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Matthew Herbert Big Band und Bugge Wesseltoft live

Epischer Swing

03.05.04, Köln, Philharmonie Achtung: Episch langer Text! Mittlerweile leistet sich ja jedes hochkulturell verortete Musikfestival seinen namhaften Pop-Act: Waren es unlängst auf dem Akzente-Festival in Duisburg Lambchop, die vor ungewohntem Publikum aufspielten, so sind es während der gegenwä
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03.05.04, Köln, Philharmonie

Achtung: Episch langer Text!

Mittlerweile leistet sich ja jedes hochkulturell verortete Musikfestival seinen namhaften Pop-Act: Waren es unlängst auf dem Akzente-Festival in Duisburg Lambchop, die vor ungewohntem Publikum aufspielten, so sind es während der gegenwärtig stattfindenden Musiktriennale in Köln Bugge Wesseltoft und Matthew Herbert mitsamt seiner Big Band. Das Konzert dieser beiden Aushängeschilder des Jazz findet im E-Musik-Tempel Philharmonie statt, wo bereits Björk und Sigur Ros bezaubernde Performances hinlegten. Schon nach diesen Auftritten hörte man allerorten Schwärmereien ob dieser wirklich außergewöhnlich gelungenen Location, und auch den Protagonisten dieses Abends bietet dieser Ort den Luxus einer glasklaren Akustik und auch sonst rundum perfekte Rahmenbedingungen.

Den Anfang macht Bugge Wesseltoft, der verhältnismäßig bescheiden mit einer vierköpfigen Band antritt. Wesseltoft’s Verständnis von Jazz ist ein ziemlich sozialdemokratisches: Er zögert zwar nicht, Innovationen aufzunehmen, geht dabei aber nie so radikal vor wie Matthew Herbert. Wesseltoft spielt bei seinem Gig mit der von Herbert geprägten Idee des 'Instantsamples‘, bleibt dabei aber immer innerhalb der Grenzen des ‘Wohlklingenden‘, so dass es teilweise auch ins Loungige ufert. Seine große Gabe ist es, die Stücke so zu arrangieren, dass sie über die ganze Strecke frisch und aufregend bleiben. Er nutzt dafür mittlerweile auch neben dem Piano eine Fülle von Keyboards, Samplern und Effekten. Der zusätzliche DJ kümmert sich hauptsächlich um die Genese von Beat-Gerüsten - eine sehr sinnvolle Investition. So wirkt sein Gig wie ein gelungener Mittelweg zwischen der Sorte Jazz, die mittlerweile auch stattliche kommerzielle Erfolge mit recht klassischen Aufnahmen erzielt und dem, was auch dieser Stilart immer wieder neue Aspekte abgewinnt.

Matthew Herbert sieht sich danach hohen Erwartungen gegenüber, immerhin ist es eine Seltenheit, ihn mit seinem gegenwärtigen ’Bandprojekt‘ live zu sehen. Außerdem findet sein Big Band-Album 'Goodbye Swingtime' mittlerweile eine durchmischte Schar von Verehrern, vom Hipster über den gutbürgerlichen Autoradio-Hörer bis zur ehrgeizigen Medizinstudentin. Was dann aber die klassische Big-Band-Formation inklusive Dirigenten und Solo-Pianist durch die Philharmonie sinfoniert, sind recht geläufige Swing-Arrangements. Virtuos erscheint eigentlich nur Herbert selber, der verschiedene Alltags-Samples in seine Standards einflechtet. Das wirkt über weite Strecken vorhersehbar und kann auch schon ins Cheesige ausarten, wenn Herbert die Melodie seines ’Café de Flore’ im vollen Ernst handorgelt.

Wie er das Zustandekommen dieser Klänge aber inszeniert, ist großartig: Ganz im Sinne von Brechts epischem Theater beschränkt er sich nicht darauf, wie damals beim legendären Radioboy-Gig im Rahmen des Intro Intim, alleine dafür verantwortlich zu sein, sondern interagiert mit dem Publikum und setzt unglaublich geschickt hochpolitische Noten. Wenn das ganze Orchester Exemplare der Kölner Boulevardzeitung ’Express‘ zerreißt und im Hintergrund eine Daily-Mirror-Fressende Queen in bester Punk-Cut-Up-Manier über den Visual-Schirm flimmert, macht das schon sehr viel Spaß. Luftballons werden aufgeblasen und gesampelt, das Publikum im Totaldunkel aufgefordert, doch bitte die Flash-Kameras einzusetzen und mit der Big Band mitzuknipsen. Ein erstaunlich gut funktionierendes Konzept in der Kölner Philharmonie, in der sonst vorher Bonbons geschluckt werden, um den Hustenreiz unter Kontrolle zu behalten.

Herberts Freundin Dani Siciliano singt zu einigen der Songs und legt dem unfreiwillig über die Leinwand flackernden Tony Blair einen der Texte in den Mund. Ein alberner Kinderstreich, aber in diesem Rahmen ungeheuer wirkungsvoll. Und als dann während der Zugaben eine Frau aus dem Zuschauerbereich auf die Bühne kommt und verschämt mit Siciliano tanzt, war klar, was Matthew Herbert am Format ’klassisches Konzert‘ am meisten reizt: Es gibt darin noch so viele scheinbar unverrückbare Normen, die es humorvoll zu brechen gilt. So bekommt man zunächst eine klassisch zusammengesetzte, recht steif wirkende Big Band mit Musikern, die aussehen wie direkt vom Snookertisch geholt; später werden sie zu Akteuren von Szenen, die in diesem Umfeld nur als anarchisch gewertet werden können - und haben ganz offensichtlich eine Menge Spaß dabei. Herbert selber kann es dann am Schluss auch nicht lassen, aus einer Zeitungsseite Konfetti regnen zu lassen, um damit ein Bild zu kolportieren, was viele von ihm haben: Das eines Zauberers.

Dieses Konzert vermag es, sein Publikum auf unerhört vielen Ebenen zu packen und das mit einer Klasse, die für zukünftige Veranstaltungen dieser Art ganz neue Rahmenbedingungen schaffen muss. Und Matthew Herbert sollte sich wirklich mal überlegen, ob seine Fähigkeiten nicht auch dafür ausreichen, einen passablen Theaterregisseur abzugeben.