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»Ich liebe Frauen, die grob sind«

EMA im Interview

Sieben Jahre nach der Auflösung ihrer Drone-Folk-Band Gowns veröffentlicht Erika Michelle Anderson ihr drittes Soloalbum »Exile In The Outer Ring«. Mit Leonie Scholl sprach sie über vergessene Zufluchtsorte, den Prototypen des weiblichen Nihilismus und dreckige Häuser.
Geschrieben am
Was ist der »Outer Ring«, und was fasziniert dich an ihm? 
Er entsteht überall dort, wo Leute aus der Mitte der Städte gedrängt werden, da sie es sich nicht mehr leisten können, dort zu wohnen. Meiner Ansicht nach ist das ein neues Phänomen, das sich gerade entwickelt. Es könnte eine Utopie oder eine Dystopie werden, aber es ist auf jeden Fall die Zukunft.

Aber gibt es solche Orte nicht schon immer? Wo ist der Unterschied zum Ghetto? 
Das Ghetto liegt eher zentral. Es ist ein eigenes Ökosystem im Stadtinnern. Was jetzt passiert, ist genau das Gegenteil. Die Menschen ziehen an diese Plätze. Die Einwanderer oder Künstler, die vorher die Communitys ausgemacht haben, verschwinden. Jeder spricht davon, dass sie aus der City vertrieben werden, aber niemand weiß, wohin diese Menschen gehen. Aus dem Auge, aus dem Sinn. Von diesem Ort wollte ich berichten.

Ist dieses »Aus dem Auge, aus dem Sinn«-Denken dafür verantwortlich, dass Populisten wie Trump an die Macht kommen? 
Die Präsidentschaft Trumps hat so viele Gründe. Die Menschen sind deprimiert, und sie haben jedes Recht dazu. Aber wo auch immer dieser Ärger mancher Leute aus Mittelamerika herkommt, ob sie sich ausgeschlossen fühlen oder ökonomisch nicht in der Lage, bestimmte Dinge zu bekommen – diese Wahl und diese Administration ist einfach schlecht für jeden.

Meinst du, die Leute, die für Trump gestimmt haben, sind nun zufriedener? 
Die Leute wurden betrogen. Ich weiß nicht, ob sie das jetzt schon so wahrnehmen oder erst in einem Jahr. Aber wenn sie dann realisieren, dass sie keine Gesundheitsversicherung haben oder dass das riesige Opiatproblem noch dramatischer geworden ist, werden sie vielleicht merken, dass diese Politik rückwärtsgewandt ist. Den Amerikanern geht es so sehr darum, zu sagen: »Mein Team hat gewonnen.« Es geht so viel um Identität und weniger darum, wirkliche Politik zu verstehen.
Du hast lange in Portland gelebt, was ja gemeinhin den Ruf einer »Filter Bubble« hat. Was bekommt man dort vom restlichen Amerika mit? 
Es gibt einige liberale Blasen in den USA, und Portland ist eine davon. Auf der einen Seite ist es gut, weil daraus auch großartige Dinge entstehen können. Zum Beispiel muss man sich in Portland nicht für ein Geschlecht auf dem Ausweis entscheiden, man kann einfach ein »X« angeben. Aber die Wahl war ein Weckruf für alle, dass in Amerika auch andere Sachen passieren. Dinge, von denen die in der Blase dachten, sie müssen sich damit nicht auseinandersetzen. Aber am Ende müssen sie es.

Du hast drei Jahre lang an »Exile In The Outer Ring« gearbeitet. Warum so lange?
Ich habe diese Museumsshows gemacht, bei denen ich vier Stunden lang solo gespielt habe. Dabei war die Bühne wie eine Installation meines Wohnzimmers hergerichtet, mit einer heruntergekommenen Couch, einem Tisch, herumliegendem Müll. Ich habe einige Songs dafür geschrieben und fast alle Instrumente selbst aufgenommen, in meiner Wohnung. Und dann bin ich mit den Stücken nach New York und traf dort Jacob Portrait von Unknown Mortal Orchestra. Er mochte den Sound, also haben wir ein paar Monate lang das Album zusammen fertiggestellt.

Nach deinem letzten Album hast du dich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Und auch auf dem aktuellen Coverfoto versteckst du dein Gesicht. Warum?
Ich wurde nach dem ersten Album wirklich überrannt und war darauf nicht vorbereitet. Es macht etwas Merkwürdiges mit deinem Gehirn, wenn du dein Gesicht dafür nutzt, Sachen zu verkaufen, es wie eine Marke zu benutzen. Hinzu kommt noch eine weitere Ebene, wenn man ein weiblicher Künstler ist. Dein Aussehen wird ganz anders beurteilt. Ich wollte diesen ganzen Bullshit nicht. Mich als Frau online ausstellen. Davor wollte ich mich schützen. Denn die Welt ist böse zu Frauen, vor allem zu Frauen in der Öffentlichkeit.

Im Pressetext zu deinem Album sagst du, dass du »männlich sozialisiert« wurdest und dich mit dem »rebellischen Teenage Dirtbag Boy« identifizieren kannst. Warum ist Rebellion so sehr männlich besetzt? 
Das ist eine sehr gute Frage. Männer werden mehr in den Medien dargestellt. Ich hing früher viel mit Jungs ab. Du hast all diese Gefühle in dir, Wut, Entfremdung, Frust. Und die Leute, die das in der Kunstszene am meisten ausdrücken, sind Jungs. Punks, Charles Bukowski, wütende Schriftsteller. Und das ist auch meine Art, die Dinge herauszulassen. Ich liebe Frauen, die grob sind, eine Art Bösewicht durchscheinen lassen. Ich mache das auch in meiner Arbeit, zum Beispiel zeige ich im Song »33, Nihilistic And Female« genau diese Gefühle.

Wie ist denn der typische weibliche Weg, diese Emotionen rüberzubringen? 
Viele Menschen sind davon eingeschüchtert oder verwirrt, wenn Frauen ihre Gefühle über Kunst teilen. Mir ist es oft egal, wie ich aussehe, wie mein Haus aussieht, und das möchte ich in meiner Kunst zeigen. Ein dreckiges Haus ist für mich viel aufregender, viel realer. Es gibt viel mehr Grauzonen für Frauen, wie ihre Emotionen aussehen können. Die Männer, mit denen ich aufgewachsen bin, waren eher physisch gewaltsam. Sie haben mit Sachen herumgeschmissen, nur weil sie zeigen wollten, wie rebellisch sie sind oder wie gelangweilt sie waren. Ich wurde zwar härter, weil ich viel Zeit mit ihnen verbracht habe, aber ich habe auch gemerkt, dass ich anders veranlagt bin. Es gibt auch Frauen, die sich danebenbenehmen, zum Beispiel Lindsay Lohan oder Anna Nicole Smith. Sie sind für mich die Prototypen des weiblichen Nihilismus.  

Du sprichst oft von Nihilismus. Aber der geht ja eigentlich davon aus, dass sowieso alles im Leben sinnlos ist und man sich deshalb auch gar nicht erst bemühen muss. 

Jetzt, wo ich darüber nachdenke, weiß ich gar nicht, ob ich ein kompletter Nihilist bin. Mir sind oft viele Sachen egal, um die ich mich eigentlich kümmern sollte, wie Geld oder gesund und fit zu bleiben. Aber meine Kunst ist mir sehr wichtig. Wenn es um meine Arbeit geht, bin ich nicht so nihilistisch eingestellt.
Wenn du nun noch mal zurückblickst: Was hat sich verändert, seit du Solokünstlerin bist, im Vergleich zu deiner Zeit bei Gowns
Als ich Teil von Gowns war, sah ich die Band immer wie eine gleichberechtigte Sache. Ich war eine Frontperson, aber da war auch Ezra, der eine Frontperson war, und Corey. Ich nahm uns immer als ebenbürtig wahr, auch wenn sie oft zu mir sagten, dass ich die Frontfrau sei. Aber ich war einfach nicht dazu bereit, das anzunehmen. Wenn man einen Mann in der Band hat, ist es auch deutlicher, dass man experimentelle Musik macht. Als Solokünstlerin werde ich viel öfter in die Box »Indie« oder »Alternative« gesteckt, weil viele Leute nicht realisieren, wie viel Zeit ich in den Sound stecke.

Wie kam es dann zu dem noch größeren Schritt von der Frontfrau zur Solokünstlerin? 
Ehrlich gesagt hätte ich fast aufgehört. Ich war sehr kurz davor, nie wieder Musik zu machen. Aber dann hat mich jemand von diesem Plattenlabel gefragt: »Hast du nicht auch Solomaterial?« Und da habe ich mir gedacht: Scheiß drauf, let’s do it.

EMA

Exile in the Outer Ring

Release: 25.08.2017

℗ 2017 City Slang

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