung. An Roulette- und Blackjacktischen können Freikarten für die Lesung und Hörbücher gewonnen werden. Mein Zockerherz lacht gemeinsam mit den 15jährigen Gewinnerinnen,wo es allerdings schnell wieder langsamer schlägt, als sie erfahren, dass der Lesestoff eher was für ihre Mütter wäre.




In der konspirativen Location Glashaus sitze ich in einem guten alten durchgewienerten Backstageraum und probiere einen Schauspiel-Standard aus, den mir Martin Semmelrogge beibrachte. Ein bis zwei Kapitel mit einem Korken im Mund sprechen um die Sprachmuskulatur zu dehnen. Ich kenne ja ein paar Stimmerwärmungstricks die ich mit den Fantas durchziehe, aber dieser Tip ist mir neu. Obwohl ordinärer Rotwein auf dem Esstisch steht, fehlt natürlich ein Korken- zieher, also nehme ich eine angebissene Karotte. Tatsächlich, die Stimme ist nach zwei Kapiteln wesentlich offener. Super.

Die Lesung gestern in Bremen wurde sehr euphorisch aufgenommen. Zwischen jedem Kapitel gab's Applaus und zwischendurch szenenhaftes schallendes Gelächter. Die Berliner sind da traditionell ein wenig besonnener. Das liegt vermutlich an der Nähe zum Ostblock denke ich mir. Alles Cowboys und Indianer. Die freuen sich nach innen. Im Bühnenboden ist ein grosses Lüftungsgitter neben dem ich sitze. Ich mache mir die ganze Zeit sorgen, daß ich mir jetzt schon die Tourerkältung einfange. Ich plane den aufkeimenden Bazillen in meinem Blutkreislauf mit Alkohol zu begegnen.

Nach der Lesung treffen wir eine Menge Berliner Kumpels und gehen geschlossen essen. Einige sind unzufrieden mit meiner Restaurantwahl. Pah, Banausen. Später gegenüber in die Bar auf endloses Absackertrinken. Meine Gesprächspartnerin und ich beweisen größtes Sitzfleisch und zechen bis vier. Ich schieße das naheliegendste Foto zum Lesestoff bisher: Während meine Gegenüber an der Haschpfeife zieht, hat sich nun auch ein Mann endlich mal das Oberteil ausgezogen, um mit der anderen Irren noch eine weitere Stunde bekokst und halbnackt vor dem Rolladen zu tanzen.