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So war’s in Köln: Mülheimer Nächte

Electronic Beats Festival 2013

Der Abend des 16. Mai stand ganz im Zeichen versierter Showmänner. Auch abseitig des heterogenen, musikalischen Treibens wurde dadurch einiges geboten.
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Als das auf der Ostseeinsel Fehmarn geborene Nordlicht Jens Bayer aka Popnoname gegen 20:20 die Bühne entert, muss er sich mit den typischen Gegebenheiten eines Opening-Slots auseinandersetzten: Eine leere Kulisse zu bespielen, erträgt man entweder mit Demut oder Zynismus. Doch der Mitbegründer des Kölner Labels Magazine ist viel zu souverän, um sich durch allgegenwärtiges Desinteresse aus dem Konzept bringen zu lassen. Sein kompositorisches Geschick, das ihn schon an Auftragsarbeiten für Theaterstücke, wie »Der Streit« von Pierre Carlet de Marivaux führte, offenbart sich auch an diesem Abend. Zeitgeistige Ambientflächen und verhuschter Pop werden den wenigen offenen Ohren in Erinnerung bleiben. Sollte man sich zu Hause noch mal eingehender mit beschäftigen.

Langsam füllt sich das Kölner E-Werk. Dankbar darf man sein, dass ausgerechnet die Kopenhagener Band Repitle Youth nun übernimmt. Der exhibitionistische Frontmann Mads Damsgaard Kristiansen fungiert als Anheizer par excellence. Ganz in schwarz und mit morbid-düsterer Aura mimt er den mysteriösen Prophet. »We are the hippies«, ruft er. Ein Ausruf, der mit Blick auf den Slacker-Look der übrigen Band kaum deplatzierter wirken könnte. Dass den Dänen der Ruf als dänische Kulturrevolution vorauseilt, die vor allem wegen ihrer unberechenbaren Liveshows geschätzt wird, scheint an diesem Abend mehr als nachvollziehbar. Nüchtern betrachtet fußt die Musik auf dem frankophilen Pop von Bands wie Phoenix, doch dort wo die Franzosen immer nur glitzern, verstehen es  Reptile Youth, auch versiert Hardcoreelemente und Elektro-Rock einzubauen. Die Show wird stetig schwitziger. Kristiansen präsentiert schließlich seinen Astralkörper.

Nach dem wirklich überraschend tollen und eigenwilligen Set der Dänen wird es Zeit die Nebenschauplätze zu erkunden. Abseits der Main-Stage trifft man im Außenhof auf angeregt plaudernde Menschen. Auf Menschen, die das Electronic Beats Festival immer auch als Gesamtevent begreifen. Im Innern erklingen gerade letzte Klänge des sehr zweckdienlichen DJSets von Anja Base, die in den Umbaupausen für Ausgleich sorgt.
 
Der in Baltimore geborene Sound-Tüftler Dan Deacon hat die Psychologie der Massen verstanden. Smart spricht er den Zuschauer an und integriert ihn über den »Moment of regrets«. Das Anliegen: Sich seine schlimmste Lebenstat vorstellen, sich einen Punkt an der Decke suchen, mit dem Finger darauf zeigen und dann langsam zu Boden gehen, um sich durch sukzessives Entfernen rein zu waschen. Herzlich Willkommen beim küchenpychologischen Seminar. Auch ansonsten lockert er sein Set durch kleine Showeinlagen wie einem Tanzwettbewerb auf. Diese Nahbarkeit wirkt sympathisch. Deacon erklärt sein Herangehensweise als notwendige und eisbrechende Maßnahme. Die Musik ist ausufernd und besitzt definitiv eine tribale Kraft, die mal schön anzuhören ist, dann wieder alles abverlangt und vor allem deutlich macht, dass sie größtenteils nicht für den Hausgebrauch geeignet ist. Deacon ist eben an erster Stelle ein Frickler, der die Disharmonien gleich mitliefert.
 
Der Star des Abends aber heißt James Blake. Nach seiner Neu-Modulierung des Dubsteps wird deutlich, dass die Fortführung seines Schaffens über den gesteigerten Willen zum Songwriting möglich wird. Mit vielen Songs seines neuen Albums »Overgrown« bittet er zum Zuhören. Es kristallisiert sich immer mehr die Eigenständigkeit seiner Musik heraus und die Erkenntnis, dass Konzerte von James Blake in höchster Weise physische Erlebnisse sind. Mit »Retrograde« entlässt uns der Brite nach knappen anderthalb Stunden.
 
In den späteren Nachtstunden dann noch was Neues. Die kanadische Band Trust. Durch Kollaborationen mit Größen wie der Discoband Hercules And Love Affair haben sie Ihre internationale Visitenkarte bereits in der Tasche. Zappelnd und präsent führt Robert Alfons durch die kühlen 80er Jahre. Texte, die sich mit der dunklen Seite des Verlangens auseinandersetzen, entfalten in der Mühlheimer Nacht eine ganz eigene Wirkung. Ein würdiger Abschluss für einen sehr abwechslungsreichen Abend.