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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

So war’s in Berlin: »Don’t mention the war!«

Echo 2013

Hätten wir das also auch mal wieder geschafft. Die Kuh ist vom Eis. Der Echo ist durch. Die Verleihung, über die man sich so gerne aufregt, liegt hinter einem, die Party danach, auf der man sich das Ganze formidabel schönsaufen kann, ist gefeiert und nun eiert man hier ein wenig schuldbewusst rum und denkt sich: »War ja doch ganz lustig.« Tja, aber – irgendwie war’s das eben doch nicht.
Geschrieben am

Schon die zehn Gestalten der sogenannten »Mahnwache« der NPD, die grimmig im Schnee standen und sich mit ihrem »Ihr müsst auch das rechte ECHO vertragen«-Banner (oder so ähnlich) ganz wichtig vorkamen, drückten auf die Stimmung. Die passierte man, kurz bevor man auf die Frei.Wild-Fans traf und Slogans wie diese: »Frei.Wild ist nicht braun und auch nicht rot und gegen Extremismus Du Vollidiot!« Und bevor man dann über den lilafarbenen Teppich schritt, sah man vielleicht auch noch den von der Band geparkten LKW, auf dem stand: »Leckt uns am Arsch!« Tja, damit treffen sie ungewollt genau das, was dieser Bandname inzwischen in einem auslöst. Eine schreiende, innere Stimme, die ungefähr so geht: »Leckt mich am Arsch mit euerer strunzdämlichen, beschissenen, drittklassigen Südtirol-4-Ever-wir-wollen-lieber-stehend-sterben-und –meine-Heimatliebe-ist-gar-nicht-so-schlimm-aber-wir-wollen-trotzdem-gerne-heim-ins-Reich-Mucke!« Was natürlich nur eine Hälfte des Problems ist: Die andere setzt sich zu gleichen Teilen aus den traurig hohen Platten- und Ticketverkäufen zusammen, die ja belegen, dass ihre Fanbase eine große ist – und natürlich der fürchterlich selbstgerechten Attitüde der geknickten Fans, die sich nun als Opfer ein Hetzkampagne sehen und dabei schnell den »Das ist ja fast wie im November `38«-Vergleich zur Hand haben.

Aber gut: Man machte es, wie der Echo es später machen sollte, und schob diese vermaledeite Thema zur Seite. Setzte das seriöse Grinsen auf, zupfte den Underdressed-Dress mit dem abgewetzten Sakko und dem löchrigen »Punk D.C.«-Shirt zurecht und warf sich auf den lilafarbenen Teppich. Überholte unbeeindruckt Sarah Engels pardon Lombardi von DSDS, rannte in das Geschiebe um Ivy Quainoo und erreichte endlich das Innere des ICC – eine Welt, in der es keine Frei.Wild-Diskussion und keine NPD gab, sondern nur die reine Freude an einer »Branche, die gut performt hat« (Dieter Gorny) und einem Land, das »so viele Musiker aus so vielen Musikrichtungen hat« (Helene Fischer).

»Let me entertain you!«, donnerte es aus den Boxen und der feuchte Traum eines Schlagerfans enterte das Studio: Helene Fischer! Und was für ein Auftritt das war! An Seilen festgebunden (keine Bondage-Fantasien bitte!) »schwebte« die Moderatorin des Abends der Bühne entgegen, während sie Robbie Williams Gassenhauer schmetterte. Was dann folgte war das altbekannte Wechselspiel aus guten und schlechten Auftritten, aus Fremdschämen und Für-die-Gewinner-Freuen – und einigen, wenigen sehr schönen Momenten.

Beginnen wir mit dem angenehmen Teil: Carla Brunis zurückgenommene Performance des Songs »Mon Raymond« zum Beispiel war eine ganz reizende Angelegenheit. Sympathisch lächelnd, mit dem Fuß wippend, saß sie entspannt auf einem Barhocker und hatte so gar nichts von dieser Eitelkeit, die man ihr nachsagt. Seeed und Cro lieferten live solide ab, letzterer nahm gleich zwei Echos mit nach Hause als »Erfolgreichster Newcomer National« und Gewinner in Sachen »Hip-Hop/Urban«. Man kann seinen Sonnenschein-Rap wack finden, aber dennoch: wie er da so – ganz tapsiger Panda – die Trophäen annahm und seine mitgebrachte Abiturientengang herzte, konnte man ihm irgendwie nicht böse sein. Depeche Mode sorgten einmal kurz dafür, dass die Echo Verleihung so groß wirkte, wie sie immer sein will. Was aber mehr an ihrer Aura lag, als an ihrer Darbietung.

Theo Hutchcraft und Adam Anderson von Hurts durften die Ankündigung übernehmen, bevor Gahan, Gore und Fletcher dann ihre Single »Heaven« spielten. Gore gewann dabei den Echo für die »Wollmütze des Jahres International«, während sich Gahan im Gesichtsmuskel-Overacting versuchte. Solide abgeliefert, wham bam, thank you ma’am – genauso, wie sie es schon beim Interview auf dem Teppich angekündigt hatten. Da sagte Gahan sinngemäß: »Wir freuen uns drauf, unser Lied zu singen. Und dann nach Hause zu fahren.« Emily Sandé, die es ja sonst gewohnt ist vor einem Millarden-TV-Publikum in Olympiastadien zu singen, setzte sich mit smartem Understatement mitten ins Publikum und ließ ihre große, aber ein wenig glatte Stimme lediglich vom Pianospiel begleiten. Und, ähm, Santiano und Andreas Gabalier waren mit ihrem schunkeligen Seemannsschmarn doch nach vier bis sechs Bier auch immer noch besser, als Hot-Pants-Wuchtbrumme Cascada und ihr »Euphoria«-Cover. Richtig rührend wurde es tatsächlich auch mal, ganz zum Ende, als Hannes Wader für sein Lebenswerk geehrt wurde und Sangesbruder Reinhard Mey eine sehr persönliche Laudatio hielt. Schade, dass man Wader danach nicht alleine die Bühne überließ. Zwar durfte er ein paar Sekunden lang »Heute hier, morgen dort« singen, wurde dann aber von den Toten Hosen in den Hintergrund gepoltert. Es sollte wohl einer dieser »Das gibt’s nur beim Echo«-Momente, ging aber gründlich in die tote Hose.

So weit, so »ach, eigentlich ja ganz schön«, aber manche Störmomente wollen einem auch heute noch nicht aus dem Sinn gehen. Til Schweigers »Laudatio« zum Beispiel, in der er ablesend erklärte, dass Musik aus dem Bereich Rock/Alternative formidabel sei, um »Verfolgungsjagden in Filmen zu untermalen«. Zudem sei, »Rock, Musik von Männern für Männer.« Aber man kann wohl auch nicht erwarten, dass Schweiger jemals Musik von L7 oder Bikini Kill gehört hat. Dann vermutlich eher das, was in dieser Kategorie zur Wahl stand: Billy Talent, Green Day, Linkin Park, Muse und The Rolling Stones. Der Gewinner in dieser Reihe ist schnell auszumachen: Linkin Park! Ein schöner Witz, der leider im Reich des Echos traurige Realität ist. Hochnotpeinlich auch – leider – mal wieder Lena Meyer-Landrut. Die gewann mit »Stardust« in der Kategorie »Bestes Musikvideo National« und freute sich, wie sonst nur Oscar-Gewinner, die zum ersten Mal in ihrem Leben zum „»Besten Darsteller« gekürt wurden. Sie heulte und jaulte und jammerte, dass man sich fragte: Wie kann man dieser jungen Frau bloß helfen? Für ganz Harte, gibt’s hier noch mal das Video zu der Nummer:



Richtig schlimm – und da schlug es einem dann wirklich auf die Stimmung – war der Umgang mit der Frei.Wild-Diskussion. Hier hieß die Devise: Weglächeln und weitermachen! Oder: »Don’t mention the war«. Und zwar an allen Fronten. Für den Part mit dem Lächeln hatte man mit Katie Melua eine gute Wahl getroffen. Sie durfte den Preis in der Kategorie »Rock/Alternative National« vergeben und wusste immerhin, dass es »kontrovers« zugegangen sei. Gewinner war der »Last Man Standing« der Kategorie – der einzige Act, der sich nicht von der Nominierung distanziert hatte – der Graf von Unheilig. Die Troublemaker wie Kraftklub und Mia. und Die Ärzte wurden nicht mal mehr erwähnt. Wird schon keiner merken! Hier wäre denn auch der richtige Moment gewesen, für den Graf, für die Echo-Macher, für wen auch immer, mal einen Satz zu der Diskussion zu sagen. Aber nein, der Graf freute sich über »diesen Riesen-Erfolg«.

Eine traurige Farce, die einen Schatten auf den gesamten Abend wirft. Natürlich ist es kein leichtes Thema, natürlich ist es ärgerlich, dass Frei.Wild durch den ganzen Mist wieder kommerziellen Auftrieb bekommen haben und sich in der Märtyrer-Rolle gefallen, natürlich kann man viel riskieren und verlieren, wenn man sich als Branche klar gegen Künstler positioniert, die auch Teil des Spiels sind – und zudem noch einer, an dem viele sehr gut verdienen. Aber kann es wirklich angehen, dass sich die gesamten deutsche Popprominenz in einer Messehalle Wangenküsschen und Preise gibt, während draußen eine nationalistische Partei – wenn auch eine recht mickrige – die ganze Veranstaltung instrumentalisiert? Ist es zuviel verlangt, dass sich ein Herr Gorny oder wer auch immer mal hinstellt und sagt: »Mea culpa, wir haben gelernt, dass man auch mal an den Verkaufszahlen vorbei in die Inhalte gucken muss?« Und vor allen Dingen: Konnte sich nicht ein Künstler mal aufraffen, etwas Intelligentes oder meinetwegen auch Provokantes zur Angelegenheit sagen? Vielleicht die anwesenden Punkbands?

Tja, man wartete vergeblich. Und hat genau deshalb nun Schwierigkeiten, diesen Echo-Abend als einen amüsanten in die Akten zu legen, obwohl er seine gewollten und ungewollten Glanzmomente hatte.