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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Ein Freund

Ein Nachruf auf Chester Bennington

Linkin Park haben ihre Stimme verloren. Die Band war nie etwas, worauf sich Gitarren-Fans einigen konnten, ganz im Gegenteil. Für ein paar von uns war Chester Bennington aber mehr als der Sänger einer uncoolen Band. Er war da, als wir ihn brauchten. 
Geschrieben am
 »And I'd, give it all away
Just to have somewhere to go to
Give it all away
To have someone to come home to«
Linkin Park »My December«

Sie war von ihrer Mutter abgehauen. Er hatte gerade sein Coming Out. Sie trug ständig diese beschissene Traurigkeit mit sich herum. Er fühlte sich falsch. Mit ihr stimmte was nicht. Er hatte seinen Vater verloren. Sie wurde gemobbt. Er fügte sich Wunden zu. Sie dachte oft daran, wie es wäre, alles einfach zu beenden.  

Meine Facebook-Timeline ist seit gestern voll mit Geschichten von Menschen in meinem Alter, geboren Ende der 80er oder Anfang der 90er, die sie mit Linkin Park verbinden. Klar, die letzten Alben und eigentlich alles jenseits von »Hybrid Theory« und »Meteora« hatte niemand mehr gehört, da wurde es albern, wir waren ihnen entwachsen, haben andere Musik entdeckt, uns selbst entdeckt, sind cooler geworden und die Band eh zu seicht. Aber damals, da hatten Linkin Park und vor allem ihr Frontmann Chester Bennington eine Wirkung, die fest verbunden war mit der gerade endenden Kindheit und den richtig miesen, individuellen Momenten: Sie gaben uns das Gefühl, nicht allein zu sein mit den plötzlichen, negativen Gefühlen.

Für Leute, die früher geboren sind, ist das Phänomen Linkin Park ein gänzlich Unverständliches oder gar Abzulehnendes. Man kannte schon richtigen Rock, kämpferischen Punk, aufbegehrenden HipHop, wusste, was Authentizität bedeutet oder knipste sich die Birne beim Raven aus. Wir hingegen wurden über unsere Kindheit mit Bubblegum-Pop im Radio in Sicherheit gewogen, dass die Welt wohl ganz bunt und süß, also in Ordnung, sein müsse. Fiese Nachrichten waren so ähnlich wie Horrorfilme, aber das war es dann auch. Linkin Park traten in unser Leben, als wir anfingen, das nicht mehr zu glauben. Die Zukunft wurde zu einem ernsthaften ökonomischen und gesellschaftlichen Problem. Aus uns würde ja eh nie was werden, schon gar nicht so, wie wir aussahen. Politik wurde etwas Reales, Eltern verloren ihre Immunität und wir unseren Respekt vor allem. Irgendwas war scheiße und wir konnten nicht herausfinden, was. Also mussten wir es wohl selbst sein.

Es war 2001, als »One Step Closer« und »Crawling« im Musikfernsehen und im Radio rauf- und runtergespielt wurde. Und wir, die wir noch keinen Schimmer davon hatten, was Mainstream bedeutete und was falsch an ihm sein sollte, oder ob es diese Art von Musik nun schon gegeben hat, waren uns sicher: Das ist was ganz Neues. Uns fehlten die Referenzen und das war auch egal. Mike Shinodas lieber Sprechgesang, Chester Benningtons wütendes Gekreische, irgendwas mit Beats, ein bisschen elektronisch gar, aber immer noch so poppig, dass man es uns zumuten konnte. Das Alternativprogramm zu dieser Zeit waren die No Angels, Glashaus, Westlife, Shaggy und die Arschgeigen von Limp Bizkit. Das war auch alles okay, aber für unser ganz persönliches Leid gab es eben Linkin Park, die uns Dank der fetten Promotion in unsere verkeimten Teeniezimmerchen gespült wurden. Linkin Park waren das Türzuknallen in Musikform, der Soundtrack zu Zerissenheit, unadressierter Wut, Sehnsucht nach Weltflucht und zum fest geplanten irgendwann-Ausbrechen. Zwar wusste man nicht wohin oder wie, aber man wusste, dass man ganz sicher hier nicht hingehörte. Man war falsch. Aber dieser Typ, der einem ins Ohr schreit, ist auch falsch. Und er schreit für uns alle mit.

Für Viele mag das normales pubertäres Verhalten gewesen sein, genau so wenig ernstzunehmend wie die vermeintlich unauthentische Musik von Linkin Park. Für uns war es aber echt, weil unsere Gefühle nun mal echt waren. Und einige von uns blieben traurig, blieben bei dem Gefühl, dass sie nicht richtig sind. Einige blieben liegen. Das, was als »Teenielaune« oft nicht ernstgenommen wurde, wo Ritzen einzig als narzisstisches Gepose galt und »Emo« nur ein Schimpfwort war, war manchmal in Wirklichkeit eine Depression – eine Krankheit, die noch immer nicht ausreichend ernstgenommen wird. Eine Krankheit, bei der es nicht hilft, positives Denken zu empfehlen, sondern nur professionelle Hilfe sinnvoll ist. Eine Krankheit, die in Phasen auftreten, aber auch ständiger Begleiter sein kann. Die sich manchmal mit Medikamenten in Schach halten lässt und manchmal nicht. Die größer werden kann als man selbst und größer als der Wunsch zu leben.

Chester Bennington hat sich am 20. Juli 2017 das Leben genommen. Mit Linkin Park machte er seit 18 Jahren Musik und veröffentlichte sieben Alben. Zudem sang er bei Dead by Sunrise und den Stone Temple Pilots. Dass er seine Depression immer wieder in Songs und Interviews thematisiert hat, hat geholfen, dass sich andere Betroffene verstanden und ernst genommen fühlen. Damit hat er seinen Anteil im Kampf gegen die Stigmatisierung dieser Krankheit beigetragen. Weder das Verurteilen oder das Verherrlichen seines Suizids bringen irgendwas oder werden ihm gerecht. Allein, weil er sich nicht mehr äußern kann und nur der Betroffene die Beweggründe kennt. Suizid ist ganz sicher nicht Rock’n’Roll, aber es ist auch nicht egoistisch oder verantwortungslos. Er ist Ausdruck einer Krankheit, die man nicht sehen kann und deswegen für viele unverständlich ist. Es ist höchste Zeit, sie zumindest gesellschaftlich sichtbar zu machen. Chester Bennington hat dabei geholfen.
Informationen zum Thema Depression findet ihr bei der Deutschen Depressionshilfe und beim Freunde fürs Leben e.V.. Zudem könnt ihr als Betroffene oder Angehörige rund um die Uhr bei der Telefonseelsorge anrufen. Ihr erreicht sie kostenlos unter 0800-1110111 und 0800-1110222.