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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

De lekkerste

Eurosonic 2007

Das jährlich stattfindende holländische Eurosonic Festival funktioniert wie eine Indie Börse, hier steigen und fallen die Kurse für die Up-And-Coming-Acts des Jahres. Viele, die von hier aus ihre steile Karriere starteten. Genauso viele allerdings, deren Vorschusslorbeeren hier nicht bestätigt werden konnten.
Geschrieben am
11.-13.01.07, Groningen, NL, diverse Locations.

"Anton Corbijn ist auch hier! Er ist mit der Band Brainstorm aus Lettland befreundet, hat für die auch Fotos gemacht. Jetzt guckt er sich hier den Auftritt von Brainstorm an. Mit dem muss ich unbedingt noch ein Interview machen." Der Eins Live-Kollege ist geradezu außer sich vor Aufregung, dass einer der bekanntesten Musikerfotografen beim Eurosonic Festival rumläuft. Immerhin: Corbijn machte in Groningen seine ersten Band- und Konzertfotos, insofern ist er der Stadt eng verbunden.

Neben Anton Corbijn sind auch dieses Jahr viele Vertreter der so genannten Musikszene aus ganz Europa beim Eurosonic Festival und dem dazugehörigen Kongress: Booker, Radioheinis, Journalisten oder Plattenfirmenmenschen. Und sie alle sind auf der Suche nach dem nächsten großen Ding. Denn das Eurosonic funktioniert ein bisschen so, wie die Frankfurter Börse. Hier spielen europäische Bands, die in ihrem Heimatland schon mäßig bis sehr erfolgreich sind und jetzt den Sprung ins europäische Ausland anpeilen - eine Art Showcase für Booker, die neue Bands für die großen Festivals wie Roskilde, Glastonbury, Hurricane oder Haldern-Pop suchen. Und tatsächlich: Die Aktienkurse einiger Bands schnellten nach ihrem Auftritt beim Eurosonic rasant in die Höhe und via Groningen wurde das Fundament für eine Weltkarriere angegossen. Populärste und daher immer wieder genannte Beispiele: Phoenix, The Libertines, The Kooks oder Franz Ferdinand. Letztere spielten 2004 im Vera, dem Groninger Traditionsrockschuppen, vor ca. 200 Leuten. Danach gings in Vorprogramm von größeren Bands, dann auf die dicken Festivals und dann richtig ab.

Auch das Groninger Line Up für 2007 war vielversprechend: Unter den rund 170 Bands tummelten sich auch in Deutschland bereits bekanntere Acts wie The Sunshine Underground, Peter, Bjorn And John, The Magic Numbers, Goose, Datarock, Mumm-Ra, The View oder Enter Shikari. Interessant wird es beim Eurosonic aber immer dann, wenn es überraschend wird. Voltaire zum Beispiel, eine Punkpop-Band aus Polen (und nicht zu verwechseln mit dieser Band), hat prima Songs in Green Day-Manier geboten. Oder Lo-Fi-Fnk mit 80er-Retro-Elektronik, die in punkto Käsigkeit noch ein bisschen weiter gehen als Les Rythmes Digitales. Oder Oh No Ono, eine Art französische Scissor Sisters in Indie: Drei Typen, wahrscheinlich Brüder, mit explodierten Atomlocken, Tendenz Afro, klapperdürr, die Gitarren hoch vor die Brust geschnallt und ab. Ein bisschen Violent Femmes oder B-52's mag man da reinhören, gepaart mit 80er-Happiness und quietschigem Kehlkopfgesang - in punkto Skurrilität ein Highlight!

Die Sets einiger im Vorfeld bejubelter Bands hingegen fielen ein wenig enttäuschend aus. The View waren ohrenbetäubend laut, kamen ein bisschen so rüber wie die englische Indievariante der Killerpilze und klangen wie die Libertines. Naja. Auch Mumm-Ra, nach einer sehr tollen EP und einer fast so tollen Single, waren ein Tuschelthema. Live allerdings sind Mumm-Ra geradezu schlecht. Aber das waren Franz Ferdinand am Anfang ihrer Karriere schließlich auch.Auch nicht ganz so toll fiel der Auftritt von Uffie aus. Zwar ist sie cool wie noch was, tritt in einem tief ausgeschnittenen Automechanikeroutfit auf, aber leider fiel die Show sehr frostig aus: Ihr Acting reduzierte sich auf einen Gesichtsausdruck und die ewig gleich geschüttelte Hand – während im Hintergrund DJ Feadz, zuständig für die Beats, deutlich mehr rumkasperte. Trotzdem: Uffie hat irre viel Talent und so bleibt zu hoffen, dass sie sonst ne Spur wilder performt und die Trägheit nur den am Abend vorher geschmissenen Pilzen geschuldet war. Ihr Auftritt war Teil einer Ed-Banger-Nacht – und wie immer wenn das derzeit angesagte Pariser Label am Start ist, galt auch diesmal: Schleunigst hin, denn hier wird noch gewagt aufgelegt, schön neben der Spur, manchmal am Grad der Peinlichkeit und immer aberwitzig.

Am Freitag hostete dann INTRO einen Abend. Schön vielseitig gebucht mit Navel (Gott hatten die einen dichten, dunklen Sound. Grunge is back in town.), Das Pop (selten war ein Name so passend), Mika (tja, da war ich wohl an der Bar, sorry, habe aber nur gutes gehört), Digitalism (mal ehrlich, geht’s noch geiler? Absolut mitreißender Hedo-House mit Köpfchen), finn. (der liebste Mensch der Welt und ein filigraner Songwriter vorm Herrgott), Clickclickdecker (textlich deutlich Kettcar beeinflusst, aber musikalisch ne Spur optimistischer, und das trotz Dortmunder Herkunft), Shitdisco (ganz, ganz großartig) und About.

Eines ist beim Eurosonic auf jeden Fall liebgewordener Standard: Der spätabendliche Gang zu Febo, der Fastfoodkette mit Automatenessen, Untertitel "De lekkerste". Hier bringen sich biergefüllte Leiber mit frittierten Spezialitäten wieder auf Vordermann: Bamiblock, Frikandel Spezial, Fritten mit Satésosse - und die ewige Frage: Warum gibt es diese Automaten eigentlich nicht in Deutschland?



Und das sagen

Matthias Hörstmann: "Angenehme Stimmung allen Ortens, ein neugieriges Publikum, daß allerdings (vermutlich dem Gig-Marathon und dem vorwiegenden Newcomer-Status der Bands geschuldet) eher zurückhaltend zusah und Kräfte haushaltend auf exzessives Partytum verzichtete."

Felix Scharlau: "Schönes Festival mal wieder, gute Stimmung, viele Leute kennengelernt, viele hervorragende Auftritte (z.B. Uffie, Shitdisco, Navel oder Digitalism). Ein Polizist hat mir auf offener Straße im Vorbeigehen das Bier aus der Hand gerissen, das war natürlich ein unverzeihlicher Downer. Aber bis nächstes Jahr ist das überwunden."

Hendryk Martin: "Alle Jahre wieder ein absolut charming Festival mit vielen interessanten Acts (Peter Bjorn And John, Shitdisco, Enter Shikari, Digitalism, The Sunshine Underground u.a.) in den schönen Clubs von Groningen."

Stefan Lehmkuhl: "Das Noorderslag-Weekend ist für mich die effektivste und entspannteste 'Messe' überhaupt. Ich mag Holland, ich mag Groningen, ich liebe Febo. Mit drei Tagen (vorwiegend) Spaß kann ich mir eine Woche emailen und telefonieren sparen."

Und nochmal Thomas Venker: "Groningen ist ja an sich schon eine so tolle Stadt, wenn dann noch das Norderslag über die Stadt herfällt, dann kann ja nichts mehr schiefgehen. Und genau so lief es auch: Einige klasse Bands entdeckt, viele gute Gespräche geführt - und am Ende dufte betrunken gewesen."