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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Gott ist trotzdem da

Ezra Furman im Gespräch

Mit »Transangelic Exodus« erfindet sich Ezra Furman neu und nimmt uns mit auf einen irren, paranoid-queeren Roadtrip – zu dem er an der Seite seines »Engels« aufbricht. Was das alles mit Gott, Humor und der Fähigkeit, sich aus dem gesellschaftlichen Käfig zu befreien, zu tun hat, erklärte er Hannah Bahl. 
Geschrieben am

Interview:
Hannah Bahl

Transagelic Exodus hat diesen wahnsinnig befreienden »You and me against the world« Unterton, wie kam es dazu?
Der Engel und ich sind ja gemeinsam im Exil verbunden, weil wir nicht in die Gesellschaft passen. So wie ich die Welt wahrnehme, gibt es immer mehr Leute in Machtpositionen, die das gegenüber den Schwachen ausnutzen. Für mich ist eine der wichtigsten Dinge im Leben, mich solidarisch mit den Leuten zu zeigen, die keine oder sehr wenig Macht haben. Man begreift irgendwann, dass wir alle ähnliche Ängste haben. Darin gemeinsam Mut zu finden ist für mich das Ziel. In dieser paranoiden Welt geht es darum, sich zu verteidigen gegen den Einfluss der Mächtigen. 

Im letzten Song »I Lost My Innocence« singst du über deine erste queere Erfahrung. Wie war das für dich?

Das ist ein Kindheits-Flashback, in dem es für mich darum geht, bewusst den Pfad, der eigentlich für mich vorgesehen war, zu verlassen. Der Aufbruch ins Unbekannte, bei dem man anfangs noch unsicher ist, aber genau spürt: Man muss das tun, um den Käfig hinter sich zu lassen. Man hat keine Wahl. Diese Verunsicherung ist zuerst ein unangenehmes Gefühl, aber der Preis, den man zahlt um frei zu sein. 

Das Album hat ja eine betont spirituelle Note, wie ich finde. Wie fühlt es sich an, dass mit so vielen Menschen, die das vielleicht auch nicht nachvollziehen können, zu teilen? 

Ich glaube an ein Zitat aus dem kleine Prinz: »Man kann nur mit dem Herzen sehen, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.« Ich denke, dass die Dinge, die uns am meisten bedeuten, oft nicht empirisch nachgewiesen werden können. Oder dass man empirisch gar nicht die Essenz dieser Dinge aufzeigen kann. Wenn man sich also dafür interessiert, warum wir uns als Menschen immer nach Bedeutung sehnen, muss man irgendwann akzeptieren, dass wir oft nicht die spirituelle, nicht-physische Komponente von Dingen erfassen können. Uns geht es oft zu sehr um das Sehen. Das ist es, worum es mir mit meinem Glauben an Gott geht. Wenn man sagt, Gott oder Engel existieren nicht, ist das so, als würde man sagen, die Liebe existiert nicht. Diese Dinge existieren auf eine andere Art und Weise, man kann sie vielleicht nicht anfassen, aber sie sind trotzdem da.
Was bedeutet Humor für dich im Kontext deiner Songs? In »No place« gibt es diese Songzeile, in der du fast schon ironisch singst: »I just pray you get this letter I hid it in your sweater drawer / so the authorities could never read the plan that I put down, / but all the warming weather may mean / that you won't ever reach into the secret drawer«.
Ich bin immer froh, wenn jemand den Humor zwischen den Zeilen findet. Ich glaube ganz fest daran, dass die lustigsten Menschen irgendwann verletzt wurden. Ich wäre beinah ein Comedian geworden. In der Uni war ich in einer Sketch-Comedy-Gruppe und wollte eigentlich Comedy-Writer werden. Am Ende habe ich mich dann aber sehr bewusst für die Musik entschieden. Humor ist trotzdem immer noch ein großer Teil meines Lebens. Ich glaube, ich wollte am Ende eine ernsthafte Person sein und war dann immer mit diesen Comedians zusammen und hatte das Gefühl, dass die das Leben manchmal nicht ernst genug nehmen. Trotzdem finde ich immer irgendwie etwas Amüsantes in den kleinen Momenten des Lebens. Vielleicht vertieft das manchmal sogar die Erfahrung für jemanden, der zuhört, wenn es da diese kleinen ironischen Momente wie in »No Place« gibt. 

In »God Lifts Up The Lowly« singst du auf hebräisch. Wie kam es dazu und worum geht es in dem Song für dich? 
Der Ausschnitt ist aus dem täglichen Gebet. Es gibt ein Prinzip und eine Regel im Talmud, dass immer wenn es um Gottes Größe geht, Gottes Sorge um die schwächsten Menschen mit erwähnt wird. Es geht also darum, dass Gott groß ist, über allem steht, aber auch zu fürchten ist, dass es ihm trotzdem immer darum geht, den Schwachen zu helfen. Religiös und queer zu sein scheint ja erstmal auf den ersten Blick problematisch zu sein. Aber die Bibel ist nur ein Teil der jüdischen Tradition. Jüdisch sein hatte aus meiner Sicht auch immer einen progressiven Teil. Da ging es immer um Gerechtigkeit, die entsteht, wenn man seiner moralischen Intuition folgt, die über der literarischen Auslegung der Thora steht.

Du und deine Band habt euch mit dem Album ja auch musikalisch neu erfunden, war das eine bewusste Entscheidung?
Nach einer langen Tour waren wir kurz davor uns aufzulösen, weil wir das Gefühl hatten, dass eine Ära zu Ende geht. Unsere neue Mission beginnt mit diesem Album. Wir haben bisher Liebesbriefe an die Musik der alten Zeiten geschrieben und dafür viele Computer und elektronische Hilfsmittel benutzt. So hat unsere Musik dann nach den 60er Jahren geklungen und das ist, wenn man ehrlich ist, ja schon irgendwie wieder ironisch. Wenn du sowas wie Yeezus von Kanye West hörst, stellst du dir plötzlich die Frage: Will ich wirklich wie die Beatles oder wie Folk Musik der 60er klingen? Ist das in den heutigen Zeiten nicht eine verlorene Chance? Also haben wir beschlossen unseren Sound zu ändern. 

Ezra Furman

Transangelic Exodus

Release: 09.02.2018

℗ 2018 Bella Union