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Gastbeitrag: Amore für Louise

Eine Begegnung mit Wanda

Ohne Auftrag und ohne große Pläne reiste der Autor und Wanda-Ultra Lukas Lassonczyk von Berlin nach Wien, um sich auf die Fährten eben jener Band zu begeben. Wahnsinnig genug, als dass wir dem Protokoll dieser Reise ins Ungewisse an dieser Stelle eine Plattform als Gastbeitrag geben möchten. »Amore«, wie sich das kürzlich veröffentlichte Debütalbum von Wanda nennt, gab es am Ende – so viel sei verraten – nicht nur für Lousie.
Geschrieben am
Und dann kam Wanda. In meine Welt ein wenig später als in diese Wiener Welt, in die ich nun für vier Tage eintauche. Denn in dieser Wiener Welt gibt es eine frische Band, die Wanda sich nennt und die macht, dass man vorsätzlich dort hinfährt in diese Fiaker- und Bettler-Metropole, man mehr begreifen möchte von dem vielen Gerede über die fünfköpfige Pop und Rock Gruppe, die man da unten angeblich so sehr abfeiert, und über die man dann nach seiner Rückkehr in Berlin eben schreiben wird: Und dann kam Wanda.  

Vier Tage Wien ist, nach Feuer gefragt zu werden mit den Worten »Hast du Zunder?«. Vier Tage Wien ist, Samstagabend über den Prater zu laufen und sich keine einzige Fahrt leisten zu können, weil man sein ganzes Geld schon versoffen hat. Ist, im Rhiz stehend zu sehen, wie sie dem deutschen DJ beide Mittelfinger rausstrecken. Wien ist, wenn die Frauen in der Tram zum Zentralfriedhof ihre Säuglinge mit der Brust stillen. Ist, an Falcos Grab zu stehen und an Zuhause zu denken. Wien ist, an prächtigen Kirchen zu sitzen, im allerletzten Sonnenschein eines späten Spätsommers, und der Polizei dabei zu zu sehen, wie sie mittellose Menschen des Platzes verweist. Und Wien ist, im Raucher-Café Weidinger zu sitzen, von dem man sagt, Nichtraucher würden dort nur ungern bedient werden, und feststellen zu müssen, dass sie hier keine Zigaretten verkaufen.  

Also läuft Marco Michael Wanda, Sänger und zentraler Songwriter der Gruppe Wanda, schnell nach draußen und kommt bald mit zwei Schachteln zurück. Das ewige Rauchen muss schließlich ewig weitergehen, ob in ihren Videos, auf der Bühne oder während eines Interviews. Ein Interview übrigens, das zwei Bandmitglieder mit mir am Tag nach ihrem großen Record Release Konzert abhalten. Marco und Klavierspieler Christian Hummer tragen noch die gleichen Sachen, die sie schon gestern Abend auf der Bühne im ausverkauften Chelsea, einer alteingesessenen Wiener Bar und Konzert-Institution trugen. Dort, wo der Auftritt zu ihrem Debütalbum »Amore« zu einem unfassbaren Erfolg wurde. Wo Marco einmal quer durch das Publikum stagediven durfte, getragen von dem alle Texte mitsingenden Publikum, getragen vielleicht vom Text selbst. Die allgemeinen Publikumsreaktionen nur »Applaus« zu nennen, wäre eine Untertreibung. Nach dem Konzert noch stehen Fans vor dem Chelsea zusammen, wollen nicht heim und singen noch dampfend vor Aufheizung ihre Lieblingslieder des Abends weiter. Während sie ihre frischen Autogramme an sich drücken, frage ich mich, ob das hier jetzt endlich ist, was man also Hype nennt. Eine Frau wird halb ohnmächtig. Links und rechts von uns stehen die Drogendealer.
Während Marco noch draußen auf der Suche nach Zigaretten ist, rede ich auf Christian ein und beschreibe, wie sehr ich finde, dass ihr Album auf seine Art ein abgeschlossenes Gedicht sei, oder wie ein Kreis, der sich in seinem Verlauf selbst schließt und immer wieder selbst öffnet. Dass an dieser Musik kein Gramm zu viel sei und dass ich vielen in Deutschland schon von der Platte vorschwärmte und ich mit der Zeit erleichtert merkte, dass auch in den deutschen Medien ein wachsendes Interesse an der Band zu bestehen scheint. Das erst ist der Moment, in dem Christian neugierig wird und hastig einhakt: »Ich kann mir so wenig darunter vorstellen. Wir sitzen jetzt hier in Österreich und kriegen nicht so viel mit von dem, was in Deutschland passiert. Wir haben keine Ahnung.« Ich erzähle ein bisschen. Christian hört sehr aufmerksam zu. Als dann Marco grade zurückkehrt, sich setzt, fällt der Name eines bekannten deutschen Musikkritikers, der »Amore« vor kurzem überaus wohlwollend besprach. Marco weiß diesen Informationsfetzen beim Platznehmen sofort einzuordnen. Er lächelt selbstsicher, wirft die Zigaretten auf den Tisch. Wir geben uns Feuer.  

Am Abend zuvor sagt Marco noch vor dem ersten Song halb scherzend: »Ganz schön voll hier. Sind doch aber eh fast alles nur Presseleute.« Ertappt. Ich schmunzele und schaue mich aus der zweiten Reihe nach hinten um. Sonst schmunzelt niemand. Zumindest niemand, der oder die nach Presse aussieht. Ich drehe mich nach vorn. Umklammere mein Wieselburger Bier und schmunzele weiter. Die letzten zwei Tage in Wien habe ich nämlich auch dafür genutzt, verschiedene musikinteressierte Menschen nach der Band Wanda zu befragen. Ob sie die kennen, wie sie das alles einordnen und was man über diese Gruppe nun eigentlich so erzählt in dieser Stadt. Aber: Von sieben Leuten, die ich fragte, kannte niemand irgendeine Band namens Wanda. Die achte Person sagte, er kenne sie, fände sie aber extrem scheiße, auch wenn er immer sofort Ohrwürmer von ihren Songs bekäme. Davon berichte ich während des Interviews auch Marco und Christian. Marco: 
Du kannst in Wien sieben Leute fragen, wer Prince ist, und du bekommst keine richtige Antwort. Wir sind ja auch jetzt nicht in den Mainstream Charts. Außerdem muss man nicht von diesen sieben Personen gekannt werden. Mir reichts, wenn es die zwei- bis dreihundert gibt, die zu den Konzerten kommen.
Hype. Immer wieder spukt mir dieses Wort durch den Kopf. Ob auf dem Wiener Heldenplatz oder an einer obskuren Tram-Endstation, an der man halb aus Verlegenheit einen Käsekrainer isst.  Hype, denke ich, ist schließlich eines der Phänomene unter den bedeutungsstiftenden Worten. Wie fühlt es sich also an im Auge des Orkans? Christian: »Ich glaube, dass die Erwartungen, die wir mit dieser Musik von vorn herein an uns selbst stellten, größer sind, als die von allen Journalisten von außen kommen könnten. Das alles gibt einem eine gewisse Bestätigung. Aber wir leiden unter keinem Erwartungsdruck.« Marco wirft schnell ein: »In gewisser Weise ist uns dieser Hype auch scheißegal.« Er lacht kurz auf. »Aber es ist nicht nur irgendein Hype. Es fühlt sich auch ein bisschen an, wie einer der drei größten Hypes, die es in Österreich je gegeben hat ... auch wenn mir die anderen beiden grade nicht einfallen. Das ganze Ding hat von Anfang so gebrodelt und war immer vom Gefühl des Besonderen getragen. Jetzt grade aber kommt es mir auch so vor, als wäre das alles irgendwo gefährlich.«  

Bei ihrem ersten Konzert spielten Wanda vor hundert Leuten, obwohl sie bis dato keine Platte veröffentlichten. Freunde besuchten die Band im Proberaum, Demos wurden unter der Hand verbreitet, Texte bald auswendig gelernt. Wir sprechen hier vom Zeitraum zwischen 2012 und 2014. Man muss das Anachronismus nennen dürfen. Was die einzelnen Bandmitglieder vor 2012 taten, ist dabei nicht nur ein merkwürdiges Geheimnis, sondern mir inzwischen auch egal. Neben ihrer unterschwelligen Beteuerung, aktuell großzügig beglückte Durchschnittsseelen zu sein, will Marco aber noch klarer dazu werden, wie er die Resonanz auf die Band selbst einschätzt: »Es muss in irgendeiner Weise ein Lebensgefühl artikulieren, das über mich als Texter hinausgeht. Das kann ich auch nicht mehr leugnen. Ähnlich wie das Profil eines narzistisch-persönlichkeitsgestörten Menschen, der das Leiden der Mutter für sie ausdrückt. Und für mich als Songwriter verhält sich das ähnlich. So als müsste ich da etwas, das nicht artikuliert ist, artikulieren. Und die Melodien, ... das sind ja im Grunde alles Kinderlieder.«

Kinderlieder über Liebe, Verzweiflung, Verletzung, Verrat, Verrücktsein, Schnaps, und Zigaretten, Trennung und Inzest, ein wenig Hoffnung und dann wieder Liebe. Marco: »Ich finde schon, dass da viel Liebesschmerz drin ist. Das ist ein bisschen untergegangen in den Pressebesprechungen.« Ich sage, dass es aber ein Schmerz sei, der gestützt wird durch die positive musikalische Grundstimmung. Dass es wie im Film sei, wo man einem Publikum zwar etwas nehmen darf, aber am Ende des Films ihm den gleichen Wert zurückzahlen muss, in egal welcher Währung. Dass es darum geht, Gerechtigkeit zu schaffen und darum, dass alle gewinnen. Vielleicht ist, dass »Amore« dies bewerkstelligt, eines seiner Erfolgsgeheimnisse. »Wie in einer Beziehung.«, bestätigt Marco lächelnd. Wie in einer Beziehung mit dem Album, sage ich. Wie in einer Beziehung mit der Liebe selbst, denke ich.
Nach dem Wanda-Konzert finde ich auf einem Tisch vor dem Chelsea ein Autogramm, das jemand vergessen haben muss. Drauf steht »Amore für Louise«. Ich starre eine halbe Stunde darauf, bis ich mir sicher bin, dass Louise nicht mehr zurück kehrt. Ihre Amore bleibt unerfüllt und ist ja doch teilbar. Ich stecke den Zettel als obskure Trophäe ein und verschwinde vom Schauplatz. Später in der gleichen Nacht stehen Bekannte und ich unweit des Café Carina, hören einer equadorianischen Musikgruppe zu, die sich in das Wartehäuschen der Tram Linie 2 gesetzt hat. Sie spielen »Bamboléo«, weil sie denken, dass man das von ihnen erwartet. Ich nippe an meinem neuen Bier und denke an die allerersten Zeilen des Wanda-Albums: »Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine schlafen/obwohl ich gerne würde aber ich trau mich nicht.« (»Bologna«) und dann an seine allerletzten: »Und die Fensterläden fallen und die Flaschen stehen überall/Und die Straßen ziehen an uns vorbei/oh mein Gott ist das schön« (»Easy Baby«), auch wenn ich diese jetzt gar nicht mehr richtig zusammen kriege. Morgen werde ich die Band genauer danach fragen, sage ich mir. Nach diesen Texten. Nach Allem und Jedem. Wir werden uns schon verstehen, wenn ich ihr Album doch verstehe, versuche zu verstehen. Liebe ist teilbar und ich bin betrunken. Nippe wieder an meinem Bier. Später sollen wir noch aus dem Café Carina rausgeworfen werden. Die Equadorianer schlafen da schon längst.
Als ich mir am nächsten Tag mein bestelltes Wasser einschenke, erkläre ich also: wenn man auf eure Songtexte achtet, könnte man meinen, dass sie direkt aus einem Kneipengespräch entnommen sind. Einem Gespräch spät nachts, wo die leeren Gläser sich auf dem Tisch schon sammeln, einem gefährlichen Gespräch zwischen Mann und Frau, bis sie aufsteht, um neue Zigaretten kaufen zu gehen und sich in der Zwischenzeit der beste Freund auf ihren Platz setzt wie ein nächster Song, wie ein nächster Gesprächspartner, der beginnen will. Marco: »Ich glaube, das gelebte Leben, auf das sich dieses Album bezieht, war bei mir persönlich so zwischen 20 und 23. Diese drei Jahre nicht studieren, nicht wissen wohin, sich sehr entwurzelt fühlen und dann ganz selbstmystifizierend von Bar zu Bar durch die Stadt laufen. Den Bukowski nachspielend aus Ermangelung eines anderen Persönlichkeitsentwurfs. Ich will nicht sagen, dass das Album diese drei Jahre verhandelt. Die sind auch sicher nicht ganz abgeschlossen, weil man ja ständig weiterreflektiert. Aber ich habe die Welt sehr spät erst mit den Augen gesehen, mit denen ich sie jetzt sehe. Irgendwann gab es da eine Erweckung.« Welche war das? Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, es hat viel mit unerfüllter Liebe zu tun.

Die Dunkelheit ist überall gleich. Wenn man ihrer Bedeutung trauen möchte, schreibt man vielleicht Songs, die bleiben. Texte, die aus der Form ihres Texters herausquellen. Schreibt man, weil man Bukowski und den Wiener Lyrikern ein Bein stellen könnte, wenn man nur müsste. Und wenn man dieser Bedeutung trauen möchte, bleibt man vielleicht in Wien. Oder kommt von dort.  
Circa 20 Stunden nach dem Interview bin ich wieder in Berlin. Ich warte auf den Beginn eines Konzertes. Am Tag zuvor sage ich Marco und Christian nur, dass ich schon sehr bald wieder zurück muss. Nicht, dass der Grund dafür der Auftritt der Wiener Band Kreisky ist, die gleich hier im Monarch spielen. Zu erklären also, man verließe Wien, um in Berlin eine Wiener Band zu sehen, klänge ausgesprochen noch verzweifelter, als es in Wirklichkeit schon ist. Kreiskys Auftritt ist sehr gut. Die Schmäh-Könige werden sie auch genannt. Wien in Berlin. In mir und auf der Bühne. Während des Auftritts überlege ich mir, ob ich Kreisky später fragen soll, was sie von Wanda halten. Und ob ein pflichtbewusster Artikelschreiber das nicht ohnehin machen muss, ganz ohne sich das überhaupt erst fragen zu müssen. Schließlich finde ich aber, dass ich nach ihrem letzten Lied gehen sollte. Dass meine Tage in Wien in Berlin enden sollen. Wortlos sich wegdrehend und unhinterfragt. Kreisky dürfen Kreisky bleiben. Wanda sollen Wanda werden. Auf dem Heimweg mit der U-Bahn höre ich nicht wie sonst immer das Wanda-Album, sondern schreibe in Gedanken diesen Text. Wanda polarisiert, sagen die Leute. Wanda ist überbewertet, sagen manche. Bei mir jedoch ist Wanda angekommen. In mir, merke ich jetzt, waren sie schon, bevor ich sie kannte.