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Künstlich Leben

Ex Machina

Auszug aus dem Transkript der Moderation zur Sendung "Robot Wars" auf RTL2, 01.01.2002: "... The Mork hier auf der Flucht vor Firestorm, wie sonst nur Boris Becker vor dem Finanzamt. Eigentlich müssten jetzt die Hausroboter eingreifen ... Jetzt kommt durch die Grube ein neuer Aspekt hinzu ... The Mo
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Auszug aus dem Transkript der Moderation zur Sendung "Robot Wars" auf RTL2, 01.01.2002: "... The Mork hier auf der Flucht vor Firestorm, wie sonst nur Boris Becker vor dem Finanzamt. Eigentlich müssten jetzt die Hausroboter eingreifen ... Jetzt kommt durch die Grube ein neuer Aspekt hinzu ... The Mork schiebt Firestorm in die Grube, unglaublich! Die Dummheit hat einen neuen Namen, der nicht mehr Verona Feldbusch heißt, sondern Firestorm ..."

Hm ... soso. Mal ganz abgesehen von der nicht zu unterschätzenden Dummheit der Moderatoren, die dieses aus Großbritannien importierte, ohnehin schon leicht debile Sendeformat zwischen Hobbythek und Schlammcatchen konsequent bis nah an die Grenze des absoluten Hirntods pushen: Was will, was kann, was soll uns das sagen? Dass es mittlerweile schon bemerkenswert ist, wenn ein Roboter dümmer ist als ein Mensch? Dass Verona Feldbusch selbst ein Roboter ist, entworfen und gebaut von einem Joint-venture aus Bild-Zeitung und RTL2? Dass mithin die Artenschranke zwischen organischen und anorganischen Lebewesen längst aufgehoben ist? Und müssten nicht eigentlich die Menschen als dumm gelten, die mit ihrer Fernbedienung hinter der Plexiglasscheibe stehen und den bemitleidenswerten Boliden-Roboter Firestorm so ungeschickt in die Grube manövriert haben? Das ganze Spektakel ist ähnlich einfältig und naiv wie Steven Spielbergs "AI" aus dem letzten Jahr. Der Film erinnerte nicht nur vom Titel her stark an den extraterrestrischen und exorbitanten Kitsch von "ET" - und blieb, was die spannenden Facetten des Themas betrifft, weit hinter Ridley Scotts legendärem "Blade Runner" zurück.

Die Trivialkultur hat längst vollzogen, was im seriösen Feuilleton erst im letzten Jahr langsam entfacht wurde: die Vermenschlichung des Roboters ist abgeschlossen und irreversibel; jetzt geht es nur noch darum, der neuen hochsensiblen Minderheit ihren adäquaten Platz im Sozialgefüge zuzuweisen, Verteilungskämpfe inklusive. Artificial Intelligence (AI) has come a long way, bevor sie in den Niederungen des Fernseh-Trashs und des Mainstream-Kinos landete.

In The Beginning There Was die Psychoanalyse - Oder: Die Kommunikation simulieren

1950 hat der britische Mathematiker Alan Turing erstmals die Frage aufgeworfen, ob Computer ein Bewusstsein entwickeln können, und daran anschließend gleich die nächste: Wenn ja, wie können wir feststellen, ob das so ist? Seine Antwort, der "Turing-Test", ist die einzige bis heute plausible: Wenn der Computer in jeder Kommunikationssituation so reagiert, dass ein menschlicher Beobachter den Eindruck hat, es mit einem Menschen zu tun zu haben. Joseph Weizenbaums Programm "Eliza" von 1966, das noch heute im Internet anzutreffen ist, zeigt, dass auf Anhieb gar nicht so viel dazugehört, eine verlässliche Kommunikationssituation aufzubauen, da auch und gerade die menschliche Kommunikation - Niklas Luhmann lässt grüßen - zuvorderst aus Stereotypen besteht.

Stanislav Lem aber, der Superfuchs, erklärt uns in "Die Technologiefalle", wie sich beim Turing-Test letztlich doch jeder Rechner aushebeln lässt: Man erzählt ihm eine Geschichte und fordert ihn auf, sie mit eigenen Worten nachzuerzählen. An solchen elementaren Aufgaben laboriert die AI-Forschung nämlich bislang vergeblich. Deshalb war zwischenzeitlich an dieser Front Ruhe eingekehrt. Erst Ray Kurzweils Prognose, dass im Jahr 2025 Computer komplett in der Lage sein werden, das menschliche Gehirn zu emulieren, und Bill Joys daran anknüpfende Technikfolgenabschätzung in Wired, "Warum die Zukunft uns nicht braucht", brachten das Thema kürzlich wieder in die Medien. Aber wovon sie reden ist nun wirklich Zukunftsmusik.

Das Leben simulieren

Als spannender und ergiebiger hat sich einstweilen ein Forschungszweig herausgestellt, der unter dem Label "Artificial Life" (AL) - quasi als "bottom up"-Ansatz - nicht auf die Simulation von Bewusstsein, sondern von Leben generell abzielt. Hier kommen die Roboter, Computerviren und Tamagotchis ins Spiel, denen ja zunächst niemand Bewusstsein attestieren würde, die aber teilweise verblüffend elementare Funktionen biologischen Lebens nachahmen. Die Revolution der Cyborgs vollzieht sich nicht auf der Ebene elaborierter Geistesakrobatik und geschliffener Kommunikation, sondern, indem sie unsere Elementarbedürfnisse nachahmen: Fressen, Ficken, Fernsehen.

Wir werden mit den Borgs nicht auf Augenhöhe kommunizieren, und sie stellen auch kein drittes Geschlecht dar, das die Antagonismen der anderen zwei in einer höheren Synthese auflöst, wie einige verstrahlte Anhänger kalifornischer Cybersekten immer noch glauben. Statt dessen wird eine Armee tumber, possierlicher und willfähriger Mutanten unsere Rechner bevölkern und in unsere Wohnungen einziehen. Sie werden durchs Kinderzimmer kommen, wie sich im Gadget-verrückten Japan bereits beobachten lässt. Dort inflationiert derzeit die Nachkommenschaft von Tamagotchi und Roboterhund Aibo und diffundiert in unterschiedliche Richtungen.

Neben unzähligen Hunde- und Katzenvarianten gibt es seit neuestem künstliche Fische und Schalentiere fürs Aquarium. Ein weiterer Renner sind künstliche Butler, die Gäste in Empfang nehmen und Einbrecher abschrecken sollen. So wird fast auch der denkende Staubsauger, an den uns "Das Neue Universum" bereits in den 70ern glauben machen wollte, Wirklichkeit. Die klassischen kanisterköpfigen Roboter unserer Jugend haben den biologischen Turn nicht überlebt und tauchen nur noch in einer retrofuturistischen Variante, bestenfalls als nostalgisches Zitat auf. Aus dem Kulturbetrieb sind die Bots eh längst nicht mehr wegzudenken, seitdem jede zweite Website und jede dritte Anzeige und jeder vierte Kinofilm mit Avataren aufwartet.

Außerdem ist ja eh schon alles Wesentliche angedacht und vorweggenommen worden mit Andy Warhols Ausspruch "I want to be a maschine" von 1963, mit Kraftwerks Stück "Die Roboter" von 1978 und eben mit Ridley Scotts "Blade Runner" von 1982. Seither, hat es den Anschein, werden die kühn angedachten Sci-fi-Visionen von den Nerds in den Laboren und Animationsstudios nur noch brav ausgeführt und ins Bild gesetzt. Das große symbolische Zeitalter der mechanischen Maschinenmenschen ist vorbei, zugunsten der digitalen Bots und der biogenetischen Klone.

Das simulierte Betrachten

Das alles und noch viel mehr lässt sich derzeit in der Ausstellung "Ex Machina - Eine Geschichte des Roboters von 1950 bis heute" im Museum für Angewandte Kunst in Köln besichtigen. Die US-amerikanischen Künstler Jorge Prado und Pae White demonstrieren hier ihren subjektiven und künstlerischen Blick auf das Thema. Zu den interessanten Exponaten zählen Genre-Urgesteine wie Wabot-1, der erste humanoide Roboter der Waseda Universität Tokio von 1973, oder der Kampfmittelräumroboter Teodor von Telerob, der schon in Tschernobyl einen heldenhaften Dienst versehen hat und wegen der nach dem 11. September sprunghaft gestiegenen Nachfrage kaum zu beschaffen war. Aber auch die neueren Tendenzen sind vertreten, so die obenerwähnten Schwimmroboter ("Auaroiden") der Firma Tarkas oder der Serviceroboter "PaPeRo" (= Partner-type Personal Robot) von NEC. Dieser kann sich bis zu 3000 Sätze und die zugehörigen Gesichter merken und Nachrichten zwischen seinen Bezugspersonen übermitteln. Behandelt man ihn schlecht, läuft er aber weg.

Was die reale neue falsche Unterschicht aus Spielzeugen und Hausrobotern für soziologische Implikationen aufweist, lässt sich noch nicht genau sagen. Wahrscheinlich wird sie dem sozialen Frieden zuarbeiten, indem auch noch das letzte, unterprivilegierte, aus dem Erwerbszusammenhang hinausgesourcte Glied der sozialen Hackordnung einen quasi-feudalistischen Hofstaat unterhalten kann. Arme Roboter: von der apokalyptischen Bedrohung der ganzen Menschheit zum neuen Sub-Proletariat, das in degoutanten Fernsehshows zur Belustigung des Pöbels verheizt wird.

Ex Machina - Eine Geschichte des Roboters von 1950 Bis Heute; Köln, Museum Für Angewandte Kunst, 15.01. Bis 14.04.2002