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Wo man singt, da lass dich ruhig nieder ...

Egill

Vorneweg einfach die Eckdaten: Egill Saebjornsson ist Isländer und wohnt öfter mal in Berlin. In seiner Heimat und Großbritannien ist bereits ein Album von ihm erschienen. Bei uns ist "Tonk Of The Lawn" der erste Release. Und gleich hinterher die Spontananalyse: Beim ersten Hören frage ich mich: Si
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Vorneweg einfach die Eckdaten: Egill Saebjornsson ist Isländer und wohnt öfter mal in Berlin. In seiner Heimat und Großbritannien ist bereits ein Album von ihm erschienen. Bei uns ist "Tonk Of The Lawn" der erste Release. Und gleich hinterher die Spontananalyse: Beim ersten Hören frage ich mich: Sind die bizarren Popsongs auf "Tonk Of The Lawn" einem sympathischen Spinnerhirn oder einem an der Musikhochschule trainierten Superhirn entsprungen? Man kann ja oft nicht ohne weiteres heraushören, wie kalkuliert Verspieltheit oder, andersherum gelesen, wie intuitiv ein Konzept ist. Und manchmal ist das einfach auch egal - wie jetzt. Ich drehe die Anlage jedenfalls vergnügt immer lauter.

Die Faszination, die vom Laptop als Spielzeug ausgeht, und die Autonomie, die man mit dieser Arbeitsweise erreicht, haben schon einige zu professionellen Musikproduzenten gemacht, die zuvor keinen besonderen Draht zu Musik hatten. Bei Egill, der wie fast alle heutzutage mit einem G3-Powerbook arbeitet, hört man schnell raus, dass er verliebt ist in Musik an sich, aber vor allem in Gesang, gerne mehrstimmig und noch lieber von ihm selbst. Die eigene Stimme als Instrument. Das unterscheidet ihn von vielen anderen Homestudio-Solo-Produzenten.

Ich glaube, dass der Zugang zur Musik (zunächst einmal als Konsument) ein grundlegend anderer ist, wenn man eine Begeisterung für Gesang und Slogans besitzt, wenn man einfach mitsingen will, ja muss, und zwar ganz trivial, weil man an sie glaubt. An die Slogans. Und an die Musik. Und plötzlich ist Musik-Wahrnehmen wieder mehr als nur das Hören: ein Kick, ein akustisches Erlebnis. Musiker, die sich selbst als Instrument mehr Vertrauen schenken als anderen Instrumenten, haben meistens exaltiertere und naheliegendere Motive als diejenigen, welche eine musikalische Stimmung ausschließlich technisch mit konventionellen Instrumenten erzeugen. Wobei die Vertreter der einen Schule oft die glühendsten Verehrer der anderen sind.

Oje, ich komme in Teufels Küche, wenn ich diese gewagte Theorie nicht schleunigst auflöse. Am besten mit subjektiver Erfahrung: Mir stehen Menschen näher, die gerne singen und mitsingen, frei nach der Weisheit: "Wo man singt, da lass dich ruhig nieder / Böse Menschen haben keine Lieder / Sondern nur ein Radio und ein' Fernsehapparat."

Wie auch immer. Passend zu all dem ist jedenfalls das Szenario, wie ich Egill in einer der Berliner Dienstagsbars kennengelernt habe. Er bediente sich der über der Theke befestigten Mikros, die die Barleute aufgehängt hatten, um zu ihren Lieblings-Mixtapes mitzusingen, um seinerseits beseelt zu grölen. Zu T.Rex, den Beatles und Missy Elliot. Wobei seine Kopfhaltung Richtung Mikro, das über ihm schwebte, der eines hungrigen Vögelchens in Erwartung der Fütterung glich. Dieses Bild zeugte nicht nur von seiner Freude am Singen, sondern auch von einer echten "Bühnie"-Existenz.

Okay, auf dem Album findet sich viel Gesang. Also neue Erkenntnisse: Egill greift gerne auf einen Chor zurück. Mit und ohne Hall. Und: Er schreckt vor Kitsch und Pathos nicht zurück. Die Texte sind kryptisch, irgendwie perfide. Und entweder ist mein Dictionary zu dünn, oder aber es ist, was ich mir gut vorstellen könnte, auch viel Quatschenglisch dabei. Viele Liebeslieder finden sich bei ihm. Knappe Bekenntnisse wie "I love vou so. I find you crazy" sind entwaffnend. Ansonsten gibt es Referenzen zuhauf, zu allen möglichen Stilrichtungen von klassischer Gitarre bis Metal, von Cream über Thin Lizzy bis Talking Heads. Das alles Beck-artig gemischt, nur nicht so konzeptuell und nicht so darauf bedacht, jedem Genre seinen Platz zuzuweisen.

Egill mischt viel wilder und mit Hang zur Hyperbolik (Neigung zur Übertreibung im Ausdruck). Die Mär geht um, er sei sowieso der Prä-"Loser"-Beck von Island, ein Underground-Superstar, zumindest in seiner Heimat, kurz vor dem absoluten Durchbruch. Gebt mir ein Flugticket, und ich werde das recherchieren.

Eines ist jedenfalls gewiss: So intuitiv und sporadisch, wie er seinen Umgang mit Musik im Interview, das Thomas Venker in Reykjavik führte, darstellte, nämlich als Zeitvertreib ("Es ist sehr lustig, Musik zu performen und mit dem Business zu tun zu haben."), kann dieser nicht sein. Dazu spielt er zu gerne und zu gut und zu oft Gitarre, dazu ist der Spaß am Rock zu offensichtlich.

Und vielleicht hat seine Einschätzung von sich als Musikmacher damit zu tun, dass er eigentlich und hauptsächlich "Bildender Künstler" ist, ein unorthodoxer zwar - und das trotz langjähriger akademischer Karriere inklusive Abschluss. Er erzählt auch, dass die Reaktionen auf seine Kunst (vor allem Videoarbeiten, für die er beispielsweise aus Popclips Personen ausschneidet, diese dupliziert und ballettartig über den Bildschirm tanzen lässt) selbst von Freunden eher ablehnend sind. Wobei das für ihn schon in Ordnung geht, weiß er doch um den Goldenen Käfig, als der sich Anerkennung für den künstlerischen Ausdruck oft auswirkt: "Wenn man sich zu sehr auf ein Konzept festlegt, stellt man bei einer neuen Sache fest: 'Nein, das bin ich nicht', und lässt es bleiben. So kommt doch nie etwas Neues zustande. Man muss sich aber eben den Freiraum lassen, Unerwartetes zu tun. Es ist auch okay, wenn man diese Sachen manchmal selbst nicht leiden kann. Man muss der rechten Gehirnhälfte trauen."

Doch um sich damit den Lebensunterhalt zu verdienen, und das hat er vor, muss man diese zermürbende ewige Selbstpositionierung vor der linken Gehirnhälfte rechtfertigen. Vielleicht betont er deshalb so vehement, dass Musik für ihn nur ein Hobby sei: "Bei der Musik fühle ich mich nicht so zu Hause, eher wie ein Gast, der noch viel zu erkunden hat. Dieses ganze Philosophieren und diese detailverliebten Diskussionen über Musik liegen mir gar nicht." Vielleicht will er sich den Spaß an der Musik nicht durch Sachzwänge vermasseln lassen. Die Kombination von Visuals und Musik zu einer Performance liegen bei einem Bühnie wie Egill allerdings nahe.

Das zweite Mal, das ich ihn traf, begleitete er übrigens am Schlagzeug das Videoscreening eines seiner Clips, in dem er selbst tanzte ... Sein konzentriertes Gesicht, seine ganze ernsthafte Haltung ließen ein mehrheitsfähiges Abjuxen im Aufkeimen ersticken. Da will einer was. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn da nicht noch mehr Output auf uns zukäme. Dem Typen traue ich alles zu.