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You will have danced

ESG

“Keep On Moving” - ESG bewegen sich weiter wie eh und je in ihrem eigenen, stoischen und unverkennbaren Rhythmus. Als ich auf die Fondation Cartier im Süden von Paris zugehe, in dem die, man kann sie nicht anders apostrophieren, legendäre New Yorker Schwestern/Töchter-Band an diesem Sonntagabend auf
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“Keep On Moving” – ESG bewegen sich weiter wie eh und je in ihrem eigenen, stoischen und unverkennbaren Rhythmus. Als ich auf die Fondation Cartier im Süden von Paris zugehe, in dem die, man kann sie nicht anders apostrophieren, legendäre New Yorker Schwestern/Töchter-Band an diesem Sonntagabend auftreten soll, ziehen sich bereits lange Menschenschlangen über den Bürgersteig vor der poshen Galerie. Wer keine Karten reserviert hat für diesen Event in der Reihe “Nuits Noires”, für die vorher schon Ursula Rucker, Chuck D, Dälek und Archie Shepp gebucht wurden, hat Pech gehabt. Kann aber immerhin durch den hohen Glaszaun einen Blick auf den märchenhaft wild wuchernden Garten werfen, der das stylishe Galerienhochhaus mit fast obszöner Nachlässigkeit umgibt.

Drinnen im White Cube des großen Ausstellungsraums, in dem an den Wänden bunte Bilder von Tadanori Yokoo hängen, kommen die fünf Ladys von ESG pünktlich um 21 Uhr auf die Bühne. Beim allerersten Ton bricht die Menge in frenetisches Geheul aus. Ich sehe mich um. Ein einziges nicht-weißes Gesicht in der Menge, alle über 30, eher 40, manche mit ihren Kindern da, alle Teil der Kaste der BoBos, der akademischen, stets trendigen Bourgeois-Bohemians. Die schwarzen Kids, die ich zuvor beim coolen Rumhängen an der Gare du Nord gesehen habe, haben sich nicht hierher verirrt. Auch wenn ESG immer wieder betonen, ihnen sei es nie um “Race” oder “Gender” gegangen, ist nicht zu übersehen, dass es, zumindest in Europa, besonders die weißen Intellektuellen “in the know” sind, die sie vereinnahmen.

ESG spielen nur einige Stücke der neuen, noch nicht erschienenen Platte “Keep On Moving” und viele alte Überhits wie “Dance”, “You’re No Good”, “It’s Alright” und natürlich “Ufo”, dessen Sirene jeder schon mal irgendwo als Sample gehört hat. Alles für die Fans – eine der eisernen Maximen der Band. Der Jacket-Träger hinter mir bricht beim Anblick von Gitarristin Chistelle Polite, Tochter von Drummerin Valerie Scroggins, in lechzende Jubelschreie aus: “Quelle mœuf!” – was für eine Frau. Eher unangenehm, aber kein Wunder, denn eine so blendend gelaunte Dicke im hautengen Outfit, die mit ihrem strahlenden Grinsen das gesamte Publikum um den Finger wickelt, stolziert selten über die Bühne. Auch der Rest der Band – wenn auch, wie im Fall der sehr in sich gekehrten Perkussionistin Marie oder der sympathisch nerdig wirkenden Tochter von Bandleaderin Renee, Nicole Nicholas am Bass, nicht so offensiv kokett – entfaltet eine enorme physische Präsenz auf der Bühne. Am Ende des Konzerts klatschen sogar die distinguierten Anzug-Leichen begeistert die Hände über dem Kopf zusammen, und es ist genau so, wie Renee am nächsten Tag im Interview die Bandphilosophie zusammenfasst: “When you leave one of our concerts, you will have danced.”

Da ist auch schon eines der ... nicht unbedingt Missverständnisse, aber vielleicht Spannungsfelder, die die Band bis heute umgeben. Nachdem die Scroggins-Schwestern, damals noch zu viert, Ende der 70er als Teenager mehr oder weniger per Zufall bei einem Bandwettbewerb von Ed Bahlman für 99 Records entdeckt wurden, da er von ihrem rohen, minimalistischen Sound beeindruckt war, wurden sie von ihm auf Punk- und No-Wave-Shows gebucht. In den meisten Netzbeiträgen wird die Musik von ESG als “Art Punk” bezeichnet, wobei sie selbst sich keiner Szene je zugehörig fühlten. “Das sind doch nur Labels. Wir sind eine Dance-Funk-Band, ganz einfach. Als wir angefangen haben, konnte man an jedem Abend einen Punk-Act und eine HipHop-Gruppe und experimentelle Musik an einem Ort sehen. Wir haben das angesehen und unterstützt, aber ansonsten unser eigenes Ding gemacht. Diese Art des Billings gibt es heute leider nicht mehr, außer vielleicht auf Festivals”, stellt Renee fest.

ESG halten ihre Musik nach eigenen Aussagen frei von äußeren Einflüssen – auch die Töchtergeneration rezipiert zwar viel aktuelle Musik, bleibt aber “true to the spirit of ESG” –, und so klingt auch die neue Platte wieder so zeitlos funky, als sei sie heute oder vor 25 Jahren entstanden. Oder es kommt einem nur so vor, weil genau dieser basslastige Minimal-Sound gerade jetzt wieder so en vogue ist. Dabei erinnert das Eröffnungsstück des Albums, “Purely Physical”, in seiner sexuell aufgeladenen absoluten Reduziertheit auf Beat, Bass und Slogan beim ersten Hören frappierend an eine Unrock-Version von Peaches. Selbstredend, dass ESG noch nie von Peaches gehört haben. Auch der Rest des Albums, das Renee selbst produziert hat, ist tight treibend, mit den charakteristischen Universal-Slogans gespickt und dabei so unverkennbar und very ESG, als hätte sich die Band gerade erst gegründet.

Die Verklärung der Zeit und des Backgrounds der Band, die sich in gewisser Weise auch in der Betitelung der Souljazz-Sammlung “ESG: A South Bronx Story” Bahn brach, kommt zwar New-York-No-Wave-AdeptInnen im Moment sicher recht, sieht von außen aber immer besser aus als von innen: “Wir leben alle nicht mehr in der Bronx, bis auf meine Schwester Valerie, die sich ihre Brötchen dort als Busfahrerin verdient”, so Renee. “Die Bronx war ein sehr inspirierender Ort – um von dort wegzuwollen. Mir tun alle Leute Leid, die nicht die ökonomischen Mittel haben, da rauszukommen. Speziell unsere Nachbarschaft war sehr schlimm. Wir sind auch keine Puerto Ricanerinnen, wie manchmal vermutet wird, nur weil wir in einer Latino-Gegend aufwuchsen.” Die Zusammenarbeit mit Bahlmans mythenumwobenem Label 99 Records, auf dem No-Wave-Wunder wie die Bush Tetras, Liquid Liquid, Maximum Joy oder Glenn Branca veröffentlichten, war in Wirklichkeit eher zermürbend: “Es war schrecklich. Wir haben nie einen Cent gesehen. Gerade vor zwei Tagen haben wir in Lyon ein Konzert mit den Bush Tetras gespielt und uns daran erinnert, wie es damals war. Da haben wir festgestellt: Er hat das Geld von eurer Platte genommen und damit unsere finanziert, mit dem Geld von unserer Platte hat er die nächste finanziert und so weiter – so kann man doch kein Business machen!” Die Auftritte in der Paradise Garage seien natürlich schon großartig gewesen, doch was nütze es, sich den Mund darüber fusselig zu reden, wenn man mit Worten doch nicht einfangen könne, welche Energie dort in der Luft lag?

Wie geht man eigentlich als Tochter mit diesem Mythen-überfrachteten Erbe um? “Ach, für mich war das früher nur ein Haufen alter Damen, die Musik machen”, kichert Chistelle und wird sofort vom empörten Geschrei der “Damen” übertönt. “Aber jetzt, wo ich selbst dabei bin und durch die ganze Welt toure, habe ich natürlich eine andere Perspektive.” Und ist es nicht merkwürdig, die eigenen Mütter Lyrics wie “Purely Physical” singen zu hören? “Als Nicole klein war, hatte sie damit echt ein Problem”, lacht Renee. “Sie sagte immer: ‘Oh Gott, diese Lieder klingen ja gerade so, als hätte meine Mutter Telefonsex!’ Aber jetzt, wo sie älter ist, sieht sie das lockerer.” Da schaltet sich die ruhige Nicole aus dem Hintergrund ein und sagt in das von allen Seiten hysterisch loskrachende Gelächter: “Äh, also nur fürs Protokoll, ich habe immer noch ein Problem damit.” Die Frage, ob die Ladys mit der nächsten Generation gemeinsam als Großmütter auf der Bühne stehen wollen, mündet in solch ein Geschrei und fröhliche Verneinungen, dass an dieser Stelle das Interview zu Ende ist.

Herstory
Die faszinierenden Fakten über ESG, überall nachzulesen, aber hier auch noch mal: Die Mutter von Renee, Valerie, Marie und Deborah (sie schied Mitte der 80er aus der Band aus) kaufte Instrumente für ihre Töchter, um diese von der Straße fernzuhalten. Das Spielen brachten sich die Mädchen selbst bei. ESG waren die einzige Band, die sowohl bei der Eröffnung der Hacienda wie auch bei der Schließung der Paradise Garage spielten. Sie wurden produziert von Martin Hannet, der u. a. für Joy Division bzw. New Order arbeitete, und traten unter anderem vor A Certain Ratio, Gang Of Four und The Clash auf.