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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Morrissey und Heiner Lauterbach

Essen neben

Pecorino-Salat und Salbei-Nudeln / Prenzlauer Berg "Wenn wir auf der Berlinale keinen Promi finden, der bei unserer Rubrik 'Kochen Mit' aufläuft, dann Gute Nacht Marie", fasst Begleiter Thomas Venker die Situation zusammen, und ich starre unglücklich in das klaffende Maul der Fallhöhe, die in diese
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Pecorino-Salat und Salbei-Nudeln / Prenzlauer Berg
"Wenn wir auf der Berlinale keinen Promi finden, der bei unserer Rubrik 'Kochen Mit' aufläuft, dann Gute Nacht Marie", fasst Begleiter Thomas Venker die Situation zusammen, und ich starre unglücklich in das klaffende Maul der Fallhöhe, die in dieser Aussage auch deutlich wird.
Angespannt trete ich gegen die cremefarbene Wand des bierdeckelgroßen Pensionszimmers. Ein Fußabdruck bleibt - nur einer von vielen, die ältesten gehen sicher noch zurück auf die Zeiten der Luftbrücke. Also die der ersten. Zwischen den Ottonen und den Staufern. Eine Pension mit abgegrabbelten Tapeten - das ist jedenfalls das, was wir uns in der Hauptstadt zu Zeiten der Filmfestspiele gegönnt haben. Um einen herum husten und wohnen nur ähnliche Typen wie wir. Ähnliche Typen, das heißt vor allem Stalker. Unser Problem: All diese selbst ernannten Star-Behelliger mit ihren Papierhüten und komischen Wollpullovern sind schon längst los. Nur wir Profis noch nicht. Verdammt, Stalken sollte endlich Ausbildungsberuf werden. Mit Innung und allem Drum und Dran. Unser Unterfangen stellt sich bei all der ehrenamtlichen Konkurrenz jedenfalls als nicht gerade leicht dar. Vergleichbar vielleicht am ehesten damit, wenn man mit seiner Knarre in den Park geht und sieht, alle Passanten werden gerade schon überfallen. Wo soll man da selbst noch ansetzen?
Zudem herrscht schon die ganze Zeit eine Verstimmung in unserer Intro-Celeb-Taskforce: Vorhin hatte ich dem Kollegen nämlich gesagt, ich könne mir den In-Extremo-Song vom gerade gesehenen "Bundesvision Songcontest" durchaus schönhören. "Liam Liam" heißt der, oder so ähnlich. Und vermutlich geht er nicht um Oasis. Keine Ahnung, verstanden hat man ja ohnehin kein Wort bei dieser Live-Show. Technisch ist Deutschland eben noch nicht so weit, Musik im Fernsehen auch hörbar auszustrahlen. Muss man sich einfach eingestehen, speziell, wenn man danach die US-Grammy-Show verfolgt hat. Oder man muss hoffen, dass doch nur der "Bundesvision"-Austragungsort Wetzlar einst an der Station vom Schwellenland zur Ersten Welt gestrauchelt ist - und dann bis zu diesem Contest einfach nur am Boden vergessen wurde. Egal, bei den wirklich allermeisten Acts durfte man den der Unverstehbarkeit überantworteten Gesangssound natürlich als Gnadenakt begreifen. Denn die Frage sei erlaubt: An dieser mies ausgesteuerten Kasperrevue ist der Deutsch-Pop-Boom also angekommen? Wenn Wir Sind Helden das noch erleben müssten. Die würden ja flennen. Kein Wunder also, dass da der Quote, In Extremo seien doch schön ehrlicher Mittelaltermist, auf den man sich ruhig mal fünf Minuten einlassen könnte, nur auf eskalierenden Zorn stieß. Wäre an diesem Zeitpunkt doch nur schon zu ahnen gewesen, wie viele Stars im weiteren Verlauf des Trips noch zum Essen mit und vor allem neben uns auflaufen würden, ich hätte Venko bei der folgenden Rangelei vielleicht keinen offenen Edding ins Ohr gesteckt.

Teegebäck / Charlottenburg, Ecke Bahnhof Zoo
Es öffnen sich die Tore einer Plattenfirma. Ihre Location ist zwar im Westen, doch die direkte Nachbarschaft kommt "mitte-cool" rüber - wohnt man doch nur einen Stock über der Schuldnerberatung. Zufall oder clevere Bürowahl in Zeiten der Krise? Das erfahren wir nicht, dafür dürfen wir aber Gebäck einer erlesenen Teatime-Mischung zusammen mit der erst im April erscheinenden Platte von Morrissey einnehmen. Die Kekse schmelzen auf der Zunge. Welche Maschine auch immer sie gebacken hat, man möchte sich auch mal privat von ihr verwöhnen lassen.

Ritz-Carlton / Potsdamer Platz
Einige Stunden später. Im Ritz-Carlton findet eine Veranstaltung für den guten Zweck statt. Es ist die "19. Movie meets Media"-Party - erlöst werden soll u. a. Geld für Veronica Ferres' Organisation "Power Child e. V.". Wobei die Formulierung "u. a. Geld" ganz treffend ist. Denn natürlich geht es hier vornehmlich nur darum, die elende C-Promihaftigkeit der ganzen Berlinale und den hierzulande retardierten Zustand von Glamour in quälender Peinlichkeit auf den Punkt zu bringen. Dementsprechend tummeln sich hier größtenteils Trolle und Kobolde, die darauf warten, ein Engagement für RTLs "Dschungelshow" oder Pro7s "Burg" zu ergattern. Während man sich noch fragt, warum Robert Stadlober einen blöden Krempenhut trägt und solche Events überhaupt mitnimmt, wird es endlich brisant: Thomas hat "Nova Meinhof Henrich" entdeckt. Dem Armen sind wohl die vielen RAF-Verfilmungen mit Ex-Viva-VJs als coole Terroristinnen zu Kopf gestiegen. Danke, junger deutscher Film, du Penner! Als ginge es uns nicht so schon mäßig genug. Immerhin nehmen wir Mahlzeiten in den Auren von Leinwandidolen wie Heiner Lauterbach, Miss Germany, Claude Oliver Rudolph und der Moderatorin von "Focus TV" ein. Und vielleicht erreichen die Impulse der Veranstaltung ja ihre Adressaten. Immerhin ist das Top-Thema des Abends neben Kindesmissbrauch (Power Child e. V.) mit "Die Zukunft des interaktiven Fernsehens" (Sony) nicht minder brisant. Wenn auch nur eine dieser Herausforderungen an die Gesellschaft gelöst wurde an diesem Abend, könnten gewaltbereite Familien und/oder Stefan Raab ganz neue Horizonte erfahren.

Bruscetta und Salat / Friedrichshain
Nicht dass es nicht auch schön sein kann, mit all der schäbigen Unprominenz und multinationalen Konzernen abzuhängen, wir allerdings verlassen bald wieder das Hotel. Kollege Venker erzählt, wie er zuletzt in einem chinesischen Restaurant in Oklahoma einen Glückskeks öffnete, der besagte "Sie werden bald ein reicher Mann sein" und zusätzlich noch sechs Zahlen beinhaltete. Mit jenen habe er nun den ersten Lottoschein seines Lebens bestücken lassen. Aber wenn er dann Millionär würde, fiele auch für mich was ab. Ich strahle. Er würde mich dann nämlich als Butler anstellen. Ich kotze. Und murmele wieder "Liam Liam". Wir erreichen das Finale unserer Städtereise zu den Stars: ein italienisches Lokal, nahe der Rosie. In Letzterer werden am Abend die neuen Signings des Franz-Ferdinand-Labels Domino spielen: Archie Bronson Outfit und Beautiful Newborn Children. Ein versöhnlicher Ausklang eines Tages voller Speisen und Krieg. Dennoch: Demnächst essen wir auch mal wieder allein.


Bundesvision Songcontest
Gewonnen haben dieses Jahr Seeed mit "Ding". Letzte wurden AK4711 - dieses "freche" Girl-Pop-Ding aus NRW. In Extremo (Thüringen) verwechselt der Laie übrigens gern mit Subway To Sally (Brandenburg). Für diesen Fauxpas muss man beim Mittelaltermarkt in Pforzheim mindestens eine Stunde am Pranger stehen.

Morrissey
Die neue Morrissey! Erscheint am 07.04. über Sanctuary und unter dem Namen "Ringleader Of The Tormentors". Das Album stellt sound- und songwritingmäßig ein legitimes Spin-off des Überraschungshits "In The Quarry" von 2004. Mit allem, was dort schon schockte. Allein wieder die viel zu langen Titel der Songs: "The Youngest Was The Most Loved" oder "I'll Never Be Anybody's Hero", "The Father Who Must Be Killed", "Dear God, Please Help Me", "You Have Killed Me" (erste Single). Das sind mal Titel und Themen. Morrissey sieht aber eben auch als Pop-Prometheus zwischen Anmaßung und Verzweiflung am besten aus. Eine ausführliche Rezension findet sich in unserer Plattenstrecke.

Glückskekse
Folgende Späße werden bei dem Thema "Glückskeks" immer wieder gern bemüht. Bitte nicht mehr wieder wählen:
- "Was steht denn bei dir?"
- "Mmmh, seltsam ... Hier steht: 'Hilfe, ich werde in einer Glückskeksfabrik festgehalten.'"
sowie
- "Sind Sie mit unseren Glückskeksen nicht zufrieden?"
- "Vom Geschmack ist alles in Ordnung, aber die Botschaft ist so deprimierend. Da steht: 'Sie werden bald sterben, Sie Schwein!'"
- "Mmmh, ich hätte doch nicht den Lieferanten wechseln sollen, diese Glückskekse aus Nord-Korea treffen einfach nicht den richtigen Ton."

Domino
Archie Bronson Outfit haben gerade eine neue Platte veröffentlicht, sind aber kein neues Signing, sondern schon längere Zeit auf Domino. Beautiful Newborn Children dagegen sind komplett neu und werden fälschlicherweise als Projekt des beliebten Umtreibers Schneider TM gehandelt. Der brachte zwar zuletzt mit Mr. Schmuck's Farm eine Platte heraus, und ganz bald erscheint ein neues reguläres Album, bei den Children hier ist er allerdings nicht dabei. Die Band gehört zu dem Gitarristen der Schneider-TM-Band, daher wohl auch das Missverständnis.