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Das Gute im Menschen

Eine Audienz bei Kamasi Washington

Einen Musiker wie Kamasi Washington trifft man nicht für ein Interview – man bekommt eine Audienz. Das würde er selbst nie so sagen, aber Daniel Koch hatte trotzdem das Gefühl, kurz in einer anderen Welt zu Gast zu sein und einem Guru zu lauschen. Was gut zum Konzept von Washingtons neuem Album »Heaven & Earth« passt.

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Es tut gut, einen Menschen wie Kamasi Washington zu treffen – sollte er denn ein Mensch sein und nicht doch Alien-DNA in sich tragen. Man denkt zum Beispiel anders über die Themen Alter und Vergänglichkeit nach. Schon sein Manager erzählt mir beim Warten auf das Interview: »Ich krieg das nicht in meinen Kopf, dass Kamasi eigentlich jünger ist als ich. Für mich war er schon immer eine ›alte Seele‹.« So geht es mir auch, als ich diesem so weise und herzenswarm anmutenden Menschen wenig später gegenübersitze. Vor allem tut es aber gut, dass Washington einen im Kern optimistischen Blick auf die Welt hat, obwohl er alles andere als naiv ist. Dennoch sagt er: »Wenn ich ein Alien wäre und vom All auf die Welt blicken würde, dann käme sie mir als sehr brutaler, dunkler Ort vor. Aber ich treffe viele Menschen in meinem Leben – und 99 Prozent dieser Begegnungen sind positiv. Ich habe den tiefen Glauben, dass 99 Prozent aller Menschen gut sind und diese Welt zu einem besseren Ort machen wollen.« Hach, das klingt schön. Hat natürlich trotzdem einen Grund, dass einem vieles gerade eher scheiße vorkommt: »Leider ist sich der übrige eine Prozent Menschen sehr bewusst darüber, dass sie Arschlöcher sind und sich was einfallen lassen müssen, damit die anderen ihnen ihre Macht übergeben oder sich dessen nicht bewusst sind. Und gerade haben besonders viele dieser schlechten Menschen Machtpositionen in der Politik oder in den Medien besetzt – was sie sehr mächtig erscheinen lässt.« Deshalb fühle es sich für Washington gerade an, als stünden wir »an einem Scheideweg: Ziehen wir diese Welt ins Licht, oder taumeln wir in die Dunkelheit?«

Damit wären wir auch beim Titel seines neuen Albums »Heaven & Earth«. Es ist streng gerechnet Washingtons zweites Album nach dem Debüt »The Epic« von 2015, wobei die EP »Harmony Of Difference« aus dem letzten Jahr mit 32 Minuten auch schon eine stattliche Spielzeit hat. »Heaven & Earth« ist ein zweigeteiltes Konzeptalbum, in dem es viel um Dualitäten wie die oben beschriebenen geht. 16 Songs auf zwei CDs oder vier Vinylscheiben sind es diesmal geworden, also schlage ich ihm vor, das Werk mit einem »Even more epic than ›The Epic‹«-Sticker zu versehen. »Ich werde drüber nachdenken«, lacht er und erklärt, wie die Aufteilung zustande kam: »Wir nahmen das Album inmitten einer langen Tour auf. Ich hatte fast 300 Songs geschrieben. Als ich überlegte, welche ich einspielen und auf einem Album haben möchte, fiel mir auf, dass jedes Lied auch eine Art Gegenstück hat. Nimm zum Beispiel die ersten Songs der jeweiligen Teile: ›Fists Of Fury‹ und ›The Space Travellers Lullaby‹. Die beiden zeigen ziemlich genau, wie ich ticke. Ich war schon als Kind ziemlich spaced-out und gleichzeitig sehr bodenständig. Ich habe immer genau geblickt, was um mich herum vorgeht, und mich dennoch immer wieder in meine eigene Fantasiewelt zurückgezogen. So bin ich eben. Das hat mir in meinen Beziehungen schon Probleme bereitet. Ich musste immer klarstellen: ›Hey, es ist nicht so, dass ich dich nicht liebe, ich brauche nur auch Zeit, um in meine eigene Welt zu gehen. Ich halte es nicht aus, nur in der Realität zu sein.‹ Das drückt sich in den beiden Liedern aus: ›Fists ...‹ ist sehr wütend und thematisiert die Erfahrung, als afrikanisch-amerikanischer Mensch in Amerika zu leben – und den Kampf, die Demütigung zu durchleben. ›Lullaby‹ wiederum schweift in die Ferne: Wir hatten einen nächtlichen Stopp mit dem Bus mitten im Nirgendwo. Ich blickte hinaus in ein Sternenmeer und war sofort weg. Ich überlegte, wie riesig das Universum ist, und stellte mir vor, es irgendwann bereisen zu können. In meiner Heimatstadt L.A. siehst du nachts höchstens mal drei Sterne, deshalb war es ein so erhabener Moment, der mich zu diesen Gedanken inspirierte.«

Intro Melt Festival 2017 Freitag: Kamasi Washington (Foto: Carmen Catuti)
Bild: Carmen Catuti

Eingespielt wurde »Heaven & Earth« innerhalb von zwei Wochen in den Henson Studios in Los Angeles, mit vielen Vertrauten und seinem Kollektiv The West Coast Get Down. Unter anderem waren dabei: Thundercat, Terrace Martin, Ronald Bruner Jr., Cameron Graves, Brandon Coleman, Miles Mosley, Patrice Quinn und Tony Austin. Es ist erstaunlich, wie beseelt und leidenschaftlich die Musik klingt, denn eigentlich, so muss Washington zugeben, »hatte außer mir keiner so richtig Lust, ausgerechnet die zwei Wochen Tourpause im Studio zu verbringen. Anfangs wurde schon ziemlich gemurrt. Aber auch hier gab es eine spannende Dualität: Zwischenmenschlich war der Umgang bisweilen genervt, weil wir schon so viel Zeit auf engstem Raum verbracht hatten, aber gerade deshalb konnten wir uns gemeinsam in die Musik flüchten, wo wir auf eine Weise kommunizieren, die über all dem steht. Intuitiv hatte ich es, glaube ich, auf genau diesen Vibe abgesehen.«

Das Ergebnis ist natürlich mal wieder so hirn- und genresprengend, wie man es aus Kamasi Washingtons Arbeit kennt. Man wird »Heaven & Earth« natürlich im Jazz-Regal finden, aber man sieht ja schon an seinem Publikum, dass dieses Wort zu kurz greift und zu schwach strahlt. »Ach, mir ist es egal, ob man das jetzt Jazz nennt. Für mich ist es schlichtweg Musik. Zwar verehre ich viele Musiker dieses Genres, aber die Musik dient nicht dem Wort – es ist eher umgekehrt. Als mich mein Cousin damals mit Art Blakey vertraut machte, war ich sofort begeistert und dachte trotzdem nicht: ›Das ist jetzt also Jazz‹, sondern: ›Cool, das haben A Tribe Called Quest gesamplet!‹«

 

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