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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Zeitzeugen und Fans über den fragilen Songwriter

Elliott Smiths Gästeliste

Am 21. Oktober 2003 starb mit Elliott Smith einer der besten Songwriter der Generation X mit nur 34 Jahren. Seine Stücke sind fragile Mittler zwischen Grunge und modernem Folk, zwischen Nirvana und Mumford & Sons, Depressionsschüben und Lagerfeuer-Romantik. In der folgenden Strecke zeichnen wir Smiths Leben anhand von Zeitzeugen und Fans nach und merken, das vorweg, eines: Er fehlt immer noch.
Geschrieben am

»Elliott Smith war ein genialer Dilettant, der sich innerhalb einer Szene mit festen Grenzen getraut hat, ein eingefleischtes Hardcore/Punk-Publikum mit einer völlig anderen Musik zu konfrontieren. Es ist heute gar nicht mehr nachzuvollziehen, wie revolutionär das damals war, und dementsprechend hat er auch oft auf die Fresse gekriegt. Gerade deswegen war er der größte Punk dieser Zeit, weil er bestehende Formen bewusst umgeschmissen hat. Würde Elliott Smith noch leben, hätte er das heutige Singer/Songwriter-Klischee definitiv noch ein paar Mal gebrochen und somit den Musikern von heute die Aufgabe gestellt, sich neu zu erfinden, wenn sie nicht als Schnee von gestern gelten wollen.«
Sea + Air

 

»Ich habe Elliott Smith das erste Mal 2001 in einem Kinofilm gesehen. Nämlich in der letzten Szene eines Independent-Films namens ›Southlander‹. Dort spielt er kaum länger als fünf Sekunden einen Tour-Busfahrer. Dass es sich bei diesem Busfahrer um genau die Person handelte, welche mir einige Wochen zuvor einen wirklich glücklichen Wintermorgen beschert hatte, wusste ich da noch nicht: Mein erster Elliott-Smith-Song – ›Waltz #2‹ –, zwischen Spooky Tooth und Momus auf einem Mixtape, lief ununterbrochen bis in den November-Nachmittag hinein und rührte mich zu Tränen. Wie war es möglich, über den Akt des Songschreibens hinaus, ein ursprüngliches Gefühl dermaßen festzuhalten, zu konservieren und erst in der fertigen Aufnahme wieder freizulassen? Das war allergrößte Kunst! Elliott Smith gelang das eigentlich immer. Ich kenne kaum einen Künstler, der so geschickt Arrangement, Komposition und Ausdruck in den Dienst seiner Songs stellt. Niemand hat mich in den letzten 20 Jahren so bewegt, so neidisch gemacht und gleichzeitig den unersättlichen Wunsch geschürt, immer mehr dieser Songs zu besitzen. 2003 saß ich in einem Tour-Bus, als die Meldung von Elliott Smiths Tod im Radio kam. Und ich habe wieder geweint. Aus ganz egoistischen Gründen: Zu wissen, dass es hier nichts Neues mehr zu entdecken geben würde, weil mein Lieblingsmusiker nichts mehr schreiben können und veröffentlichen würde, war mehr als ein tiefer Stich ins Herz.«
Ben Schadow (Solo-Künstler / Mitglied bei der Begemann-Band Die Befreiung)

 

»Elliott Smiths ›Either/Or‹ bei Nacht auf einem krächzenden alten Plattenspieler. Ist selbst ohne Wein und anderes Ballerzeugs immer wieder so, als wäre ich für die Dauer von ›Between The Bars‹, ›Angeles‹ & Co. festgeschnallt am Boden und gezwungen, auf ein Neues die nicht greifbare Macht von Musik zu erkennen, nur um sie dann trotzdem nicht zu verstehen. Das erdet, spornt ungeheuer an und motiviert dazu, immer weiter zu suchen, ohne zu finden. Ich hoffe, das bleibt für immer genau so.«
Patrick Richardt

 

 


»Zur letzten Muff-Potter-Platte haben wir diese Punk-Layout-Fotomontagen-Postkarten aus aller Welt gemacht. Da war das Foto von der ›Figure 8‹-Wand auf dem West Sunset Boulevard in Hollywood natürlich ein schöner Hintergrund. Wir waren da im April 2008. Mir war es etwas unangenehm, mich davor fotografieren zu lassen. Zum Glück kamen keine anderen, richtigen Fans vorbei.«
Nagel (Autor, ehemals Muff Potter)

 

»Es war das Jahr 1998, als ich Elliott Smith für mich entdeckte. Es dürfte wohl über den Film ›Good Will Hunting‹ passiert sein. Man muss wissen: Elliott Smith war zu der Zeit alles andere als ein medial hochgepushter Kritikerliebling. In dem Jahr verabschiedete ich mich jedenfalls gerade von dem strengen musikalischen Korsett des Punk und hörte sicherlich kein Album häufiger als ›Either/Or‹ – von Elliott Smith. Das Album als Gefährte. Dann seine erste Deutschland-Tour und das monatelang herbeigesehnte Konzert im Knust. Elliott Smith sichtlich angeschlagen, eine Begleitband bestehend aus High-end-Profimuckern, ein abgespultes Set. Aufgrund der tollen Songs war es immer noch ein gutes Konzert, aber mit der immensen Erwartungshaltung im Gepäck konnte man eine leichte Enttäuschung nicht verhehlen. Aber dann kamen die Zugaben und Elliott Smith noch mal alleine raus. Und diese Zugaben hätten für mich – und alle im dann restlos begeisterten Konzertraum – stundenlang weitergehen können, denn da zeigte Elliott Smith, was hier wirklich los war: Er war das größte – und gleichzeitig zerbrechlichste – musikalische Genie seiner Zeit.«
Marcus Wiebusch (Kettcar)

»Mitten im erwartungsgeladenen Jahr 2000, das nur einen Bruchteil von dem halten konnte, was es so groß versprochen hatte, ereilte mich doch ein Glücksfall: Mein damaliger Freund und seine Mutter – jawohl, die Mutter – hatten in einem Plattengeschäft eine hübsche, in schlichtem Mintgrün gehaltene Single entdeckt, von der sie sofort dachten: ›Das wär’ doch was für die Vera.‹ Auf dem Cover rechts unten liegt ein gezeichnetes Männchen, das friedlich zu schlafen scheint, und von der Seite kommt ein Fuß ins Bild, der droht, das liebe Ding in den Hintern zu treten. Prompt bekam ich die Platte geschenkt, worüber ich mich sehr freute. Die Titel der Lieder waren krakelig auf das Cover geschrieben: ›Angeles‹, ›Speed Trials‹, ›I Don’t Think I’m Ever Gonna Figure It Out‹. Vor allem Letzteres sprach mich gleich an und mir aus der Seele, noch bevor ich den ersten Ton gehört hatte. Eigentlich ist das Lied untypisch fröhlich für Elliott Smith, scheint es zuerst, kommt harmlos und naiv daher, dauert keine zwei Minuten, eine klassische B-Seite eben, es gibt anscheinend nicht mehr zu sagen. Die trügerische Leichtigkeit der Melodie bricht sich zuerst in den Worten und kratzt dann auch noch harmonisch die Kurve nach irgendwohin: ›I can’t connect, yeah, yeah, I know.‹ Sie hat ein arges Problem mit ihm, und er versteht es halt wirklich nicht, was er unumwunden eingesteht, in einer Art zärtlichen Abgeklärtheit, die dann fast ins Euphorische kippt, was dem Traurigen etwas sehr Tröstliches abgewinnt. Oder alles umgekehrt. Mittlerweile gibt es musikwissenschaftliche Abhandlungen über den Smith’schen Dreh, die Tonarten, das Dur, das Moll und all diese Dinge derart durcheinanderzurütteln, dass am Ende nichts das ist, was es scheint, keins von beiden oder auch beides gleichzeitig. Ich bin dankbar dafür, dass es diese Musik gibt, die sich nicht einordnen lässt und von der ich mich umso mehr verstanden fühle, je weniger ich erklären kann, warum.«
Vera Kropf (Luise Pop)

 

 

»Ich traf Elliott Smith Ende Mai 1998 für ein kurzes Interview im Kölner Tingel Tangel Club. Am Abend sollte Smith eine kurze Akustik-Show in dem plüschigen Ex-Bordell spielen, einer seiner ersten Auftritte in Deutschland überhaupt. Sein leicht ramponierter Slacker-Chic (ich glaube, Smith setzte seine Mütze während des ganzen Interviews nicht ab) passte irgendwie gut in den Laden. Jedenfalls besser als auf die Bühne der Oscar-Preisverleihung, auf der ich mir diesen etwas träge und leicht verpennt wirkenden, aber sehr sympathischen Typen mit den langen, strähnigen Haaren damals überhaupt nicht vorstellen konnte. Unser Gespräch streifte diesen jüngsten glamourösen Abstecher seiner Karriere kaum. Stattdessen sprachen wir über das Musikerleben in Portland, seinen Umzug nach Brooklyn und die Arbeit am neuen Album ›XO‹, das wenig später erscheinen sollte. Ich erinnere mich vor allem an die Begeisterung, mit der er über seine neuen Songs sprach: Mehr Klavier werde es da geben, alles sei insgesamt positiver geworden als das Material seiner ersten Platten. Fragen nach seinem damaligen Erfolg mit ›Good Will Hunting‹ beantwortete er dagegen schlicht mit: ›Alles, was mich interessiert, ist, Musik zu machen. Über alles andere habe ich keine Kontrolle.‹«
Christoph Büscher (Autor der Elliott-Smith-Story »Sag ja zum Erfolg« aus Intro #57, 09/98)

 

 

 

»Zu einer Zeit, als mein Wortschatz noch einsprachig und nicht besonders umfassend war, gab es eine einfache und sehr eindeutige Kommunikation zwischen meiner Mutter und mir: Vinyl-Platten. So wusste ich sofort Bescheid, zumindest meinte ich, es zu wissen, was in ihr vorging, wenn ›Pink Moon‹ von Nick Drake lief. Eine Musik, die, auch ohne dass ich die Worte verstand, ein merkwürdiges Gefühl der Sehnsucht und Traurigkeit auslöste. Mit den Jahren erschloss sich mir die englische Sprache und mit ihr die Größe dieser Musik von einem Menschen, der offensichtlich sehr traurig war. Könnte es etwas Vergleichbares an Musik geben? Sicher nicht! Doch dann entdeckte ich Elliott Smith und war überzeugt, dass er die gleichen Gefühle bei mir auslösen konnte mit eben derselben morbiden Romantik wie auch Nick Drake. Meine Mutter wusste fortan, wie es um mich bestellt war, wenn ›Figure 8‹ aus meinem Zimmer zu hören war. Und dann verschwand dieser Mensch und damit die Möglichkeit, noch länger von ihm und seiner noch kommenden Musik begleitet zu werden, wie zuvor Nick Drake. Und diesmal glaube ich nicht, dass noch mal etwas Vergleichbares kommen wird.«
Pola (Zucker)

 

»Nirgendwo wird die Schönheit des romantischen Verzweifelns an sich selbst und der Welt, dieser süße Schmerz der schwarzen Galle präziser formuliert als in Stücken von Elliott Smith. Als ich mit 17 erfuhr, dass Smith sich das Leben genommen hatte, indem er sich selbst mit einem Messer das Herz durchbohrte, beeindruckte mich das nachhaltig als Bild und als Gefühl. Wie viel Hass und Verzweiflung muss da sein, um sich auf diese brachiale wie romantische Weise gegen die Widerständlichkeit der eigenen Angst, des eigenen Fleisches zu stemmen? Elliott Smith ist die düstere Rückenfigur der Singer/Songwriter-Posse, die Schönheit, Melancholie, Hass und die Bitterkeit der Abgründe auf eine Art zusammenführt, die, so trist das ist, mit seinem Suizid eine Trueness bekommt, die einem beim Hören von ›Everything Means Nothing To Me‹ die fucking Tränen in die Augen treibt.«
Christin (Zucker)

 

Auf der nächsten Seite: Thees Uhlmann und Matthew Caws (Nada Surf)

 

 

 

Folgt diesen Links, um zu erfahren, wer Elliott Smith war und lest Auszüge aus seinem letzten Interview.

»Alles, was ich an der Gitarre kann, habe ich von meinem Pastor, Neil Young, Co, den Weakerthans und Elliott Smith gelernt. Und nun, für die Aufnahmen zu einer Soloplatte, befinde ich mich mit Tobias Kuhn auf dem Weg zu einem recht kostspieligen Studio, auf dem Weg zu ›The Ship‹. Jener Elliott Smith hat hier zu Lebzeiten mehr als gewirkt.
20° Celsius und ein blauer Himmel im Januar sind ein gutes Gefühl. Das Ship ist beheimatet in einem einstöckigen Gebäudekomplex in Silverlake, in dem sich noch zwei andere Studios befinden. Auf der Veranda im Hinterhof trifft man Danger Mouse & Portugal.The Man, die dort ihre Platte aufnehmen. Portugal.The Man und Danger Mouse! Wir fühlen uns wie eine Mischung aus Torfrock und Kraftwerk.
Allein in Räumen zu sein, in denen Smith Gitarre gespielt hat, gibt mir ein Gefühl von Demut und ›daran werde ich mich noch in 30 Jahren erinnern‹. Ich bin nicht der esoterischste Mensch der Welt, aber etwas ist in diesen Räumen geblieben. Der Kampf, das Genie, die Hoffnung, die Brillanz und die tiefe, resignierte Dunkelheit, die Elliott Smith Zeit seiner Karriere auszeichnete, stehen in diesen Räumen wie die Luft, die wir veratmen und durch die Röhren der Gitarrenverstärker erhitzen, da wir – aus Angst vor der deutschen USA-Krankheit Nummer eins: AC Grippe – den air conditioner nicht anmachen!
Hauptmieter des ganzen Komplexes ist Rob Schnapf, der mit Elliott Smith an diversen Platten gearbeitet hat. Wir sind Fan-Boys. ›Rob, can you tell us stories about Elliott Smith?‹
Eltern werden wissen, wovon ich spreche, wenn ich sage, dass Rob uns erzählt hat, dass Smith ein Kindermagnet war. Der nicht zu erklärende Fakt, dass manche Menschen auf Kinder eine magische Anziehungskraft ausüben, die irgendwas mit Unschuld, richtiger Ansprache, Kindlichkeit in Erwachsenengröße zu tun hat, die zu Rocksaum-Zupfen, Hand-Nehmen, Vollsabbeln und Fixierung auf diese Person führt.
Ein Engel der Kinder – bis die Abenddämmerung über Los Angeles hereinbricht und Smith mit den eigenen Dämonen kämpft. Die Drogen und Dealer, hingewiesen sei auf das unfassbare Stück ›Kings Crossing‹, die Kotze und die Sedierung.
Zehn Jahre ist es her, dass sich Elliott Smith das Leben nahm, und am Ende steht immer die gleiche Frage: Wäre es besser, wenn er einfach an einer Tankstelle in Portland gearbeitet hätte, bis er 70 ist, oder ist es das wert, dass sich jemand ein Messer in sein Herz rammt und es davor geschafft hat, uns die schönsten, dunkelsten, besten, grandios getexteten Lieder zu schenken? Lieder, die Tausenden Menschen auf der ganzen Welt Kraft und Redemption geben? Burn out oder fade away.
Ich weiß keine Antwort. Ich weiß nur: We miss you, Elliott. Du fehlst uns.«

Thees Uhlmann

 

»Ich traf Elliott Smith zum ersten Mal 1998 zu Beginn einer gemeinsamen achttägigen Tour durch Frankreich. Er und Quasi, die ihn live unterstützten, spielten vor uns, was wir als völlig verkehrt empfanden. Ich war riesiger Fan. ›XO‹ war gerade rausgekommen. Ich weiß noch, wie ich mich ihm vor der ersten Show vorstellte. Nervös versuchte ich ganz bewusst, ihn nicht auch noch nervös zu machen, indem ich zu ungestüm mein Fan-Dasein kundtat. Er verhielt sich zunächst reserviert, aber sehr liebenswürdig.
Es gab in den folgenden Jahren einige gemeinsame Momente mit Elliott, die mir im Gedächtnis hängen geblieben sind. Einmal hatten wir einen Off-Day auf Tour und hingen in einer Bar rum. Die Jukebox hatte eine Menge Kinks-Songs, die wir irgendwann stundenlang gemeinsam sangen. Es war eine sehr glückliche Nacht für uns alle. Elliott hatte ein ansteckendes Lachen.
Ein Jahr später besuchte ich eine Solo-Show von ihm in New York. Die Luna Lounge war völlig überfüllt. Als wir danach, als es ruhig war, ein Bier an der Bar tranken, fragte er mich, ob ich auch alleine auftreten würde und ob ich nicht Lust auf ein paar gemeinsame Shows hätte. Zunächst war ich mir sicher, dass er nur höflich sein und Konversation betreiben wollte. Erst später wurde mir klar, dass er das ernst gemeint hatte. Er war so ein netter Typ.
Noch bemerkenswerter als irgendwelche persönlichen Erlebnisse mit ihm aber fand ich seine Shows. Ich sah viele, und jede von ihnen war hervorragend. Dass Elliotts Musik so außergewöhnlich war, liegt sowohl an seinem Talent als auch an seinem Charakter. Er entwickelte sich mit der Zeit zu einem phänomenalen Gitarristen, der seine ganz eigene, mühelos wirkende Technik besaß. Er verkörperte eindeutig einen der besten und tüchtigsten Songwriter, die je gelebt haben. Elliotts Art zu singen war einzigartig und berührend. Hinzu kommt die ästhetische Seite sowohl seiner Platten als auch seiner Klamotten. Alles wirkte so interessant und gut ausgewählt. Sogar sein Tattoo von Ferdinand, dem Stier.«

Matthew Caws (Nada Surf)

 

 

 

Folgt diesen Links, um zu erfahren, wer Elliott Smith war und lest Auszüge aus seinem letzten Interview.