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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Das Sziget Festival 2005

Ein Tag aus dem Leben von Millionen

10.-17. August 2005, Ungarn, Budapest, Abudai Island Von Budapest bin ich als Gelegenheitstourist natürlich sofort viehisch beeindruckt. Lauter Schlösser unterschiedlichster Epochen - großartiges Panorama-Theater, wohin man auch schaut. Ist natürlich super - vor allem wenn man wie meine Begleitun
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10.-17. August 2005, Ungarn, Budapest, Óbudai Island

Von Budapest bin ich als Gelegenheitstourist natürlich sofort viehisch beeindruckt. Lauter Schlösser unterschiedlichster Epochen - großartiges Panorama-Theater, wohin man auch schaut. Ist natürlich super - vor allem wenn man wie meine Begleitung Sonja Eismann Architektur mag. Vom Sziget sehe ich mich als abgebrühter Festival-Hool dann allerdings völlig überraschend noch mehr beeindruckt. Das Wissen darum, dass es sich um die Insel Óbuda in der Donau handelt, voll mit dem Treiben einer Großveranstaltung, beschreibt nur brüchig, auf was für einen prosperierenden Koloss man trifft, wenn einen die knuffelige Retro-Transfer-Bahn über den Fluss geleitet hat und ausspuckt. Sonja hatte uns versiert und Globetrotterinnen-mäßig mit einem abgelaufenen Zug-Ticket in Windeseile zum Bestimmungsort gebracht - um ein paar unserer kostbaren Forint zu sparen, schien uns kein Betrug zu schäbig. Die Kohle wächst ja nicht auf Bäumen.

Text: Linus Volkmann, mit freundlicher Genehmigung von Sonja Eismann

Beim Betreten des Geländes entspannen sich Sonjas Gesichtszüge. Denn hier ist es einfach erstmal unglaublich. Zwischen Staub, Baumreihen und eingerahmt vom Donau-Strand erhebt sich ein wahnsinniger Festival-Zirkus utopischer Prägung und Ausmaße. Menschen, Massen, Stände und ein paar kleine Hunde. Die Stimmung ist außerordentlich gut. Findet man sich super rein. Bevor wir vor der Hauptbühne weiden, beschließen wir, Einblicke abseits der Main-Acts abzustauben. Essen Eis aus Automaten, sehen Menschen von Kränen springen und freuen uns über liebenswerten spirituellen Quatsch wie eine hoch motivierte glatzköpfige Band, die in unterschiedlichsten Stilen von Jazz bis Punk ausdauernd (mitunter viertelstundenlang) einen Song darbietet - als dessen einziger Text "Hare Krischna, Hare Rama" fungiert. Auch die Tora könnte man fünf Stände mal in allen Einzelheiten erklärt bekommen. Denn dort hat "der Rabbi Sprechstunde" für 10 Forint (0,41 Cent), und man kann sich nach der Erleuchtung mit ihm fotografieren lassen. Schlecht besucht sind weder er noch die Krischnas. Kunststück, möchte man meinen, schließlich ist hier alles gut besucht und doch muss wegen des immensen Areals niemand Platzangst leiden.

Der Kern dieses hippie-esk behauchten Planeten ist aber natürlich immer noch die Musik, sind die Bands. Ein paar Impressionen, um nicht alle zu nennen: Toy Dolls. Diese herrlichen Chaoten mit den bunten Brillen. Wie als wäre immer Karneval und als wäre immer Nellie The Elephant. Sie lassen offen, ob das dieses Jahr nicht ihre letzte Tour wäre. Aus Altersschwäche, angeblich müssten sie damit mal liebäugeln. Na, dafür wirken sie aber noch recht punkrockvital. Dann Juliette And The Licks. Singende SchauspielerInnen mag man ja, weil sie stets sehr schnell als ämterbehäuft und unfähig gegeißelt werden und daher dringend Freunde brauchen. Aber dieser Auftritt verstellt sich gegen jedes Wohlwollen. Röhriger Gesang, blond gefärbte Dauerwellenmähne und Rockergesten tief aus den Neunzigern, im Rücken eine Band, die so tut, als würde sie die Großbühnen-Performance von Guns'n'Roses "Paradise City" nachbauen. Die Lyrics à la "I'm not a politician, I'm just a little woman" (oder haben wir uns da hoffentlich verhört?) überzeugen auch nicht wirklich. Danach Kispál És A Borz. Eine ungarische Band. Gefälliger Rock, der sicher nicht zum ersten Mal in Stadion-Dimensionen zum Zug kommt. Eine kompetente Mischung aus Fury In The Slaughterhouse und Bryan Adams, Middle Of The Rock eben. Viele Umstehende können mitsingen. Überhaupt dürften um uns herum mittlerweile vor dieser Stage vielleicht zwanzigtausend Menschen stehen.

Als Franz Ferdinand direkt danach spielen, sind ein paar weniger da. Was ein Frevel, aber der Masse tut es keinen Abbruch, sie besteht weiterhin. "You Could Have It So Much Better" nennt sich das gerade heiß ersehnte zweite Album der schottischen Posterboys der kontemporänen Popgeschichte. In wenigen Wochen wird es zu haben sein, die Warterei hat aber jetzt mal anderthalb Stunden ausgenervt, denn in dem aktuellen Franz-Set gibt es neben alten Hits natürlich ausführlich schon das neue Material. Zum Mitsingen reicht es noch nicht, zum Eindruck bekommen bis schinden allemal. Die Sonne geht unter, auf der hochhausgroßen Videoleinwand wirkt die Band wie einer 60er-Jahre-Fernsehübertragung der Beatles entschlüpft. Alles schwarz/weiß, alles schick mit Anzug und Topfschnitt. Mehr demnächst. Jetzt erstmal mit dem selbst gemalten Zugticket zurück in die Stadt.