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Knietief In Den 80ern

ESG

ESG sind eine Legende und eine der wenigen Bands, denen dieser Ausdruck auch gebührt. Legendär heißt in diesem Fall nämlich auch: geheimnisvoll. Um sie ranken sich zahlreiche Geschichten, die allesamt von großen Namen und Ereignissen handeln. Und trotzdem sind sie - auch das gehört zur Legendenbildu
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ESG sind eine Legende und eine der wenigen Bands, denen dieser Ausdruck auch gebührt. Legendär heißt in diesem Fall nämlich auch: geheimnisvoll. Um sie ranken sich zahlreiche Geschichten, die allesamt von großen Namen und Ereignissen handeln. Und trotzdem sind sie - auch das gehört zur Legendenbildung - noch bis vor kurzem völlig unbekannt gewesen, alles war nur Hörensagen. Erst als das Label Soul Jazz Records vor zwei Jahren die Compilation "A South Bronx Story" rausbrachte, eine Sammlung früher ESG-Singles und -Maxis, setzte plötzlich auch in Europa das Geraune ein: "Da war doch noch ..."

Im Booklet waren all die unglaublichen Geschichten von einer Frauenband zu lesen, einer Gruppe von vier Schwestern, seinerzeit noch mit dem inzwischen verstorbenen Congaspieler Tito, deren Mischung aus Funk und Wave so atemberaubend klang, dass sich ihnen für kurze Zeit sämtliche Türen geöffnet hatten. Tom Wilson, Inhaber von Factory Records, sah die Band Anfang der Achtziger als Vorband von A Certain Ratio und war so begeistert, dass er sofort Aufnahmen für eine Debüt-Single arrangierte. Das Projekt wurde innerhalb kürzester Zeit in dem für A Certain Ratio gebuchten Studio in New York in Angriff genommen - sie durften die restliche Studiozeit nutzen. So was nennt man effizientes Labelmanagement. Martin Hannett, der Produzent von Joy Division und New Order, saß hinter den Reglern und war sich sofort bewusst: Diese Band darf nicht im herkömmlichen Sinne produziert werden, ihr Sound muss so schlicht wie nur möglich bleiben, am besten nach Proberaum klingen. Die so entstandene, 1981 auf Factory erschienene Single dürfte heute zu einem der begehrtesten Sammlerstücke der Popgeschichte gehören. Doch das war erst der Anfang einer kurzen, intensiven Zeit, der vielleicht einflussreichsten Epoche, die New York in Sachen Underground durchlebt hat. Und ESG waren mittendrin.

"Eigentlich war alles unglaublich", erzählt Sängerin und Gitarristin Renee, "denn wir waren ja keine Band im herkömmlichen Sinne, wir hatten es ja gar nicht darauf abgesehen, die Clubs zu erobern. Wir waren einfach nur die Mädels von nebenan. Helen, unsere Mutter, hatte die Idee, dass es gut für ihre Töchter sei, Musik zu spielen. Sie hat uns damals Instrumente gekauft, weil sie glaubte, dass es für Mädchen in der Pubertät das Beste sei, etwas Kreatives zu machen. Unsere Mutter kannte die ganzen Probleme im Bezirk, sie wollte einfach nicht, dass wir auf der Straße irgendeine Drogenkarriere einschlagen. Es sollte also eher so eine Art Beschäftigung sein. Niemand hat daran gedacht, dass sich so etwas daraus entwickeln würde."


Aufbruchstimmung Ohne Trennung

New York war Anfang der Achtziger musikalisch im Aufbruch - der kreative Schub kam gleich von mehreren Seiten. Auf der einen Seite war der britische Punk gerade über den Atlantik zurückgeschwappt - The Clash spielten Abend für Abend vor ausverkauften Sälen. "Erst hatten wir den Amerikanern den Punk gestohlen", kommentierte das Joe Strummer einmal in einem Interview, darauf bezogen, dass die Sex Pistols ohne New Yorker Bands wie die Ramones und New York Dolls gar nicht vorstellbar gewesen wären, "nun kamen wir mit unserer ganz eigenen Form von Punk zurück." Aber New York hatte zu dieser Zeit auch schon wieder ganz andere Impulse am Start: Grandmaster Flash war gerade dabei, ein neues Ding loszutreten, das sich bald als noch einflussreicher als Punk herausstellen sollte. Für viele weiße Kids war es möglich, diese Urformen des Rap zu ignorieren, doch ESP, die Band aus der Bronx, stand mittendrin, trat mit The Clash und Grandmaster Flash auf.

"Das Spannende war ja", erzählt Renee, "dass so vieles gleichzeitig passierte und dass es für eine kurze Zeit eigentlich auch eine Aufbruchstimmung gab, bei der niemand das Gefühl von einer Trennung gehabt hätte. Alles war irgendwie Ausdruck einer großen Welle, die über uns schwappte - Rap, Punk, Reggae, Funk. Das gehörte für uns alles zusammen. Du hattest auch nicht das Gefühl, dass zwischen schwarzer und weißer Musik getrennt wurde. Es war ja die große Zeit, zu der das alles fusionierte." Heute existieren Punk und HipHop als völlig voneinander getrennte Szenen oder - wie im Fall von Punk - Relikte. Darüber wird leicht vergessen, dass es Anfang der Achtziger eine kurze, sehr fruchtbare Durchdringung von Punk und Black Music gab. Adrian Sherwood setzte mit seinem Label On-U Sound neue Impulse in Sachen Reggae und Dub, The Clash hatten mit "Sandinista" beinahe ein lupenreines Reggae-Album aufgenommen. In New York bekam das Kind einen ganz eigenen Namen: No Wave. Die Bezeichnung geht auf den von Brian Eno veröffentlichten "No New York"-Sampler zurück und bezieht sich auf jenen Underground, in dem Funk, Latin und Jazz mit Punk und New Wave Hand in Hand gegangen waren. Auch ESG wurden gerne mit dem Etikett No Wave versehen - ein Missverständnis?

"Eigentlich sind wir ja völlig von Sachen wie James Brown und von Motown-Soul beeinflusst gewesen", sagt Renee. "Als wir anfingen, hatten wir ja mit dem ganzen Underground noch keinen Kontakt, hatten bisher also nur bekannte Musiker gehört. Queen zum Beispiel. Ich weiß noch, dass wir alle ziemlich auf Queen abgefahren sind! Aber wir hatten einen ganz spezifischen Stil: Unsere Musik besaß zwar Funk, aber sie war total archaisch, auf trockene Basslinien reduziert. Das wiederum imponierte den Punk- und New-Wave-Musikern, die ja an etwas Ähnlichem arbeiteten - die Musik aufs Wesentliche zu reduzieren. Es war eine sehr demokratische Sache. Also eigentlich ganz anders als dieser Bombast und Perfektionismus von Queen." Renee lacht und verkneift sich nicht, anzufügen: "Was nichts daran ändert, dass Queen eine klasse Band waren und bleiben werden!"

Was ESG zugute kam, war eine sehr tolerante Stimmung innerhalb der Szene. Es war die Zeit unter Ronald Reagan, als der Underground beinahe notgedrungen näher zusammenrückte. Grabenkämpfe zwischen einzelnen Subkulturen waren aufgrund der politisch konservativen Eiszeit, von der die USA überzogen wurde, zu einem Luxus der Vergangenheit geworden. Nicht einmal der in Europa so sehr gepflegte Zwist zwischen Punks und Hippies hatte mehr Bestand. So kam es zum Beispiel 1981 während eines Clash-Konzerts in New York zu einem sagenumwobenen Gastauftritt von Allen Ginsberg, der in den Zeilen "no hope capitalism, no hope communism" kulminierte. Wenn jemand von der Rückkehr des Kalten Krieges profitierte, dann die Kunst- und Musikszene jener Zeit ... nun ja, ideell zumindest, nicht in jedem Fall finanziell.

Gang Of Four, eine britische, von marxistisch orientierten Studenten ins Leben gerufene Band, nutzte die musikalische Form der Fusion als bewusstes politisches Statement. Indem sie ihre ganz eigene Form von Punk'n'Wave mit Funk-Rhythmen untermauerten, rekrutierten sie auf die Black-Power-Bewegung und darauf, dass Punk seine Solidarität mit allen Unterdrückten auch musikalisch hörbar machen sollte. Die Red Hot Chili Peppers haben Gang Of Four Jahre später als einen ihrer größten Einflüsse angegeben, doch lange bevor Crossover zur bloß stilistischen Mode hat werden können, stand hinter dem Stilmix eine ganz andere Idee: Der "melting pot" aus minoritären Musikformen als ästhetisches Bollwerk gegen den Redneck-Ungeist der Reagan-Regierung. - Beinahe selbstredend standen ESG zusammen mit Gang Of Four auf der Bühne.

Das Verwunderliche daran: Anfang der Achtziger fanden sich ESG zwar inmitten all der politischen Punk- und Wave-Bands wieder, ihre eigenen Texte hatten allerdings nie eine offenkundig rebellische Message. "Dazu muss eines klargestellt werden", sagt Renee: "Wir haben uns diesen Bands nie angebiedert, sondern die sind immer auf uns zugekommen und wollten, dass wir mit ihnen auftreten. Ich glaube, sie haben einfach gespürt, dass es in unserer Musik etwas Politisches gibt, das es einfach nicht nötig hat, eindeutig ausgedrückt zu werden. Wir waren schwarz, und wir waren Frauen, das hat ihnen wahrscheinlich schon imponiert, denn die meisten weißen Bands waren zwar politisch, wussten aber um ihre eigene, sozial privilegierte Stellung. Und natürlich hatte Musik für uns sehr viel mit Selbstaneignung von Kreativität zu tun. Wir machten den Leuten klar: Jeder kann das, jeder kann seinen Traum von einer Band verwirklichen. Die Einfachheit unserer Songs war schon ein Statement."


Das Genaue Gegenteil Von Sampling

Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Von ESG war in der Zwischenzeit wenig zu hören gewesen, doch die Legende wurde fortgeschrieben, ohne dass sie selbst etwas dazu beitragen mussten. Musiker wie Public Enemy und LL Cool J gaben ihnen Credits, inzwischen gelten ESG sogar als die meist gesamplete Band neben Funkadelic. Natürlich ist auch das Legende, denn wer hat sich je die Mühe gemacht, wirklich zu zählen, welche Band auf welchen Platten wie oft gesamplet wurde? "Ich habe von diesem Superlativ auch schon oft gehört", sagt Renee. "Natürlich werden wir immer wieder darauf angesprochen, ob wir stolz darauf sind, so oft gesamplet und gegrüßt worden zu sein. Klar, ich finde das toll, aber ich finde es auch kurios. Schließlich sind ESG das genaue Gegenteil von Sampling. Wir spielen die trockenste, reduzierteste handgemachte Musik, die man sich nur vorstellen kann. Wir sind sozusagen handgemachtes Musikertum pur. Vielleicht ist es genau das, warum sich unsere Musik als Sample-Stoff eignet. Von uns kann man sich absolut klare Bassläufe ziehen."

In diesem Jahr haben sich ESG dann doch zurückgemeldet: "Step Off", ihre neue Platte, besteht aus sieben Stücken auf gerade mal dreißig Minuten Spielzeit, bei denen jedoch jeder Ton sitzt. Mehr wäre überflüssig gewesen. Die Platte ist ihrer Mutter gewidmet, die im November 2001 starb. Inzwischen spielen auch die Töchter von Renee und Valerie in der Band und knüpfen nahtlos an den alten Sound an. Bass, Gitarre, Schlagzeug, klar und transparent, keine Schnörkel. Dazu Renees Gesang, gegen den jeder Rapper in Sachen Coolness einpacken kann. Nein, Renee rappt nicht, sie wirft die Worte im Sprechgesang hin, ganz beiläufig, ganz unaufgeregt, nie zu viele auf einmal. Auch großspurige Messages gibt es keine, sondern klare, fast lakonische Statements: "If you're good to me baby, I'll good to you too." Obwohl das alles maximal cool klingt, wirkt es emotional um so eindringlicher. Das Weglassen macht die Stärke aus.

Als ob sich in den letzten zwanzig Jahren nichts geändert hätte, stehen sie also wieder knietief in den frühen Achtzigern. Reggae, Funk und Wave im Kompaktformat. Auf "Talk It" klingt die Gitarre entfernt nach Joy Division, wird jedoch nur ganz leise im Hintergrund eingesetzt, während der Bass im Vordergrund einen schwer pulsierenden Funk spielt, der an die Au Pairs - eine weitere wichtige female Wave-Band - erinnert. "Ich glaube nicht", schränkt Renee ein, "dass das, was wir machen, Achtziger-Retro ist. Ich denke, wir haben einen Stil, den man gar nicht unbedingt einer Zeit zuordnen kann. Es gibt im Moment sehr viel Retro-Musik, vor allem das Sampling bedingt oder beflügelt so etwas. Im Grunde ist nichts dagegen zu sagen, wenn jemand zitiert, aber es nervt, wenn einfach nur eine ganz bestimmte Zeit kopiert wird. Man kann jeder Band nur raten, einen eigenen Stil auszubilden. Dazu bedarf es nicht viel, wie man an uns sieht."


Kompromisse Mit Dem Wirklichen Leben

Es könnte leicht so aussehen, als ob sich ESG trotz aller Dementi ganz bewusst zu dieser Zeit zurückgemeldet haben, in der keine Pop-Phase so angesagt ist wie die frühen Achtziger. Das betrifft nicht nur Deutschland und den Hype rund um Jürgen Teipels Buch "Verschwende deine Jugend", auch in den USA - man denke nur an Fischerspooner - genießen die Achtziger größten Hipness-Faktor. "Das ist riesiger Quatsch", sagt Renee, "denn wir waren ja nie weg vom Fenster, wir haben über all die Jahre als Band weitergespielt. Was die Leute nur gerne übersehen: Es gibt auch noch ein Leben neben der Band. Wir haben Kinder bekommen und mussten die erst einmal großziehen. Wenn du kein Rock'n'Roller bist, der sich hauptberuflich auf die Musik konzentrieren kann, während die Frauen zu Hause die Kinder hüten, musst du eben Kompromisse mit dem wirklichen Leben eingehen. Um so cooler ist es, dass nun unsere Töchter mit uns spielen und die alte Idee fortsetzen. Aber Comeback oder Reunion? - Nein.

Trotzdem gibt es noch einen anderen Grund, warum wir jetzt erst wieder etwas stärker wahrgenommen werden: Die Situation für Livebands hat sich verbessert. Die letzten zehn Jahre waren in New York eine Katastrophe für Livebands, alles wurde von Clubs und DJs dominiert. Mit einer Plattentasche hast du etwas gegolten, mit einer Gitarre im Arm konntest du dich höchstens in den U-Bahn-Schacht stellen und auf ein paar Münzen hoffen. Bis auf das CBGB's und die Knitting Factory hat es fast keine Clubs mehr gegeben, in denen du noch Livebands erleben konntest. Inzwischen ändert sich die Situation wieder, Clubs und Bands sprießen hier wie Pilze aus dem Boden. Es ist eine fabelhafte Aufbruchstimmung, fast so gut und euphorisch wie Anfang der Achtziger. Und wieder sind alle Szenen und Stile daran beteiligt - ganz egal, ob Punkrock, Latin, was auch immer. Die Leute bemerken wieder, dass Musik etwas mit direkter Kommunikation zu tun hat. Und wenn ich direkte Kommunikation sage, dann meine ich das auch! Auf der Bühne stehen wieder total durchschnittliche Menschen, keine Stars. Genau das ist eine gute Zeit für ESG, denn wir waren immer stinknormale, durchschnittliche Leute. Wir wollten nie etwas anderes verkörpern."

Dieses Statement bringt mich auf eine bislang ausgesparte Frage: Wie konnte es dazu kommen, dass ESG so viele Credits aus der HipHop-Szene bekommen haben, obwohl ihre Musik das genaue Gegenteil von Attitüde und Style ist? Und was halten sie überhaupt von der langen, verzweigten Geschichte des Rap, dessen Anfänge sie mit Grandmaster Flash hautnah miterlebt hatten? "Das ist alles sehr schwierig zu beantworten", sagt Renee, "weil ich nicht gerne negativ über andere Musiker spreche. Ich möchte deshalb auch keine Namen nennen, sondern nur allgemein sagen: Als Mutter und als Frau finde ich vieles, was im HipHop abläuft, beschissen. Ich finde nicht, dass es irgend jemand nötig haben sollte, seine Credits über Diskriminierung zu sammeln. ESG kommen auch nicht aus privilegierten Verhältnissen, aber wir haben unsere Power immer aus einer positiven Botschaft gezogen, nie daraus, andere niederzumachen. Außerdem sind mir viele Frauen im HipHop zu passiv, wehren sich zu wenig gegen das Frauenbild in der Szene. Und wenn sie es tun, dann sind MTV die letzten, die ihnen ein Forum geben. Anfang der Achtziger war von dieser ganzen Selbststilisierung, diesem Macho-Ding noch nichts zu spüren. Damals war eher die Idee, die Interessen von Minderheiten und Unterdrückten zu bündeln, daraus eine große Bewegung zu machen. Da war die weiße Arbeiterklasse, da waren Frauen und Schwarze, und alle hatten ihre Bands und spielten in denselben Läden. Es war ein ungeheures Gefühl von Solidarität. Aber auch das hat etwas mit Stargehabe und Posing zu tun. Damals galt Stargehabe als uncool, es war verpönt. Das hat sich ziemlich bald geändert."


Absolute Unbestechlichkeit

ESG erinnern ein wenig an Woody Allens "Zelig"-Phänomen. Wie "Zelig", der in der Filmmontage an allen wichtigen Knotenpunkten der Politik auftaucht und kurz darauf wieder verschwindet, war der Name ESG für kurze Zeit überall dort zu lesen, wo die wichtigsten Impulse in Sachen Popgeschichte gesetzt wurden. Trotzdem sucht man ihren Namen heute in den einschlägigen Lexika vergeblich. Im Gegensatz zur Filmfigur, die sich aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus ständig anpassen musste, waren und sind ESG musikalisch maximal individuell. Dass ihnen nie der Erfolg vergönnt war, den fast all ihre Kollegen von damals hatten, dürfte mehrere Gründe haben. Einen hat Renee bereits genannt: Der Underground kann die Gleichberechtigung noch so schönreden - wenn es um die ganz realen Sachzwänge geht, etwa darum, Kinder aufzuziehen, bleibt der Männerbonus erhalten. Aber auch noch etwas ganz anderes spielt eine Rolle: ESG haben sich niemals einer Szene angepasst. Ihre Musik ist deshalb für Punk, Wave und HipHop so wegweisend geworden, weil sie all diese Elemente zwar beinhaltet, sich aber niemals irgendwo eingereiht hat. Es mag komisch klingen, aber die Musik von ESG hört sich oft wie eine Collage an, obwohl sie auf ein total schlichtes Gerüst beschränkt ist. Das Gefühl vom Collagenhaften kommt dadurch zustande, dass hier so viele verschiedene Traditionen auf engstem Raum und im schlichtesten Gewand zusammenkommen. Diese Band hat sich zu keiner Zeit irgendwelche Markenzeichen an die Brust geheftet. Gerade dadurch konnte sie selbst zu einem Markenzeichen werden, und zwar zu einem, das für absolute Unbestechlichkeit steht.