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So war der Donnerstag in Groningen

Eurosonic Noorderslag 2013

2013 hat kaum begonnen, da steht schon der erste große Festivalhöhepunkt ins Haus: Das Eurosonic Noorderslag in Groningen ist das größte europäische Newcomerfestival und eine Börse für etwa 300 junge Bands, die sich hier vor der versammelten Festivalveranstalterszene ein Stelldichein geben. Nicht in einer großen Messehalle, sondern in gut 30 kleinen und großen Venues in der Groninger Altstadt. Intro ist auch vor Ort und checkt die größten Hoffnungen für das noch junge Jahr.
Geschrieben am
10.01.2013, Groningen, diverse Locations

20:05 Uhr, Simplon Main
Ein Showcase-Festival kennt kein Erbarmen. Stabil Elite müssen, für die Düsseldorfer Dandys viel zu früh, direkt zu Beginn des Bühnenprogramms vor’s sich gerade erst sammelnde Publikum. Dabei sind die vier jungen Musiker live weit weniger streng als auf Platte und driften von 80er-Strenge rüber in 70er-Selbsterfahrung mit saftiger Kraut-Schlagseite. Verschwendung zu so früher Stunde.
 
20:10 Uhr, Stadsschouwburg
Neben den Temples und Champs sind Little Green Cars der dritte Hochkaräter von den britischen Inseln, der gleich auf den ersten Slot des diesjährigen Eurosonic gesetzt wurde. Trotz der starken Konkurrenz ist die Stadsschouwburg, ein Theater am Rande der Altstadt, gut gefüllt – kein Wunder, schließlich wird von den Iren kolportiert, schon erste Erfolge in den USA eingefahren zu haben. Der Bühnenaufbau der sechsköpfigen Band erinnert frappierend an Team Me, die letztes Jahr an gleicher Stelle reüssierten, die Musik eher an die Grenze zwischen Arcade Fire und Of Monsters And Men. Allerdings bleiben Little Green Cars deutlich hinter den Erwartungen zurück. Man merkt schon, dass sie großartig sein könnten, allerdings wählen sie mit zwei ruhigen, akustischen Stücken zu Beginn eine ungünstige Dramaturgie und kriegen auch sonst die Kurve nicht so richtig. Schade, denn das Potenzial ist – wie gesagt – absolut vorhanden.

20:34 Uhr, Cathedral
»Blaudzun«? Der Name des niederländischen Folk-Indierockers, der mit siebenköpfiger Band auftritt, klingt schon nach Abnormität, Fantasy und Fabelwesen. Tatsächlich sieht der in den Niederlanden bereits charterprobte Sänger ein bisschen aus wie eine einst für die »Sesamstraße« entwickelte Plüschfigur. Die unter Mithilfe eines ganzen Indie-Orchesters vorgetragenen, pathosüberladenen Stücke haben stilistisch alles drauf, was dem Arcade-Fire-Fan zum Glücke gereicht. Uns fehlten aber wirklich herausragende Stücke, die all den Budenzauber erst richtig toll machen würden.
 
20:45 Uhr, Machinefabriek
Ewert Sundja holt Luft für das Finale seines Sets. Der Este und seine Band Ewert And The Two Dragons war bereits im letzten Jahr hier, bemerkenswert für dieses Festival. »Eurosonic opened so many doors for us«, schwärmt er von der Bühne, bevor die Band eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass sie sich in den letzten zwei Jahren wirklich den Arsch abgetourt haben. Entsprechend zielstrebig ist auch das Publikum gekommen, weit weniger Laufkundschaft als bei anderen Gigs und alle bleiben bis zum Ende. Mit ihrem Sound und ihrer Bühnenroutine empfiehlt sich die Band jetzt schon für die Mainstages bei Indie-Festivals des Formats Haldern, Immergut oder woauchimmer ein Publikum mit Vorlieben zwischen Mumford und Loney, Dear aufläuft.
 
 
20:55 Uhr, Simplon Up
Jedes Jahr wieder ist das Simpon, der bekannteste Electro Club der Stadt, mit seinen zwei Bühnen einer der meistfrequentierten Venues des Eurosonic. Dementsprechend voll ist es, als die Vimes, ein Duo aus Köln, die Bühne betreten. Um einen Live-Schlagzeuger verstärkt klingt ihr Synthiepop genauso atmosphärisch dich wie glamourös, und die Stimme von Sänger Azhar Syed gibt den Stücken eine starke, poppige Identität. Absolut überzeugend, das merkt man auch an den Ovationen des sonst oftmals kritischen Publikums. Überhaupt ist die Qualität der deutschen Acts in ihrer Breite so hoch wie niemals zuvor beim Eurosonic. Abgesehen von den Briten muss sich die deutsche Delegation hinter niemandem verstecken.
 
21:35 Uhr, Machinefabriek
Neben den vielen in Deutschland bisher unbekannten Bands sind auch ein paar im Line-Up, die schon ein paar Europa-Tourneen hinter sich gebracht haben. Zu dieser Riege gehören die Schotten Frightened Rabbit, und das hört man. Ihr Indierock ist solide in einem sehr positiven Sinne. Mittlerweile garnieren sie ihre seit jeher sehr hymnischen Songs mit diversen elektronischen Elementen, die mehr Platz einnehmen, je jünger die Songs sind. Frightened Rabbit spielen auch ein paar Stücke ihres im Februar erscheinenden Albums »Pederstrian Verse«. Auf ihnen ist der erneuerte Sound der Band am deutlichsten herauszuhören.

21:44 Uhr, De Spieghel
Mile Me Deaf
speisen sich aus Mitgliedern von unter anderem Killed By 9V Batteries und Sex Jams. Bei Robert Stadlobers Wiener Label Siluh steht sie – natürlich muss man sagen – längst unter Vertrag. Das Trio beschwört mit einfachsten Mitteln längst vergessene Noise-Rock-Tage. Die Zeiten, als Sonic Youths Gitarrenspiel für Innovation stand und Nirvana noch in Jugendhäusern statt in Coming-Of-Age-Filmen mit Matthias Schweighöfer für Emotionen sorgten. Mile Me Deaf inszenieren sich und ihren Sound schnörkellos, laut und - für das Genre ungewohnt – angenehm selbstironisch. Bonus: Der Bassist kleidet sich ein bisschen wie der Loser aus The Offsprings „Pretty Fly For a White Guy“.
 
22:05 Uhr, Cathedral
Das war zu erwarten: Auch wenn Jake Bugg in einem großen Zirkuszelt auftritt, ist die Schlange vor dem Einlass endlos. Ein paar Verzweifelte versuchen sogar, durch ein Loch in der Zeltwand einen Blick auf die Bühne zu erhaschen. Bugg wird den Vorschusslorbeeren absolut gerecht: Egal ob alleine, zu zweit oder mit Band ist sein Sound, der zwischen Britpop-Schemata und alten US-Songwritern changiert, spektakulär gut. Dabei hat Bugg es gar nicht mal nötig, das Rad neu zu erfinden. Sein Talent erlaubt es ihn, in alten Stilen Momente und Melodien zu schaffen, die zeitlos frisch klingen. Das ist umso erstaunlicher angesichts dessen, das das englische Milchgesicht optisch ziemlich wenig her macht. Mehr zu ihm kann man in der Februarausgabe der Intro lesen.
 
22:35 Uhr, Vindicat
Kadavar
sind nicht zum Plaudern gekommen. Das Berliner Trio wuchtet seinen 70ies Hardrock-Sound mit einer unmissverständlichen Vehemenz ins voll besetzte, vom schnörkellosem JuZe-Charme gezeichneten Vidicat, dass Fragen überflüssig werden. Eine gute, eine eigene Hook wäre von Zeit zu Zeit vielleicht Balsam auf den ansonsten beinahe zu stimmigen Sound der Band, aber hier wird gegessen, was auf den Tisch kommt und die Jungs hinter der Theke sind dabei noch ihre besten Gäste.

23:00 Uhr, Grand Theatre
Achtung, Achtung! Wer keinen gültigen Plan hat: Michael Monroe (von der finnischen Sleazer-Legende Hanoi Rocks) spielt nicht, weil sein Gitarrist Dregen (Ex-Hellacopters, Backyard Babies) Vater geworden ist. Stattdessen spielt das Berliner Standup-Kraut-Trio Camera im großen Saal, der wirklich höher als lang ist. Camera sind zum Glück nicht auf Publikumsreaktionen angewiesen und blenden die Summe aus Enttäuschung und leeren Blicken prima aus. Die Band ist sich selbst so genug, aus denen wird mal was.
 
23:10 Uhr, USVA
Kein Reinkommen bei den französischen Metronomy-Nachkommen Juveniles, kein Reinkommen bei CHVRCHES, deshalb weichen wir in das USVA aus. Dort spielen Fenster aus Berlin ein sehr schönes Set vor relativ kleiner Kulisse. Das international besetzte Quartett passt mit seinem Lofi-Ethos sehr gut auf das Label Morr Music, auf dem sie vergangenes ihr schönes Debüt »Bones« veröffentlichten. Eine folkige Anmutung mischt sich mit halligen, folkrockigen Gesängen, Lofi-elektronischen Soundelementen, Percussions und klaren Pop-Harmonien. Eine Band, die es auf jeden Fall verdient hat, auch ein knappes Jahr nach Veröffentlichung ihres Albums noch mal in den Fokus der Aufmerksamkeit zu gelangen.

23:15 Uhr, Minerva Art Academy
Der Donnerstagabend erreicht seinen ersten hysterischen Siedepunkt. Immerhin sammelt das Chvrches-Video »The Mother We Share«, eine süßlich-erschütternde Dance-Pop-Hymne, schon seit Wochen als eines der wenigen musikalischen Erzeugnisse von Chvrches im Netz Klicks in Tausender-Schritten. Das Glasgower Trio, um das längst ein »bidding war« ausgebrochen ist, den Universal für sich entschieden haben soll, kommt allerdings nicht völlig aus dem Nichts: Einer der beiden Laptop-Synthesizer-Musiker, Iain Cook, spielte bereits bei Aereogramme und The Unwinding Hours. Mittelpunkt aber bildet die vermutlich gerade mal volljährige Sängerin Lauren Mayberry, die in Doc Martens dem energetisch vorgetragenen Synthie-Pop mehr als nur einen Hauch 80er-Düsterpop-Pathos verleiht. Tolle Songs dabei, der Laden ist voll. Debütalbum soll im Herbst kommen, munkelt man in der ersten Reihe.
 
0:00 Uhr, Vera
Holy Mountain
spielen Stoner sportif. Den Sound der Schotten bekränzen manche zwar als Mischung aus Black Sabbath und MC5, manche betonen den psychedelischen Moment, aber heute dominiert hier mal mächtige Spielfreude. Schnörkel werden bewusst ausgeklammert. Wozu Schnörkel, ihr Album ist auch nur 30 Minuten lang. Diese Eigenart und ihr Oberkörper entblößendes Äußeres erinnern ja eher an AC/DC. Minus Gesang allerdings, der wurde ebenfalls aus dem Sound wegrationalisiert. Macht Spaß beim Zuschauen, giert aber auch nach ein paar mehr Einfällen unterwegs.
 
0:40 Uhr, Platform Theater Main
Die Schlange vor der Stadsschouwburg beim Efterklang-Konzert ist erwartungsgemäß endlos, deshalb gehen wir direkt ein paar Meter weiter zu Kwes. Dessen letztes Jahr auf Warp veröffentlichte EP »Meantime« war grandios und selbst im Kontext dieses visionären Labels sehr eigen, trotz den unüberhörbaren Pop-Appeals. Gemessen daran ist das Set der zu Trio aufgebauschten Band aber enttäuschend: Ziemlich ziel- und willenlos lümmelt sich die Besetzung Bass, Keyboard und Schlagzeug durch die Songs, viele schöne Elemente der Stücke bleiben auf der Strecke. Schade, aber kein Grund, nichts Großes vom kommenden Album zu erwarten.
 
1:30 Uhr, Vera
Psychedelic ist oft ereignisarm. Nehmen wir nun an, David Lynch hätte an der Bong seines Teenager-Sohnes geschnüffelt und würde die Geschichte einer isländischen Band erzählen, der ein Ton pro Song beim Jammen völlig ausreichte. Diese Vorstellung ist nicht mal halb so langweilig wie die Wirklichkeit. Die Hoffnung, dass die unermessliche Geduld, die einem diese Band abverlangt, irgendwann einmal belohnt wird, wird immer wieder enttäuscht. Man kann es schon passiv-aggressiv nennen, was bei Siinai passiert und hätte man das Publikum den Fluchtweg versperrt, wäre es sicherlich zur Eskalation gekommen.