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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Hitmaschine

Ed Sheeran im Gespräch

Er knutscht im Hintergrund von Taylor-Swift-Instagram-Posts mit seiner Freundin rum. Dann wieder steht er ganz allein auf der Bühne des Wembley Stadium – als erster Künstler, der sich das auf Konzertlänge traut. Ein anderes Mal bricht er Rekorde mit klangvollen Namen wie »meist gestreamter Song aller Zeiten in einer Startwoche«. Dabei ist Ed Sheeran gerade mal 25 Jahre alt. Wie er das geschafft hat? Daniel Koch hat nachgefragt.
Geschrieben am
Es ist nicht das erste Mal, dass mir Ed Sheeran eines seiner heiß umkämpften Zeitfenster überlässt. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum er in diesem Magazin stattfindet und ich mir von den Kolleginnen und Kollegen mehr als einen doofen Spruch dafür anhören musste. Aber hey, ich stehe dazu: Von all den Megastars, die weltweit durch die Stadien ziehen, ist Ed Sheeran einer der sympathischsten. Und seine Musik ist guter Songwriter-Pop, der – zugegeben – auf seinen Alben immer etwas aufgeblasen klingt. Aber wer ihn mal live gesehen hat, nur mit Gitarre und Loop-Pedal, der wird ihm Respekt zollen. So war es bei seinen drei ausverkauften Wembley-Shows 2015, und so war es bei unserer ersten Begegnung im Herbst 2011, als er, der mit »The A Team« gerade die 12- bis 15-Jährigen in Schnappatmung versetzte, vor gut 150 mittelalten Herren und Damen auf dem Rolling Stone Weekender auf der kleinsten Bühne im »Witthüs« spielte – und selbst dieses skeptische Publikum nicht nur auf seine Seite, sondern gar zum Mitsingen brachte.

From Witthüs to Wembley – in vier Jahren. Das muss man erst mal schaffen. Sheeran lacht, als ich ihn auf den Abend anspreche und daran erinnere, dass sein Tourmanager ihn für die Akustiksession, die wir damals filmten, erst wecken musste. Halb ernst, halb im Spaß hatte dieser damals mit dem Finger geschnipst und »Play!« gerufen. Und Ed tat genau das: Spielte wie auf Knopfdruck »The A Team« für mich und meinen Kollegen, in einem runtergerockten Ferienapartment, vor einer hässlichen Küchenzeile und einem vergilbten Wasserkocher. »So bin ich eben«, sagt Ed. »Am Start, wenn es wichtig ist.«
Bei aller Sympathie darf man Sheerans Ehrgeiz nicht unterschätzen. Es ist kein Zufall, dass »Shape Of You« und »Castle On The Hill«, die Vorboten seines neuen Albums »÷«, einen neuen Chartsrekord aufgestellt haben oder er mit seinen Wembley-Gigs Musikgeschichte schrieb. »Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich sehr ehrgeizig bin. Diese Dinge bedeuten mir was. Sie sind ein Beleg dafür, dass ich meine Arbeit gut mache und meine Kunst beherrsche.« Einen Masterplan für seinen Erfolg hatte er dennoch nicht: »So was kann man nicht planen. Ich hätte nie gedacht, dass ich vier Jahre nach der Witthüs-Show so erfolgreich sein würde. Aber ich bin nie ein Risiko eingegangen. Als ich Wembley für drei Shows gebucht habe, wusste ich, dass ich die Konzerte ausverkaufen kann. Ich mache einen Sprung, wenn ich weiß, dass ich die andere Seite erreichen kann.«

Sein drittes Album, das erneut ein mathematisches Zeichen als Titel trägt, wird wieder so ein Sprung sein. Auf »÷« ist jeder Song eine potenzielle Single, vom akustischen Tearjerker »Supermarkt Flowers« über die Springsteen-Verneigung »Castle On The Hill« bis hin zum kreuzdämlichen Samstagabend-Banger »Shape Of You« (den er eigentlich für Rihanna hätte schreiben sollen und wollen) ist für jeden was dabei. Viel genauer darf man nicht werden, da Sheeran natürlich einen internationalen Exklusivdeal hat und Details über die Songs noch einem Embargo unterliegen. »Sorry«, sagt er dazu immerhin. Dennoch: Über die Entstehung darf man sprechen, und so erfahre ich: »Zwölf Songs gibt es auf der normalen Version, 16 auf der Deluxe-Ausgabe. Geschrieben habe ich ungefähr 200 Songs. Einige waren schlicht nicht gut genug, aber gelungen, andere fürchterlich, aber ich musste sie schreiben, um zu den guten zu gelangen.«

Bevor er sich wieder in die Arbeit stürzte, nahm Sheeran sich ein gutes Jahr lang frei und reiste mit seiner Freundin durch die Welt. »Auslöser war die Grammy-Verleihung vor zwei Jahren. Am nächsten Tag hatte ich Geburtstag, und auf einmal wurde mir bewusst, dass ich überhaupt keine Lust auf eine weitere schlimme Musikbranchenparty hatte. Also flog ich mit meiner Freundin nach Island und saß auf einmal in der Blauen Lagune, mit dem Menschen, den ich liebe, an meiner Seite und einem Cocktail in der Hand. Das hat uns auf den Geschmack gebracht.« Ganz abgehoben ist Sheeran dabei jedoch nicht. Deshalb wohnt er noch in seiner britischen Heimat, zählt seinen Vater zu den engsten Vertrauten in Karrieredingen und hält Kontakt zu den Jugendfreunden, die er in »Castle On The Hill« besingt. »Wir fahren jedes Jahr zweimal zusammen in Urlaub. Das ist gesetzt.«
Natürlich blieb ihm auch die konfliktreiche Weltlage nicht verborgen: Im letzten Herbst sagte er bei einer Präsentation seines Albums in einem Londoner Edelpub: »Dieses Lied kommt dem Versuch nahe, eine Art Protestsong zu schreiben, ohne dabei wie ein Arsch zu klingen.«

Inhaltlich, so viel sei hier verraten, geht es wenig um Politik, sondern eher um die hippieske Einsicht, dass Liebe und Verständnis gute Dinge sind – allerdings schwingt schon mit, in welche Richtung das zielt, oder nicht? »Nein. Ich mache damit kein politisches Statement, ich schlage mich nicht auf eine Seite, ich mache ein Statement für die Menschlichkeit. Ich sage nur: ›Seid nett zueinander, versucht, gute Menschen zu sein.‹ Das wird die Welt nicht verändern, aber es ist besser, als gar nichts zu sagen.« Ich bohre weiter: Aber hat das nicht eine politische Ebene in einer Zeit, in der einige sehr laut nach Abgrenzung schreien? »Ein politisches Statement kann man nur bringen, wenn man ein gebildeter, belesener Mensch ist. Ich bin nicht besonders gebildet, ich schaffe es kaum, die Nachrichten zu verfolgen, geschweige denn Zeitung zu lesen, wenn ich auf Tour bin. Alles, was ich weiß, ist, dass es eine schlechte Idee ist, Grenzen zu bauen, und dass Einigkeit und Liebe gute Dinge sind. Rasse oder Hautfarbe sollten uns dabei völlig egal sein.« Und dann kommt er noch einmal so richtig in Fahrt: »Wir haben doch gerade in Europa vor 70 Jahren gesehen, wohin es führt, wenn man sich einmauert und sein Land über andere stellt. Beim Brexit ist es genauso: Man kann nicht sagen, die eine Seite hat recht und die andere nicht, und sich nur anschreien. Konversation ist wichtig. Nur so überwindet man Grenzen, die Religion, Politik oder Rasse.« Kurze Pause im Monolog, ein Lachen, und Ed Sheeran stellt fest: »Wow, wurde doch noch recht deep jetzt.« Dann springen seine Reflexe wieder an, und er merkt, dass wir nicht bei einem Pubgespräch sind: »Aber noch mal: Ich mache kein politisches Statement damit. Dreh’ die Story jetzt nicht in diese Richtung!« Geht klar.

Ed Sheeran

÷ (Deluxe)

Release: 03.03.2017

℗ 2017 Asylum Records UK, a division of Atlantic Records UK, a Warner Music Group company.