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Ein Nachruf von Felix Scharlau

Gary Moore ist tot

Thin Lizzy-Gitarrist Gary Moore ist am 6. Februar im Alter von 58 Jahren verstorben - Felix Scharlau blickt zurück.
Geschrieben am
Man kann heute schwerlich behaupten, der nordirische Gitarrist und Songwriter Gary Moore (*1952) habe die Musikwelt nachhaltig verändert. Ein Magazin wie Intro hätte wahrscheinlich schon in den 80ern kein Wort über ihn verloren, und ich kann mich an keine einzige Band erinnern, die sich je ernsthaft auf ihn berufen hätte, verbal oder musikalisch (von vereinzelten Coverversionen einmal abgesehen).

Vielleicht liegt das aber auch daran, dass mich sein Musikstil und seine Platten seit Anfang der 90er nicht mehr begleiten und ich kein Interesse an und Einblick in Hardrock beziehungsweise Blues-Rock habe.

Davor, circa 1987-1989 war Gary Moore einfach alles für mich. Seine Hardrock-Phase Mitte / Ende der 1980er, die ihm seine größten kommerziellen Erfolge bescheren sollte ("Empty Rooms", "Out In The Fields", "Over The Hills And Far Away", "Wild Frontier"), bedeutete für mich, so lächerlich das aus heutiger Sicht anmuten mag, Initiation. Der Anlass, mich ernsthaft wie emotional für Musik zu interessieren - auch wenn es sehr schnell völlig andere werden sollte.

Als ich mit circa zehn, elf Jahren die BASF-Chromdioxid-II-Kassette mit Gary Moores Alben "Run for Cover" (A-Seite) und "Wild Frontier" (B-Seite; jeweils mit Schreibmaschine beschriftet) von meinem Bruder bekam, fing in meinem Kinderzimmer eine Lunte an zu brennen. Moores aus heutiger Sicht rätselhafte Mischung aus folkloristischem Pop, Gitarrengedudel und Hardrock - "Wild Frontier" klingt im Prinzip wie eine exakte Mischung aus The Pogues und Iron Maiden - war mein Punk, den ich in Ermangelung von echtem Punk zunächst hörte. Gary Moore war mein Kindheits-Kurt-Cobain. Ich hörte ihn noch, als meine Freunde schon längst Die Ärzte geil fanden, und es gab, ich will ehrlich sein, im Nachhinein Momente, in denen ich mir wünschte, es sei andersherum gewesen.

Auch weil ich Gary Moore nie sehr viel besser verstand als die Leute, die seine Musik hassten: Seine ach so legendäre Vorgängerband Thin Lizzy, bei der er über den Zeitraum von vier Alben mitwirkte, fand ich zum Beispiel komplett öde, als ich sie endlich mal hörte. Genauso verwirrte mich sein plötzlicher Stil-Wechsel Anfang der 90er zum Blues, den ich mir zunächst noch versuchte schönzuhören. Ich verstand das nicht: Er war ein erfolgreicher, toller Hardrock-Super-Gitarrist, der es in diesem damals schon wettergegerbten Genre wagte, Alben wie "Wild Frontier" fast komplett mit Drumcomputer zu hinterlegen (was mir völlig futuristisch vorkam, ich kannte nichts Avantgardistischeres. Stichwort: "Dorf").

Und jetzt wollte er plötzlich nur noch Blues-Rock spielen. Hä? Was sollte denn der Scheiß? Ich habe Jahre gebraucht, um zu kapieren, wie unterschiedlich mein Gary-Moore-Weltbild und das Weltbild von Gary Moore selbst gewesen sein mussten. Was wirklich seine musikalischen Wurzeln waren und wie konsequent er sie lebte. Ich sah lange Zeit ganz offensichtlich etwas völlig anderes in ihm als da war. Wir lebten, freilich ohne dass er es wusste, (ich bin nur einmal nach einem Konzert begeistert seiner Limousine hinterhergelaufen wie ein Hund - er hätte sich wohl nicht daran erinnern können) einen großen Irrtum, der dazu führte, dass ich mich irgendwann trennte.

Und trotzdem oder vielleicht genau deshalb: Gary Moore, der gestern mit lächerlichen 58 Jahren in Spanien sterben musste, war mir einmal sehr, sehr wichtig. Und auch wenn es pathetisch und gelogen wäre zu behaupten, dass er mir fehlen wird: Ich werde mich ganz sicher nie wieder schämen, seine Musik einmal toll gefunden zu haben.

Danke für alles. Und dieses Alles war sehr, sehr viel.