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Gut trotz Liebe

Farin Urlaub

Linus Volkmann und Thomas Venker glauben alles und ließen sich von Farin Urlaub zu seinem neuen Soloalbum "Die Wahrheit übers Lügen" schön was erzählen.
Geschrieben am
Es gibt diese Statistik, dass jeder Mensch am Tage 200 Mal lügen würde. Hört man das, denkt man instinktiv aber nicht an das Ende der Wahrheit - sondern: "Hey, die meisten Leute haben doch gar nicht so viel Text." Linus Volkmann und Thomas Venker glauben allerdings eh alles. Und ließen sich von Farin Urlaub zu seinem neuen Soloalbum "Die Wahrheit übers Lügen" schön was erzählen.

Zu wenig Text - das kann man Farin Urlaub allerdings nicht vorwerfen. Der Lennon der Ärzte hat kaum was anderes als dauernd Text. Und im Zuge dessen auch schon wieder die nächste Platte draußen. Nicht wirklich lang nach dem letzten Blockbuster der Hauptband, nach "Jazz ist anders". Mit Farin Urlaub, diesem Blankoscheck der guten bösen Laune, wollten wir bei Intro schon längst mal gekocht haben. Er aber nicht mit uns. Na gut, dann halt ein ganz normales Interview. Hauptsache, wir kommen auch mal an die Anti-Alkoholiker-Open-Bar des einzigen großen Anwesens auf dem verwüsteten Ödland der Punk-Tundra. Und streng ist der Alte, kann man schon mal vorab sagen! Daher schnell noch nachgeschoben: Ist keine Soloplatte, sondern genau genommen das Album der Band Farin Urlaub Racing Team (FURT).

Das neue Album kommt ja nicht wirklich lange nach "Jazz ist anders". Hattest du wieder schon so viel Songs im Köcher, dass du damit nicht mehr warten konntest und dass das schwerer wog als jegliche (eventuelle) Unlust, jetzt schon wieder in die Promo- und Tour-Mühle einzusteigen? Oder hast du einfach schon wieder Bock auf alles?
Es war eine Mischung aus zu vielen Songs und meinem Wunsch, bald wieder länger zu verschwinden. Und da das letzte FU-Studioalbum schon wieder eine ganze Weile her ist und ich sowieso gerne auf Tour bin, gibt es jetzt das erste FURT-Album.

Wie sieht dein Gedanke zu der Dramaturgie des Albums aus? Es ist ja schon so, dass sich das Album spalten lässt und mit den straighteren, gitarrigen, textlich konzentrierteren Songs beginnt und erst in der zweiten Hälfte die Bläser, der Ska und die etwas abwegigeren spaßigen Momente in Text und Ton hinzukommen.
Mich hat besonders auf "Am Ende der Sonne" (dem letzten Studioalbum) gestört, dass der schöne Rock von einem Ska rüde unterbrochen wird. Da im Racing Team beides wichtig ist - der straighte Rock und der Backbeat -, hatte ich von vornherein den Plan, die Musikstile räumlich zu trennen; letzten Endes sind es jetzt zwei CDs geworden. Das hat den Vorteil, dass sich niemand an eine vorgegebene Dramaturgie halten muss und jeder den der jeweiligen Laune angemessenen Tonträger auflegen kann.

Wir haben von außerhalb immer dieses Battle um die Songwriter-Hegemonie bei den Ärzten verfolgt. Und man hält ja wie beim Sport schon lieber zum Außenseiter. Also zu Bela. Auch wenn er vielleicht nie gewinnt. Aber ich habe ein totales Horrorszenario, bei dem ich mich in Bela hineinversetze und mich alt fühlend und total verkatert im Bett befinde, und dann kommst du rein und sagst: "Hier, ich habe schon wieder drei Songs geschrieben, wenn von dir nichts mehr kommt, können wir die Platte ja mit meinen Sachen vollmachen. Und warte, jetzt wo ich dich da so sehe, fällt mir noch ein Text ein. Haste mal einen Stift?" Ist das Battle wirklich so unausgeglichen wie in diesem Tagtraum? (Falls ja, schlägt sich Bela aber wirklich sehr wacker.)
Seit wir nicht mehr zusammen wohnen, komme ich wirklich nur noch gaaanz selten morgens rein zu ihm ... Die Wahrheit ist: Bela fällt es, glaube ich, genauso leicht wie mir, Lieder und Texte zu schreiben; ich bin nur spießiger und schreibe deshalb ständig. Bela liefert nahezu ausschließlich dann ab, wenn ein Album ansteht - dann aber auch innerhalb weniger Tage! Das heißt: Sein Hit-Aufkommen pro Song liegt in Wirklichkeit deutlich über meinem. (Der Hund!)





Es geht auf dem Album mehr denn je um das Innenleben. Mit "Du hast dein Leben nicht im Griff" benutzt du ja dieselbe Perspektive wie bei "Junge". Zwar schon mit einem Augenzwinkern gegenüber der eingenommenen Eltern-Pose - aber Persiflage ist ja auch ein Weg der Annäherung. Hast du dich da auch einem anderen Blickwinkel angenähert, oder spielst du nur damit?
Jeder Text erlaubt mir, Personen zu erfinden und sie in Situationen zu bringen, die ich dann genüsslich beschreiben kann. Die eigenen Texte nun zu erklären finde ich allerdings müßig.

Überhaupt: Wie sehr siehst du "Die Wahrheit übers Lügen" geprägt von deinem eigenen Älterwerden?
Da ich mich selbst dankenswerterweise von innen erlebe, beschäftigt mich das eigene Älterwerden nicht besonders, aber meine Freunde, die werden vielleicht alt! Im Ernst: Meine Texte werden zwar hoffentlich erwachsener (im Sinne von: komplexer, lyrisch und philosophisch interessanter etc.), aber mich selbst thematisiere ich nicht wirklich.

In deiner Kunst findet man neben dem High-End-Rotzlöffeltum und Ironie ja auch schnell so was wie Romantik und Humanismus. Wie erträgst du ausbleibenden Fortschritt bzw. Regress gerade in puncto linker, sozialer Utopien? Schützt dich Humor da wirklich komplett vor jeder Bitterkeit?
Ohne jetzt sofort in Stammtischgejammer verfallen zu wollen: Eigentlich erleben wir doch im Moment das Scheitern des Raubtier-Kapitalismus'. Zeit also für eine menschlichere Variante! Abgesehen davon durfte ich auf Reisen schon real existierende "Utopien" erleben - wenn auch in kleinem Rahmen und immer von der Angst begleitet, es könnte morgen schon vorbei sein.

Betrachtet man die Länder, die du bereist, und die Art, wie du es tust (siehe aktuell natürlich den Song "Pakistan"), so mutet es weniger wie Eskapismus an, sondern wie ein bewusstes Sich-Einlassen auf das Fremde, um daraus Erkenntnisse zu ziehen. Man sagt ja, dass man durch das Fremde erst das Eigene versteht. Was hast du durch das Reisen über die Verhältnisse in Deutschland gelernt?
Das Spannende für mich war, dass ich als Teenager immer davon ausgegangen bin, dass Deutschland ein schreckliches Land ist und es nahezu überall besser sein müsste. Nach vielen Reisen kann ich nun zugeben, dass mir vieles hier besser gefällt als in den sonnigen Schein-Paradiesen. Seit einiger Zeit habe ich Frieden geschlossen mit meiner Nationalität. Das Wetter hier nervt mich noch immer (es ist tatsächlich erstaunlich, wie viel kreativer und subjektiv glücklicher ich bin, wenn die Sonne scheint, so banal das auch klingt), aber ich mag, dass ich niemanden bestechen muss, um einen Arzttermin zu bekommen, dass ich keine große Angst haben muss, nachts von Soldaten aus dem Bett gezerrt und in ein Foltergefängnis gebracht zu werden, und dass (um mal die Kirche im Dorf zu lassen) es hier mehr Selbstverständlichkeit im Umgang mit Demokratie gibt als in nahezu allen anderen Ländern, die ich kenne.

Randy Newman feiert sich ja als überzeugter Fernsehfan ab. In seinem Song "My Country" (aus dem Virginia Jetzt! einst Teile eindeutschten, "Mein Land, meine Menschen, die Welt, die ich verstehe", was damals von vielen falsch verstanden wurde und als nationalistische Tendenz ausgelegt wurde), in dem Stück singt er von seinem Wohnzimmer als seinem Land: "Picture a room with a window, a sofa and some chairs, a television turned on for the night." Du hingegen lehnst das Fernsehen ab. Warum? Und ist es nicht falsch, etwas zu ignorieren, das das Leben der meisten um uns herum bestimmt? Muss man sich nicht eher darauf einlassen, des Verständnisses wegen?
Gegenfrage: Warum? Muss ich alles verstehen? Und wer ist Randy Newman? Außerdem ist meine Einstellung zum Fernsehen offenbar falsch dargestellt worden. Ich lehne nicht das Fernsehen AN SICH ab, mich interessiert es nur nicht. Ich finde es unfassbar öde, vor einer kleinen Leuchtkiste zu sitzen und anderen Menschen beim Leben (oder beim So-tun-als-ob) zuzugucken - und das Ganze auch noch unterbrochen von Werbebotschaften und was weiß ich.







Aber ist es nicht so, dass sich durch das Fernsehen in den letzten zwei Jahrzehnten - ganz stark über Sitcoms - sehr universelle Humor-Codes entwickelt haben? Wie konntest du dir leisten, das zu verpassen, und trotzdem so witzig sein?
Vielen Dank für das Kompliment. Ich pflege vielleicht einen ganz eigenen Humor - quasi gezwungenermaßen.

Überhaupt immer diese gute Laune, selbst im kritischen, auch noch im dunkelsten Moment. Wie machst du das denn, dass du nicht wie wir anderen professionellen Punks Prozac-abhängig wirst? Oder ist das das Ergebnis von Prozac?
Na hör mal: Das Leben, das ich führen darf, ist doch schöner überhaupt nicht auszudenken! Ich liebe es zu musizieren, darf das vor vielen Menschen zelebrieren, die dann auch noch mitsingen, UND ich werde dafür seltsamerweise auch noch so gut bezahlt, dass ich bis an mein Lebensende verreisen kann. Wo sollte denn da bitte schlechte Laune herkommen?!

Auf dem Album findet sich ja ein kleiner Scorpions-Verweis ("Happy End / Und im Radio läuft ein Lied von den Scorpions"). Damit spielst du auf den Vorfall beim letzten Ärzte-Konzert in Hannover an, als die Scorpions mit euch Backstage Party machen wollten und ihr sie habt rausschmeißen lassen. Wie siehst du das im Nachhinein? Wart ihr zu streng? Hättet ihr noch strenger sein sollen?
Leider falsch: Das Album war im April schon komplett fertig aufgenommen. Ich hatte zwar überlegt, die Zeile genau deshalb runterzunehmen, aber dafür hätte ich dann wieder ins Studio gemusst etc. - war mir zu aufwendig. Aber da kannste mal sehen, wie sehr ich diese Band schätze!

Die Musiknerdfrage: Der Gitarrensound des Albums ist ja sehr classic; sie sind auch auffällig tief gespielt. Bewusstes Stilmittel, um dem gedehnten, fast schon Gallagher'esken Gesang (nur in positiv und beschwingt) einen Gegenpol zu bieten?
Ja, der Gegenpol war mir sehr wichtig. Wir hatten Lust auf mehr Druck; und die Hörgewohnheiten heutzutage sind ja schon sehr BASSversaut. Abgesehen davon hab ich nun mal eher so 'ne hohe Nörgelstimme, da hol ich mir die Männlichkeit halt durch böse Saiteninstrumente ...






"Du weißt, dass du aus der Band fliegst, wenn du dich mit mir anlegst." Als was für eine Art Bandleader siehst du dich denn? Bei dem Racing Team hast du ja einen sehr konzeptionellen Ansatz - mit nur Frauen. Tolles Statement by the way. Also nicht toll, weil geil, sondern weil Rock in allen Fasern so chauvi ist, dass es schön ist zu sehen, dass das nicht allen Typen mit Gitarren egal ist.
Dass ich mich über meine (offensichtliche) Chefrolle so entspannt lustig machen kann, ist doch ein deutlicher Hinweis darauf, wie ernst die zu nehmen ist. Es steht diesmal nicht umsonst "Farin Urlaub Racing Team" vorne drauf - wir sind jetzt offiziell eine richtige Band!

Wie weit ist Farin Urlaub solo für dich mittlerweile auch schon ein Koloss wie die Ärzte? Auf "Endlich Urlaub" war das ja eine ziemliche Herausforderung (sicher auch wegen der KingKong-Eskapade). Hast du dich denn gefragt, ob dir die Leute das diesmal ohne Bela abnehmen? Nun ja, es hat geklappt, so viel ist mal sicher. Heißt es auf diesem bestellten Feld auch nur noch "geil abliefern"? Was willst du noch beweisen? (Man denke an Spermbirds' "Still Got Something To Prove".)
Das mit dem Beweisen ist so 'ne Sache. Einerseits natürlich schon lange niemandem gar nichts mehr - ich meine, wie gigantisch soll das denn bitte NOCH werden? Andererseits beobachte ich bei vielen Musikern/Bands ab einem gewissen Erfolgsgrad so was wie Bequemlichkeit, eben das beschriebene "Abliefern". Dem stehe ich als Fan extrem skeptisch gegenüber; und mein Antrieb ist, jedes Mal etwas besser zu werden und nicht den Standard zu halten. Ob ich das schaffe, müssen andere beurteilen. Wenn ich selbst das Gefühl hätte, das schon mal besser hinbekommen zu haben, würde ich konsequenterweise aufhören.

Du hast ja nie die Einladung zum "Kochen mit" angenommen. Aus Sorge, dass wäre zu trashy und nicht wertig gemeint. Stimmt zwar nicht, aber haben wir akzeptiert. Aber auch allgemein nehmt ihr die Sache mit der Kontrolle durch Band und Label über die mediale Repräsentation sehr ernst. Und das mit Erfolg. Erste Frage dazu: Gibt es wirklich eine schwarze Liste von Magazinen, weil irgendwann irgendwas nicht gut lief? Zweite Frage: Wer und was steht da so drauf? Und dritte Frage: Da ihr beweist, dass es eben nicht egal, wie und wo man auftritt in der Öffentlichkeit, beschämt ihr da nicht all die anderen Künstler, die verzweifelt alles mitmachen und so tun, als ginge es nicht anders?
Huii, da geht aber jemand ans Eingemachte ... Da wir (also DÄ) bzw. ich (beim FURT) hauptsächlich aus dem Bauch heraus entscheiden, was wir doof finden und was nicht, gibt es keine "Richtlinien" oder so was. Es gibt tatsächlich Leute, mit denen will ich persönlich nie wieder ein Interview führen, weil das Zeitverschwendung wäre: Die gehen da eh mit vorgefertigter Meinung rein, warum also sollte ich versuchen, sie von irgendetwas zu überzeugen, das sie eh nicht interessiert? (Wobei mit vorgefertigter Meinung keinesfalls nur eine negative gemeint sein muss. Es gibt auch Interviewpartner, die finden alles total toll und lustig - nur, manchmal sind wir gar nicht lustig.) Zweite Frage: Frag unsere Promoterin, ich weiß es nicht. Zur dritten Frage: Ich glaube nicht an ein Rezept, das man nur befolgen muss, und schon wird man erfolgreich. Unsere Haltung funktioniert vielleicht nur für uns; und vielleicht ja auch nicht für immer; dann wirst du uns auch in den Talkshows dieser Welt aufgeregt über Viagra oder den Dow Jones diskutieren sehen ... Ich freu mich schon.

Wir verlosen 2x2 Tickets für die kommende Tour des Farin Urlaub Racing Teams. Einfach bis zum 16.11.08 eine Mail mit der Wunschstadt und vollständigen Namen an tickets@intro.de schreiben!