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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Ein Abend für Rekorde

Ed Sheeran live in Hamburg

Ed Sheerans Jagd nach Superlativen geht auch in Hamburg weiter – und sogar der Wettergott hilft dabei mit.

Geschrieben am

25.07.18, Hamburg, Trabrennbahn Bahrenfeld

Dass der Sheeran aber auch nicht ohne Rekorde kann: Nachdem »Divide« und dessen erste Single »Shape Of You« Guinness-Buch-Redakteuren bereits Überstunden bescherten (meiste simultane Top-20-Singles im UK, meistgestreamter Song in Deutschland...), setzt das Hamburg-Konzert hier nahtlos an: Größter bisheriger Deutschland-Auftritt! Größtes Konzert der aktuellen Europa-Tour! (Wahrscheinlich ebenfalls: Größtes Abreise-Verkehrschaos – aber das ist eine andere Geschichte.)

Für die an diesem Tag wohl relevanteste Höchstmarke zeichnet der Ire dann aber ausnahmsweise nicht persönlich verantwortlich: 37 Grad im Schatten und damit zumindest für 24 Stunden der bislang heißeste Tag des Sommers – ein Umstand, dem FKP Scorpio und die Stadt Hamburg mit billig ausgeschenktem Trinkwasser und ganzen Löschzügen überraschend gut begegnen. Schließlich ist der Innenraum der Trabrennbahn bereits beim Support zum Bersten gefüllt. Angemessen hausfrauentauglich wirkt hier der Schmalz Jamie Lawsons, eher befremdlich der Hupfdohlen-Pop von Anne-Marie, der Teile des Publikums zum Clean-Bandit-Feature »Rockabye« den liebevollen Kosenamen »Ach, DIE ist das« verpassen.

So gigantisch die Rahmenbedingungen, so vergleichsweise minimalistisch dann aber Sheerans eigentlicher Auftritt. Natürlich kommt eine Show von solchen Dimensionen nicht ohne ein elaboriertes Bühnendesign inklusive Videowänden im Divisionszeichen-Look aus, dort endet der Pomp allerdings auch schon: Statt eines pathetischen Intros zeigt die Leinwand einfach Sheeran, wie er sich auf dem Weg zur Bühne strahlend die Gitarre greift. Statt die Unmengen von Geigern, Keyboardern und Fiedlern, die an »Divide« mitwirkten, auf die Bühne zu holen, wird der komplette Sound tatsächlich vom Iren alleine geliefert: Stimme, Gitarre und die Geheimwaffe, das Loop-Pedal, das insbesondere ältere Stücke wie das abschließende »You Need Me, I Don’t Need You« deutlich voller wirken lässt.

Allerdings scheint Edward Christopher Sheeran ebenfalls aufgeschnappt zu haben, dass in Deutschland kein einzelner Mann Stadien füllen kann, der nicht hin und wieder zu Monologen neigt: Im Gegensatz zu Mario Barth erzählt Sheeran zwar (Gott sei Dank) keinen sexistischen Stuss über seine Freundin, kommt jedoch selten zwei Songs am Stück aus, ohne sich über seine eigene Passivität auf Konzerten anderer Bands zu amüsieren, den ihre Töchter begleitenden »Super-Dads« zu danken oder die Besonderheiten des deutschen Publikums hervorzuheben, das schwer zu begeistern sei, seinen Lieblingskünstlern dann aber treu ergeben bleibe und Konzerte lieber genieße, statt sie nur für YouTube und Instagram aufzuzeichnen.

Zumindest Letzteres stellt sich natürlich spätestens dann als unverdientes Lob heraus, als »Perfect« den Romantik-Regler bis zum Anschlag aufdreht und damit den Inhalt tausender verwackelter Amateurvideos liefert. Davon abgesehen verdient sich das Hamburger Publikum seine Lorbeeren in der Tat durch respektvolles Schweigen bei Balladen wie »Happier« oder »Tenerife Sea«, ausgelassenes Tanzen und Hüpfen bei »Galway Girl« und »Nancy Mulligan« sowie beeindruckende Textsicherheit bei »I See Fire« und »Thinking Out Loud«. All das muss selbst der grummeligste Popmusik-Verächter dem quirligen kleinen Rotschopf auf der Bühne gönnen, der knapp 110 Minuten lang das vielleicht breiteste Grinsen aller 80.000 Menschen auf der Trabrennbahn auf dem Gesicht zu tragen scheint: Noch ein schöner Rekord für Sheerans Liste.

Ed Sheeran

÷ (Deluxe)

Release: 03.03.2017

℗ 2017 Asylum Records UK, a division of Atlantic Records UK, a Warner Music Group company.