×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Japans weiches Wasser

Efdemin

»Decay«, das dritte Album des Berliner Technoproduzenten Efdemin, hat viel von seiner inhaltlichen Geschlossenheit dem Entstehungsort Japan zu verdanken. Für ein Stipendium in Kyoto ansässig, formten Ort und Umstände die Songs von Phillip Sollmann. Die wunderschönen Gebirgszüge rund um Kyoto, die das Cover zieren, zeugen von diesem nachhaltigen Prozess. Beim gemeinsamen Nabe-Eintopf in Berlin erzählt Sollmann Intro-Chefredakteur Thomas Venker von japanischen Mönchszeremonien und der Angst, ein Kritikeralbum aufgenommen zu haben.
Geschrieben am

»Hast du das Gefühl, mein neues Album ist ein Kritikeralbum geworden?« fragt mich Phillip Sollmann gleich zu Beginn unseres Gesprächs. Halb besorgt, halb kokett. Das mit dem Kritikeralbum sei in Hamburg, der Stadt, aus deren Musikszene Sollmann ursprünglich kommt, immer so ein Running Gag unter den Musikern gewesen. Wir sitzen in der Küche von Sollmanns Berliner Wohnung. Eine entspannte Stimmung prägt die Räume. Die Musik von Steve Gunn fließt vor sich hin, der Gastgeber serviert einen exzellenten japanischen Grüntee und bereitet während unseres Gesprächs einen japanischen Nabe-Eintopf vor.

Damit schließt er perfekt an unser letztes Treffen an, wo ich Gelegenheit hatte, mit ihm durch Kyoto zu streunen. Gemeinsam mit der Künstlerin Hanna Schwarz residierte er dort für ein Stipendium des lokalen Goethe-Instituts und ein sich daraus ergebenes gemeinsames Filmprojekt. Ideal für das Verständnis von »Decay«, dem ersten Efdemin-Album seit drei Jahren, dessen komplette Abmischung in Japan erfolgte. Bis auf einen Klangbrunnen, den er bei einem Professor für Akustik aufgenommen hat, seien zwar keine Aufnahmen aus Japan auf dem Album zu hören, berichtet Sollmann, »aber der Bewusstseinszustand, der sich durch die drei Monate Aufenthalt ergeben hat, ist spürbar. Ich habe zu einer anderen Konzentriertheit gefunden.«

 

Während er den Prozess der Soundsammlung, der für »Decay« zu hundert Prozent in Berlin stattfand, sehr mag, fremdelt Sollmann auch nach all den Jahren des Musikmachens noch immer mit dem Abmischen. »Es ist schwer, die Balance zu sehen, nicht das Falsche rauszufiltern und so die Stücke unter den Händen für immer zu verlieren.« In Japan arbeiteten die Hände quasi von selbst und mit einer ihm bis dato unbekannten Leichtigkeit. »Decay« ist geprägt von der sehr weichen, geschliffenen Abmischung. Es kommt einem das Bild von im Flussbett über viele Dekaden geglätteten Steinen in den Sinn. Auch wenn es unter der Oberfläche scharf und rau reibt und klopft, so haftet den Klängen eine sehr offene, kommunikative Geste an. Diese Musik will nicht konfrontieren, sie will ihre pumpende Energie mit den Hörern und Tänzern teilen. Die Angst vor dem Kritikeralbum ist also unberechtigt.

 

Man merkt »Decay« im Gegensatz zu den früheren Technoproduktionen Efdemins das Studium der elektroakustischen Komposition an der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst an. »Mich hat es musikalisch wieder mehr interessiert, auch die experimentelle Arbeitsweise zu suchen«, stimmt er zu. »Ich komme ja von so Sachen wie Profan, Mille Plateau, Moodymann und SND.« So wundert es nicht, dass Sollmann mit »Decay« erstmalig ein Album gelungen ist, das er sich nach Fertigstellung auch anhören kann. Normalerweise legt er die eigenen Sachen nämlich nicht nur nicht selbst auf, er verwehrt sich auch jeglichen Livesets. »Das interessiert mich nicht, kenne ich ja schon alles«, erklärt er trocken, jedoch nicht, ohne dabei einmal mehr schelmisch zu grinsen.

 

Während der Nabe-Eintopf langsam Form annimmt, sprechen wir über die dunkle Seite seines DJ-Jetset-Lebens: die Gesundheit. Beim Besuch in Kyoto kränkelte Sollmann bereits heftig, und auch jetzt, Wochen später, ist er noch nicht völlig genesen. »Anschließend an den Japan-Aufenthalt ging es gleich nach England, Frankreich und Südamerika, danach war ich völlig lädiert«, erzählt er. »Weihnachten lag ich wie ein Häufchen Elend im Schutzfieber flach. Mein Körper zwang mich, nicht wieder irgendwohin zu fliegen, und hat sich einfach eine Woche Schlaf genommen.« Entsprechend hört man eines der vielen signifikanten Stimmsamples auf »Decay« gleich ganz anders: »My body is listening to me« aus »Some Kind Of Up And Down Yes«. Das sei ein Sample von jemandem, der einen Schlaganfall gehabt habe, führt Sollmann aus. Gefunden hat er es auf einer Ausgabe des Kunstkassettenlabels Tellus. »Ich hatte schon immer großes Interesse an einer zweiten Ebene mit so Nonsens-Momenten. Ich liebe Platten, wo jemand etwas von sich gibt und man nicht weiß, was das jetzt soll.«

 

In »Solaris« kann man der Garderobenfrau des Berliner Clubs E-Werk zuhören, wie sie über die Technoszene der 1990er-Jahre in Berlin berichtet. »Das Sample bringt auf den Punkt, warum man selbst das nach all den Jahren noch immer so toll findet: jene Momente, wenn alle johlen und schreien.« Diese Euphorie ist es, die Sollmann antreibt. Techno als gemeinsame Zeremonie. Gerade in seinem Lieblingsclub Berghain, den nicht umsonst viele als »ihren Tempel« bezeichnen und in dem er selbst immer wieder »Erfahrungen mache, die intensiver sind als in allen anderen Clubs. Es ist ein Ort, der deepe Sachen zulässt, obwohl es da auch rattern muss. Da kann man fast bis in den dysfunktionalen Bereich gehen und dann zurück zum Dancefloor: normale Musik und psychotisches Wabern, da will ich hin.«

 

Während des Kyoto-Aufenthalts besuchte Sollmann eine Zeit lang jeden Morgen eine Mönchszeremonie in Ohara im Shorin-in-Tempel, wo die Tendai Sect ihr tausendjähriges Bestehen mit einem Ritual namens Shomyo feierte. »Deren Musik ist primär Vehikel für die religiöse Performance, und dennoch erinnert es natürlich auch an eine Party«, führt er aus. »Diesmal hat mich das noch nicht so groß beeinflusst, da ich schon mittendrin war. Das wird sich erst auf dem nächsten Album zeigen. Ich arbeite derzeit an Stücken, die in so einer Performance-Tradition stehen und ganz langsam schneller werden.«

 

Mittlerweile ist der Nabe-Eintopf fertig und steht dampfend auf dem Tisch. Sollmann serviert dazu einen Sake, der in Japan zur Kirschblüte getrunken wird. Wüssten wir es nicht besser, draußen vor der Tür in der Kälte könnte auch Kyoto liegen und nicht Berlin-Mitte. Ein schöner Gedanke.

 

Efdemin »Decay« (Dial / Rough Trade / VÖ 28.03.14)