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Global Pop auf dem Balkan

Exit Festival

Am berühmten Melt!-Wochenende gab es sogar auch noch andere Festivals. Zum Beispiel das Exit im serbischen Novi Sad.
Geschrieben am
12.-15.07.07 - Petrovaradin, Novi Sad, Serbien

Klar, das Melt! ist natürlich das Allergeilste. Aber trotzdem gab es am berühmten Melt!-Wochenende sogar auch noch andere Festivals. Zum Beispiel das Exit im serbischen Novi Sad, das 2000 als Popkultur-bezogene Protestplattform gegen das Miloševic-Regime startete und mittlerweile zu einem stramm durchorganisierten Mega-Festival geworden ist. In diesen vier Tagen - vom ersten Konzept einer 100tägigen Veranstaltung kam man aus, äh, organisatorischen Gründen dann doch ziemlich schnell wieder ab - drückten sich die Big Names des Pop nur so die Klinken in die Hand. Und das auch noch im wahnsinnig pittoresken Setting der alten Festung Petrovaradin über der Donau, die mit ihren schier endlosen Gängen, Tunneln und Gruben einer Fülle an Stages Platz bot. Kein Wunder, dass da Musikfans aus 37 Ländern anreisten, am zahlreichsten die EngländerInnen, die unter anderem stark von cheap booze angezogen schienen.

Trotz der Bierseligkeit und der relativen Enge des extrem gut besuchten Festivals (angeblich waren 50.000 Menschen da, es fühlte sich mitunter aber an wie mindestens 150.000) blieben die BesucherInnen nett miteinander - wenn man vom latent aggressiven Gedrängel in den Engpässen, das wohl dazu gehört, und dem einen von mir mit schreckgeweiteten Augen beobachteten Fausthieb von Serbe zu Engländer absieht.

Am Eröffnungsabend am Donnerstag war vor der Main Stage kein Durchkommen mehr, die Leute standen sogar auf den Dixi-Klos und rasten vor Begeisterung: The Prodigy on stage. Und das, obwohl Keith Flints merklich gealtertes Gesicht auf den Großleinwänden so aussah, als sei es ziemlich von permanent Make-up entstellt. Am nächsten Tag war es bei den Pipettes und CSS vor der großen Bühne merklich entspannter - aber es war ja auch noch früher Abend. Die Pipettes wirkten superprofessionell und spielten erstaunlich viel neues Material, was man von CSS leider nicht sagen konnte. Die sind seit Monaten so mit Touren beschäftigt, dass zum Komponieren keine Zeit bleibt. Der eine neue Song, eine Mischung aus 'Jenny From The Block' und Sleater-Kinneys 'I Wanna Be Yr Joey Ramone', hatte es dafür aber umso mehr in sich. Hammer. Der Sound war wie schon beim Berlin-Konzert in der Maria leider unterirdisch, aber dafür entschädigte Lovefoxxxs wilde Rampensauigkeit im exzentrischen Catsuit auf jeden Fall. Die Beastie Boys erfreuten danach mit alten Gassenhauern wie 'No Sleep Til Brooklyn', nervten gegen Ende dann aber mit jammendem Gedaddel, das niemand so recht hören wollte.

Am Samstag gab Lauryn Hill die exzentrische Space-Diva im extraterrestrial Sun-Ra-Look, wurde danach von den Basement Jaxx aber böse gedisst, weil sich wegen ihr anscheinend deren Auftritt verzögert hatte. Ts ts, schlechter Stil von beiden Seiten. Der wie stets leicht prolligen Partylaune beim Jaxx-Feuerwerk tat das aber keinen Abbruch, denn die drei schwarzen Sängerinnen waren mit ihrer schrillen Fashion-Show wieder so absolut bombig, dass man eigentlich nur noch sie sehen wollte. Großer Augenblick für den serbischen Macker neben mir, der mir sein Bier über den Fuß goss: der Auftritt des Doggfathers of Rap himself, Snoop Dogg. Die Typen im Press Pit vor mir schrien begeistert auf und sprangen in die Luft, als Schnoopy mit wippenden Zöpfchen inklusive entzückender Haarspangen und einem megaweiten Overall, der im ersten Moment aussah wie ein Hippienachthemd, über die Bühne tänzelte. Ohne zu viel typisches Anfeuerungs-Gequatsche riss der bekennde Pothead sehr professionell und engagiert seine Show runter, und zwischendurch stellte man immer wieder fest, wie camp dieser Typ eigentlich wirkt. Der Ausflug zur Dance Arena danach war eines der Highlights des Festivals, denn Frankie Knuckles spielte Tolles von Sylvester bis Rhythm is Rhythm. Da konnten auch die doofen TänzerInnen, die man vor seiner Nase auf der Bühne platziert hatte, nichts kaputt machen.Am nächsten Tag dann die Audio Bullys, "the poor man's Streets", wie die australische Journalistin neben mir süffisant bemerkte. Der Sänger stand mit Bierdose, Kippe und Mikro auf der Bühne, sah auf der Leinwand verdächtig orange im Gesicht aus (Solarium?) und gab routiniert den britischen Hool. Auch wenn man es auf Platte nicht so mochte, live funktionierte es. Das merkwürdige Ex-Kraftwerkler Projekt Wolfgang & Dyko verpasste ich leider, hörte aber von anderen, dass es ärgerlich selbstverliebt und retro gewesen sein soll. Hmm, klingt interessant. Die norwegischen Death-Metaller Satyricon ließen so schön ihre langen Mähnen im Takt und im Kreis rotieren, dass es mir ganz warm ums Herz wurde. Beim Wu-Tang Clan dagegen wurde recht aggressiv und vielstimmig auf der Bühne rumgerappt, dass wir uns entschieden, genau dann den Abgang zu machen - der Sound begleitete uns aber noch bis ins Hotel, denn just an diesem Abend war er so weit wie noch nie zu hören.

.: www.exitfest.org :.