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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Check Your Teen Idol

Evan Dando

Seit Jahren ranken sich die Gerüchte um Evan Dando. Die meisten davon hängen mit seinem Drogenkonsum zusammen. Jemand habe ihn vollkommen verwahrlost in New York gesehen, konnte man vernehmen. Er sei in diesen Tagen ein trauriges Mahnmal gegen das Junkietum, das sich derart weit ins Aus geschossen h
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Seit Jahren ranken sich die Gerüchte um Evan Dando. Die meisten davon hängen mit seinem Drogenkonsum zusammen. Jemand habe ihn vollkommen verwahrlost in New York gesehen, konnte man vernehmen. Er sei in diesen Tagen ein trauriges Mahnmal gegen das Junkietum, das sich derart weit ins Aus geschossen habe, dass keiner seiner ehemaligen musikalischen Mitstreiter noch mit ihm zu tun haben wolle. Ja, Dando sei mittlerweile hoffnungslos verloren, Drogen hätten sein Leben zerstört. Was auch immer an den Gerüchten dran sein mag, die Lemonheads haben es irgendwie geschafft, nicht wie viele andere Bands aus dieser Ära für immer in der Versenkung zu verschwinden, sondern als lebendiger Mythos weiterhin präsent zu sein. Selbiges gilt für Dando. Sein neues Album wurde trotz all dieser Geschichten seit langem sehnsüchtig erwartet. Nun ist es da. "Baby I'm Bored" hat er, der sich nun endgültig vom Bandgedanken getrennt hat, es betitelt.

Present: Dando

Und ich werde ihn zu all dem interviewen. Und bin natürlich schwer gespannt, wie das 2003-Update eines meiner absoluten Lieblingsmusikers ausfallen wird, wie der Mann mit der (einst?) einschmeichelnden Stimme und dem aparten Aussehen rüberkommt. Bereits am Vorabend hatte ich das Vergnügen, ihn live während einer "Intro Intim"-Veranstaltung zu sehen - zumindest auf der Bühne hat er nichts von seiner Ausstrahlung eingebüßt. Eine Ausstrahlung, die auch von seiner leicht linkischen, boyishen Nervosität lebt.

Die Intro-Fotografin Sheila Michelle Rieke und ich erwarten ihn mit T-Shirts, die er bedrucken soll (und die ihr gewinnen könnt, siehe Monitor). Er kommt an, setzt sich und steht gleich wieder auf, um die Jacke auszuziehen. Der Interviewmarathon, den er heute schon absolviert hat, hat sichtlich seine Spuren hinterlassen. Dando wirkt erschöpft - und kommt dennoch hektisch rüber. Ich erkläre ihm den Masterplan, er möge doch die T-Shirts bemalen und bedrucken, während ein paar Fragen gestellt werden. Das ginge okay, so der selbst ernannte Multi-Tasking-Meister. Von wegen. Gleichzeitig trinken, Zigaretten suchen und mit dem Stoffmal-Stift hantieren sorgt dann doch für das Ende der Kapazitäten: "Äh, wie war die Frage noch mal?"

Past Perfect: Dando

Als Tocotronic 1994 "Ich Möchte Teil Einer Jugendbewegung Sein" sangen, war ich froh, diesen Teil erlebt zu haben. Zu diesem Zeitpunkt war "meine" Bewegung, die man nachträglich Grunge nannte, längst den Holzfällerhemd-Bach runtergegangen. Die Attitüde dieser nicht klar deklarierten Bewegung war Musik, eine latent linke Haltung, Filme von Richard Kern und Jim Jarmusch, Bücher von Kathy Acker und ein klares Nein zu regelmäßiger Arbeit, Ruhm und Erfolg, stattdessen ein von finanziellen Erwägungen befreites Engagement in subkulturellen Gefilden. Heute über Evan Dando zu schreiben impliziert zwangsläufig eine Reise in die Vergangenheit.

Im Tschernobyl-Jahr '86 gründeten sich die Lemonheads in Cambridge (bei Boston), dem Ort, aus dem Evan Dando, Ben Deily und Jesse Peretz kommen. Dando war damals 18. Ein Jahr später erschien ihr Debüt "Hate Your Friends" auf Taang! Records, dem Label, auf dem auch die legendären Bullet LaVolta und später Buffalo Tom erschienen. 1989 erlebten die Lemonheads dann das, was man landläufig als Durchbruch bezeichnet. Die Coverversion von Suzanne Vegas "Luka" machte die Jungs in "Indie-Kreisen" und darüber hinaus berühmt. Der entscheidende Faktor an "Luka" ist, dass es Dandos Faible für Coverversionen und berückend schöne Melodien offenbarte. Ein Faible, das die Lemonheads wesentlich von anderen Bands ihrer Zeit unterschied und bereits auf dem Zweitling "Creator" herauszuhören war.

Der Charles-Manson-Song "Your Home Is Where You're Happy" war ebenso becircend und schön wie "Postcard" und trug eindeutig Evans Stempel. Das sorgte in harten Punkrock-Kreisen für Irritationen und stieß schon mal auf Ablehnung, auch innerhalb der Band. In den folgenden Jahren veröffentlichten die Lemonheads vier weitere Alben. Zwischendurch ging Evan Dando mit befreundeten Musikern ins Studio: beispielsweise mit den Speedniggs (später Sharon Stoned) während der '90er-Tour durch Europa. Eine Zeit, in der Sex, Drugs and Rock'n'Roll nicht nur Dandos Leben bestimmten. Zwischen 1989 und '94 waren die Lemonheads nonstop unterwegs. Keine Atempause. Das zehrt an der Substanz.

Auf der Europa-Tour 1990 war Dando dann dermaßen durch, dass jeder Auftritt ein unberechenbares Risiko wurde. Der Gig im Amsterdamer Melkweg bildete einen Höhepunkt an Desaster. Kurz zuvor hatte er mit den Speed Niggs und reichlich Heroin ein paar Songs eingespielt. Er war in einem derart desolaten Zustand, dass er nicht mehr fähig war, das Konzert durchzustehen. Und wie so oft, wenn Helden ins Straucheln geraten, reagierte der Mob erbarmungslos. Sie warfen Bierflaschen nach ihm. Eigentlich könnte man mutmaßen, dass danach Schluss war. Aber erstens würde ich nicht jetzt, dreizehn Jahre später, über ihn schreiben, und zweitens war Dando trotz all des glamourösen (und unglamourösen) Elends immer eine Steher-Type, eine, die irgendwie weitermacht.

Aus dem Geschichtsunterricht wissen wir: "Lovey", das erste Album ohne Ben Deily, erschien kurze Zeit später. Und 1992 dann "It's A Shame About Ray". Erneut war es eine Coverversion, diesmal der Simon&Garfunkel-Song "Mrs. Robinson", die die Lemonheads nach vorne - zumindest in Sachen Ruhm und Ehre - katapultieren sollte. Und Evan Dando avancierte noch mehr zum Frauenliebling. Von nun an sollten definitiv nicht mehr nur coole Indie-Typen auf die Band stehen, sondern auch schreiende Teenie-Mädchen - und Hollywood- und Musikbusiness-B-Berühmtheiten. Und Dando, zuvor schon eine labile Type, wenn es um Reize ging, zahlte den Preis für den Eiertanz, der (vor allem in den USA) stattfand: Die vielen Titel (und Poster) in der Teenie-Presse feedbackten es ihm spiegelgleich tagein, tagaus: Du bist ein Sexsymbol. Und als solches muss man ja das Klischee erfüllen ...

Die Lemonheads waren spätestens ab diesem Moment die Evan Dando Band, wobei er von Beginn an als Motor und musikalischer Leader agiert hatte. Inzwischen war aber außer ihm niemand mehr von der ursprünglichen Besetzung am Start. Ben Deily beendete sein Studium und wurde Professor für Alt-Griechisch. Jesse Peretz studierte in New York Film; mittlerweile ist er fett im Videoclip-Business und heimste für den Foo-Fighters-Clip "Learn To Fly" 2000 den Grammy für das beste Musikvideo ein. Im August 2002 kam sein zweiter Film "The Chateau" in den USA raus.

Present: Dando

Mittlerweile hat sich Evan in Sheilas Wohnzimmer eingelebt und spielt in den Malpausen mit Ypsilon, dem süßesten Hund der Welt - remember die Hello-Kitty-Strecke in der letzten Ausgabe. Nein, dieser Typ wirkt wirklich nicht so, als sei er noch auf Heroin - es sei denn, es wirkt auf ihn entgegen aller sonstigen biochemischen Erkenntnisse hyperaktiv. Wobei er jetzt auch die Energie im Griff zu haben scheint. Statt Chaos regiert plötzlich das Weltmännische den Auftritt des 35-Jährigen.

Sehr nonchalant lässt er ins Gespräch einfließen, dass er mit sämtlichen Celebritys auf Du sei. Dando ist eben ein Mann, der um seinen Status weiß. Und ein Mann, der (anscheinend) vor neun Monaten auch das Trinken aufgegeben hat, um noch einmal bereit zu sein für den ganz großen Musikzirkus. Trotzdem (und gerade deswegen?) schimmert immer wieder eine freundliche Nervosität durch. Das hatte ich so ehrlich gesagt nicht erwartet, denn die Rückblende war noch nicht zu Ende. Da ging noch einiges - und es waren eher Eskapaden denn musikalische Highlights.

Nach dem Release von "Come On Feel The Lemonheads" verschwand Evan Dando eine Zeit in Australien. Wo er vollends von seinen Süchten heimgesucht und wegen Drogenbesitz verhaftet wurde. Er machte sich, Drogen-umnebelt, mehr als nur einmal zum Narren. Als er endlich in die Staaten zurückkehrte, war er vollkommen am Ende, und seine Familie zwang ihn schließlich zu einem Drogenentzug. Der allerdings nicht von Erfolg gekrönt war: Dando verfiel stattdessen dem "Teufel" Alkohol. Dem Tratsch nach soll er beispielsweise versucht haben, seinen Mageninhalt in einem Aschenbecher zu platzieren. Mit solchen appearances in scum kommt man gerne auf Seite Sechs der New York Post.

Eines Tages entdeckte er dann eine merkwürdige rote Schwellung an sich, und einige Leute kombinierten ohne Umschweife: Dando hat Aids. Kaposi-Alarm. In Wahrheit war es lediglich ein Zeckenbiss. Aber wenn Gerüchte erst mal auf dem Weg sind, gibt es kein Zurück. Sein von all dem gespeister Wunsch, die Menschen sollten sich auf seine Musik konzentrieren, ist leicht nachvollziehbar - aber natürlich nicht erfüllbar. Der Künstler und sein Werk, sie werden in der Rezeptionsästhetik eins.

Wie genau er die Kurve bekommen hat, weiß Evan Dando selbst nicht. Eines Tages landete er wieder in seiner Heimat Massachusetts. Genauer: auf dem idyllischen Eiland Martha's Vineyard, einer Nachbarinsel von Nantucket, das äußerst beliebt bei betuchten Amerikanern ist. Kleiner Klatsch-Einschub: Der berühmteste Bewohner von Martha's Vineyard möchte Bill Clinton sein, der - wie könnte es anders sein - mit guten Freunden von Evan bekannt ist.

Hast du Bill Clinton denn auch getroffen?

Nein, zu der Zeit war er noch amtierender Präsident. Ich wollte nicht mit dem politisch aktiven Clinton zusammentreffen. Obwohl er mit Abstand einer der besten Präsidenten war, die die Staaten jemals hatten. Mittlerweile würde ich ihn gerne kennen lernen und mit ihm über Jazz reden. Er weiß wirklich darüber Bescheid und hat eine ungeheuer große Plattensammlung.

Was hältst du eigentlich davon, dass Ozzy Osbourne kürzlich zum Dinner im Weißen Haus war? Ist das nicht etwas widersprüchlich, wenn man bedenkt, wie die Osbournes sich in ihrer Show präsentieren und für welche Politik Bush steht?

Ja, das ist definitiv seltsam. Ich hätte das an Ozzys Stelle abgelehnt. Aber, Mann, das ist eben Ozzy Osbourne. Ozzy hat sich vermutlich gesagt: "F+++ Bush! Was soll's! Ich kann ins Weiße Haus."

Ich habe gelesen, du habest Interesse bekundet, Chelsea Clinton zu daten, nachdem sie ihre Zahnspange los war?

Oh nein. Da habe ich bestimmt jemanden ein bisschen reingelegt. Ich hatte wirklich niemals vor, mit Chelsea auszugehen. Es war sicherlich nur ein Witz.

Wenn Evan Dando loslegt, um über seine Freunde und Bekannten zu reden, klappt unsereins wirklich die Kinnlade runter. Er ist mit Drew Barrymore befreundet, die nicht nur eine "sweet person", sondern definitiv mit dem Strokes-Schlagzeuger (dessen Namen Evan auch nicht weiß) liiert sei, allerdings seinem Bekunden nach keine Heiratspläne schmiede: "Sie soll nicht schon wieder heiraten. Das hat doch keinen Sinn." Auf meinen Einwand, sie sei vielleicht gereift und könne nun den Bund fürs Leben schließen, lacht er schallend.

Zurück nach Martha's Vineyard. Die Insel, die teilweise unter Naturschutz steht, hatte der Outdoor-Type offensichtlich geholfen, so weit runterzukommen, dass er sich an sein Album "Car Button Cloth" machen konnte. Eine Platte, die damals die Leute spaltete. Die Dando-Fans warteten wie eh und je ungeduldig, das gegnerische Lager hoffte, sie wäre der endgültige Beweis für das Ende der Lemonheads. Zweiterer Wunsch sollte sich nicht erfüllen. Mit seinen neuen Mitstreitern fand Dando zu altem Flow zurück. Namhafte Mitstreiter by the way: Patrick Murphy von Dinosaur-Jr.-Fame saß am Schlagzeug während dieser Phase, und Bryce Goggin, der bereits mit Pavement und The Breeders gearbeitet hatte, übernahm die Produzentenrolle. Die Lemonheads konnten nahtlos an die anderen Alben anschließen. Mit feiner Ironie und subtilen Humor gespickte Texte, verwoben mit einem Sound, der deutlicher denn je Dandos Singer/Songwriter-Qualitäten in den Mittelpunkt setzte. Posterboy was back in town.

Second Present: Dando

Doch seitdem ist nicht nur den Rhein viel Wasser runtergeflossen. Die prekäre Frage, wo denn der gute Mann all die Jahre gesteckt habe, wenn nicht in irgendwelchen Betty-Ford-Kliniken, ist geradezu banal beantwortet: Er hat geheiratet. 1998 lernte er seine bezaubernde Frau kennen, 2000 ehelichte er sie, und danach reiste er mit ihr erst mal ein paar Jahre um die Welt. Von Costa Rica bis Australien. Das gesamte große Traveller-Paket. Wie romantisch. Für sie und ihn freilich nur. All die anderen Frauen werden gerade aufheulen: Schon wieder ein süßer Boy, der weg ist vom Fenster. Aber zur Beruhigung sei erinnert, dass Evan Dando nie ein Groupie-tauglicher Mann gewesen ist.

Remember: voll gepumpt mit Substanzen. Da ist die Wahrnehmung nicht mehr so auf die holde Weiblichkeit im Backstage-Dunstkreis geeicht. Außerdem hat er sich trotz etlicher Steilvorlagen seitens Presse und Fans nie als Womanizer im Sinne eines Matt Dillon gesehen. Selbst nicht in den klaren Momenten. Zugegeben, Frauen umschwärmen ihn. Und ja, er mag Frauen, sodass es schon manches Mal zu mehr als einem Gespräch kommt, ähm, sorry, kam, aber im Gegensatz zu seinen Kollegen genoss er laut Eigeneinschätzung in Maßen. Nun lebt er mit seiner Frau wieder in New York, auf Manhattan, um genau zu sein. Was natürlich die Klischeefrage mit sich bringt, um die keiner seit dem 11. September herumkommt: Warst du damals in der Stadt? "Ich war auf dem Dach, habe live gesehen, wie die Flugzeuge ins World Trade Center rasten. Es war absolut merkwürdig. Vollkommen irreal. Viel unwirklicher als die Bilder, die im Fernsehen gezeigt wurden. Ich dachte zunächst gar nichts. Ich spürte nur die Druckwelle und hörte entfernte, aber brachiale Geräusche. Wie im Comic. Ich habe es wahrgenommen. Aber gesehen? Es war viel zu unglaublich. Zwei Flugzeuge steckten in den Twin Towern fest. Unfassbar." Spricht's, greift in die Tasche und zeigt mir ein Foto, das seine Gattin auf einem Balkon zeigt. Im Hintergrund kann man sehr deutlich Ground Zero erkennen. Betroffenheit ist aber nicht sein Ding. Er schneidet lieber Grimassen und lacht.

Der bevorstehende Krieg bringt ihn schon eher in Rage. Evan Dando ist absolut begeistert von der Haltung der deutschen Regierung, einen Krieg nicht erzwingen zu wollen, sondern aktiv zu vermeiden zu suchen. Das brachte er auch während seines Konzerts am Vortag im Kölner Gebäude 9 zur Sprache. Seltsam genug, beglückwünscht zu werden, Deutsch zu sein. Der Gig hat ihm übrigens viel Spaß gemacht. Obwohl er wahnsinnig nervös war, da er schon so lange nicht mehr gespielt hatte. Understatement - oder Schwachsinn, je nach Perspektive. Denn auf meine Frage, wie lange seine letzten Auftritte denn her seien, bricht Dando lachend zusammen: Er erinnert sich plötzlich, dass er vor vier Tagen noch auf der Bühne stand. Nun denn, wir Popautorinnen helfen den Musikern ja gerne aus der Patsche. Und so schiebe ich schnell seine Erklärung nach: "Du meinst sicherlich, dass du schon so lange nicht in Europa, insbesondere in Deutschland, aufgetreten bist." Damit kann er leben: "Ja, vielleicht ist es das. Obwohl - nein - ich war doch erst vor kurzem hier. In Hamburg mit Ben Lee." Tja, in diesem Fall ist die Wahrnehmung andersherum falsch, denn dieser Besuch ist schon ein paar Jahre her.

Evan Dando hat auch während der "Reisen mit der Gattin"-Phase nie aufgehört, live aufzutreten. 2001 gab er, supportet von Ben Lee, ein Konzert in New York, das seine Unberechenbarkeit bei Live-Auftritten bewies. Kaum auf der Bühne, bestellte er sich einen Tequila nach dem anderen und mimte den verwöhnten Star, indem er sich dann beschwerte, es seien wohl zu viele Drinks und man möge doch aufhören, Getränke auf die Bühne zu karren. Um es noch unerträglicher zu machen, wurde er in Nebelmaschinen-Nebel gehüllt. Alles in allem: ein Reinfall. Sein kurzes Statement zu derartigen Appearances: "Ich war eine Zeit lang wirklich sehr egozentrisch."

Zurück zur gestrigen Nacht. Auf der Bühne war seine Nervosität deutlich spürbar. Irgendwie verständlich, wenn man allein mit der Gitarre vor einen ausverkauften Laden treten muss. Gleich zu Beginn riss dann auch noch die D-Seite. Das war - wie wir alten Hasen wissen - eigentlich kein Drama, aber da ihm leider niemand eine neue Gitarre brachte, obwohl er mehrfach um eine bat, blieb ihm nichts weiter übrig, als sich nach hinten zu bemühen und selbst eine zu besorgen. "Das war unglaublich. Ich hatte doch gesehen, dass die Bands vorher Gitarren hatten. Aber keiner kam zu mir auf die Bühne und half mir aus. Also musste ich gucken, dass ich eine finde. Glücklicherweise fand ich diese herrenlose Gitarre. Ich war wirklich angespannt. Es hat lange gedauert, bis ich mich entspannen konnte."

Ich gebe zu, beim ersten Hören des Albums vergeblich auf eine Hymne vom Kaliber "If I Can Talk I'd Tell You" gewartet zu haben.

[in seinem Gesicht spiegelt sich ein endloses Fragezeichen] Wie oft hast du die Platte denn gehört?

Oft.

Dann wird sie dir nie gefallen.

Nein, es ist ja nicht so, dass sie mir nicht gefällt. "It Looks Like You" hat fast das Zeug zu einer Hymne.

Hast du denn nicht den letzten Song gehört? Das ist doch wirklich ein Hit.

"In The Grass All Wine Colored"? Nichts für ungut. Themenwechsel. Hat der Titel "Baby I'm Bored" etwas damit zu tun, dass du der Welt deine Langeweile mitteilen möchtest?

[Lacht] Nein, wirklich nicht. Es ist ein Wortwitz. [dreht sich zu Sven, seinem Begleiter] Haben wir noch ein T-Shirt? Ja, prima. Guck mal. [zeigt mir den Aufdruck] Genau so sehen diese Aufkleber "Baby On Board" aus. Die haben mich schon immer total genervt. Ich meine, was sollen diese Aufkleber bewirken? Was ist das für eine überflüssige Information? Daraus ist der "Baby I'm Bored"-Titel entstanden.

Mist. Keine Enthüllungen im Sinne von: Ohne Drogen ist die Welt so grau und fad. Damit muss man erst mal klarkommen ...

Mit wem hast du für das Album zusammengearbeitet? Ich nehme an, Ben Lee war ebenfalls am Start. Mit ihm hast du ja in den letzten Jahren viel gemacht.

Ja, genau. Ben Lee und ich verstehen uns hervorragend. Es macht viel Spaß, mit ihm zu arbeiten. Aber es waren auch viele andere dabei: Howie Gelb, John Convertino und Joey Burns von Giant Sand bzw. Calexico, und mit Tom Morgan habe ich wieder Songs geschrieben. Mit ihm habe ich z. B. "Being Around" gemacht. Oh Mann. Gestern habe ich auf dem Konzert den Text nicht mehr zusammenbekommen. Gut, dass dies erst zum Ende passiert ist. Ich war ohnehin nervös genug. Aber das Publikum hat mir glücklicherweise mit den Lyrics weitergeholfen. Das war wirklich lustig.

Könnte man behaupten, du bist mit deinem Album dort angekommen, wohin du dich beständig bewegt hast, nämlich zum Singer/Songwritertum?

Ich denke schon. Meine Verehrung für Musiker wie Bob Dylan oder Graham Parsons hat mich immer geleitet. Und auf dieser Platte habe ich aufgehört, mich und was ich sagen möchte in Ironie und Humor zu verpacken. Ich singe viel direkter über das, was mich bewegt hat. Tatsächlich waren meine Musik und insbesondere die Texte noch nie so persönlich. Ich gebe mir Mühe, mich z. B. über meine Drogenprobleme nicht mehr einfach lustig zu machen. Das ist gut.

Wie und wo hast du das Album aufgenommen? Es hat ja relativ lange gedauert, bis es fertig war.

Ich war viel unterwegs, um mit den ganzen Leuten die Songs einzuspielen, z. B. in Los Angeles, New York und Tucson, Arizona. Die Produktionskosten habe ich zum großen Teil selbst getragen. Das war sehr befreiend. Ich hatte kein Label und deswegen auch keinen A&R, der mir auf die Finger geguckt hat, mich unter Druck bringen konnte oder aber nach einer "Hymne" verlangt hat. [lacht und kneift mir in den Oberschenkel]

Wie ist eigentlich dein Verhältnis zu den Ex-Lemonheads? Man hört immer wieder, dass ihr zerstritten seid und nichts miteinander zu schaffen habt?

Ja, klar. Deswegen wird Jesse Peretz auch das neue Video machen. Das ist alles nur Blödsinn. Es ist wie bei jedem anderen auch. Man verliert Freunde aus den Augen, hat sich nichts mehr zu sagen, geht verschiedene Wege. Das passiert eben. Aber mit vielen bin ich nach wie vor befreundet. Ben Deily z. B. denkt gerade darüber nach, wieder Musik zu machen. Es ist ohnehin ein guter Zeitpunkt, Gitarrenmusik zu veröffentlichen. Ich habe doch großes Glück gehabt, dass ich pausierte, während der Musikmarkt für Gitarrensound ohnehin nicht funktionierte. Jetzt gibt es wieder richtig viele gute Bands in der Richtung, und die Leute wollen es hören. Das ist doch super.

Sag mal, ich habe gehört, du seiest früher ein Kinderstar gewesen. Stimmt das eigentlich?

Kinderstar? Ach ja. Ich habe mal einen Werbespot gemacht, und alle haben mich damit verarscht. Lustigerweise habe ich den Spot nie gesehen. Ich sollte mal in einem Horrorfilm eine Rolle übernehmen. Ich hätte so ein Psycho-Kind spielen sollen, das Leute umbringt. Der süße blonde Junge, der in Wirklichkeit völlig neben der Spur ist. Aber meine Mutter war dagegen. Damit war meine Kinderkarriere beendet, bevor sie beginnen konnte.

The Short Goodbye Kiss

Während das Taxi unten wartet, muss er noch unbedingt seine Keith-Richards-Anekdote loswerden und zeigt uns, in welcher Position der Meister seine Joints konsumiert. Evan Dando hockt sich hin, drückt den Hintern raus, als müsse er seiner Verdauung freien Lauf lassen, und macht Ententanz-artige Armbewegungen. Sehr, sehr merkwürdig. Dann bricht er lachend zusammen. Bei Keith steht übrigens John Lennons altes Piano, auf dem schon Graham Parsons komponierte, von dem er nicht nur "Brass Buttons" gecovert hat. Schade, jetzt kommen wir gerade in Schwung. Ich könnte mir stundenlang diese Promi-Geschichten anhören. Aber der Zug wartet nicht. Eine herzliche Umarmung noch. Bis zum nächsten Mal.