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Die Erlaubnis, Mensch zu sein

Ein Treffen mit Florence + The Machine

Sie hat als Jugendliche viel Mist gebaut, heute ist Florence Welch ein Vorbild für viele junge Frauen – oder ist es doch umgekehrt? Julia Brummert traf sie zu einem von sehr wenigen Interviews und ließ sich von Welchs hoffnungsvoller Stimmung und ihrem Enthusiasmus anstecken. In wenigen Tagen wird sie auf dem Melt live zu sehen sein und - wie soeben vermeldet wurde - ab März 2019 ist sie auf Arena-Tour durch Deutschland. Illustration: Eszter Chen

Geschrieben am

Interview:
Julia Brummert

Auf »How Big, How Blue, How Beautiful« ging es um schrecklichen Liebeskummer. Siehst du einen ähnlichen Themenschwerpunkt auf »High As Hope«?
Auf dem letzten Album hatte ich einen Tunnelblick, es war so ein ganz spezieller Moment in meinem Leben und eine sehr pointierte Angelegenheit in Bezug auf diese eine ganz spezielle Person. Die vorherigen Alben waren eher ein wenig hiervon und davon, Geschichten, Märchen, Ideen von früher. »How Big ...« war dann ein lauter Schrei über diese eine große Sache, die ich einfach nicht verstehen konnte. Unerwiderte Liebe ist seit Hunderten von Jahren die Grundlage für Kunst. Es ist, als würde man der Person, die man liebt, ein Denkmal errichten, damit sie einem vielleicht doch noch Beachtung schenkt.
Auf »High As Hope« geht es nun darum, anzuerkennen, dass die Heilung nur von mir selbst kommen kann. Das hat einen gewissen Frieden an sich. Es geht immer noch um die Liebe, aber in einem tieferen Sinne. Sie sollte aus einem Gefühl des Ganzen, der Vollkommenheit entstehen und nicht aus einem Gefühl der Leere. Die Liebe, mit der ich mich auf »How Big ...« befasst habe, kam von einem sehr kaputten Ort.

Wie geht es dir denn jetzt?
Gut! Die Arbeit an »High As Hope« war eine Freude! Ich fühlte endlich wieder den Enthusiasmus, den ich am Anfang der Aufnahmen meines ersten Albums gefühlt hatte. Damals hatte niemand Erwartungen, ich konnte mich ins Studio stellen und ausprobieren. Für »High As Hope« bin ich zu diesem kleinen Studio geradelt, habe mit Drumsticks gegen die Wände geschlagen, einfach mal sechs Monate mit dem Toningenieur verbracht und geschaut, was dabei rauskommt. Ich hatte wieder diesen Nervenkitzel, Musik aus Leidenschaft und Spaß zu machen.

Das klingt super.
Es war ein großer Spaß, wirklich. Der ganze Prozess war reizend. Das vorherige Album hat vielleicht mein Leben gerettet, aber jeder einzelne Teil musste aus mir herausgezerrt werden, sie mussten mich ins Studio zerren. »High As Hope« war wirklich frei und flog nur so dahin, das war schön.

Auf dem Album finden sich einige Songs über deine Vergangenheit, insbesondere über deine Mutter.
Ach, kommen wir jetzt zu den Mom-Issues?

Keine Sorge, das hier soll keine Therapiesitzung werden. Du hast jedoch so oft erzählt, dass deine Mutter die Entscheidung, Musikerin zu werden, nicht gutgeheißen hat. Ist sie mittlerweile zufrieden, vor allem, da du so erfolgreich bist?
Das kann ich nie so genau sagen! Meine Mutter hatte wirklich Angst, als ich damals ins Musikgeschäft gegangen bin. Sie hat das nicht als einen Job für immer angesehen, eher als gefährlich und unberechenbar. Sie dachte, dass ich, wenn ich diese »Phase« überwunden hätte, zurück an die Uni gehen würde. Mittlerweile glaube ich, dass sie akzeptiert hat, dass es nicht nur eine Phase ist. Meine Mutter ist eine unfassbar talentierte und herausragende Frau, aber sie arbeitet sehr visuell. Sie ist Kunsthistorikerin, sie handelt mit Skulpturen, mit Kunst ... Musik ist einfach kein Teil ihrer intellektuellen Sprache. Aber ihr Einfluss ist in allem.

Glaubst du, dass du nun erwachsen geworden bist?
Darüber denke ich sehr viel nach. Ich bin sehr dankbar dafür, einen Job zu haben, der ein Kindheitstraum war. Ich kann es manchmal gar nicht fassen, dann sitze ich da und denke mir: »Fuck, das ist wirklich passiert? Das ist doch verrückt!« Meine Arbeit hat so viel Kindliches, der Tanz, das Singen – das möchte ich mir immer bewahren. Ich hatte Angst, dass Chaos und Schmerz die Voraussetzungen für meine Kreativität sind. Dann habe ich gelernt, dass ich mit etwas mehr Struktur, Häuslichkeit und Ruhe kreativer sein kann. Ich war wirklich besorgt, denn es ist leicht, zu glauben, dass Selbstzerstörung ein wichtiger Teil der Arbeit ist. Ich habe tatsächlich festgestellt, dass meine Arbeit besser wird, wenn ich beginne, mich um mich selbst zu kümmern. Man muss sich nicht umbringen.

Florence + The Machine Pressefotos 2018
Bild: Vincent Haycock/Universal Music

Im Juli veröffentlichst du ein Buch, »Useless Magic«. Wie ist die Verbindung zum Album?
Der Titel des neuen Albums stammt von einem Gedicht, das ich geschrieben habe. Es heißt »New York – Gedicht für Polly«. Neben den Gedichten enthält das Buch auch Songtexte. Die habe ich zuvor nie veröffentlicht. Ich hatte immer ein komisches Gefühl in der Hinsicht, sie waren auch nie in den Liner Notes. Wahrscheinlich war ich immer zu schüchtern. Tatsächlich sind viele der Songs auf dem neuen Album aus Gedichten entstanden. Ich habe nur einfach viel, viel mehr geschrieben. Einige Gedichte sind Gedichte geblieben, manche wurden von Songs aufgegessen. Also ist alles miteinander verwoben.

Im Vorwort des Buchs steht dieser eine großartige Satz: »You can have everything.« Was bedeutet das für dich?
Ich habe das Gefühl, zu meinen Zuhörerinnen und Zuhörern ehrlicher zu sein als zu allen anderen Menschen. Das hat definitiv Einfluss auf die anderen Beziehungen in meinem Leben. Musik und Poesie haben mir einen sicheren Ort gegeben. Dort kann ich mich mit Dingen beschäftigen, die kostbar sind, aber auch sehr geheim und beschämend. Bislang haben die Menschen, die meine Musik hören, gut auf sie aufgepasst und mich getragen und unterstützt, auch dann, wenn ich die schrecklichsten Dinge erzähle und sage, die ich mir vorstellen kann. Im wahren Leben fällt es mir unglaublich schwer, mich Menschen zu öffnen.

Dass du dich in deiner Musik so öffnest, hinterlässt Spuren, vor allem bei jungen Frauen. Was ist das für ein Gefühl, so ein Vorbild zu sein?
Sie inspirieren mich! Junge Frauen stehen auf für ihre Werte und für das, woran sie glauben. Das ist so hoffnungsvoll und ermutigend. Die jungen Frauen, die ich am besten kenne, waren Fans und haben jetzt diesen Buchclub gegründet. Sie sind erst 20 oder 21, aber sie sind so kompetent! Politisch, sozial, sie sind bereit für Veränderungen, sie helfen einander und wehren sich gegen den Druck der Gesellschaft, gegen die Vorgaben, wie eine Frau zu sein hat.

Die Empfehlungen für den Buchclub stammen nicht alle von dir, oder?
Nein, tatsächlich haben die Mädchen, die den Club gegründet haben, gerade begonnen, auch Bücher zu empfehlen. Von ihnen stammt eines der letzten, Leslie Jamisons »Die Empathie-Tests«. Das habe ich gelesen und fand es toll. Fiona Apple hat ebenfalls ein Buch empfohlen. Als sie mir eine E-Mail geschrieben hat, war das in etwa so, als würde man eine E-Mail von Gott bekommen. Sie war so süß und hat einen wirklich wunderschönen Text zu ihrem Buch geschrieben. Dieser Buchclub war nicht geplant. Er ist ganz natürlich gewachsen, auf eine Initiative von Fans hin, die einen Buchclub gründen wollten, ich habe sie nur dazu ermutigt. Ich lese alle Bücher, mein ganzes Haus ist voller Bücher. Ich war ein sehr schüchternes Kind und habe immerzu gelesen.

Erinnerst du dich, welches der Bücher dein liebstes war?
Das Buch von Leslie Jamison ist großartig, und es war die allererste Empfehlung der Mädchen. Sie sind so clever und aufmerksam. Als ich in ihrem Alter war, saß ich buchstäblich auf einem Baum, war betrunken und habe rumgeschrien. Und was machen sie? Sie betreiben einen Buchclub!

Du spielst diesen Sommer wieder große Festivals, in Deutschland zum Beispiel exklusiv beim Melt. Machen dir große Auftritte noch Angst?
Interviews machen mich nervöser als Festivals. Auf der Bühne weiß ich, wo ich bin und was ich zu tun habe. Über Dinge zu sprechen fällt mir schwerer.

Planst du, wieder von der Bühne zu springen, obwohl du dich damals beim Coachella so verletzt hast?
Ja, sicherlich. Ich bin aber nicht wirklich verantwortlich für das, was da oben passiert. Ich muss dorthin gehen, wohin mich der Spirit führt. Manchmal ist das eben runter von der Bühne.

Wir haben sehr viel darüber gesprochen, erwachsen zu werden. Wie sorgst du dafür, dass du gesund bleibst und nicht durchdrehst?
Wahrscheinlich war der größte Akt der Selbstliebe, dass ich mit dem Trinken aufgehört habe. Der Alkohol hat mich in einige dunkle und gefährliche Situationen gebracht, in denen ich mich selbst nicht mehr mochte. Ich betreibe seit drei Jahren metaphysische Meditation. Außerdem sind da viele kleine Dinge, die ich tue. Ich koche selbst, lese viel und sorge dafür, dass ich Zeit zum Nachdenken habe. Es hilft, zu versuchen, viel Mitgefühl mit sich selbst zu haben und sich selbst davon zu überzeugen, dass man nicht perfekt sein muss, dass man nicht immer alles hinbekommen muss. Es ist in Ordnung, sich selbst zu erlauben, menschlich zu sein.

Im März 2019 ist Florence mit ihrer Band auf Tour. Hier die Daten:

02.03.2019 München, Olympiahalle
05.03.2019 Köln, LANXESS arena
09.03.2019 Hamburg, Barclaycard Arena
14.03.2019 Berlin, Mercedes-Benz Arena

Ticketpreis: 40,- Euro bis 55,- Euro zzgl.
Der reguläre VVK startet am Freitag, 13.7.18 um 10 Uhr

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