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Nabelschau, Schatzi!

Eels live

Übertriebene Selbstdarstellung, Film, Vorband und fast 25 Songs: Daniel Koch bewies Sitzfleisch beim Konzert in Berlin - und wurde belohnt.
Geschrieben am
20.02.08, Berlin, Volksbühne.

Mein letztes Eels-Konzert sah so aus: Rockschuppen (Bielefeld, PC 69), Stehplatz, Pilsbier, Ohrenfiepen - und auf der Bühne eine Rockband. Es war die Souljacker-Tour, Mr. E hatte mit Butch, Kool G Murder und John Parish eine Truppe um sich geschart, mit der es sich auch mal vorzüglich laut losdreschen ließ. Ich war ziemlich begeistert, was vor allem daran lag, dass sich die Eels wie keine andere Band in meinem Herzen festgebissen haben. Allerdings war ich am Ende auch ein wenig erstaunt, dass man es doch halt eben NUR mit einem Rockkonzert zu tun hatte. Ich fragte mich irgendwie die ganze Zeit: Hätte das nicht irgendwie anders sein müssen?

So was geht einem also durch den Kopf, wenn man dann über sieben Jahre später endlich wieder die Möglichkeit hat, die Eels zu sehen. Diesmal auf einem bestuhlten Konzert in der ehrwürdigen Volksbühne. Andere Vorzeichen - klar. Man hoffte, dass man ein gut abgehangenes Best-Of des Eelschen Werkes zu sehen bekam, denn immerhin war es ja die Tour zur 'Meet The Eels' und zu den 'Useless Trinkets'. Es mag jetzt etwas abgedroschen klingen: Aber der Abend hatte dann doch ein paar Überraschungen parat - die vielleicht nicht jedem schmeckten.

Zunächst hat der amerikanische Songwriter Gus Black das zweifelhafte Vergnügen, vom rechten Bühnenrand aus den Abend zu eröffnen. Da die Bühne von einer großen Leinwand verhüllt wurde, müssen sich er und seine Begleitsängerin mit ca. zwei Quadratmetern begnügen. Ein trauriger Anblick zu schönem, akustischen Songwriterfolk. Gus Black hinterließ besonders mit dem Opener 'Today Is Not The Day … (To Fuck With Me)' vom kommenden Album einen guten Eindruck.

Tja, und dann - äh - wird es komisch. Statt der Eels in persona flimmert bloß ein Mr. E über die Leinwand, und zwar im Vorspann zur BBC-Dokumentation 'Parallel Worlds, Parrallel Lives', in der E sich auf die Suche nach seinem Vater begibt. Eine großartige Dokumentation, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, dass ein persönlich hoch geschätzter Künstler derart öffentlich sein Familientrauma (eines von vielen) verarbeitet. Das kennt man natürlich aus seinen Songs - aber mit einem Kamerateam im Rücken? Und dann auch noch in Szenen, in denen er sich alte Tapes seines Vaters zum ersten Mal anhört und im Hintergrund plötzlich sein eigenes, jüngeres Ich plappert oder mit dem Schlagzeug rumlärmt. Ich hatte schon viel über den Film gelesen und wusste, dass er knapp eine Stunde geht, in der man viel über E, seinen Vater und Quantenphysik für Einsteiger lernt. Wer sich jetzt auch die Frage stellt, die ich mir stellte: Spielen die den ganz???? Ja, taten sie. Ich fand's großartig, hatte aber auch Verständnis für den bölkenden Typen, der so langsam mal ein Konzert sehen wollte.

Dieses Prinzip der tragikkomischen Nabelschau wird anschließend von E und seinem einzigen musikalischen Begleiter The Chet auf die Spitze getrieben. Das geht so weit, dass eine nach göttlichem Tadel klingende Stimme aus den Boxen dröhnt, um uns und E noch mal auf das offensichtliche hinzuweisen: "E, this is your life!" Oder, dass Chet laut aus E's Autobiographie vorliest. Keine Ahnung, wie man das finden soll. Einige nicht so dolle. Ich selbst bin aber nach kurzer Zeit einfach zu benommen von Songs wie 'After The Operation' oder besonders den 'Electro-Shock Blues'-Songs 'Last Stop: This Town', 'Climbing To The Moon', 'Elizabeth On The Bathroom Floor' und ganz besonders 'P.S.: You Rock My World'.

Trotz der reduzierten Instrumentierung, die besonders durch Pedal-Steal und Sägen-Einsatz eine leichte Country-Schlagseite bekommt, wird es dabei selten langweilig, was vor allem daran liegt, das E und The Chet gelegentlich wie ein Comedy-Duo agieren. Bei 'Flyswatter' schaffen sie sogar den fliegenden Wechsel an den Instrumenten, ohne dass der Drumbeat mal aussetzt. E bedankte sich dabei immer wieder beim Publikum, das er konsequent mit "Schatzi" anspricht. Keine Ahnung, wer ihm das beigebracht hat. Trotzdem war man selbst plötzlich Teil eines "collective Schatzi". An der Songauswahl findet bei dem beeindruckenden Eels-Ouvre wahrscheinlich jeder was zu meckern, man kann ihnen aber nicht vorwerfen, die Hits völlig zu ignorieren - fall es überhaupt jemanden gibt, der von den Eels Hits haben will. Jedenfalls sind 'Souljacker Pt. 1', 'My Beloved Monster', 'Novocaine For The Soul' und 'I Like Birds' im Programm.

Seltsam wird es nochmal, als E darüber plaudern will, wie es sei, "Rockstar" zu sein: Er lässt sich einen Umschlag mit Fanpost reichen und liest erst eine Art Liebesbrief und dann einen Verriss, der mit "cunts" und "dicks" und "jerks" nicht geizt. Danach gibt's noch zwei Reviews, die er ebenso laut vorliest. Bei der größenwahnsinnigen Vorstellung, dass E. vielleicht morgen mit einer Übersetzung meiner kläglichen Zeilen irgendwo auf der Bühne sitzt, wird mir ganz komisch. Will ich das wirklich? So trocken, wie er die Zeilen runterliest, die ihm grandiose Darbietungen anschmeicheln, zeigt er ziemlich deutlich, wie er zu so was steht. Die zweite Kritik ist dann allerdings von einem Eagles-Konzert - was er (angeblich) aber auch erst nach einer halben Seite merkt. "That's the Eagles - we're the Eels you stupid jerk!".

Nach dem Konzert gibt es vereinzelte Stimmen, die E's Auftritt zu selbstgefällig fanden und sich über den langen Film aufregen. Eine Meinung, die ich nicht teile. Mit Film und Vorband und fast 25 Songs wurde es erstens ein mehr als abendfüllendes Programm und zweitens war E in seiner übertriebenen Selbstdarstellung einfach zu großartig. Wie er z. B. dieses seltsame Phänomen der Verbindung zwischen Fanpublikum und Künstler in einer kleinen Szene auf den Punkt brachte - das hatte was. So sagte er nach dem letzten regulären Song: "Danke, Schatzis! I love you all. I LOVE YOU!!!!" Pause. Dann, trocken: "No. I don't know you." Und mal ehrlich: Man nimmt es doch nicht wirklich persönlich, wenn er sich mal einen Abend auf diese Weise inszeniert, oder? Und außerdem: Bei den großartigen Songs, die er mir schon in die Plattensammlung gestellt hat, könnte er sich wie das größte Arschloch aller Zeiten aufführen. Ich würd's überleben.

Ein ausführliches Interview mit Mr. E findet ihr hier.


Und so fandet ihr das Konzert.

instant_street: "Ich fand den einfach unglaublich selbstgefällig, verkauft als Selbstironie. Doofer Kerl."

Hingegen Man Called Sun: "Ick fand's jut, wenn auch der Film so unvorbereitet etwas lang war. Ist halt immer was anderes mit E(els) - wobei mein letztes Mal vor gestern 1997 war :("

Und wie fandest Du es?