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Spirituell und geschmeidig

Erykah Badu

08.07. - Berlin, Museumsinsel. Hey, eigentlich dürfte ich das gar nicht erzählen. Dass ich doch noch im letzten Augenblick zu Erykah gehen konnte. Denn eigentlich wollten wir nur ein bisschen grillen, auf der Brücke oder auf der anderen Seite des Kanals im Park sitzen und den Klängen lauschen, die v
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08.07. - Berlin, Museumsinsel. Hey, eigentlich dürfte ich das gar nicht erzählen. Dass ich doch noch im letzten Augenblick zu Erykah gehen konnte. Denn eigentlich wollten wir nur ein bisschen grillen, auf der Brücke oder auf der anderen Seite des Kanals im Park sitzen und den Klängen lauschen, die von der Berliner Museumsinsel nach draußen dringen würden. Denn Eintrittskarten konnte sich irgendwie keiner leisten. Und jetzt stehe ich in diesem wunderschönen Hof zwischen Pergamonmuseum und alter Nationalgalerie - preußischem Kulturbesitz - in einer lauen Sommernacht, die den heißen Tag, der ihr folgen soll, schon ahnen lässt. Ein paar tausend entspannte Menschen erwarten die Königin, die Diva, die Mutter, die Priesterin.

Vorher geht Bilal noch in der Nummer auf, die Leute aufzuheizen. Doch Mitsing-Spielchen funktionieren noch nicht richtig, und das Interesse am Schlange-Stehen vor den Bierständen ist größer als das für den Künstler aus Philadelphia. Ich bin überrascht - die Show erinnert mich eher an Jimmy Hendrix als an den gepflegten Arschwackelsound, der mir von Bilal präsent ist. Spaß ist auf jeden Fall dabei, der Gig aber auch schnell gelaufen. Es riecht nach Grillgut, nach Caipirinha, ein bisschen nach Sonnencreme, und jeder scheint zu ahnen, dass hier nicht die große Sause, sondern ein besonders feinsinniger Abend bevorsteht. Okay. Band betritt die Bühne und sieht nach klassischer patriarchalischer Besetzung aus: Männer an den Instrumenten und der Technik, zwei Frauen an den Background-Mikrofonen, die schon mal ein leichtes "badu, badu" anstimmen. Doch wer der Boss ist, weiß man wenige Augenblicke später. Denn sie betritt endlich die Bühne: Erykah.

Mit riesigem Hut und knöchellangem Flokati-Umhang schreitet sie vor das Publikum. Wärme breitet sich aus. "On And On" geht es weiter, Erykah streckt ihre mit Henna bemalten Arme gen Himmel und singt "Peace To The Revolution". Sehr harmonisch das alles, und die innere Ruhe breitet sich über der Insel aus, Pärchen kuscheln, und ein Vogelschwarm kreist über den Menschen. Erykah hält inne, um über Liebe zu sprechen und die Freiheit, man selbst zu sein. Sie legt den Pelz ab und lässt ein grünes Kleid sehen, das ihren Bewegungen hinterherzufließen scheint. Die Band wird dem superben Anspruch der Musik, bei der jeder Song ein kleines Juwel zu sein scheint, gerecht. Sehr eingespielt, sehr sensibel spielen die Musiker auf ihren Instrumenten, die Querflöte bringt das Absolute an Verträumtheit auf. Als die Sonne sich zu senken beginnt, werden Räucherstäbchen angezündet. La Diva nimmt einen Schluck aus ihrer Thermoskanne, die sehr präsent auf einem Tisch inmitten der Bühne steht. Dann pellt sie sich weiter und zeigt ein sehr geschlitztes schwarzes Kleid mit Kniestrümpfen mit Lust und Eleganz.

Wie eine Elfe schwebt sie über die Bühne, die Querflöte webt ihr einen Teppich mit Echo und Hall, sie hebt ihren linken Fuß bis zum Kopf und hält ihn fest. Ob sie Yoga macht? Erykah dirigiert die Band, das Publikum mit ihren Bewegungen - Boxschläge, Posen, eingefroren. Dann stimmt sie zum letzen Song an: "Didn't Cha Know" und verabschiedet sich mit einer tiefen Verbeugung.

Warme Begeisterung brandet über die Köpfe hinweg bis zur Bühne und muss Miss Badu nicht lange bitten. "Bag Lady" singen noch einmal alle mit, und Erykah sagt etwas sehr Schönes, bevor sie geht: "I don't take it for granted. Thank you all."