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Die Addition

Ein kleiner Abschied der Anonymität: SBTRKT

SBTRKT hat einen scheinbar unaussprechlichen Namen und verbirgt sein Gesicht hinter Masken – für ein Interview sind das keine guten Vorzeichen. Doch Henje Richter traf in Berlin auf einen sehr aufgeschlossenen Unmaskierten. Mit ihm sprach er über Anonymität, neue Kollaborationen und sein zweites Album »Wonder Where We Land«. Foto: Dan Milton
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Im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca leben jede Menge Fabelwesen. Kreuzungen aus Vögeln, Fischen und Säugetieren, aber auch Drachen und Einhörner sind dort zu finden. Auf dem Cover des neuen Albums von SBTRKT ist nicht zufällig ein solches »Alebrije« zu sehen, wie sie von dem Künstler Pedro Linares vor achtzig Jahren ersonnen, benannt und aus Holz geschnitzt wurden. Aaron Jerome, wie SBTRKT mit bürgerlichem Namen heißt, sieht in ihnen die Essenz seiner Musik: »Sie fangen etwas Mystisches, Spirituelles ein, nicht so sehr die menschliche Seite der Dinge. Genau das versuche ich mit meiner Musik zu machen.« Entworfen wurde das »Wonder Where We Land« zierende handzahme Wesen von der ebenfalls auf Anonymität Wert legenden Künstlerin A Hidden Place, die auch schon für seine Masken verantwortlich ist. Die an afrikanische Stammessymbole erinnernden Masken sind so etwas wie sein Markenzeichen geworden, er tritt nie ohne sie auf.

Für den Interviewtermin in Berlin hat er sie aber glücklicherweise zu Hause gelassen. Dafür, dass es ihm um das Nichtmenschliche, Flüchtige und Verborgene geht, redet Aaron ziemlich schnell und erklärt erfreulich viel. Er ist gewissermaßen ein Künstler ohne Vokale und Gesicht, aber auch ohne Punkt und Komma. »Mein erstes Album als SBTRKT wurde in meinem Wohnzimmer aufgenommen, auf einem Laptop und über einen Zeitraum von zwei Jahren«, erzählt er eingangs von seinem selbstbetitelten Debüt, das 2011 in unsere und viele andere Jahresbestenlisten sprang. »Es ging mir damals darum, den maximalen Effekt mit minimalen musikalischen Mitteln zu erreichen.« Vier Jahre zuvor hatte Aaron schon ein von warmen Percussion-Instrumenten geprägtes Soul- und Easy-Listening-Album unter seinem echten Namen veröffentlicht. Als Künstler wurde er jedoch erst hinter der Maske wirklich sichtbar, gelang ihm der Durchbruch. Dazu beigetragen hat sicherlich auch der kryptische, neugierig machende Name, den er passend zum musikalischen Ansatz wählte: SBTRKT, das sich »Subtract« ausspricht und so viel wie »Weglassen« bedeutet. »Die Anonymität ohne Gesicht und Namen führt zur Konzentration auf das Wesentliche. Das ist die Musik – nicht die Person dahinter«, sagt er dazu im Interview.

Das zweite Album als SBTRKT ist jedoch ein kleiner Abschied von Anonymität und Reduktion. »Diesmal ging es um etwas anderes. Es dreht sich um einen bestimmten Ort und was in einem bestimmten Moment dort spontan entstehen kann.« Der Ort ist ein Studio auf Osea Island vor der britischen Küste, in das er sich mit vielen analogen Geräten und etlichen dorthin eingeladenen Gastmusikern zurückgezogen hatte. »Das Einfangen eines bestimmten Moments ist fast unmöglich, wenn du dich nur mal schnell im Alltag triffst, nebenbei etwas aufnimmst und es dann per E-Mail weiter abstimmst«, begründet er seine Entscheidung für das Vorgehen.
 
Der Titel »Wonder Where We Land« meint dabei zugleich die Abgeschiedenheit des Ortes als auch das offene Ergebnis, mit dem er an den Aufnahmeprozess heranging. »Ich habe für die Live-Shows mittlerweise eine Menge an Equipment gekauft. Die ganzen Synthesizer und Drum Machines habe ich alle mit ins Studio geschleppt. Es war aufregend, mit all den Geräten zu experimentieren.« So könnte man also sagen, dass nach der Subtraktion auf dem Debüt mit dem zweiten Album nun die Addition zurückkommt: mehr Instrumente, größere Sounds, berühmtere Kollaborateure.
 
SBTRKT hat zwar immer schon viel mit anderen Musikern zusammengearbeitet – seine beiden wichtigsten Gäste auf dem letzten Album, Sampha und Jessie Ware, sind auf dem neuen auch wieder dabei –, doch mit Emily Kokal und Stella Mozgawa von Warpaint, Ezra Koenig von Vampire Weekend und Caroline Polachek von Chairlift hat er sich diesmal prominente Indie-Verstärkung eingeladen. »Ich habe nicht nach berühmten Namen gesucht, sondern danach, wer im Studio eine interessante Stimmung erzeugen könnte«, führt er aus. Sampha ist und bleibt allerdings sein wichtigster musikalischer Partner: »Kein SBTRKT-Album wäre das gleiche ohne ihn. Wir schreiben ja schon seit fünf Jahren zusammen Songs und haben zwei Jahre gemeinsam getourt.« Fast ein wenig stolz fügt er hinzu, dass Sampha inzwischen auch solo erfolgreich sei.

Doch ausgerechnet wegen des eigenen Erfolges ist Sampha kein fester Bestandteil von SBTRKTs Liveauftritten mehr. Es sei sowieso eine Herausforderung, ein Album mit vielen Gastsängern auf Tour zu bringen. »Ich habe inzwischen einen Drummer und einen Keyboarder fest dabei und dann zu jeder Show ein oder zwei Gäste. Das hat den positiven Nebeneffekt, dass nie ein Auftritt wie der andere ist«, erläutert Aaron. »Wir reisen jetzt auch mit viel größerem Equipment. Statt drei Kisten sind es 25! Wir nehmen quasi unser gesamtes Studio mit auf Tour. Das ist der einzige Weg, elektronische Musik wirklich live zu spielen, statt nur ein vorprogrammiertes Ableton-Set ablaufen zu lassen.«
Der instrumentale Kern seiner Sets wird nun also live erzeugt, während die Gesangsspuren meist per Knopfdruck hinzukommen. Aber, trotz aller Veränderung, die Maske bleibt. »So kann ich vor dem Konzert neben der Bühne stehen, und niemand erkennt mich«, schließt er mit einem verschmitzten Lächeln, das für andere vorerst weiter verborgen bleiben dürfte.

SBTRKT »Wonder Where We Land« (Young Turks / XL / Beggars / Indigo / VÖ 26.09.14) Auf Tour vom 10. bis 13.11.

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