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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Ab jetzt sind wir Waisen

Ein Nachruf auf Lemmy Kilmister

Mit Motörheads Lemmy Kilmister verliert die Gitarrenmusik ihre Vaterfigur. Lemmy war nicht nur der in Whisky konservierte Sammler von Nazi-Devotionalien, er stand vor allem für eine proletarisch geprägte Gegenkultur mit Haltung. Ihm sah man vieles nach, hörte aber auch aufmerksam zu.
Geschrieben am
Ende der 70er, Anfang der 80er wachsen zwei sich ständig streitende Geschwister auf. Der eine heißt Punk, der andere Heavy Metal (bzw. New Wave Of British Heavy Metal zu genau dieser Zeit). Beide schauen immer wieder mit Bewunderung auf einen Mann mit Warzen im Gesicht, der randvoll mit Amphetaminen und Whisky-Cola einen unfassbar ruppigen, nicht zu stoppenden, brachialen Sound durchprügelt. Beim »Heavy Metal Holocaust«-Festival 1980 in Port Vale wird für diese Band eine P.A. mit für damalige Zeit in Europa unfassbaren 117.000 Watt aufgetürmt, was ihnen seitdem den Ruf als lauteste Band der Welt einbrachte. Ohren, Leber, geistige Gesundheit – alles ist nachrangig, wenn es nach Motörhead geht und das überzeugt. Bis zum Ende stand Lemmy auf dem Gaspedal, so wie es sich jeder Anhänger einer extremen Musikrichtung für sein Leben wünscht, wie es aber die wenigsten durchhalten. Lemmy hielt durch und je länger er das tat, desto höher wurde der Respekt vor ihm. Lemmy galt als kompromisslos, unabhängig und glaubhaft, so wie er lebte, so wie er Interviews gab, so wie er Musik schrieb und auf die Bühne brachte. Es sind die Insignien von Gegenkultur wie das eher hohlbirnige Credo »Live fast, die young«, dem Lemmy zum Glück nur teilweise Beachtung schenkte.  

Lemmy stand über den Dingen. Ständig wurde an ihm und seiner Musik gezerrt, weshalb er klarstellen musste »Wir sind weder eine Thrash- noch eine Heavy-Metal-Band und wir spielen weder Speed noch Gothic, Wir sind Motörhead und wir spielen Rock'n'Roll«. Und das stimmte. Er war mit dem Rock'n'Roll der 50s aufgewachsen und der hatte tief in ihm gewurzelt. In den 60ern spielte er bei einer Beat-Kapelle namens The Rockin Vickers, dann war er Roadie bei Jimi Hendrix, stieß anschließend zu den Space-Rockern Hawkwind und wurde dort rausgeworfen, ausgerechnet wegen Drogen. 1975 war das, aber Lemmy ließ es zu keiner großen Pause werden, sondern nannte die nächste Band direkt nach dem letzten Song, den er für Hawkwind geschrieben hatte: Motörhead. Er machte einfach immer weiter und sah überhaupt nicht ein, dass es etwas anderes sein sollte als das, womit er angefangen hatte, als er 1957 zum ersten Mal eine Gitarre anfasste: Rock'n'Roll. Über Jahrzehnte wussten Medien seine mit Sarkasmus gepaarte Scharfsinnigkeit zu schätzen. Er war wie der Helmut Schmidt der Underground-Musik: Ein Übervater, den jeder gern mal auf eine Zigarette treffen wollte, um sich mit seinem Nimbus zu schmücken und die ein oder andere Lebensweisheit, den ein oder anderen coolen Spruch mit nach Hause zu nehmen und ihn schon mal für den eigenen Grabstein zu reservieren. Lemmy hatte einfach keinen Bock auf Bullshit und machte den Musikzirkus dahingehend überhaupt nicht mit. Er ließ sich nicht einplanen, nicht verschlagworten, nicht verkaufen. Seine Labels verloren fast alle binnen kürzester Zeit die Geduld. Lemmy veröffentlichte dennoch immer weiter Platten, denn auch Label-Leute waren Fans und jeder fand Lemmy großartig.  

Auch bei Musikern war das so. Hört man sich »Kill 'Em All«, das 82er Album von Metallica an, weiß man: Den Sound haben sie von Motörhead geklaut. Aber hätte man Lemmy darauf angesprochen, dass er wahrscheinlich der Erfinder des Speed Metal war, er hätte nicht mal vom Spielautomaten in seiner Lieblings-Kneipe, dem Rainbow in Los Angeles, aufgeblickt. So etwas war ihm herzlich egal, wenn die Kohle stimmte und er auf Tour gehen konnte. Es war letztlich eben nichts als Rock'n'Roll. Und damit verband und überbrückte Lemmy verschiedenste Subgenres und Strömungen, die sich teilweise gegenseitig überhaupt nicht leiden konnten. Er wuchs in Zeiten von Little Richard und Chuck Berry auf, erlebte die Hochphase der LSD-Kultur, versuchte in Punk-Zeiten sogar mal Sid Vicious das Bassspielen beizubringen, überstand auch Umbrüche wie die Grunge-Phase ohne seinen Sound derart anzupassen und wurde damit eine Art Forrest Gump der Rock'n'Roll-Geschichte ohne besagtem Forrest Gump charakterlich auch nur im Mindesten zu ähneln. Er blieb einfach dabei, lief und lief und dachte weder daran, sich im Alter mit Familie und Neureichen-Palast zur Ruhe zu setzen wie es viele seiner ebenfalls im britischen Proletariat verwurzelten Metal-Freunde (Ozzy, Ronnie, Tony) taten, noch daran, sich irgendwann ein Spätwerk zuzulegen und einer wie auch immer gearteten Form der »Ernsthaftigkeit« zuzuwenden. Ihm reichte eine kleine Bude in L.A., das Rainbow mit den Spielautomaten schräg gegenüber und die von allen immer wieder schräg angesehene Sammlung von Nazi-Devotionalien, die seiner Faszination für die Ästhetik des Bösen geschuldet war (eins stellte Lemmy immer klar: »Ich lehne den Faschismus aus tiefster Seele ab«).   ­

Und so hätte es ewig weitergehen können. Für ihn, für die Fans. Hat Campino sein Punk-Sein früher noch von der Lebensspanne eines Johnny Thunders abhängig gemacht, berief er sich nun auf Lemmy, den Unverwüstlichen. Jeder ging davon aus, dass Lemmy am Ende selbst die Schaben überleben würde. Lemmy wurde zu so etwas wie der Chuck Norris des Rock, sollen halt andere jung sterben. Auf ihn konnte sich jeder berufen, dem Anpassung und Gesundheitstipps am Arsch vorbeigingen. Was Helmut Schmidt die Mentholzigaretten, war Lemmy der Jack Daniel's. Und wie ein Vater einen jeden mit den Vorfahren verbindet, verband auch Lemmy jeden Anhänger einer proletarisch geprägten Gegenkultur, einer Straßenkultur, mit den Wurzeln derselben: dem Rock'n'Roll.  

Jetzt ist er tot und wir sind Waisen.  

I'm in love with Rock 'n' Roll, it satisfy my soul
That's how it has to be, I won't get mad
I got Rock 'n' Roll, to save me from the cold
And if that's all there is, it ain't so bad
Rock 'n' Roll!