×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Ein Bruchstück aus Tiflis

Eine Geschichte aus Georgien

Wer einmal in Tbilissi, so der georgische Name von Tiflis, war, trägt eine Sehnsucht in sich, die ihn immer wieder zurückkommen lässt. Das ist nicht leicht zu verstehen, denn an Aufregung oder P.O.P. gibt es kaum mehr als das, was wir in Deutschland als Georgien-Importe kennen: Projekte wie Tba, N
Geschrieben am

Wer einmal in Tbilissi, so der georgische Name von Tiflis, war, trägt eine Sehnsucht in sich, die ihn immer wieder zurückkommen lässt. Das ist nicht leicht zu verstehen, denn an Aufregung oder P.O.P. gibt es kaum mehr als das, was wir in Deutschland als Georgien-Importe kennen: Projekte wie Tba, Nikakoi/Erast, Gogi.Ge.org oder Goslab. Vielleicht ist es dieses Entspannte, dass einen der Kapitalismus hier noch nicht so sehr zwingt, immer etwas produzieren zu müssen, um zu überleben. Oder das Dörflich-Familiäre, das uns eine seit der Kindheit verlorene Geborgenheit zurückzugeben scheint. Oder das gute Essen. Oder der ganze unglaubliche Blödsinn, der ständig passiert.

Das erste Mal war ich 2001 mit Detlef (meinem Bandkollegen bei Kreidler) in Tbilissi. Wir spielten zwei Abende in einem kleinen Theater – es gab keine Clubs. Ein Stromausfall legte unsere Geräte lahm, ein Plattenspieler fiel aus, egal. Die Leute erzählten uns, das sei die erste Technoparty in Tbilissi, und so feierten sie auch. Sergij Gvardjaladze hatte uns damals eingeladen. In seiner Radiosendung ›Komuna‹ kümmert er sich um Pop – ihm geht es darum, andere Lebensentwürfe aufzuzeigen, die starren Strukturen in den georgischen Köpfen zu bewegen. Er holte auch tschetschenische Flüchtlingskinder aus dem abgeschotteten Pankisital nach Tbilissi oder initiierte das Projekt ›European House‹, um Georgien die Idee Europa statt Amerika nahe zu bringen. Sergij lebte lange in Deutschland und mit seiner georgischen Beatband auch ein Jahr in Liverpool.

Das Land war gelähmt

Die Ökonomie war 2001 am Boden; desillusioniert rumhängende und prügelnde Männer, ein paar unglaublich reiche Familien, die Teilrepublik Abkhazien unter russischer Besatzung (Stichwort: UN-Mandat) und Präsident Shewardnadze, der Georgien zwar auf die Weltkarte gesetzt hatte und den Bau einer Erdöl-Pipeline gegen die Interessen Russlands durchsetzte, aber in der Idee regierte, die Gesellschaft werde wie ein Fluss ihren Weg schon finden, prägten das Land.

Zwei Jahre später reichte es einigen Politikern und der Gruppe Kmara: Shewardnadze musste weg. Sie fanden Hilfe in Soros’ Open Society, die vor allem Demokratie-Bewegungen in nichtdemokratischen Staaten unterstützt. Nun kann man natürlich nicht behaupten, dass Georgien keine Demokratie hatte – das ist eher jetzt der Fall, wo die Koalition unter Zhvania, Burjanadze und Saakashvili nahezu oppositionslos regiert –, noch, dass die Unterstützung eines rechtsnationalen Bündnisses wie Kmara fortschrittlich sei. Saakashvili ist ein populistischer Nationalist, der viel Dummes tut und noch mehr redet. Trotzdem glauben die Menschen an ihn. Seine Regierung hat einen Altersdurchschnitt von Mitte dreißig, und so segelt er im Wind, den eine junge Generation verbreitet: Viele haben in Westeuropa studiert, andere Lebensmodelle kennen gelernt. Und trotzdem macht sich, wie Vato Tsereteli von Media Art Farm (MAF) sagt, die »hässliche Bourgeoisie« breit und beginnt, alles in hegemonialem Mittelmaß zuzukleckern.

Aber Wind weht

Ein gutes Beispiel dafür, dass sich etwas bewegt, ist MAF, das Projekt von Vato Tsereteli und der belgischen Künstlerin Ingrid Degraeve in den Räumen des Stadtmuseums. Mitglieder können die hervorragende und hier einzigartige Bibliothek für Gegenwartskunst nutzen, außerdem Apple-Rechner, Scanner und einen Videoschnittplatz. Zeitgenössische Kunst findet kaum statt in Georgien. Die Ausbildung an der örtlichen Akademie ist handwerklich zwar umfassend, endet aber in der klassischen Moderne. Dafür organisiert das MAF dieses Jahr die dritte Appendix-Ausstellung: einen frischen Mix aus Theorie, Kunst und Leben, bei dem bisher Künstler aus Tbilissi z. B. auf Harun Farocki oder Atelier van Lieshout trafen. Leicht haben sie es damit nicht: Für eine von Saakashvili in Auftrag gegebene Ausstellung über die georgische orthodoxe Kirche soll das Stadtmuseum leer geräumt werden.

Das Lift, ein Club für elektronische Musik in der oberen Etage eines Bürohauses, wurde leider von der Steuerpolizei beendet. Hinter Lift stand u. a. Giorgi Sumbadze, ein international bekannter Medienkünstler. Er ist Teil von Goslab (wie die Musiker Nikakoi, Tba, Gogi.Ge.org, die begnadete Modemacherin Nino Chubinishvili, die Künstlerin Maya Sumbadze, der Hirnchirurg Archil Eristawi, die in Berlin lebenden Regisseure Zaza Rusadze, Tamuna Karumidze, Salome Machaidze) und Inf.Act: Gemeinsam mit Gio Jorjoliani, Levan Nutsubidze (bis vor kurzem Music-TV-Moderator) und Gigi Guledani geht Giorgi Sumbadze in seinen aktuellen künstlerischen Projekten ökologischen Fragen wie der Wiederverwertung von Abfall nach. Themen, die in Georgien sonst keine Rolle spielen und die dem Quartett auch schon eine Ausstellung in Moskau ermöglichte. Gigi, ein weiterer Inf.Act-Künstler, ist heute neben Kote Kubaneishvili einer der interessantesten Autoren; Gio produziert amtlichen Tekkno und erzählt, dass er die nächsten Monate in Batumi am schwarzen Meer spielen wird, wo gerade eine Underground-Clubkultur am entstehen sei. Die Jungs und Mädchen, die hier was Spannendes organisieren, haben kaum Geld, keiner hat eine vernünftige Anlage oder so was wie direkt betriebene Plattenspieler.

Die, die Geld haben, geben es in der Adjara Music Hall (AHM) für mittelmäßige DJs aus. Die AMH ist eher unangenehm in ihrem geschmacklosen Geprotze. Mitorganisator Sergij Gvardjaladze verteidigt den Prunk: »Trash hatten wir die letzten zehn Jahre genug.« Finanziert wird der Ort durch die Gewinne eines Wettbüros. Für Konzerte brauchen sie Sponsoren, was gerade schwierig geworden ist, da, so Sergij, »die Arschlöcher alle Schiss haben.« Stichwort Schiss: Der Staat ist pleite und schickt nun täglich schwer bewaffnete, maskierte Spezialeinheiten auf Verhaftungstour; immer begleitet vom Fernsehen. Und trotzdem bleibt oft unklar, wer warum inhaftiert wird: Wirtschaftsbosse werden wegen Steuervergehen angeklagt, sofern sie nicht die Zugehörigkeit zur Regierungspartei nachweisen; aber natürlich kratzt niemand an der Macht der Kirche. Diese hat die letzten Jahre einen massiven Zulauf. Geradezu erschreckend vielen jungen Menschen ist der Priester eine Mischung aus großem Bruder, Analytiker und strengem Lehrmeister: Sexverbot, Drogenverbot, Fasten. Wie Geschwüre wuchern überall neue Basiliken, parallel verkommen durch ihre Bausatz-Lächerlichkeit die alten Kirchen zur Karikatur. Die Neubauten sind Spende- und Sündenvergebungsmaschine der Mafiosi. Georgien steckt immer noch im Feudalismus: Ähnlich Süditalien herrscht eine Trinitas aus offiziellem Staat, Kirche und mafioser Gegengesellschaft. Der Gangster sieht sich als Freiheitskämpfer in einem Land, das regelmäßig erobert, zerstört und immer kleiner wurde. Heute ist die orthodoxe Kirche ein xenophobes Etwas, und das in Tbilissi, wo Schiiten und Sunniten friedlich in derselben Moschee beten – und zwar direkt neben der jüdischen Synagoge.

Magst du die neue Autechre?

... ist die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird. Früher war Tbilissi wunderschön. Früher haben sie The Smiths und noch früher The Cure gehört. Heute ist es laut, schmutzig, brüchig und stinkt nach Abgasen. Zerfallene Häuser mit Einschusslöchern stehen neben komischen Neubauten. Kaputte Straßen erzählen von den Panzern, vom Bürgerkrieg vor zwölf Jahren. Hunderttausend Ladas drängeln sich neben schicken deutschen Autos. – »Oder Squarepusher oder Aphex Twin?« Vielleicht ist diese Musik die exakteste Beschreibung ihrer Lebensumstände, die sie finden konnten in der Welt des Pop.

Kmara und Soros
Kmara ist so vorne wie die Junge Union: Wenn die Mitglieder den Mund aufmachen, fällt die Blödheit in Brocken raus. Soros, ein in Amerika lebender Multimillionär, ist Gründer der Organisation Open Society. Er setzt sein Vermögen auch dafür ein, dass Bush nicht wieder gewählt wird.

Arschlöcher Das Arschloch ist vor nicht allzu langer Zeit ziemlich zu Geld gekommen. Meist hat er etwas mit Importgeschäften zu tun gehabt, mit Korruption, manchmal Drogen. Das Arschloch fährt BMW. Die Frau des Arschlochs hat Kunst studiert. Und zwar so, wie man bei uns Kunstgeschichte studieren kann: weil man sich gerne mit schönen Dingen aus Pan oder Art umgibt. Zum Hochzeitstag kriegt die Frau des Arschlochs ein BMW-Cabrio.

Noch ein paar Bruchstücke mehr:

GOSLAB:
http://www.goslab.ge
http://www.goslab.de

Tusja Beridze, Tba
http://www.max-ernst.de/

Gogi Dzozuashvili, Gogi.Ge.org
http://www.max-ernst.de/
http://www.juno.co.uk/IP/IF147962-01.htm

Nika Machaidze, Nikakoi/ Erast
http://wmfrec.com/app.wa/de/Artists/Nikakoi/
http://www.komuna.ge/musicians/nikakoi/nikakoi.htm
http://www.laboratoryinstinct.com/interface/

Zaza Rusadze
http://www.zazar.de/
http://www.credofilm.de/banditen.html

Die Media Art Farm & Appendix
http://www.farm.ge/

Sergij Gvardjaladzes Adresse. News, Archive, seine Radioplaylists, viele Links. Von hier aus gehts auch zur Adjara Music Hall
http://www.komuna.ge

Zigota, Gigi Guledanis Onlinebookstore, aber hier findet man auch seine wilden Seiten (linke Spalte)
http://www.zigota.net/

Kote Kubaneishvili, legendärer Wortverdreher - auf englisch funktioniert das nicht immer
http://www.kote.ge/

Deswegen Georgisch lernen: Georgisch ist eine jahrtausend alte Sprache, könnte aber die modernste aller sein: es gibt kein Geschlecht, also kein er, sie, es und keine Artikel! Mchedruli (eines von ca. 15 weltweiten Alphabeten, gestaltet wohl von einem persischen Schriftdesigner, der auch Armenien belieferte) macht keinen Unterschied zwischen Klein-, Groß-, Druck- oder Schreibschrift und jeder der 33 elegant-hübschen Buchstaben bezeichnet exakt einen Laut.
Armazi gibt einen Grammatik-Überblick:
http://www.armazi.com/georgian/
Und in Dr. Berlin‘s Foreign Font Archive kann man Schriften frei runterladen (DOSen-Typen laufen unter OSX):
http://user.dtcc.edu/~berlin/fonts.html

Das Sprechen übt man mit den Teletubbies. An nichtgeorgische Namen, die auf einen Konsonanten enden, hängt man ein i dran: Simpsoni, Andreasi, Kraidleri. Jetzt kommt es nur noch darauf an, möglichst ohne große Satzmelodie möglichst laut zu reden, denn zuhause in Georgien gilt, mit seiner wichtigen Botschaft alle anderen und zwei TV-Geräte zu übertönen.
Eine fernsehsüchtige Nation, jedes Jahr gibt es neue Sender, die sich mit Flash-Animationen gegenseitig zu übertrumpfen suchen. Im www. live-Streams vom ersten und zweiten Programm:
Pirweli(der Stream schwächelt leider etwas)
http://www.iberiapac.ge/1tv.html
Rustavi 2(die News sind giftig, hetzerisch, rechts. Wenn man das weiss, kann man natürlich gut filtern - wie Bildzeitunglesen. 18.3oh Georgische Zeit: Teletubbies!)
http://www.rustavi2.com/

Cartooni
http://www.barjakuzu.ge/

Oder Radiohören?
http://www.radio.ge

GeoPop Videos
Mainstream, aber meist nett (wie Italien Siebziger bis Mitte Achziger). Schlagersingende Schauspieler - von fies zu Uznobi, der samplet Chic und reimt: „Wirf Deinen Rock hoch! Lass uns was zusammenmachen!“. Oder Clips von Kindern reicher Eltern, die mal eben nach USA jetten, um dort durch die Wüste zu stolpern, oder von tollen Kinderstars wie Suka Chuzishvili oder Nini Karseladze oder den Idolen von Elton Johns Blue: Kutscha Bitschebi(heißt Straßenjungs meint aber eher Backstreetboys)...
http://www.georgiandvd.com/

Giya Kancheli
Vielleicht der größte zeitgenössische Komponist. Schrieb aber auch wundervolle Filmmelodien, die heute noch jeder in der ehemaligen Sowjetunion pfeift (so auch Nikakoi). Der August 2003 verstorbene Ian MacDonald schrieb einen sehr guten Artikel in The Wire 190/191. Den und mehr gibts hier:
http://www.siue.edu/~aho/musov/kancheli/kancheli1.html

Merab Mamardashvili
Großer georgischer Philosoph. Seltsamerweise - so weit ich weiss - nichts ins Deutsche übersetzt (ins Französische schon). Starb 1990 in Moskau kurz vor dem Abflug nach Tbilisi an einem Herzanfall, als er in einer Zeitung einen hetzerischen Artikel eines Anhängers des damaligen georgischen Präsidenten Gamsachurdia (ein fremdenfeindliches, nationalistisches Monster) über sich las (- passend dazu steht im Chat-Forum von Rustavi 2: Mamardashvilis Denken sei „ungeorgisch“ und er selbst Mitarbeiter des KGB gewesen - von Leuten, die sich dann entblöden, zu zugeben, nie ein Wort von ihm gelesen zu haben).
http://www.mamardashvili.ru (- hier kann man auch seine Lesungen über Marcel Proust als mp3s runterladen)

Warum Georgien nie eine Chance hatte, zu den Konflikten in/mit den Gebieten Südossetien, Abchazien, Adjarien, zur Rolle der SU bzw. Russlands, zu Gamsachurdia, Shewardnadze etc. ein ausführlicher und ziemlich guter Text von Henrik Bischof (von 1996):
http://www.fes.de/fulltext/aussenpolitik/00023.html
Aktuell, aber oberflächlich:
http://de.wikipedia.org/wiki/Südossetien
http://de.wikipedia.org/wiki/Abchasien
http://de.wikipedia.org/wiki/Adscharien

Civil.Ge - liberales Onlinenachrichten-Magazin, powered by SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung
http://www.civil.ge/eng/

Soros und die Open Society
http://www.soros.org/
http://osgf.ge/

Fotoalbum
http://community.webshots.com/album/51035512TMtfLW/0

und Geogoooogle
http://www.internet.ge/