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Some Like It Hot

Electric Six

Wenn Dick Valentine den Mund aufmacht und sich seine Kollegen hinter ihre Instrumente klemmen, geht's zur Sache: Surge Joebot, The Rock'n'Roll Indian, Disco, M. und Tait Nucleus klingen zusammen krasser, als es ihre Namen befürchten lassen, wie ein Kurzschluss zwischen ZZ Top und Kiss zu deren Disco
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Wenn Dick Valentine den Mund aufmacht und sich seine Kollegen hinter ihre Instrumente klemmen, geht's zur Sache: Surge Joebot, The Rock'n'Roll Indian, Disco, M. und Tait Nucleus klingen zusammen krasser, als es ihre Namen befürchten lassen, wie ein Kurzschluss zwischen ZZ Top und Kiss zu deren Disco-Zeit, darüber schwankt Valentines Stimme zwischen der Theatralik eines Tom Jones und eines Meat Loaf.

Das ist dermaßen over the top, dass es schon wieder genau richtig ist - dachten im letzten Jahr zumindest 2ManyDJs, als sie den Electric-Six-Song "Danger! High Voltage" in ihren Bastard-Mix "As Heard On Radio Soulwax Vol. 2" schnipselten. (In den Credits der CD findet sich noch der alte Name der Band, The Wildbunch, der kurz darauf dran glauben musste, weil jemandem auffiel, dass es Ende der 80er-Jahre in Bristol ein gleichnamiges Kollektiv gab, aus dem u. a. Massive Attack hervorgingen.) Nach 250.000 verkauften 2ManyDJs-CDs hieß es für Electric Six - nach sechs erfolglosen Jahren in Detroit - jedenfalls: auf zu neuen Ufern!
In England passte "Danger! High Voltage" im Januar perfekt in den Dance-Rock-Hype, als zusätzlicher Turbolader fungierte das Gerücht, hinter dem kreischigen Gastsänger John S. O'Leary stecke Jack White - was angesichts der Tatsache, dass E6 und The White Stripes aus derselben Stadt kommen und beim selben Label, XL Recordings, gesignt sind, auch nicht so abwegig ist. So passierte es: Platz #2 in den UK-Charts, ein Auftritt bei "TOTP" und Backstage-Turteleien mit den Sugababes. Entzückende junge Damen stellen in einer reinen Jungsband ja akute Mangelerscheinung und willkommene Abwechslung dar. "Manchmal wünschte ich, Electric Six bestünden außer mir nur aus Frauen!" fantasiert Surge Joebot. Dick Valentine drückt es etwas eleganter aus: "Ich stelle mir immer vor, dass so die Atlantik-Überquerungen im 15. Jahrhundert gewesen sein müssen: Du bist gefangen auf einem Schiff mit lauter Männern, und es gibt wenig zu essen."

Es hängt wohl mit diesem Männer-Überschuss zusammen, dass es bei E6 verbal etwas kerniger zugeht. Es sind Phrasen wie "Everybody wants to burn in hell", "I'm the bomb", "Naked pictures of your mother" oder "I went to the store to get some more fire to start the war", die den E6-Sound zu einem supermännlichen und irgendwie sehr altmodischen Testosteron-Bolzen machen. Fast will man fragen: Kann man bei sechs Jungs etwas anderes erwarten? Boys will be boys. Aber vielleicht tut man den Texten so auch Unrecht. Auf einem abstrakteren Level haben sie mit ihrem Hang zum Overstatement nämlich auch etwas Gutes, etwas Kommunikationsförderndes: Dort, wo sonst mit Schuhbiduh-Lala-Lyrics jeglicher Positionierung und Diskussion aus dem Weg gegangen wird oder wo Madonna behauptet, "I like to express my extreme point of view", um doch nur dünne Luft abzulassen, bestellen E6 die sich selbst schon verlogen vorkommende Political Correctness zum großen Showdown. Danach ist Platz für Zwischenfragen. Zum Beispiel zu der zweiten Single "Gay Bar", in der es heißt: "Let's start a nuclear war at the gay bar". Dick: "Ich will damit nichts ausdrücken, ich singe einfach, was mir in den Sinn kommt, eine zufällige Gedankenkette. Wenn jemand darin unbedingt einen Sinn finden will, bitte schön. Aber 'Gay Bar' ist bestimmt nicht als Kommentar über Schwule gemeint. Wir hätten genauso einen Song über eine Sportsbar machen können." Surge ergänzt: "Wir haben auch ein paar Interviews für Schwulen-Magazine gegeben, die fanden den Song alle toll. Ich denke, die meisten Schwulen haben genug Humor für so was."

Mehr Humor als die BBC jedenfalls: Der war der Song zu heftig, nicht aufgrund der Bar, sondern aufgrund der Bomben. Man erinnert sich: Dies sind kriegerische Zeiten, und vor fünf Jahren flog in einer Schwulenbar mitten in London eine (zwar keine Atom-, aber doch sehr reale) Bombe in die Luft. Für den Single-Release von "Gay Bar" wurde der Atomkrieg sicherheitshalber gestrichen, die alten Fragen bleiben aber offen: Wo hört Humor auf, wo fangen Geschmacklosigkeit und Paranoia an? Das ist wohl Ansichtssache. Auch wenn es platt klingt: Bei Electric Six geht's eben "nur" um Entertainment, und da ist so ziemlich jedes Mittel recht - wenn beim Hören der Texte Alarmglocken läuten, umso besser; die E-Gitarren rocken erst richtig, wenn die Jungs dazu moschen können; die Disco-Beats sind dazu gedacht, die Frauen zum Tanzen zu bringen; und die Tanzeinlagen von Dick auf der Bühne müssen ein Hingucker sein. Eine ordentliche Rock-Show, nicht mehr und nicht weniger. Dick lacht: "Letztens nach einem Konzert in Rhode Island kam jemand zu mir und meinte: 'Hey, deine ultra-femininen Dance-Moves sind super!'"

Kaum zu glauben, dass sich Dick erst gar nicht zum Band-Frontmann, sondern zum TV-Meteorologen berufen fühlte. Tatsächlich kann man an der Mississippi State University in Starkville, an der er eingeschrieben war, einen Masters Degree als Broadcast Meteorologist erwerben. Laut Dick wurden in dem Städtchen aber schon um fünf Uhr nachmittags die Bürgersteige hochgeklappt, und das war noch langweiliger als back home in Detroit. Seine Entscheidung, abzubrechen und zurück nach Hause zu seinen Kumpels zu fahren, war dann wohl die einzig richtige: Als Wetterfrosch hätte er höchstens mal die Temperaturen ein bisschen zu warm voraussagen können, aber richtig feurige Sprüche (z. B. "Heute knallt die Sonne wieder wie Hiroshima auf eure nackte Mutter!") hätte er sich verbieten müssen. Und man weiß, wo so was - unterdrücktes Verlangen, Selbstverleugnung - hinführt. "Meiner Mum wäre es lieber, wenn ich harmlose, positive Sachen singen würde, wie Sting", berichtet Dick. "Ich sage ihr dann immer 'Aber Mum, unsere Songs sind doch positiv! Sie handeln vom Tanzen und davon, zu leben!'" Darauf noch ein bisschen Pyrotechnik.