×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Wenn die Gegensätze Funken schlagen

Egoexpress

Das Programm von Egoexpress war immer, mit Nonchalance und einer gewissen Naivität am Kollabieren des Systems House zu arbeiten und diesem Prozess ein Maximum an Spaß und absurdem Funk abzutrotzen. Ihr drittes Album "Hot Wire My Heart" klingt in dieser Hinsicht viel entschlackter und direkter. Die S
Geschrieben am

Das Programm von Egoexpress war immer, mit Nonchalance und einer gewissen Naivität am Kollabieren des Systems House zu arbeiten und diesem Prozess ein Maximum an Spaß und absurdem Funk abzutrotzen. Ihr drittes Album "Hot Wire My Heart" klingt in dieser Hinsicht viel entschlackter und direkter. Die Soundzeichen der Zeit - namentlich: Knarz - schlagen unüberhörbare elektronische Wellen und verursachen den finalen Kurzschluss zwischen der Hamburger Humorigkeit und dem politisch geprägten Indie-Background von Mense Reents und Jimi Siebels sowie ihrer grandios aufgegangenen Infiltrierungstaktik der Technoszene bis hinein in Großraumraves. "Oh, my god! It's techno music."

Hochsommer in Köln, Mense Reents und Jimi Siebels sitzen mir im Garten eines Hotels gegenüber. Es ist die reine Freude, ihnen beim Ausdiskutieren und Angleichen ihrer Positionen zuzuhören. Langsam lässt sich erahnen, wie es passieren konnte, dass der Widerstreit der Sounds auf dem neuen Egoexpress-Album so straight, unbeirrbar und unumstößlich klingt wie nie zuvor. Das gelingt nur denen, die es schaffen, Gegensätze Funken schlagen zu lassen.

Zunächst mal die Frage nach dem Offensichtlichsten, nämlich, dass ihr so lange kein Album gemacht habt. War es selbstverständlich, nach sechs Jahren jetzt einfach ein neues zu machen?
J: Ich finde gar nicht, dass wir so lange kein Album gemacht haben. Wie meinst du das?

Das letzte, "Bieker", war ja noch 99, also schon ein Weilchen her ... J: War das 99 oder 2000? Finde ich gar nicht so lange, ganz okay eigentlich, oder?
M: Finde ich auch.
J: Was wäre denn normal?
M: Zwei Jahre.
J: Zwei Jahre? Bringen die meisten Bands im Abstand von zwei Jahren eine Platte?
M: Viele, ja. Oder die Plattenfirma versucht auf jeden Fall, dahin zu wirken, alle zwei Jahre eine Platte zu veröffentlichen.
J: Ah ja, wusste ich nicht.
M: Aber dadurch, dass wir immer live unterwegs waren und nicht wie eine Rockband vier Monate nach einer Platte nicht mehr live präsent sind, hatten wir das Gefühl, zwar nicht in den Medien präsent zu sein, aber bei den Leuten, in den Clubs nach wie vor. Das war nicht das Gefühl, dass man jetzt irgendwie verschwunden ist. Und die Plattenfirma hat damit sowieso kein Problem.
J: Die bei Ladomat wissen einfach, wenn sie uns unter Druck setzen würden, was soll da schon bei rauskommen? Man macht halt eine Platte, wenn man Lust dazu hat und auch was zu sagen hat, was erreichen will damit - nicht einfach, weil man muss. Wir sind ja nicht beim Bund hier, das ist ja keine Pflichterfüllung.

Ihr sagt, dass ihr zu Beginn eurer Karriere elektronische Musik gemacht habt, ohne überhaupt zu wissen, wie das geht. Mittlerweile wisst ihr wohl sehr genau, wie diese Musik funktioniert, wie ihr gewünschte Effekte auslösen könnt.
M: Es gibt ja keine Formel dafür, wie House-Musik gebaut ist. Marshall Jefferson beispielsweise hat, bevor er seine ersten Stücke machte, immer nur Led Zeppelin gehört und danach den Blueprint für viele House-Sachen geschaffen.
J: Wir meinten damit mehr dieses technische Ding, dass man erst mal einfach nicht weiß, wie das gehen soll, natürlich auch von der Produktion her. Aber man merkt dann ja relativ schnell, was einem selbst gefällt, und daraufhin trifft man halt seine Entscheidungen.
M: Wir wussten auch schon bei der ersten Platte ziemlich genau, was wir wollten, welche Bässe wir gut finden, wie das klingen sollte. Das haben wir dann gemacht, auch wenn's am Ende natürlich völlig anders klang als amerikanische House-Produktionen. Aber ich find's großartig, wie die erste Platte klingt. Das ist fast unmöglich, das wiederherzustellen.

Ist House noch eine Basis für euch, bzw. war das überhaupt die Ausgangsbasis: von eurem Indie- und Band-Background aus knallende Partymusik zu produzieren?
M: Ja, total, würde ich schon sagen. DJ Sneak oder Green Velvet, Relief Records usw., das waren Mitte der 90er Maxis, die wir super fanden und an denen wir uns orientiert haben. Obwohl das zu der Zeit schon eine sehr ruppige Form von House-Musik war, die wir gut fanden, und nicht unbedingt das feine New Yorker Strictly-Rhythm-Zeug. Ich glaube, das ist wie bei einem Rockmusiker: So wie der irgendwann mal musikalische Vorlieben hat, die er auch immer behalten wird, steckt das immer noch drin. Techno ist für uns auf jeden Fall wichtiger geworden als bei der letzten Platte. Jetzt gar nicht von der Geschwindigkeit her, sondern von der Soundästhetik. Ich hatte auf jeden Fall öfter das Gefühl, wenn ich an so einer im weitesten Sinne klassischen Houseprogrammierung arbeite, stecke ich sehr schnell fest in einer Art und Weise, wie man Tracks arrangiert. Ich fand es aufregend, wenn wir dann wirklich noch elektronischer geworden sind, das heißt, auch mit weniger Samples arbeiteten. Da haben sich neue Türen geöffnet für uns.

Das Wortspiel im Titel eurer Single "Knartz IV" hat für mich was zweifach Plakatives, weil es einmal knallig Hartz IV benennt und zum anderen auch diesen knarzigeren Sound einfängt, der die Platte in weiten Teilen trägt.
M: Zum einen. Aber die dritte Ebene ist noch, dass es so abstrakte Tracknamen bei minimaler Elektronik ironisiert. Hast du schon die neue "Leiterwagen 3" gehört? Die "Arschkrampe 6" oder so. "Knartz IV" kommt plötzlich aus diesem Abstrakten raus. So was wie "Festplatten 3", das ist wirklich leer, "Knartz IV" ist aber nicht leer. Trotzdem ist es ein ruppiger Gag, über den man auch lachen muss.
J: Vielleicht!
M: Ich auf jeden Fall. Ich find's lustig.

Damit verbunden ist die alte Frage, wie Politik und Tanzmusik zusammengehen. Was Jimi eben gesagt hat: Vielleicht kann man lachen. Aber wenn jetzt jemand von Hartz IV betroffen ist ...
M: Die Person, die den Titel ausgewählt hat - der ist nämlich nicht von uns -, die ist von Hartz IV betroffen, und die konnte auf jeden Fall darüber lachen.
J: Im Positiven wäre es ein befreiendes Lachen, und im Negativen fühlt man sich in seinem Elend dann auch noch veräppelt.
M: Ne, finde ich überhaupt nicht. Für mich ist das total weg, wenn man mit diesem Knarzton draufbolzt. Das ist einfach Techno im Zeitalter von Hartz IV, das ist genau das. Oder nicht?
J: Techno im Zeitalter von Hartz IV?
M: Ja!
J: Na ja, doch, schon.

Indie in Hamburg
Ihre Nebenprojekte und Band-Verwicklungen von Hamburger Schule bis zu Hedo-House sind Legion: Mense Reents agiert immer noch als Schlagzeuger und Elektroniker bei Stella und den Goldenen Zitronen, spielte in den Bands Die Regierung und Huah! und ist daneben auch noch solo unterwegs. Außerdem stand er mit Das Neue Brot auf der Bühne, und zwar gemeinsam mit Egoexpress-Partner Jimi Siebels alias Jimi Orgl, der wiederum mit Pascal Fuhlbrügge die House-Band Sand 11 am Laufen hat. Alles klar? Also bitte Schluss mit dem Gezeter, dass das dritte Album so lange auf sich warten ließ!

Relief Records
Curtis Jones a.k.a. Green Velvet a.k.a. Cajmere pflegte mit seinem Label Relief in Chicago Mitte der 90er-Jahre einen Sound, der in seiner Rohheit und Energie nahtlos an Acid anknüpfte. Markenzeichen: minimalste Strukturen, maximal viel Dreck und Schmackes in den Bässen und dazwischen weirdes Fiepen. Das Label wurde vor einigen Jahren wieder belebt, jedoch sind die alten Releases im Zuge des stattfindenden Chicago-Revivals als logische nächste Station prädestiniert.

Aktuelles Album:
Egoexpress
Hot Wire My Heart
Ladomat 2000 / Mute / Emi / VÖ 08.08.

Wir verlosen 6x 'Hot Wire My Heart'-Poster (A2 und matt) von Egoexpress. Zur Teilnahme an der Verlosung schickt einfach eine Mail mit dem Betreff 'Egoexpress Poster' an verlosung@intro.de Einsendeschluss ist der 22.08.05.