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Everything Means Nothing To Me

Elliott Smith: Letzte Worte

Am 21. Oktober 2003 starb mit Elliott Smith einer der besten Songwriter der Generation X mit nur 34 Jahren. Seine Stücke sind fragile Mittler zwischen Grunge und modernem Folk, zwischen Nirvana und Mumford & Sons, Depressionsschüben und Lagerfeuer-Romantik. In Intro #217 ließen wir das Leben des außergewöhnlichen Songwriters anlässlich seines zehnten Todestages Revue passieren. Am 6. August wäre Smith 45 Jahre alt geworden.
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Einsam steht Elliott Smith am 24. Februar 1998 auf der Bühne der 80. Academy-Awards-Verleihung und hält sich an seiner Gitarre fest. 57.000.000 Augenpaare verfolgen, wie er seinen für den Oscar nominierten Song »Miss Misery« aus dem Soundtrack zu Gus van Sants Film »Good Will Hunting« präsentiert: »I’ll fake it through the day / With some help / From Johnny Walker red / Send the poisoned rain down the drain / To put bad thoughts in my head.« Für zwei Minuten reißt Smith die Zuschauer im Saal und vor den Fernsehern mit seinem melancholischen Song über Schmerz, Trennung und Trauer aus ihrer Feierlaune. Obwohl er in seiner Performance seltsam abwesend wirkt und sein Blick den Kameras ausweicht, ist dieser Auftritt wohl der Höhepunkt einer Karriere, die nur fünf Jahre später ein jähes Ende findet.

Am 21. Oktober 2003 stirbt Elliott Smith in einem Krankenhaus in Los Angeles an zwei Stichwunden ins Herz. Vermutlich Selbstmord (darum ranken sich bis heute Verschwörungstheorien), vermutlich nach einem Streit mit seiner Lebensgefährtin Jennifer Chiba. Seine Abschiedsbotschaft auf einem Post-it lautet: »I’m so sorry – love, Elliott. God forgive me.« Keine weiteren Erklärungen, mitten in der Produktion eines neuen Albums und zu einem Zeitpunkt, als sein Umfeld ihn nach Jahren der Drogen- und Alkoholexzesse als gefestigt wahrnimmt. Sein Tod bleibt das letzte große Geheimnis des leisen Songwriters.
Elliott Smith singe wie jemand, der über Geheimnisse nachdenke, schreibt sein Biograf Benjamin Nugent (»Elliott Smith And The Big Nothing«). Ein Geheimnis jedoch waren die Probleme des Musikers nicht: Wieder und wieder hat er Selbstmordfantasien und -versuche, Drogen- und andere Abstürze in seinen düsteren Texten thematisiert. Aber immer wohnte ihnen auch eine melancholische Selbstironie inne.

Elliott Smith ging jedoch noch weiter, als die Erwartungen an einen »authentischen« Rockstar zu erfüllen. Er legte alles offen. Auch jene Bereiche seiner beschädigten Psyche, die so gar nicht in die MTV- und Oscar-Welt passen wollten: Paranoia und Depressionen, das zerrüttete Elternhaus und der sexuelle Missbrauch durch seinen Stiefvater, was auch die Gründung einer Stiftung für missbrauchte Kinder kurz vor seinem Tod motivierte.

Aus dem christlich geprägten texanischen Haushalt seiner Mutter war Elliott Smith mit 14 Jahren zu seinem Vater nach Portland geflohen. Das liberale Klima der College-Stadt prägte den jungen Musiker, doch die Einflüsse kamen von überall: Er hörte die Beatles und Pink Floyd, bewunderte Nico und Richard Hell, las Beckett und Kierkegaard, lernte neben Gitarre und Piano auch Klarinette, Schlagzeug und Mundharmonika und studierte schließlich Philosophie und Politik. 1991 gründete Smith mit Neil Gust die Band Heatmiser, die sich musikalisch im Trend der Zeit bewegte – irgendwo zwischen Alternative Rock und Grunge –, jedoch mit ihren Texten über schwules Leben in Amerika davon abhob. Schon hier ist der Wille Smiths zu erkennen, als Musiker mit Erwartungen und Klischees zu brechen: ein einsames Unterfangen.
Als sich Heatmiser 1996 auflösten, war klar, dass das Versprechen, das Grunge einmal hätte sein können, niemals eingelöst werden würde. Während etwa Kurt Cobain Grunge als Bühne für ein neues Bild des Rockstars zu nutzen versucht hatte und Selbstzweifel, gebrochene Männlichkeitsbilder, Trauer artikulierte, wurden diese Ansätze nach seinem Selbstmord von Alternative Rock und Crossover übertönt. In Cobains Todesjahr 1994 erschien mit »Roman Candle« das erste Soloalbum Smiths, das mit anderen musikalischen Mitteln diese Ideen weiterführte: Gebrochenheit wird zur Schau gestellt, Selbstzweifel formuliert, Schwäche gezeigt. Nach innen gerichtete Songs erreichten ein immer größeres Publikum, bis hin zu jenen 57.000.000 im Februar 1998. (Text Jonas Engelmann)

Die Geheimnisse, die Elliott Smith mit der Welt teilte, mit seiner wispernden Stimme vortrug, verbreiten sich auch nach seinem Tod weiter. Immer dort, wo Bands versuchen, den eigenen Zweifeln Gehör zu verschaffen, ohne daraus eine Pose zu machen, wo (männliche) Bands versuchen, ihre eigene Männlichkeit zu hinterfragen, finden sich Brüder im Geiste Elliott Smiths, mögen sie nun Belle & Sebastian, Conor Oberst oder Sigur Rós heißen.

Gewonnen hat den Oscar 1998 übrigens Céline Dions »My Heart Will Go On«, der Titelsong aus »Titanic«. Dieser Song läuft heute auf geschmacklosen »Best of 90s«-Partys, während Elliott Smiths Herz in seiner zeitlosen Musik unaufhörlich weiterschlägt.
Im Januar 2003 gab Elliott Smith ein langes Interview, das sein letztes werden sollte. Zuvor hatte er sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und steckte bis zum Hals in den Arbeiten an »From A Basement On The Hill«, das erst 2004 posthum erschien. Gerüchte über schweren Drogenmissbrauch, Selbstmordversuche und Wahnvorstellungen kursierten. Doch Marcus Kagler vom amerikanischen Musikmagazin Under The Radar traf auf einen ausgeglichenen, fast glücklich wirkenden Songwriter. Wir zeigen das Interview in Auszügen. 
Elliott, wie ist es dir in den letzten ein, zwei Jahren ergangen?
Elliott Smith: Nicht sehr gut. Vor einem halben Jahr wurde es dann aber besser. Der Absturz hatte mit meinem Drogenkonsum zu tun, in dessen Sog ich vor zwei Jahren zunehmend geraten bin. Dann ließ ich mich in eine Institution namens Neuromitter Restoration Center einweisen. Das ist keine normale Suchtklinik. Stattdessen bekommst du dort eine intravenöse Behandlung mit Aminosäuren und einer Salzlösung. Das half, weil ich von einer Menge Psychopillen runterkommen musste. Ich hatte sogar Medikamente gegen Psychosen genommen, obwohl ich gar keine Psychosen habe.
Die Behandlung fiel mir sehr schwer. Normalerweise dauert sie zehn Tage, bei mir aber viel länger. Jetzt bin ich clean. Als ich noch in New York lebte, war ich schwerer Alkoholiker. Heute fällt es mir schwer, den Abend über ein einziges Bier zu schaffen.

Du gehst sehr offen mit dem Thema Drogen um.
Alleine darüber zu reden ist in dieser Gesellschaft immer noch ein großes Tabu. Noch schwieriger wird es, wenn man Musiker ist. Dann haftet dem Süchtigen automatisch noch so etwas Melodramatisches an, das jemandem, der keine Songs schreibt, nicht zwingend nachhängt. Ich hatte mir daher eigentlich vorgenommen, das Gespräch über das Thema zu meiden. Aber ich unterscheide mich nicht von anderen Leuten mit Drogenproblemen. Wenn mir jemand die Chance gibt zu reden, rede ich.


Einer der seltsamsten Momente deines Lebens war sicherlich der Auftritt bei der Oscar-Verleihung, wo du für den Song »Miss Misery« aus »Good Will Hunting« von Gus Van Sant nominiert warst. Woher kanntest du ihn eigentlich?
Die Läden, in denen ich früher in Portland gespielt habe, waren fast immer unscheinbare Punkschuppen. Aber Gus Van Sant kam dort oft vorbei und sah meine Auftritte. Irgendwie wurden wir dann Freunde. Ich bin mir nicht sicher, ob ich damals viel über ihn wusste. Ich wusste, er dreht Filme, die irgendwie »Indie« sein sollen. Bei uns hat es eher sofort Klick gemacht, als klar wurde, dass er auch Musik aufnimmt. Wir haben uns oft über Mikrofone unterhalten.


Du wolltest bei den Academy Awards zunächst gar nicht auftreten, richtig?
Ja. Aber dann teilten sie mir mit, wenn ich es nicht täte, würden sie jemand anderen mein Lied spielen lassen. Die haben für alle Songwriter, die nicht wollen, jemanden wie Richard Marx in der Hinterhand, der das dann übernimmt. Als sie mir das mitteilten, merkte ich, dass sie ihre Hausaufgaben in Bezug auf meine Person gut gemacht haben. Vielleicht ist Richard Marx aber auch nur ihre Universalwaffe zur Angsterzeugung. Ich spielte also doch, auch weil es meine Freunde glücklich zu machen schien. Alle waren total aufgeregt – »Einer von uns ist auf dem Mond!«, sagten sie.   

Wie hast du den Abend in Erinnerung?

Es war ziemlich schräg. Als ich auf die Bühne trat, sah ich, dass Jack Nicholson keine drei Meter von mir weg saß. Also habe ich den Bereich gemieden und stattdessen beim Singen auf die Balkone ganz hinten gestarrt. Der Abend verlief so surreal, dass es heute wirkt, als habe er gar nicht stattgefunden. Dabei hatte er auch schöne Seiten: Céline Dion war wirklich sehr nett zu mir, was es mir unmöglich gemacht hat, ihre Musik weiter zu verachten. Sie fragte mich, ob ich nervös sei, ich sagte: »klar« – und sie dann so: »Das ist gut, weil es dein Adrenalin anregt und deinen Song so besser macht. Es ist ein wundervolles Lied.« Dann umarmte sie mich lange. Das war zu viel für mich. Es war zu menschlich, als dass ich mich dem hätte entziehen können, nur weil ich ihre Musik abgedroschen finde. Dennoch mag ich es heute immer noch nicht so gerne, mit berühmten Menschen zu tun zu haben. Ihr Leben ist im Arsch, weil sie berühmt sind, wodurch Gespräche mit ihnen dazu neigen, schnell sehr schräg zu werden. Ich weiß nicht, ob es einen Weg geben kann, ständige Aufmerksamkeit für die eigene Person zu erleben, ohne dass das Leben völlig bizarr wird. An die Oscars denke ich heute nie, außer ich werde in Interviews danach gefragt. 

Fällt es dir mittlerweile schwerer, live zu spielen? Du brichst bei Auftritten immer häufiger Songs ab, heißt es.
Ich versuche immer, so gut zu spielen wie irgend möglich. Immer. Aber ich zögere auch nicht, Songs wieder abzubrechen, wenn es nicht funktioniert. Ich schaue hin und wieder auf die Setlist, fange an zu spielen, stelle dann aber fest, dass ich nicht bei der Sache bin, an das Wetter denke oder mich frage, ob ich falsch singe. Meine Lieblingsshows sind die, wo sich jeder Song wie ein Stierkampf anfühlt. Nicht die, in denen ich mich so durchmogle. 

Stimmt es, dass du nie Artikel über dich liest?
Ja. Zum einen war ich dabei, als das Interview stattfand, daher weiß ich schon, worüber geredet wurde. Zum anderen ist das Ganze auch einfach eine total seltsame Situation. Es ist so verdammt schwer, wenn man seinen eigenen Blickwinkel verlassen möchte, aber egal, wie viel man in Interviews über zum Beispiel Musik redet, die Fragen dann doch immer wieder auf einen selbst bezogen werden. Ich glaube nicht, dass es wichtig ist, wer ich bin. Mir gefällt es sehr, Musik zu machen. Aber ich möchte wirklich niemand Besonderes sein.

Danke für das Gespräch.
Danke fürs Vorbeikommen. Weißt du, für ein paar Jahre war ich draußen aus so ziemlich allem. Aber heute fühle ich mich besser. Ich glaube, das wird eine gute Platte.

Die Originalfassung des Interviews findet ihr hier.